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ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/059

Ver­stoß ge­gen EU-Recht durch Schlech­ter­stel­lung jun­ger Hin­ter­blie­be­ner beim Be­triebs­ren­ten­be­zug?

Äl­te­re­re Ar­beit­neh­mer wer­den mög­li­cher­wei­se durch Al­ters­ab­stands­klau­seln bei der Be­triebs­ren­te dis­kri­mi­niert: Schluss­an­trä­ge der Ge­ne­ral­an­wäl­tin E. Sharps­ton, vom 22.05.2008, C-427/06 – Bosch und Sie­mens Haus­ge­rä­te (BSH) Al­ters­für­sor­ge GmbH
Sparschwein mit Aufschrift Altersvorsorge Je jün­ger der Hin­ter­blie­be­ne, des­to län­ger muss ei­ne Wit­wen­ren­te ge­zahlt wer­den

19.06.2008. Man­che Be­triebs­ren­ten­re­ge­lun­gen ent­hal­ten Al­ters­ab­stands­klau­seln. Sol­che Klau­seln schlie­ßen Wit­wen bzw. Wit­wer ver­stor­be­ner Ar­beit­neh­mer von ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te aus, wenn sie "er­heb­lich" jün­ger als der Ver­stor­be­ne sind, d.h. wenn der Al­ters­ab­stand 25, 20 oder auch "nur" 15 Jah­re be­trägt.

Mög­li­cher­wei­se liegt dar­ain ei­ne mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung äl­te­rer Ar­beit­neh­mer, denn sie sind häu­fi­ger als jün­ge­re Kol­le­gen von ei­ner sol­chen Klau­sel be­trof­fen, wenn sie im vor­ge­rück­ten Al­ter hei­ra­ten. Schließ­lich kann man mit 20 oder 25 nie­man­den hei­ra­ten, der mehr als 15 Jah­re jün­ger ist.

Ei­ne sol­che Schlech­ter­stel­lung äl­te­rer Ar­beit­neh­mer ist vor dem Hin­ter­grund der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht al­lein da­mit zu recht­fer­ti­gen, dass der zah­lungs­pflich­ti­ge Ar­beit­ge­ber sei­ne fi­nan­zi­el­len Las­ten be­schrän­ken will: Schluss­an­trä­ge der Ge­ne­ral­an­wäl­tin beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) E. Sharps­ton, vom 22.05.2008, C-427/06 (Bosch und Sie­mens Haus­ge­rä­te (BSH) Al­ters­für­sor­ge GmbH).

Sind Al­ters­ab­stands­klau­seln rech­tens, wenn sie Wit­wen von ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten aus­sch­ließen, die mehr als 15 Jahr jünger sind als der ver­stor­be­ne Ar­beit­neh­mer?

Art.13 des Ver­trags zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft (EGV) ermäch­tigt den Rat zur „Bekämp­fung“ von Dis­kri­mi­nie­run­gen u.a. aus Gründen des Al­ters. Ent­spre­chend die­ser im EGV ent­hal­te­nen all­ge­mei­nen Vor­ga­be ver­pflich­tet die Richt­li­nie 2000/43/EG des Ra­tes vom 29.06.2000 zur An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes oh­ne Un­ter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft die Mit­glied­staa­ten da­zu, ge­gen Dis­kri­mi­nie­rung von Ar­beit­neh­mern u.a. aus Gründen des Al­ters vor­zu­ge­hen.

Nicht je­de Schlech­ter­stel­lung aus Gründen des Al­ters ist da­bei je­doch ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung. Viel­mehr er­laubt Art.6 der Richt­li­nie 2000/43/EG aus­drück­lich ei­ne Rei­he von tra­di­tio­nell be­ste­hen­den al­ters­be­ding­ten Un­gleich­be­hand­lun­gen, so et­wa im Be­reich der Ent­loh­nung oder bei den Ent­las­sungs­be­din­gun­gen. Der deut­sche Ge­setz­ge­ber hat­te die Vor­ga­ben der Richt­li­nie 2000/43/EG bis zum 02.12.2006 in deut­sches Recht um­zu­set­zen und kam die­ser Um­set­zungs­pflicht im we­sent­li­chen mit dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) vom 14.08.2006 nach.

Das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung führ­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer wie­der zu ju­ris­ti­schen Dis­kus­sio­nen, da es im Ver­gleich zu an­de­ren Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten, et­wa des Ver­bots von Be­nach­tei­li­gun­gen we­gen des Ge­schlechts, re­la­tiv neu ist und da­her (noch) kei­ne kla­ren Kon­tu­ren hat. Viel­mehr ha­ben der Eu­ropäische Ge­richts­hofs (EuGH) und die Ge­rich­te der Mit­glied­staa­ten ge­ra­de erst be­gon­nen, den In­halt die­ses Ver­bots durch­zu­buch­sta­bie­ren - und schlin­gern da­bei hef­tig hin und her:

Hat­te der EuGH in dem Man­gold-Ur­teil (Ur­teil vom 22.11.2005, C-144/04) noch be­haup­tet, das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung sei als ein „all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts“ an­zu­se­hen und da­her von den Mit­glied­staa­ten ge­ne­rell, d.h. auch oh­ne ent­spre­chen­de Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie 2000/43/EG zu be­ach­ten (was die Be­deu­tung des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung er­heb­lich erhöhte), so sind der Ge­richts­hof und sei­ne Ge­ne­ral­anwälte seit­dem, u.a. auf­grund der brei­ten Kri­tik an der Man­gold-Ent­schei­dung, dar­um bemüht, die Be­deu­tung des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung her­ab­zu­spie­len.

So lau­tet z.B. die Kern­aus­sa­ge des EuGH-Ur­teils vom 16.10.2007 (C-411/05 - Pa­la­ci­os de la Vil­la), dass die Mit­glied­staa­ten prak­tisch be­lie­bi­ge ar­beits­markt­po­li­ti­sche „Zie­le“ als Recht­fer­ti­gung al­ters­be­ding­ter Un­gleich­be­hand­lun­gen ins Feld führen dürfen und zu­dem ei­nen be­tont wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Be­ur­tei­lung der Fra­ge ha­ben, ob die mit den Un­gleich­be­hand­lun­gen ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen für die Be­trof­fe­nen „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.

Nach die­ser Dok­trin können al­ters­be­zo­ge­ne Un­gleich­be­hand­lun­gen letzt­lich nur noch dann be­an­stan­det wer­den, wenn sie willkürlich oder of­fen­sicht­lich un­an­ge­mes­sen sind. Auf die­ser Li­nie liegt auch der ar­beits­ge­richt­li­che Miss­er­folg der Luft­hans­a­pi­lo­ten, die sich ver­geb­lich ge­gen die ta­rif­lich vor­ge­se­he­ne Auflösung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se mit Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren wand­ten (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 15.10.2007, 17 Sa 809/07).

Ein gu­tes hal­bes Jahr nach der Man­gold-Ent­schei­dung leg­te jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem ver­gleich­ba­ren Fall ei­ner al­ters­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gung dem EuGH ei­ne Rei­he von Fra­gen vor, die dar­auf ab­ziel­ten, den EuGH zu ei­ner Über­prüfung sei­ner im Fall Man­gold ge­trof­fe­nen Aus­sa­gen zu be­we­gen.

Im We­sent­li­chen geht es bei dem Vor­la­gen­be­schluss des BAG um die Fra­ge, ob das eu­ropäische Primärrecht, al­so ins­be­son­de­re der EGV, ein all­ge­mei­nes Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung enthält, und ob ein sol­ches Ver­bot auch zwi­schen Pri­va­ten zu be­ach­ten wäre (BAG, Be­schluss vom 27.06.2006, 3 AZR 352/05 (A)).

Die hier im Streit­fall mögli­che Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung be­steht in ei­ner Al­ters­ab­stands­klau­sel, die in Ver­sor­gungs­ord­nun­gen oft ent­hal­ten ist und hin­ter­blie­be­ne Wit­wen ei­nes ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers von ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te aus­sch­ließt, wenn der Al­ters­ab­stand "zu groß" ist, d.h. (je nach Ver­sor­ungs­ord­nung) z.B. 25, 20 oder auch "nur" 15 Jah­re beträgt.

Be­ein­träch­tigt in sei­nen Rech­ten wird hier der ver­si­cher­te und später ver­stor­be­ne Ar­beit­neh­mer, der zum Zeit­punkt der Ehe­sch­ließung we­sent­lich jünge­re Part­ner nicht bzw. nur un­ter In­k­auf­nah­me ver­sor­gungs­recht­li­cher Nach­tei­le hei­ra­ten kann. Dies ist ei­ne Be­las­tung, die um­so stärker wird, je älter man zum Zeit­punkt der Ehe­sch­ließung ist, so dass Al­ters­ab­stands­klau­seln ei­ne mit­tel­ba­re al­ters­be­ding­te Be­nach­tei­li­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer dar­stel­len - und mögli­cher­wei­se so­gar dis­kri­mi­nie­rend sind.

Der Streit­fall: Wit­we ei­nes ver­stor­be­nen ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mers ist 21 Jah­re jünger als ihr ver­stor­be­ner Ehe­mann

Die im Jah­re 1965 ge­bo­re­ne Kläge­rin, Frau Bartsch, war seit 1986 mit ei­nem 1944 ge­bo­re­nen und mit­hin über 20 Jah­re älte­ren Ar­beit­neh­mer ver­hei­ra­tet. Die­ser ar­bei­te­te von 1988 bis zu sei­nem Tod im Jah­re 2004 bei ei­nem Un­ter­neh­men, das sei­nen Mit­ar­bei­tern ei­ne Be­triebs­ren­te ver­spro­chen hat­te. Die Durchführung der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge ob­lag ei­ner Un­terstützungs­kas­se, die Bosch und Sie­mens Haus­geräte (BSH) Al­tersfürsor­ge GmbH.

Die Ren­ten­be­rech­ti­gung des ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers und sei­ner hin­ter­blie­be­nen Ehe­frau rich­te­te sich nach Ver­sor­gungs­richt­li­ni­en, die zwar dem Grun­de nach die Zah­lung ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te an Wit­wen bzw. Wit­wer ver­stor­be­ner Ar­beit­neh­mer vor­sa­hen, die­se Leis­tung je­doch aus­schlos­sen, falls der Hin­ter­blie­be­ne über 15 Jah­re jünger als der ver­stor­be­ne Ar­beit­neh­mer ist.

Frau Bartsch ver­lang­te trotz die­ser sie von der Ren­ten­be­rech­ti­gung aus­sch­ließen­den Al­ters­ab­stands­klau­sel von der BSH GmbH Zah­lung ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te. Ih­re hier­auf ge­rich­te­te Kla­ge hat­te we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Es­sen (Ur­teil vom 22.02.2005, 7 Ca 4881/04) noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Ur­teil vom 19.05.2005, 5 Sa 509/05) Er­folg, d.h. ih­re Kla­ge wur­de ab­ge­wie­sen.

Das dar­auf­hin in der Re­vi­si­on mit dem Fall be­fass­te BAG setz­te das Ver­fah­ren aus und leg­te dem EuGH fol­gen­de Fra­gen zur Ent­schei­dung vor (BAG, Be­schluss vom 27.06.2006, 3 AZR 352/05 (A)):

„1.a) Enthält das Primärrecht der EG ein Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, des­sen Schutz die Ge­rich­te der Mit­glied­staa­ten auch dann zu gewähr­leis­ten ha­ben, wenn die mögli­cher­wei­se dis­kri­mi­nie­ren­de Be­hand­lung kei­nen ge­mein­schafts­recht­li­chen Be­zug auf­weist?

b) Falls die Fra­ge zu a) ver­neint wird:

Wird ein sol­cher ge­mein­schafts­recht­li­cher Be­zug her­ge­stellt durch Art. 13 EG oder - auch vor Ab­lauf der Um­set­zungs­frist - durch die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf?

2. Ist ein sich aus der Be­ant­wor­tung der Fra­ge zu 1. er­ge­ben­des ge­mein­schafts­recht­li­ches Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters auch an­wend­bar zwi­schen pri­va­ten Ar­beit­ge­bern ei­ner­seits und ih­ren Ar­beit­neh­mern oder Be­triebs­rent­nern und de­ren Hin­ter­blie­be­nen an­de­rer­seits?

3. Falls die Fra­ge zu 2. be­jaht wird:

a) Wird von ei­nem sol­chen Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ei­ne Re­ge­lung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung er­fasst, nach der ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ei­nem hin­ter­blie­be­nen Ehe­gat­ten nicht gewährt wird, wenn er mehr als 15 Jah­re jünger ist als der ver­stor­be­ne ehe­ma­li­ge Ar­beit­neh­mer?

b) Falls die Fra­ge zu a) be­jaht wird:

Kann es ein Recht­fer­ti­gungs­grund für ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung sein, dass der Ar­beit­ge­ber ein In­ter­es­se an der Be­gren­zung der aus der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung fol­gen­den Ri­si­ken hat?

c) Falls die Fra­ge zu 3 b) ver­neint wird:

Kommt dem mögli­chen Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters im Be­triebs­ren­ten­recht un­be­grenz­te Rück­wir­kung zu oder ist es für die Ver­gan­gen­heit be­grenzt und falls ja in wel­cher Wei­se?“

Hin­ter­grund die­ser Vor­la­ge­fra­gen ist die An­nah­me des BAG, dass das deut­sche Recht der Kläge­rin kei­nen An­spruch auf Zah­lung der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te ver­schafft. Hier­bei prüft das BAG ins­be­son­de­re den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. Die­ser sei zwar auf Be­triebs­ren­ten­ver­spre­chen wie im vor­lie­gen­den Fall an­zu­wen­den, doch sei die Schlech­ter­stel­lung der Kläge­rin mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­ein­bar, da sie durch ei­nen sach­li­chen Grund, nämlich durch das Ziel ei­ner Be­gren­zung fi­nan­zi­el­ler Be­las­tun­gen des Ar­beit­ge­bers mit Ren­ten­zah­lungs­pflich­ten, ge­recht­fer­tigt sei.

Da zum Zeit­punkt des Ver­sor­gungs­falls (2004) und der dar­auf­hin noch im sel­ben Jah­re ein­ge­leg­te Kla­ge die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78/EG noch nicht ab­ge­lau­fen war (die­se en­de­te erst am 02.12.2006), und da an­sons­ten kei­ne spe­zi­el­len eu­ro­pa­recht­li­chen Rechts­vor­schrif­ten über die Aus­ge­stal­tung von Ver­sor­gungs­zu­sa­gen be­ste­hen, wies der vor­lie­gen­de Fall kei­nen Be­zug zum EU-Recht auf, d.h. er hat­te mit dem Eu­ro­pa­recht - ei­gent­lich - „nichts zu tun“.

Da­her hing die Ent­schei­dung des Fal­les da­von ab, ob das Primärrecht der EG ein Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung enthält, das die Ge­rich­te der Mit­glied­staa­ten auch dann be­ach­ten müssen, wenn die mögli­cher­wei­se dis­kri­mi­nie­ren­de Be­hand­lung kei­nen ge­mein­schafts­recht­li­chen Be­zug (!) auf­weist.

Ge­ne­ral­anwältin Sharps­ton: Lässt das Recht ei­nes Mit­glied­staats Al­ters­ab­stands­klau­seln in pri­va­ten Ver­sor­gungs­sys­te­men zu, ist die dar­in lie­gen­de al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lung grundsätz­lich durch ein "le­gi­ti­mes Ziel" ge­recht­fer­tigt

Nach An­sicht der Ge­ne­ral­anwältin gibt es kei­ne für den Vor­la­ge­fall ein­schlägi­gen Be­stim­mun­gen des EU-Rechts, die ei­nen Be­zug zum Ge­mein­schafts­recht her­stel­len könn­ten. Der Fall ist da­her nach An­sicht der Ge­ne­ral­anwältin al­lein auf der Grund­la­ge des deut­schen Ar­beits­rechts zu lösen.

An­ders als im Fal­le Man­gold gibt es kei­ne spe­zi­fi­schen Richt­li­ni­en, hin­ter de­nen der vom BAG wie­der­ge­ge­be­ne In­halt des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes und/oder der In­halt des Be­triebs­ren­ten­ge­set­zes (Be­trAVG) zurück­blei­ben könn­te. Bei Art.13 EGV han­de­le es sich um ei­ne Ermäch­ti­gungs­norm, der es an un­mit­tel­ba­rer Wir­kung feh­le. Sch­ließlich sei die Zeit für die Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78/EG im vor­lie­gen­den Fall bzw. zu dem hier maßgeb­li­chen Zeit­punkt (2004) noch nicht ab­ge­lau­fen, so dass die­se Richt­li­nie hier außer Be­tracht zu blei­ben ha­be.

Für ver­gleich­ba­re Fälle, die auf­grund ih­res zeit­li­chen Ver­laufs in den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78/EG fal­len, d.h. für Ver­sor­gungsfälle ab dem 03.12.2006, ist die Ge­ne­ral­anwältin al­ler­dings der An­sicht, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen in­fol­ge von Al­ters­ab­stands­klau­seln un­ter den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie fal­len.

Für sol­che - künf­ti­gen - Fälle meint die Ge­ne­ral­anwältin, dass "die von ei­nem Mit­glied­staat ge­trof­fe­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung, Al­ters­ab­stands­klau­seln in pri­va­ten Ver­sor­gungs­sys­te­men zu­zu­las­sen, grundsätz­lich ei­nem le­gi­ti­men Ziel im Sin­ne von Art.6 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 die­nen kann" (Schluss­anträge, Rn.118). Al­ters­ab­stands­klau­seln sind al­so nicht per se ei­ne un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters.

Al­ler­dings müssen sol­che rein al­ters­abhängi­gen Ein­schränkun­gen der Be­triebs­ren­ten­ansprüche verhält­nismäßig sein, d.h. sie müssen als Mit­tel zum Zweck der Kos­ten­be­gren­zung (ei­nes "le­gi­ti­men Zie­les") auch „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sein. Und an die­ser Stel­le meint die Ge­ne­ral­anwältin, dass ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung wie die hier strei­ti­ge die­se Verhält­nismäßig­keitsprüfung "vor­aus­sicht­lich nicht be­ste­hen" würde (Schluss­anträge, Rn.118).

Denn als Mit­tel zum Zweck der Kos­ten­be­gren­zung ließen sich

"oh­ne Schwie­rig­kei­ten we­ni­ger ex­tre­me Möglich­kei­ten als der völli­ge Aus­schluss von Hin­ter­blie­be­nen vor­stel­len, um die Kos­ten für frei­wil­li­ge Ver­sor­gungs­sys­te­me zu be­gren­zen. Bei­spiels­wei­se könn­te an jünge­re Hin­ter­blie­be­ne ei­ne nied­ri­ge­re Leis­tung ge­zahlt wer­den, die u. U. ge­staf­felt sein könn­te, oder die Zah­lun­gen könn­ten erst be­gin­nen, wenn die Hin­ter­blie­be­nen ein be­stimm­tes Al­ter er­reicht ha­ben." (Schluss­anträge, Rn.121)

Fa­zit: Al­ters­ab­stands­klau­seln sind im All­ge­mei­nen trotz der dar­in lie­gen­den al­ters­be­ding­ten Schlech­ter­stel­lung im All­ge­mei­nen le­gi­tim, um be­grenz­te Mit­tel auf­zu­tei­len, aber an­de­rer­seits nicht ge­ne­rell eu­ro­pa­rechts­kon­form, son­dern müssen verhält­nismäßig sein. Das wa­ren die hier strei­ti­gen Re­ge­lun­gen der Ver­sor­gungs­ord­nung bei Bosch/Sie­mens mögli­cher­wei­se nicht.

Dass die Ge­ne­ral­anwältin die­se Kon­se­quenz in dem vor­lie­gen­den Fall nicht ge­zo­gen hat, lag im we­sent­li­chen dar­an, dass es sich um ei­nen Alt­fall han­delt, der oh­ne Rück­sicht auf die Richt­li­nie 2000/78/EG zu be­ur­tei­len war.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: Nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels hat der EuGH über die­sen Vor­la­ge­fall ent­schie­den und ist bei sei­nem Ur­teil den Schluss­anträgen der Ge­ne­ral­anwältin Sharps­ton ge­folgt und hat ent­schie­den, dass der hier strei­ti­ge Fall nicht in den An­wen­dungs­be­reich der eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­schrif­ten zur Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters fällt. In­for­ma­tio­nen zu dem EuGH-Ur­teil fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 10. Februar 2014

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Nina Wesemann
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