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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/046

Kei­ne Wit­wen­ren­te bei zu gro­ßem Al­ters­un­ter­schied

Al­ters­ab­stands­klau­seln kön­nen Wit­wen und Wit­wer von be­trieb­li­chen Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten aus­schlie­ßen, wenn sie mehr als 15 Jah­re jün­ger sind als der ver­stor­be­ne Ar­beit­neh­mer: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.02.2018, 3 AZR 43/17
Sparschwein mit Aufschrift Altersvorsorge

21.02.2018. Wer al­le recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne So­zi­al­leis­tung er­füllt bis auf ei­ne, hat meist we­nig Ver­ständ­nis für ein sol­ches „KO-Kri­te­ri­um“.

Ein Bei­spiel da­für sind Al­ters­ab­stands­klau­seln im Be­triebs­ren­ten­recht. Sie schlie­ßen Wit­wen und Wit­wer vom Ren­ten­be­zug aus, wenn sie mehr als ei­ne be­stimm­te An­zahl von Jah­ren (z.B. zehn, 15 oder 20) jün­ger sind als ihr ver­stor­be­ner Ehe­part­ner.

Ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass ein Al­ters­ab­stand von über 15 Jah­ren recht­lich in Ord­nung ist, d.h. kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.02.2018, 3 AZR 43/17 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Sind Al­ters­ab­stands­klau­seln in Be­triebs­ren­ten-Re­ge­lun­gen al­ters­dis­kri­mi­nie­rend?

Da Ar­beit­ge­ber recht­lich nicht ver­pflich­tet sind, ih­ren Ar­beit­neh­mern über­haupt Be­triebs­ren­ten­zu­sa­gen zu ma­chen, können sie im Prin­zip frei darüber ent­schei­den, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Be­triebs­ren­ten gewährt wer­den und wie hoch die­se sein sol­len.

Al­ler­dings gehören Be­triebs­ren­ten­zu­sa­gen zu den „Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen“ im Sin­ne von § 2 Abs.1 Nr.2 all­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG). Da­her dürfen Ar­beit­ge­ber bei al­ler Frei­heit der Fest­le­gung von Be­triebs­ren­ten-Vor­aus­set­zun­gen nicht ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des AGG ver­s­toßen, denn die­se Ver­bo­te gel­ten (trotz § 2 Abs.2 Satz 2 AGG) auch im Be­triebs­ren­ten­recht.

Das be­deu­tet: Ar­beit­ge­ber sind zwar erst ein­mal nicht da­zu ver­pflich­tet, im Rah­men von Be­triebs­ren­ten­zu­sa­gen die Ren­ten- bzw. Leis­tungs­art ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te vor­zu­se­hen. Da­mit wer­den über­le­ben­de Ehe­part­ner (bzw. Part­ner ei­ner Le­bens­ge­mein­schaft) und/oder Kin­der ver­stor­be­ner Ar­beit­neh­mer ab­ge­si­chert, d.h. sie er­hal­ten ei­ne be­trieb­li­che Wit­wen- bzw. Wai­sen­ren­te. Wenn Ar­beit­ge­ber al­ler­dings ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te zu­sa­gen, dürfen die Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen, die in der be­trieb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nung fest­ge­legt sind, nicht dis­kri­mi­nie­rend sein.

Um­strit­ten sind hier im­mer wie­der Re­ge­lun­gen, die Wit­wen (bzw. Wit­wer) der ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mer (bzw. Ar­beit­neh­me­rin­nen) von ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te aus­neh­men, wenn die Ehe

  • sehr „spät“ (z.B. erst nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses) und/oder
  • in „ho­hem“ Al­ter (z.B. erst mit 60 Jah­ren) und/oder
  • mit „großem“ Al­ters­ab­stand zwi­schen den Ehe­leu­ten (von z.B. 15 oder 20 Jah­ren) ge­schlos­sen wur­de und/oder bei Ein­tritt des Ver­sor­gungs­fal­les
  • erst „kur­ze“ Zeit be­stan­den hat­te (z.B. erst ein oder zwei Jah­re).

In al­len die­sen Fällen liegt der Ein­druck na­he, dass die Ehe der ren­ten­recht­li­chen Ab­si­che­rung des jünge­ren Ehe­part­ners die­nen soll. Für sol­che Zwe­cke möch­te der Ar­beit­ge­ber aber die fi­nan­zi­el­len Mit­tel der Be­triebs­ren­te nicht zur Verfügung stel­len.

Während vor dem In­kraft­tre­ten des AGG sol­che Klau­seln von den Ar­beits­ge­rich­ten prak­tisch im­mer ak­zep­tiert wur­den, ist dies seit dem 18.08.2006, d.h. seit dem In­kraft­tre­ten des AGG an­ders. Denn das AGG ver­bie­tet u.a. Dis­kri­mi­nie­run­gen (= sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gun­gen) we­gen des Le­bens­al­ters, und um ei­ne sol­che Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (des ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers) könn­te es sich in den o.g. Fällen han­deln.

Zwar er­laubt § 10 Satz 3 Nr.4 AGG die Fest­set­zung von Al­ters­gren­zen bei den be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit als Vor­aus­set­zung für die Mit­glied­schaft oder den Be­zug von Al­ters­ren­te oder von Leis­tun­gen bei In­va­li­dität. Bei der Ren­ten­art der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te han­delt es sich aber we­der um ei­ne Al­ters- noch um ei­ne In­va­li­ditäts­ren­te.

Und der Recht­fer­ti­gungs­grund der „le­gi­ti­men Zie­le“, der ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters gemäß § 10 Satz 1 und 2 AGG zulässig ma­chen kann, ist auf­grund der Recht­spre­chung des eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) zu der hin­ter die­ser Re­ge­lung ste­hen­den Richt­li­nie (Art.6 Abs.1 Un­terabs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG) eng zu in­ter­pre­tie­ren. Nämlich so, dass die „le­gi­ti­men Zie­le“ aus den Be­rei­chen der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik stam­men müssen. Und das heißt: Rein fi­nan­zi­el­le Ei­gen­in­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers genügen an die­ser Stel­le nicht.

Da­her fragt sich, ob das - an sich sach­lich nach­voll­zieh­ba­re - In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Be­gren­zung von an­spruchs­be­rech­tig­ten Hin­ter­blie­be­nen aus­reicht, um ei­ne Al­ters­ab­stands­klau­sel zu recht­fer­ti­gen, der zu­fol­ge Wit­wen kei­nen An­spruch auf Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ha­ben, wenn sie mehr als 15 Jah­re jünger als der ver­stor­be­ne Ar­beit­neh­mer sind.

Der Streit­fall: Al­ters­ab­stands­klau­sel schließt Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten zu­las­ten von Wit­wen aus, die mehr als 15 Jah­re jünger sind als ihr ver­stor­be­ner Ehe­part­ner

Im Streit­fall ging es um ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung, der zu­fol­ge Wit­wen bzw. Wit­wer ver­stor­be­ner Ar­beit­neh­mer bzw. Ar­beit­neh­me­rin­nen ei­nen An­spruch auf ei­ne Ehe­gat­ten­ren­te hat­ten. Der An­spruch setz­te gemäß der Ver­sor­gungs­ord­nung vor­aus,

  • dass die Ehe vor Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res des Be­rech­tig­ten und
  • vor des­sen Aus­tritt aus dem Be­trieb ge­schlos­sen wur­de,
  • dass sie bis zum Tod des Be­rech­tig­ten be­stan­den hat­te und
  • dass der Ehe­gat­te nicht mehr als 15 Jah­re jünger war als der Be­rech­tig­te.

Ei­ne 1968 ge­bo­re­ne Wit­we klag­te auf Ehe­gat­ten­ren­te, de­ren Vor­aus­set­zun­gen sie erfüll­te, bis auf den zu großen Al­ters­ab­stand zu ih­rem ver­stor­be­nen Ehe­mann, ei­nem ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mer des be­klag­ten Ar­beit­ge­bers. Be­klag­ter war der in Köln ansässi­ge Pen­si­ons­si­che­rungs­ver­ein, der für die Erfüllung von Be­triebs­ren­ten ein­springt, wenn der Ar­beit­ge­ber (wie hier im Streit­fall) in­sol­vent ge­wor­den ist.

Das Ar­beits­ge­richt Köln wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 02.12.2015, 2 Ca 9521/14), wo­hin­ge­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln die Al­ters­ab­stands­klau­sel als dis­kri­mi­nie­rend an­sah und der Kläge­rin da­her Recht gab (LAG Köln, Ur­teil vom 31.08.2016, 11 Sa 81/16).

BAG: Al­ters­ab­stands­klau­seln, die erst bei ei­nem Al­ters­ab­stand von mehr als 15 Jah­ren ein­grei­fen, sind kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung

Das BAG ent­schied wie das Ar­beits­ge­richt, d.h. ge­gen die Wit­we. Da­bei geht das BAG da­von aus, dass die Al­ters­ab­stands­klau­sel zwar ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters be­wirkt, dass die­se aber ge­recht­fer­tigt bzw. letzt­lich rech­tens ist. Da­zu heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Der Ar­beit­ge­ber, der ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung zu­sagt, hat ein „le­gi­ti­mes In­ter­es­se“, das hier­mit ver­bun­de­ne fi­nan­zi­el­le Ri­si­ko zu be­gren­zen, so die Er­fur­ter Rich­ter. Die Al­ters­ab­stands­klau­sel ist auch „er­for­der­lich und an­ge­mes­sen“ (zur Er­rei­chung die­ses Ziels). Sie führt zu kei­ner übermäßigen Be­ein­träch­ti­gung der le­gi­ti­men In­ter­es­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, de­ren Ehe­part­ner auf­grund der Klau­sel kei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung er­hal­ten.

Denn, so das BAG: Bei ei­nem Al­ters­ab­stand von über 15 Jah­ren ist der ge­mein­sa­me Le­bens­zu­schnitt der Ehe­part­ner dar­auf an­ge­legt, dass der Hin­ter­blie­be­ne ei­nen Teil sei­nes Le­bens oh­ne den Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten ver­bringt. Außer­dem wer­den we­gen des Al­ters­ab­stands von über 15 Jah­ren nur sol­che Ehe­gat­ten von dem Aus­schluss er­fasst, de­ren Al­ters­ab­stand zum Ehe­part­ner „den übli­chen Ab­stand er­heb­lich über­steigt“.

Of­fen­bar geht das BAG da­von aus, dass das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Be­gren­zung sei­ner fi­nan­zi­el­len Ri­si­ken den Aus­schluss be­stimm­ter Per­so­nen­grup­pen im Sin­ne von § 10 Satz 1 und 2 AGG recht­fer­tigt. Die­se Fra­ge hat­te das BAG noch vor ei­ni­gen Jah­ren aus­drück­lich of­fen­ge­las­sen (BAG, Ur­teil vom 04.08.2015, 3 AZR 137/13, S.26-27).

Fa­zit: Der Fall macht deut­lich, wie we­nig kal­ku­lier­bar der Aus­gang von Kla­gen auf Gewährung von Be­triebs­ren­ten oft ist, wenn der An­spruch recht­lich von der Fra­ge abhängt, ob ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung dis­kri­mi­nie­rend ist oder nicht. Ehe­ma­li­ge Ar­beit­neh­mer und ih­re An­gehöri­gen soll­ten sich da­her nicht vor­schnell mit der Aus­kunft ab­fin­den, dass ih­nen an­geb­lich kei­ne (bzw. ei­ne eher ge­rin­ge) be­trieb­li­che Ren­te zu­steht.

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Letzte Überarbeitung: 7. Juni 2018

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