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LAG Köln, Ur­teil vom 31.08.2016, 11 Sa 81/16

   
Schlagworte: betriebliche Altersversorgung, Altersabstandsklausel
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 11 Sa 81/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 31.08.2016
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 02.12.2015, 2 Ca 9521/14
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.02.2018, 3 AZR 43/17
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 11 Sa 81/16


Te­nor:

Un­ter teil­wei­ser Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 02.12.2015 – 2 Ca 9521/14 – wird der Be­klag­te ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 13.654,35 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils 239,55 € ab dem

31.12.2011, 31.01.2012, 29.02.2012, 31.03.2012, 30.04.2012, 31.05.2012, 30.06.2012, 31.07.2012, 31.08.2012, 30.09.2012, 31.10.2012, 30.11.2012, 31.12.2012, 31.01.2013, 28.02.2013, 31.03.2013, 30.04.2013, 31.05.2013, 30.06.2013, 31.07.2013, 31.08.2013, 30.09.2013, 31.10.2013, 30.11.2013, 31.12.2013, 31.01.2014, 28.02.2014, 31.03.2014, 30.04.2014, 31.05.2014, 31.05.2014, 30.06.2014, 31.07.2014, 31.08.2014, 30.09.2014, 31.10.2014, 30.11.2014, 31.12.2014, 31.01.2015, 28.02.2015, 31.03.2015, 30.04.2015, 31.05.2015, 30.06.2015, 31.07.2015, 31.08.2015, 30.09.2015, 31.10.2015, 30.11.2015, 31.12.2015, 31.01.2016, 29.02.2016, 31.03.2016, 30.40.2016, 31.05.2016, 30.06.2016, 31.07.2016 und 31.08.2016 zu zah­len.

Fer­ner wird fest­ge­stellt, dass der Be­klag­te ver­pflich­tet ist, in sei­ner Ei­gen­schaft als Träger der ge­setz­li­chen In­sol­venz­si­che­rung be­gin­nend mit dem Sep­tem­ber 2016 am letz­ten des je­wei­li­gen Mo­nats an die Kläge­rin ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te in Höhe von 239,55 € zu zah­len.

Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits wer­den dem Be­klag­ten auf­er­legt.

Die Re­vi­si­on wird für den Be­klag­ten zu­ge­las­sen.


1 T a t b e s t a n d
2 Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner sog. Al­ters­ab­stands­klau­sel in ei­ner be­trieb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nung.
3 Die am . .1 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist die Wit­we des am . .1 ge­bo­re­nen und am . .2 ver­stor­be­nen Herrn S . Die Ehe wur­de am . .1 ge­schlos­sen. Der Be­klag­te ist der Träger der ge­setz­li­chen In­sol­venz­si­che­rung.
4 Der ver­stor­be­ne Ehe­mann war in der Zeit vom 01.10.1987 bis zum 30.06.2011 beim Be­rufsförde­rungs­zen­trum J & Co. KG an­ge­stellt. Die Ar­beit­ge­be­rin fir­mier­te mehr­fach um, zu­letzt trug sie den Fir­men­na­men P GmbH.
5 Im Rah­men des An­stel­lungs­verhält­nis­ses er­teil­te die Ar­beit­ge­be­rin Herrn S ei­ne Ver­sor­gungs­zu­sa­ge nach Maßga­be der Ver­sor­gungs­ord­nung vom 01.12.1990 (VO 1990).
6 Die VO 1990 enthält u.a. fol­gen­de Re­ge­lung:
7 "(...)
8 § 11 Ehe­gat­ten­ren­te
9 1) Beim To­de ei­nes Be­rech­tig­ten mit An­spruch oder An­wart­schaft auf Ren­te hat sein ihn über­le­ben­der Ehe­gat­te An­spruch auf ei­ne Ehe­gat­ten­ren­te.
10 2) Ein An­spruch auf Ehe­gat­ten­ren­te setzt vor­aus, dass
11 a) die Ehe vor Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res des Be­rech­tig­ten und
12 b) vor Aus­tritt aus dem Be­trieb ge­schlos­sen wur­de und
13 c) bis zum Zeit­punkt des To­des des Be­rech­tig­ten be­stan­den hat und
14 d) der Ehe­gat­te nicht um mehr als 15 Jah­re jünger ist als der Be­rech­tig­te.
15 (...)
16 § 12 Höhe der Al­ters- und In­va­li­den­ren­te
17 Als Al­ters­ren­te, vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te oder In­va­li­den­ren­te erhält der Be­rech­tig­te mo­nat­lich für je­des an­re­chen­ba­re Dienst­jahr 0,5 % des ru­he­geldfähi­gen Ein­kom­mens, höchs­tens je­doch 15 % des ru­he­geldfähi­gen Ein­kom­mens nach 30 an­rech­nungsfähi­gen Dienst­jah­ren.
18 (...)
19 § 13 Höhe der Ehe­gat­ten­ren­te
20 Die Ehe­gat­ten­ren­te beträgt 60 % der Ren­te, die der ver­stor­be­ne Be­rech­tig­te vom Be­trieb be­zo­gen hat oder be­zo­gen hätte, wenn er zum Zeit­punkt sei­nes Ab­le­bens in­va­li­de ge­wor­den wäre.
21 (....)“
22 We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der VO 1990 wird auf Bl. 29 ff. d. A. Be­zug ge­nom­men.
23 Die Höhe der un­ver­fall­ba­ren An­wart­schaft des Herrn S bei Ein­tritt des Ver­sor­gungs­fal­les zum End­al­ter beträgt un­strei­tig 465,79 €. We­gen der Ein­zel­hei­ten der Be­rech­nung wird auf den An­wart­schafts­aus­weis vom 22.09.2011 (Bl. 27 ff. d .A.) ver­wie­sen.
24 Mit Be­schluss des Amts­ge­richts Mühl­dorf am Inn vom 01.11.2010 wur­de das In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen der Ar­beit­ge­be­rin eröff­net (Bl. 153 d. A.).
25 Die Al­ters­ren­te des Ver­stor­be­nen beträgt be­zo­gen auf den To­des­fall am . .2 nach Dar­le­gung des Be­klag­ten 399,25 €.
26

Die Kläge­rin ist der An­sicht, die Al­ters­ab­stands­klau­sel gemäß § 11 Abs. 2 d) der VO 1990 ver­s­toße ge­gen das AGG und ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG, sie könne da­her 60 % des Ren­ten­be­tra­ges ih­res Ehe­manns als Be­triebs­ren­ten­zah­lung ver­lan­gen.

27 Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 02.12.2015 (Bl. 68 ff. d. A.) die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, die Al­ters­ab­stand­klau­sel stel­le kei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar. Ei­ne et­wai­ge mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung sei durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und der An­spruchs­aus­schluss sei zur Er­rei­chung des Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich. Im Rah­men der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung sei es ein bil­li­gens­wer­tes Ziel, wenn der Ver­sor­gungs­schuld­ner durch ei­ne Ab­stands­klau­sel sei­ne fi­nan­zi­el­len Ri­si­ken be­grenzt und Rück­stel­lun­gen bes­ser kal­ku­lier­bar macht. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des strei­ti­gen und un­strei­ti­gen Vor­brin­gens so­wie der An­trag­stel­lung der Par­tei­en ers­ter In­stanz wird auf den Tat­be­stand, we­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Be­gründung des Ar­beits­ge­richts wird auf die Ent­schei­dungs­gründe der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung ver­wie­sen.
28 Ge­gen das ihr am 24.12.2015 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Kläge­rin am 12.01.2016 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se am 15.02.2016 be­gründet.
29 Un­ter Be­zug­nah­me und Ver­tie­fung des erst­in­stanz­li­chen Vor­trags legt die Kläge­rin dar, dass die Al­ters­ab­stand­klau­sel ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters ent­hal­te. So­wohl die Wit­we als auch der ver­stor­be­ne Ehe­mann sei­en be­nach­tei­ligt. Die Selbst­be­stim­mung des Ehe­manns sei be­ein­träch­tigt, da er kei­ne an­ge­mes­se­ne Vor­sor­ge für sei­ne Ehe­frau für die Zeit nach dem Tod ha­be tref­fen können. Ein völli­ger Aus­schluss von Ver­sor­gungs­leis­tun­gen sei un­verhält­nismäßig. Der Ver­sor­gungs­schuld­ner ha­be die Möglich­keit, die Leis­tun­gen nach dem Al­ter zu staf­feln oder den Be­ginn der Zah­lun­gen an ein be­stimm­tes Al­ter des Hin­ter­blie­be­nen zu knüpfen.
30 Die Kläge­rin be­an­tragt zu­letzt,
31 un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 02.12.2015 - AZ: 2 Ca 9521/14 – auf­zu­he­ben und
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33 1. den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te in Höhe von 13.657,75 € für den Zeit­raum De­zem­ber 2011 bis ein­sch­ließlich Au­gust 2016 nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils 239,61 € ab dem 31.12.2011 und so­dann fort­fol­gend am letz­ten des je­wei­li­gen Mo­nats bis ein­sch­ließlich 31.08.2016 zu zah­len;
34 2. fest­zu­stel­len, dass der Be­klag­te ver­pflich­tet ist, an die Kläge­rin in sei­ner Ei­gen­schaft als Träger der ge­setz­li­chen In­sol­venz­si­che­rung be­gin­nend mit dem Sep­tem­ber 2016 am letz­ten des je­wei­li­gen Mo­nats ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te in Höhe von 239,61 € zu zah­len.
35 Der Be­klag­te be­an­tragt,
36 die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.
37 Der Be­klag­te ver­tei­digt die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts mit Rechts­ausführun­gen. Die Al­ters­ab­stands­klau­sel sei al­len­falls mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­rend. Sie sei durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt. Der Ar­beit­ge­ber ver­fol­ge mit der Al­ters­ab­stand­klau­sel das bil­li­gens­wer­te Ziel der Be­gren­zung der fi­nan­zi­el­len Be­las­tung aus der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung und der bes­se­ren Kal­ku­lier­bar­keit not­wen­di­ger Rück­stel­lun­gen. Er sei im Be­reich der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung be­rech­tigt, die Leis­tung von zusätz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen abhängig zu ma­chen. Der Leis­tungs­aus­schluss sei auch an­ge­mes­sen und er­for­der­lich. Der Ar­beit­ge­ber müsse nur die ty­pi­schen Ver­sor­gungs­ri­si­ken der Ar­beit­neh­mer an­ge­mes­sen berück­sich­ti­gen. Dem genüge der Al­ters­ab­stand von 15 Jah­ren, da die­ser deut­lich über dem übli­chen Al­ters­ab­stand von Ehe­leu­ten lie­ge. Ei­ne kon­kre­te Kal­ku­la­ti­on, mit der ein ge­nau­er Kürzungs­fak­tor be­rech­net wer­den könne, der die Ri­si­ken ei­ner 15 Jah­re jünge­ren Ehe­frau rea­lis­tisch ab­bil­de, sei mit ei­nem sehr großen Ar­beits­auf­wand ver­bun­den. Da die Hin­ter­blie­be­nen­ren­te 60 % der Ren­te des Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten be­tra­ge, könn­te die Kläge­rin al­len­falls 239,55 € mo­nat­lich be­an­spru­chen.
38 We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird ergänzend auf den In­halt der im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­wech­sel­ten Schriftsätze der Par­tei­en vom 11.02.2016 und 18.04.2016, die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 31.08.2016 so­wie den übri­gen Ak­ten­in­halt Be­zug ge­nom­men.
39 E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e
40 I. Die Be­ru­fung der Kläge­rin ist zulässig, denn sie ist gemäß § 64 Abs. 2 b) ArbGG statt­haft und wur­de in­ner­halb der Fris­ten des § 66 Abs. 1 ArbGG ord­nungs­gemäß ein­ge­legt und be­gründet.
41 II. Die Be­ru­fung ist weit­ge­hend be­gründet.
42 Die Kläge­rin hat ge­gen den Be­klag­ten als Träger der ge­setz­li­chen In­sol­venz­si­che­rung ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner mo­nat­li­chen Hin­ter­blie­be­nen­ren­te aus § 7 Abs. 2 Be­trVG i. V. m. den §§ 11 Abs. 1, 13 VO 1990 in Höhe von mo­nat­lich 239,55 € ab dem De­zem­ber 2011. Der Zins­an­spruch folgt aus den §§ 286 Abs. 2 Nr. 1, 288 Abs. 1 BGB.
43 1. Der ver­stor­be­ne Ehe­gat­te der Kläge­rin hätte zum Zeit­punkt sei­nes Ab­le­bens ei­nen vom Be­klag­ten zu­ge­stan­de­nen Ren­ten­an­spruch aus In­va­li­dität nach § 2 Abs. 1 Satz 1 Be­trAVG i.V.m. § 13 VO 1990 in Höhe von 399,25 € ge­habt. Durch die Be­gren­zungs­re­ge­lung auf den Zeit­punkt des To­des kann sich die zwi­schen dem Ver­sor­gungs­fall und dem 65. Le­bens­jahr feh­len­de Be­triebs­treue des In­va­li­den grundsätz­lich zwei­fach an­spruchs­min­dernd aus­wir­ken. Zum ei­nen, wenn die dienst­zeit­abhängi­ge Be­triebs­ren­te nur bis zum Ein­tritt des Ver­sor­gungs­fal­les auf­stei­gend be­rech­net wird, zum an­de­ren weil be­zo­gen auf das Le­bens­al­ter 65 ei­ne ra­tier­li­che Kürzung er­folgt (vgl.: u.a.: BAG, Urt. v. 23.01.2001 – 3 AZR 164/00 – m. w .N.). Die Kläge­rin hat kei­ner­lei Be­rech­nungs­grund­la­gen vor­ge­tra­gen, die ei­nen rech­ne­risch höhe­ren Ren­ten­an­spruch des Ehe­manns als er vom Be­klag­ten zu­ge­stan­den wird, recht­fer­ti­gen. Sie hat sich le­dig­lich auf die irrtümli­che erst­in­stanz­li­che Zah­lungs­an­ga­be des Be­klag­ten zum Be­triebs­ren­ten­an­spruch des Ehe­manns zum Zeit­punkt des Ab­le­bens von 399,35 € be­zo­gen. Man­gels hin­rei­chen­dem Vor­trag der Kläge­rin ist dem­nach von ei­nem Ren­ten­an­spruch des ver­stor­be­nen Ehe­manns von 399,25 € aus­zu­ge­hen, so dass sich auf Ba­sis der in der Ver­sor­gungs­ord­nung fi­xier­ten 60 % ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te der Kläge­rin von 239,55 € er­gibt.
44 2. Ob die Al­ters­ab­stands­klau­sel des § 11 Abs. 2 d) VO 1990 ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung oder ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters des ver­stor­be­nen Ehe­manns dar­stellt, kann im Er­geb­nis da­hin­ste­hen, da die mit der Al­ters­ab­stand­klau­sel ver­bun­de­ne Be­nach­tei­li­gung we­der nach § 10 Satz 1 bis 3 AGG (un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung) noch nach § 3 Abs. 2 AGG (mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung) ge­recht­fer­tigt ist und da­her gemäß § 7 Abs. 2 AGG un­wirk­sam ist.
45 a) Nach bis­he­ri­ger Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, die sich der be­klag­te zu ei­gen macht, wa­ren Al­ters­ab­stands­klau­sel im Be­reich der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in ei­ner Ver­sor­gungs­ord­nung nicht zu be­an­stan­den, wenn sie sich auf bil­li­gens­wer­te Gründe stützen konn­ten. Die Al­ters­ab­stands­klau­sel be­grenzt das Leis­tungs­ri­si­ko für den Ver­sor­gungs­schuld­ner an­hand de­mo­gra­phi­scher Kri­te­ri­en. Al­ters­ab­stands­klau­seln durf­ten aber nicht da­zu führen, dass Al­ters­un­ter­schie­de, wie sie zwi­schen Ehe­gat­ten üblich sind, zu ei­nem Leis­tungs­aus­schluss führen, was bei ei­ner Al­ters­dif­fe­renz von 15 Jah­ren nicht an­ge­nom­men wur­de (BAG, EuGH-Vor­la­ge v. 27.06.2006 - 3 AZR 352/05 (A) - m. w. N.). Zu­dem be­wir­ken Al­ters­ab­stands­klau­seln, dass die zur Verfügung ge­stell­ten Mit­tel auf ei­nen klei­ne­ren Kreis von Hin­ter­blie­be­nen ver­teilt wer­den. Ei­nem ho­hen Al­ters­ab­stand in ei­ner Ehe ist auch im­ma­nent, dass der jünge­re Ehe­part­ner ei­nen er­heb­li­chen Teil sei­nes Le­bens oh­ne den älte­ren Ehe­part­ner und die an des­sen Ein­kom­mens­si­tua­ti­on ge­kop­pel­ten Ver­sor­gungsmöglich­kei­ten ver­bringt. Ob un­ter der Gel­tung des AGG die­se Erwägun­gen ei­ne Al­ters­ab­stands­klau­sel noch recht­fer­ti­gen, ist of­fen (vgl.: BAG, Urt. v. 04.08.2015 - 3 AZR 137/13 -).
46 b) Das AGG ist im Streit­fall trotz der Re­ge­lung des § 2 Abs. 2 Satz 2 AGG an­wend­bar, denn das Be­triebs­ren­ten­ge­setz enthält kei­ne Son­der­reg­lun­gen zum Leis­tungs­aus­schluss in der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung we­gen des Al­ters­ab­stands der Ehe­gat­ten. Es ist auch in zeit­li­cher Hin­sicht an­wend­bar, da der ver­stor­be­ne Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt des In­kraft­tre­tens des AGG in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zum in­sol­ven­ten Ver­sor­gungs­schuld­ner stand.
47 c) Nach § 7 Abs. 1 Halbs. 1 AGG dürfen Beschäftig­te nicht we­gen der in § 1 AGG ge­nann­ten Gründe, u.a. we­gen des Al­ters, be­nach­tei­ligt wer­den. Un­zulässig sind un­mit­tel­ba­re und mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gun­gen. Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung ist nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG ge­ge­ben, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on. Nach § 3 Abs. 2 AGG liegt ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung vor, wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ge­genüber an­de­ren Per­so­nen in be­son­de­rer Wei­se be­nach­tei­li­gen können, es sei denn, die be­tref­fen­den Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich. Be­stim­mun­gen in Ver­ein­ba­run­gen, die ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG ver­s­toßen, sind nach § 7 Abs. 2 AGG un­wirk­sam. Für die Be­ur­tei­lung, ob ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­liegt, ist auf den Beschäftig­ten (§ 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AGG) und nicht auf den Hin­ter­blie­be­nen ab­zu­stel­len (BAG, Urt. v. 04.08.2015 - 3 AZR 137/13 - m. w. N.).
48 d) Sieht man in der in § 11 Abs. 2 d) VO 1990 ent­hal­te­nen An­spruchs­vor­aus­set­zung, dass der Ehe­gat­te nicht um mehr als 15 Jah­re jünger ist als der ver­stor­be­ne Be­rech­tig­te, ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters, weil sich das Al­ter ei­ner Per­son nicht nur in ab­so­lu­ten, son­dern auch in re­la­ti­ven Zah­len - hier dem Al­ters­ab­stand zwi­schen den Ehe­leu­ten - aus­drückt (vgl. hier­zu im Ein­zel­nen: Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin Elea­nor Sharps­ton vom 22.05.2008 in der Rechts­sa­che EuGH C-427/06 - Bartsch - Zif­fer 97 ff.), so ist die mit der Al­ters­ab­stands­klau­sel be­wirk­te Un­gleich­be­hand­lung nicht nach § 10 AGG sach­lich ge­recht­fer­tigt.
49 aa) Gemäß § 10 Satz 1 AGG ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters zulässig, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels müssen nach § 10 Satz 2 AGG an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein. Die Re­ge­lung des § 10 Satz 3 AGG enthält ei­ne Aufzählung von Tat­beständen, wo­nach der­ar­ti­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lun­gen ge­recht­fer­tigt sein können. Dies ist gemäß nach § 10 Satz 3 Nr. 4 AGG der Fall, wenn be­trieb­li­che Ver­sor­gungs­sys­te­me an Al­ters­gren­zen an­knüpfen, sie ih­rer­seits an­ge­mes­sen und er­for­der­lich im Sin­ne des § 10 Satz 2 AGG sind. Le­gi­ti­me Zie­le im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind im Rah­men so­zi­al-, beschäfti­gungs- und ar­beits­markt­po­li­ti­scher Be­lan­ge nur sol­che, die (auch) den In­ter­es­sen der Beschäftig­ten Rech­nung tra­gen. Aus­sch­ließlich im Ei­gen­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers lie­gen­de Zie­le, wie z.B. Kos­ten­re­du­zie­rung, Kal­ku­lier­bar­keit der Kos­ten­last, Re­du­zie­rung des ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­wands und Ver­bes­se­rung der Wett­be­werbsfähig­keit, können ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters man­gels le­gi­ti­mer Ziel­set­zung nicht nach § 10 Satz 1 AGG recht­fer­ti­gen. Be­zweckt et­wa ei­ne sog. Späte­hen­klau­sel, die der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ins­ge­samt zur Verfügung ge­stell­ten Mit­tel nur ei­nem ein­ge­grenz­ten Per­so­nen­kreis zu­kom­men zu las­sen, um die­sem bei Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in an­ge­mes­se­ner, sub­stan­ti­el­ler Höhe gewähren zu können, spricht viel dafür, dass die­se Klau­sel durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Trotz­dem ist ein vollständi­ger al­ters­be­ding­ter Aus­schluss aus dem Ver­sor­gungs­kreis im Fal­le ei­ner sog. Späte­hen­klau­sel nicht an­ge­mes­sen und er­for­der­lich im Sin­ne des § 10 Satz 2 AGG. Er geht über das hin­aus, was zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels der Be­gren­zung und Kal­ku­lier­bar­keit des Ver­sor­gungs­auf­wands not­wen­dig ist. Der vollständi­ge Leis­tungs­aus­schluss stellt ei­ne übermäßige Be­ein­träch­ti­gung des an­er­kann­ten In­ter­es­ses an der Ver­sor­gung des Ehe­part­ners dar, wel­ches un­abhängig vom Zeit­punkt der Ehe­sch­ließung be­steht. Er ver­nachlässigt den Ent­geltas­pekt der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung, wo­nach die­se ei­ne Ge­gen­leis­tung für die im Ar­beits­verhält­nis er­brach­te Be­triebs­treue dar­stellt (BAG, Urt. v. 04.08.2015 - 3 AZR 137/13 - m. w. N.).
50 bb) Der Be­klag­te hat sich aus­sch­ließlich auf Recht­fer­ti­gungs­zie­le, die nur im In­ter­es­se des Ver­sor­gungs­schuld­ners lie­gen, be­ru­fen. Es ge­he bei dem Leis­tungs­aus­schluss in der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung durch die Al­ters­ab­stands­klau­sel dar­um, fi­nan­zi­el­le Ri­si­ken un­ter Berück­sich­ti­gung des Zeit­punkts des Leis­tungs­falls und der Dau­er der Leis­tungs­er­brin­gung zu be­gren­zen und bes­ser kal­ku­lier­bar zu ma­chen. An­er­ken­nens­wer­te In­ter­es­sen der Beschäftig­ten an der Ein­schränkung des be­zugs­be­rech­tig­ten Per­so­nen­krei­ses führt er kei­ne an. Er legt nicht dar, dass die er­schwer­te Pro­gnos­ti­zier­bar­keit der Ver­sor­gungs­las­ten oh­ne die Al­ters­ab­stands­klau­sel da­zu geführt hätte, dass den Beschäftig­ten kei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung zu­ge­sagt wor­den wäre. Er be­haup­tet auch nicht, dass und war­um mit dem Leis­tungs­aus­schluss auf­grund der Al­ters­ab­stands­klau­sel des vor­lie­gen­den Ver­sor­gungs­werks der Zweck ver­folgt wur­de, den Leis­tungs­be­rech­tig­ten ei­ne an­ge­mes­se­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in sub­stan­ti­el­ler Höhe zu gewähren. Selbst wenn man je­doch auf der Ba­sis der Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­klag­ten ein le­gi­ti­mes Ziel an der Al­ters­ab­stands­klau­sel an­er­ken­nen woll­te, ist das gewähl­te Mit­tel des vollständi­gen Aus­schlus­ses aus dem Ver­sor­gungs­werk nach Auf­fas­sung der Be­ru­fungs­kam­mer nicht an­ge­mes­sen und er­for­der­lich. Der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ist ein ge­wis­ses Maß an Un­kal­ku­lier­bar­keit der Ver­sor­gungs­ri­si­ken im­ma­nent, denn we­der der Leis­tungs­be­ginn mit dem Ab­le­ben des ori­ginären Ver­sor­gungsgläubi­gers noch das Leis­tungs­en­de durch den Tod des Hin­ter­blie­be­nen ist hin­rei­chend be­stimm­bar. Greif­ba­re An­halts­punk­te dafür, dass in den Ein­z­elfällen ei­ner Ehe­sch­ließung zwi­schen Ehe­leu­ten mit ei­nem Al­ter von mehr 15 Jah­ren, die nicht not­wen­dig sog. Ver­sor­gungs­ehen sein müssen, ei­ne er­heb­li­che Fi­nan­zie­rungs­last ein­tritt, die außer­halb des Do­tie­rungs­rah­mens des Ver­sor­gungs­schuld­ners liegt, sind nicht fest­stell­bar. So­weit das Ver­sor­gungs­ri­si­ko für den Ar­beit­ge­ber un­ter de­mo­gra­phi­schen As­pek­ten ty­pi­siert be­grenzt wer­den soll, wäre auch et­wa ei­ne auf das Al­ter des Hin­ter­blie­be­nen be­zo­ge­ne, ge­staf­fel­te bzw. quo­tier­te oder ei­ne der Dau­er nach für al­le Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten be­grenz­te Leis­tungs­gewährung aus­rei­chend (vgl. z.B.: Preis/Tem­ming, NZA 2008, 1209, 1216; Preis, Be­trAV 2010, 513, 515). Zu­tref­fend hat die Ge­ne­ral­anwältin Elea­nor Sharps­ton in ih­ren Schluss­anträgen vom 22.05.2008 in der Rechts­sa­che EuGH C-427/06 - Bartsch - Zif­fer 121 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass im Rah­men der Ver­tei­lung verfügba­rer Mit­tel sich oh­ne Schwie­rig­kei­ten we­ni­ger ex­tre­me Möglich­kei­ten als der völli­ge Aus­schluss von Hin­ter­blie­be­nen vor­stel­len las­sen, um die Kos­ten für frei­wil­li­ge Ver­sor­gungs­sys­te­me zu be­gren­zen. So könne bei­spiels­wei­se an jünge­re Hin­ter­blie­be­ne ei­ne nied­ri­ge­re Leis­tung ge­zahlt wer­den, die un­ter Umständen ge­staf­felt sein könn­te, oder die Zah­lun­gen könn­ten erst be­gin­nen, wenn die Hin­ter­blie­be­nen ein be­stimm­tes Al­ter er­reicht ha­ben. Der Ein­wand des Be­klag­ten, die Be­rech­nung un­ter Berück­sich­ti­gung ei­nes Kürzungs­fak­tors sei mit ei­nem sehr großen Ar­beits­auf­wand ver­bun­den, über­zeugt die Kam­mer man­gels sub­stan­ti­el­ler Dar­le­gung des Ar­beits­auf­wan­des schon vom An­satz her nicht.
51 e) Sieht man in der Al­ters­ab­stand­klau­sel kei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters, weil die Re­ge­lung nicht un­mit­tel­bar an ein be­stimm­tes Le­bens­al­ter des ver­stor­be­nen Beschäftig­ten an­knüpft, son­dern an dem for­ma­len Kri­te­ri­um des Al­ters­ab­stands, so be­wirkt sie aber mit­tel­bar, dass Be­rech­tig­te, die 15 Jah­re älter als ihr Ehe­gat­te sind, in ih­rem Ver­sor­gungs­in­ter­es­se für den über­le­ben­den Ehe­gat­ten ei­ne ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung als die Ar­beit­neh­mer er­fah­ren, die ei­nen ge­rin­ge­ren Al­ters­ab­stand zu ih­rem Ehe­part­ner auf­wei­sen. Hier­in liegt ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung, es sei denn, die Al­ters­ab­stands­klau­sel ist durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­se Ziels sind an­ge­mes­sen und er­for­der­lich, § 3 Abs. 2 AGG. Auch bei der An­nah­me mit­tel­ba­rer Be­nach­tei­li­gung er­weist sich die Al­ters­ab­stands­klau­sel je­den­falls als nicht an­ge­mes­sen und er­for­der­lich, weil der vollständi­ge Aus­schluss un­verhält­nismäßig die Be­lan­ge des Beschäftig­ten be­ein­träch­tigt und wie be­reits dar­ge­legt auch ei­ne auf das Al­ter des Hin­ter­blie­be­nen be­zo­ge­ne, ge­staf­fel­te bzw. quo­tier­te oder ei­ne der Dau­er nach für al­le Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten be­grenz­te Leis­tungs­gewährung aus­rei­chend dem As­pekt der Kal­ku­lier­bar­keit und Kos­ten­be­gren­zung der Ver­sor­gungs­las­ten Rech­nung trägt.
52 III. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 2 Nr. 1 ZPO.
53 IV. Die Re­vi­si­on für den Be­klag­ten wur­de gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG zu­ge­las­sen.

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