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LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 24.09.2013, 1 Sa 61/13

   
Schlagworte: Ausgleichsklausel, Ausschlussklausel
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein
Aktenzeichen: 1 Sa 61/13
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 24.09.2013
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Neumünster, Urteil vom 09.01.2013, 1 Ca 758b/12
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein

Ak­ten­zei­chen: 1 Sa 61/13
1 Ca 758 b/12 ArbG Ne­umüns­ter
(Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)

Verkündet am 24.09.2013  

als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le 

 

Ur­teil

Im Na­men des Vol­kes

In dem Rechts­streit  

 

pp.

hat die 1. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Schles­wig-Hol­stein auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 24.09.2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt …als Vor­sit­zen­den und d. eh­ren­amt­li­chen Rich­ter … als Bei­sit­zer und d. eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin… als Bei­sit­ze­rin  

für Recht er­kannt:  

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Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ne­umüns­ter vom 09.01.2013 – 1 Ca 758 b/12 – wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.  

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.
 

 

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

Ge­gen die­ses Ur­teil ist das Rechts­mit­tel der Re­vi­si­on nicht ge­ge­ben; im Übri­gen wird auf § 72 a ArbGG ver­wie­sen.  

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Tat­be­stand:
 


Die Par­tei­en strei­ten über Zah­lungs­ansprüche des Klägers und in­so­weit ins­be­son­de­re über die Wirk­sam­keit ei­ner Aus­gleichs­quit­tung.  

Der Kläger war vom 09.03.-30.04.2012 als Kran­ken­pfle­ger bei der Be­klag­ten, die ge­werbsmäßig Ar­beit­neh­merüber­las­sung be­treibt, beschäftigt.  

Am 21.05.2012 such­te der Kläger nach vor­he­ri­ger Ab­spra­che den Be­trieb der Be­klag­ten auf. Er er­hielt dort di­ver­se Ar­beits­pa­pie­re, Lohn­ab­rech­nun­gen für April, ei­ne Vor­mo­nats­kor­rek­tur­ab­rech­nung für Mai so­wie ei­nen Ge­halts­scheck. Außer­dem un­ter­zeich­ne­te er ein mit „Emp­fangs­bestäti­gung/Ge­ne­ral­quit­tung“ über­schrie­be­nes Schriftstück, das am En­de aus­zugs­wei­se lau­tet:  

„Der Ar­beit­neh­mer & Ar­beit­ge­ber bestäti­gen mit ih­rer Un­ter­schrift, dass al­le ge­gen­sei­ti­gen Ansprüche, gleich aus wel­chem Rechts­grund, aus dem Ar­beits­vehält­nis, außer die oben ge­nann­ten Ansprüche, und in Ver­bin­dung mit des­sen Be­en­di­gung erfüllt sind.

Der Ar­beit­neh­mer hat auch den ihm zu­ste­hen­den Ur­laub und das gemäß Lohn­ab­rech­nung aus­ste­hen­de Ge­halt in na­tu­ra er­hal­ten bzw. ab­ge­gol­ten be­kom­men.“  

Un­ter der Über­schrift: „Wei­te­re Ansprüche be­ste­hen nicht mit fol­gen­den Aus­nah­men“ fin­den sich kei­ne Ein­tra­gun­gen. Ergänzend wird we­gen der äußeren Form die­ses Schrei­bens auf die An­la­ge B 1 (Bl. 34 d. A.) Be­zug ge­nom­men.  

Mit sei­ner Kla­ge macht der Kläger rest­li­che nicht ab­ge­rech­ne­te Vergütung für März von EUR 395,12 brut­to und April 2012 von EUR 506,64 brut­to gel­tend.  

Hier­zu hat er vor­ge­tra­gen:  

Im März 2012 ha­be er 120,65 St­un­den ge­ar­bei­tet, so dass ihm ein Ge­halt von EUR 1.327,15 brut­to zu­ste­he. Hier­auf ha­be die Be­klag­te aus­weis­lich der Ab­rech­nun­gen EUR 819,84 brut­to und EUR 111,79 brut­to ge­zahlt, so dass noch ein Be­trag von EUR 395,52 brut­to feh­le. Für April feh­le noch die Vergütung für 42 St­un­den Ar­beits-  

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unfähig­keit vom 23. – 30.04.2012, al­so EUR 409,92 brut­to so­wie ein Rest­be­trag aus der Zeit vom 01. – 22.04.2012 in Höhe von EUR 96,72 brut­to.  

Auf die­se Ansprüche ha­be er auch nicht wirk­sam ver­zich­tet. Er sei zu dem Gespräch am 21.05.2012 ge­be­ten wor­den, um sei­ne Ar­beits­pa­pie­re persönlich ab­zu­ho­len. Mit kei­nem Wort sei im Vor­feld über sei­ne noch of­fe­nen Ge­halts­ansprüche ge­spro­chen wor­den. Im Be­trieb ha­be Herr M. ihm dann ge­sagt, er sol­le die Pa­pie­re und den Emp­fang des Schecks quit­tie­ren; oh­ne Un­ter­schrift wer­de er we­der die Pa­pie­re noch den Scheck er­hal­ten. Ei­ne Prüfung der Pa­pie­re vor Un­ter­schrift sei ihm nicht möglich ge­we­sen. Nach Un­ter­zeich­nung sei er ge­be­ten wor­den, den Raum zu ver­las­sen. Die von der Be­klag­ten vor­ge­leg­te for­mu­larmäßige Aus­gleichs­quit­tung sei als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung un­wirk­sam.  

Der Kläger hat be­an­tragt,  

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 902,16 EUR brut­to zuzüglich Ver­zugs­zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz der EZB auf 395,52 EUR brut­to seit dem 16.04.2012, auf 506,64 EUR brut­to seit dem 16.05.2012 zu zah­len.  

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,  

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.  

Sie hat er­wi­dert:  

Sie ha­be die Mo­na­te März und April ord­nungs­gemäß ab­ge­rech­net und vergütet.  

Im Übri­gen bestünden et­wai­ge Ansprüche nach Un­ter­zeich­nung der Aus­gleichs­quit­tung am 21.05.2012 nicht mehr. Herr M. sei mit dem Kläger die auf der Quit­tung erwähn­ten Punk­te durch­ge­gan­gen. Er ha­be die­sem ins­be­son­de­re erläutert, dass durch den Er­halt des Schecks und die Quit­tie­rung auf der Ge­ne­ral­quit­tung sämt­li­che Leis­tungs­ansprüche bei­der Sei­ten aus­ge­gli­chen wären. Herr M. ha­be auch auf die Möglich­keit hin­ge­wie­sen, even­tu­ell Ansprüche von der Aus­gleichs­quit­tung aus­zu­sch­lie-  

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ßen. Der Kläger ha­be die­sen Wunsch nicht geäußert, son­dern nach ausführ­li­cher Prüfung die Quit­tung un­ter­zeich­net. Be­den­ken ge­gen de­ren Wirk­sam­keit bestünden nicht.  

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt, das vom Kläger un­ter­zeich­ne­te Schriftstück stel­le ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung im Sin­ne des § 305 BGB dar. Der dar­in ent­hal­te­ne An­spruchs­ver­zicht sei nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, da dem Ver­zicht des Klägers auf sei­ne Ansprüche kein an­ge­mes­se­ner Aus­gleich ent­ge­gen­ste­he.  

Ge­gen die­ses ihr am 05.02.2013 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Be­klag­te am 27.02.2013 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se am 27.03.2013 be­gründet.  

Sie wie­der­holt und ver­tieft ih­ren Vor­trag zur Erläute­rung und Durch­sicht der Ge­ne­ral­quit­tung durch ih­ren Mit­ar­bei­ter M. und den Kläger und zu der sich hier­an an­sch­ließen­den Un­ter­zeich­nung. Das Ar­beits­ge­richt ha­be das Schriftstück un­zu­tref­fend als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung ein­ge­ord­net. Sie stel­le die in dem Schrei­ben ent­hal­te­nen Re­ge­lun­gen durch­aus zur Dis­po­si­ti­on. So wer­de Nich­zu­tref­fen­des im ers­ten Ab­schnitt der Erklärung ge­stri­chen. Auch könn­ten noch nicht erfüll­te Ansprüche der Par­tei­en ein­gefügt wer­den. Die­ses Feld sei je­doch ge­stri­chen wor­den. Der Kläger ha­be die Ur­kun­de erst nach Durch­sicht un­ter­zeich­net.  

Aber auch als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung sei der Ver­zicht wirk­sam. Es han­de­le sich um ein beid­sei­ti­ges ne­ga­ti­ves kon­sti­tu­ti­ves Schuld­an­er­kennt­nis, in dem nicht nur der Kläger, son­dern auch sie auf Ansprüche ver­zich­te. Da­mit lie­ge kei­ne ein­sei­ti­ge un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers vor. Et­was an­de­res er­ge­be sich auch nicht aus den vom Ar­beits­ge­richt her­an­ge­zo­ge­nen Ent­schei­dun­gen des BAG und des LAG Schles­wig-Hol­stein. 

Die Be­klag­te be­an­tragt, 

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Ne­umüns­ter vom 09.01.2013 die Kla­ge ab­zu­wei­sen.  

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Der Kläger be­an­tragt:  

Die Be­ru­fung wird zurück­ge­wie­sen.  

Er wie­der­holt und ver­tieft sei­nen Vor­trag aus der ers­ten In­stanz und ver­tei­digt die Ent­schei­dungs­gründe des Ar­beits­ge­richts. Ihm sei we­der die Ab­rech­nung erläutert noch der In­halt und die Be­deu­tung ei­ner Ge­ne­ral­quit­tung erklärt wor­den. Viel­mehr ha­be Herr M. ge­sagt, er wer­de oh­ne Un­ter­schrift sei­ne Pa­pie­re und das Ar­beits­ent­gelt nicht er­hal­ten. Die Quit­tung sei als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung zu be­wer­ten und be­nach­tei­li­ge ihn un­an­ge­mes­sen. 

We­gen des wei­te­ren Sach- und Streit­stands im Ein­zel­nen wird auf den In­halt der Ak­te ver­wie­sen.  

Ent­schei­dungs­gründe:

Die gemäß § 64 Abs. 2 b ArbGG statt­haf­te, form – und frist­gemäß ein­ge­leg­te und be­gründe­te und da­mit zulässi­ge Be­ru­fung der Be­klag­ten ist nicht be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge zu Recht statt­ge­ge­ben. Dem Kläger ste­hen die gel­tend ge­mach­ten Zah­lungs­ansprüche zu.  

An­spruchs­grund­la­ge für das Be­geh­ren des Klägers ist § 611 Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit sei­nem Ar­beits­ver­trag so­wie für die Zeit vom 23. – 30.04.2012, in der der Kläger ar­beits­unfähig er­krankt war, in Ver­bin­dung mit § 3 Abs. 1 EFZG.  

I.

Der An­spruch ist nach Grund und Höhe ent­stan­den. Der Kläger hat erst­in­stanz­lich im Ein­zel­nen dar­ge­legt, wel­che St­un­den er ge­leis­tet hat und in­wie­weit die­se von der Be­klag­ten ab­ge­rech­net wor­den sind. Hier­ge­gen hat die Be­klag­te kon­kre­te Ein­wen­dun­gen we­der in ers­ter In­stanz er­ho­ben, wie be­reits das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend  

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ent­schie­den hat, noch in zwei­ter In­stanz ergänzen­de Ausführun­gen ge­macht. Der Vor­trag des Klägers gilt da­mit als zu­ge­stan­den  

II.

Die Ansprüche sind nicht gemäß § 397 Abs. 2 BGB er­lo­schen.  

Nach die­ser Vor­schrift er­lischt ein Schuld­verhält­nis, wenn der Gläubi­ger durch Ver­trag mit dem Schuld­ner an­er­kennt, dass das Schuld­verhält­nis nicht be­ste­he.  

1. Die Par­tei­en ha­ben ein kon­sti­tu­ti­ves ne­ga­ti­ves Schuld­an­er­kennt­nis im Sin­ne des § 397 Abs. 2 BGB im un­te­ren Teil des am 21.05.2012 un­ter­zeich­ne­ten For­mu­lars ver­ein­bart. Der obe­re Teil des For­mu­lars enthält al­lein ei­ne Emp­fangs­bestäti­gung und da­mit ei­ne Erklärung über Tat­sa­chen. Im letz­ten fett ge­druck­ten Ab­satz bestäti­gen sich die Par­tei­en hin­ge­gen, dass zwi­schen ih­nen ein Schuld­verhält­nis nicht mehr be­steht.  

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sind die Rechts­qua­lität und der Um­fang ei­ner Aus­gleichs­klau­sel durch Aus­le­gung zu er­mit­teln. Als tech­ni­sche Mit­tel mit un­ter­schied­li­chen Rechts­fol­gen kom­men für den Wil­len der Par­tei­en, ih­re Rechts­be­zie­hung zu be­rei­ni­gen, der Er­lass­ver­trag, das kon­sti­tu­ti­ve und das de­kla­ra­to­ri­sche ne­ga­ti­ve Schuld­an­er­kennt­nis in Be­tracht. Ein kon­sti­tu­ti­ves ne­ga­ti­ves Schuld­an­er­kennt­nis liegt dann vor, wenn der Wil­le der Par­tei­en dar­auf ge­rich­tet ist, al­le oder ei­ne be­stimm­te Grup­pe von be­kann­ten oder un­be­kann­ten Ansprüchen zum Erlöschen zu brin­gen (BAG, Ur­teil vom 23.02.2005 – 4 AZR 139/04 - Ju­ris, Rn 47).  

Nach der gewähl­ten For­mu­lie­rung woll­ten die Par­tei­en sämt­li­che Ansprüche des Klägers und der Be­klag­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis „gleich aus wel­chem Rechts­grund“ und da­mit auch ih­nen nicht be­kann­te Ansprüche zum Erlöschen brin­gen. Ei­ne sol­che Erklärung ist ein kon­sti­tu­ti­ves ne­ga­ti­ves Schuld­an­er­kennt­nis (ver­glei­che auch BAG, aaO., Rn 48).  

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2. Die­ses kon­sti­tu­ti­ve ne­ga­ti­ve Schuld­an­er­kennt­nis ist je­doch gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, da es den Kläger ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt.  

a) Bei dem vom Kläger un­ter­zeich­ne­ten For­mu­lar han­delt es sich um ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung im Sin­ne des § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB.  

Un­strei­tig zwi­schen den Par­tei­en ist, dass das For­mu­lar in der An­la­ge B 1 von der Be­klag­ten vor­for­mu­liert und von ihr zum wie­der­hol­ten Ge­brauch be­stimmt wor­den ist. Der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Be­klag­ten hat im Be­ru­fungs­ter­min aus­geführt, der Be­klag­ten lie­ge es ge­ra­de an ei­ner Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, weil sie das ent­spre­chen­de For­mu­lar wie­der­holt und re­gelmäßig ver­wen­det ha­be und ver­wen­de im Zu­sam­men­hang mit der Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit ih­ren Ar­beit­neh­mern.  

Der In­halt der Aus­gleichs­quit­tung ist auch nicht zwi­schen den Par­tei­en aus­ge­han­delt und nach § 305 Abs. 1 Satz 3 BGB ei­ner Kon­trol­le ent­zo­gen. Nach die­ser Vor­schrift lie­gen All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen nicht vor, so­weit die Ver­trags­be­din­gun­gen zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en im Ein­zel­nen aus­ge­han­delt sind.  

Aus­han­deln im Sin­ne von § 305 Abs. 1 Satz 3 BGB be­deu­tet mehr als ver­han­deln. Es genügt nicht, dass der Ver­trags­in­halt le­dig­lich erläutert oder erörtert wird und den Vor­stel­lun­gen des Ver­trags­part­ners ent­spricht. „Aus­ge­han­delt“ im Sin­ne von § 305 Abs. 1 Satz 3 BGB ist ei­ne Ver­trags­be­din­gung nur, wenn der Ver­wen­der die be­tref­fen­de Klau­sel in­halt­lich ernst­haft zur Dis­po­si­ti­on stellt und dem Ver­hand­lungs­part­ner Ge­stal­tungs­frei­heit zur Wah­rung ei­ge­ner In­ter­es­sen einräumt mit der rea­len Möglich­keit, die in­halt­li­che Aus­ge­stal­tung der Ver­trags­be­din­gun­gen zu be­ein­flus­sen. Das setzt vor­aus, dass sich der Ver­wen­der deut­lich und ernst­haft zu gewünsch­ten Ände­run­gen der zu tref­fen­den Ver­ein­ba­rung be­reit erklärt (BAG, Ur­teil vom 01.03.2006 – 5 AZR 363/05 – Ju­ris, Rn 21).  

Da­nach genügt der Vor­trag der Be­klag­ten, Herr M. sei mit dem Kläger die Klau­seln im Ein­zel­nen durch­ge­gan­gen und ha­be die­sem den In­halt und die Be­deu­tung erläu-

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tert, nicht, um von ei­ner aus­ge­han­del­ten Klau­sel im Sin­ne des Ge­set­zes aus­zu­ge­hen. Selbst wenn Herr M. nach dem - vom Kläger be­strit­te­nen –Vor­trag der Be­klag­ten be­reit ge­we­sen sein soll­te, ein­zel­ne Ansprüche von der Aus­gleichs­quit­tung aus­zu­neh­men, be­sei­tigt das den In­halt der Aus­gleichs­quit­tung nicht. Es bleibt da­bei, dass sämt­li­che Ansprüche, an die der Kläger et­wa anläss­lich der Ver­trags­ver­hand­lun­gen noch gar nicht ge­dacht hat, von der Ge­ne­ral­quit­tung um­fasst wer­den. Nicht die Aus­gleichs­quit­tung ist von der Be­klag­ten zur Dis­po­si­ti­on ge­stellt wor­den, son­dern al­lein die Möglich­keit eröff­net wor­den, Ansprüche, von de­nen die Par­tei­en wuss­ten, vom Erlöschen aus­zu­neh­men.  

Dem­zu­fol­ge be­durf­te es auch der von der Be­klag­ten im Be­ru­fungs­ter­min an­ge­reg­ten Be­weis­auf­nah­me durch Ver­neh­mung des Herrn M. über ih­re Be­haup­tun­gen zum In­halt des Gesprächs zwi­schen dem Kläger und Herrn M. nicht. Auch wenn die­ser die Be­haup­tun­gen der Be­klag­ten bestäti­gen soll­te, lägen All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen im Sin­ne des Ge­set­zes vor.  

c) Die Aus­gleichs­quit­tung ist auch nicht als über­ra­schen­de Klau­sel im Sin­ne des § 305 c Abs. 1 BGB kein Ver­trags­be­stand­teil ge­wor­den. Sie ist in der vor­lie­gen­den äußeren Form nicht über­ra­schend im Sin­ne die­ser Vor­schrift.  

Nach § 305 c Abs. 1 BGB wer­den Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen, die nach den Umständen, ins­be­son­de­re nach dem äußeren Er­schei­nungs­bild des Ver­tra­ges, so un­gewöhn­lich sind, dass der Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders mit ih­nen nicht zu rech­nen braucht, nicht Ver­trags­be­stand­teil. Klau­seln im Sin­ne von § 305 c Abs. 1 BGB lie­gen dann vor, wenn ih­nen ein Über­rum­pe­lungs­ef­fekt in­ne­wohnt, weil sie ei­ne Re­ge­lung ent­hal­ten, die von den Er­war­tun­gen des Ver­trags­part­ners deut­lich ab­weicht und mit der die­ser den Umständen nach vernünf­ti­ger­wei­se nicht zu rech­nen braucht. Zwi­schen den durch die Umstände bei Ver­trags­schluss be­gründe­ten Er­war­tun­gen und dem tatsächli­chen Ver­trags­in­halt muss ein deut­li­cher Wi­der­spruch be­ste­hen. Da sich das Über­ra­schungs­mo­ment auch aus dem Er­schei­nungs­bild des Ver­tra­ges er­ge­ben kann, ist es möglich, dass auch das Un­ter­brin­gen ei­ner Klau­sel an ei­ner un­er­war­te­ten Stel­le im Text sie des­we­gen als Über­ra­schungs­klau­sel er­schei­nen lässt. Das Über­ra­schungs­mo­ment ist um­so eher zu be­ja­hen, je 

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be­las­ten­der die Be­stim­mung ist. Im Ein­zel­fall muss der Ver­wen­der dar­auf be­son­ders hin­wei­sen oder die Klau­sel druck­tech­nisch her­vor­he­ben (BAG, Ur­teil vom 23.02.2005 – 4 AZR 139/04 – Ju­ris, Rn 59).  

Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen liegt ei­ne über­ra­schen­de Klau­sel nicht vor.  

Ein Über­ra­schungs­mo­ment er­gibt sich nicht be­reits aus den Umständen anläss­lich der Un­ter­zeich­nung der Aus­gleichs­quit­tung. Zwar hat der Kläger vor­ge­tra­gen, er sei auf­ge­for­dert wor­den, sei­ne Pa­pie­re ab­zu­ho­len. Es ist je­doch im Ar­beits­le­ben nicht un­gewöhn­lich, son­dern im Ge­gen­teil üblich, dass anläss­lich der Überg­a­be der letz­ten Pa­pie­re ei­ne Aus­gleichs­quit­tung un­ter­zeich­net wird. Je­den­falls ist dies nicht nach den Umständen nicht so un­gewöhn­lich, dass der Ar­beit­neh­mer nicht da­mit zu rech­nen braucht. 

Auch die äußere Form der Ge­ne­ral­quit­tung führt nicht da­zu, den An­spruchs­ver­zicht als über­ra­schend ein­zu­ord­nen. So ist das For­mu­lar fett ge­druckt und mit größerem Schrift­bild auch als Ge­ne­ral­quit­tung über­schrie­ben. Der Ver­zicht selbst ist eben­falls fett ge­druckt und deut­lich ab­ge­setzt vom sons­ti­gen For­mu­l­ar­text. Al­lein der Um­stand, dass der Ar­beit­neh­mer so­wohl die Emp­fangs­bestäti­gung als auch die Aus­gleichs­quit­tung durch ei­ne ein­zi­ge Un­ter­schrift bestätigt, macht den An­spruchs­ver­zicht aus Sicht des Be­ru­fungs­ge­richts noch nicht über­ra­schend im Sin­ne des Ge­set­zes (an­de­rer An­sicht LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 24.11.2011 – 5 Sa 1524/11 – Ju­ris, Rn 86 zu ei­ner ähn­li­chen Klau­sel).  

d) Sch­ließlich ist die Ge­ne­ral­quit­tung auch kon­trollfähig im Sin­ne des § 307 Abs. 3 BGB. Nach die­ser Vor­schrift gilt u. a. § 307 Abs. 1 BGB nur für ei­ne Be­stim­mung in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen, durch die von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen­de oder die­se ergänzen­de Re­ge­lun­gen ver­ein­bart wer­den. Tatsächlich re­gelt vor­lie­gend das kon­sti­tu­ti­ve ne­ga­ti­ve Schuld­an­er­kennt­nis kei­ne Haupt­leis­tungs­pflicht, son­dern er­folgt im Kon­text mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (ver­glei­che BAG vom 21.06.2011 – 9 AZR 203/10 – Ju­ris, Rn 40 – 44).  

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e) Die Aus­gleichs­quit­tung der Par­tei­en ist un­wirk­sam, da sie den Kläger un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt im Sin­ne von § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB.  

aa) Nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB sind Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner ent­ge­gen Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen. Ei­ne for­mu­larmäßige Ver­trags­be­stim­mung ist un­an­ge­mes­sen, wenn der Ver­wen­der durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht, oh­ne auch des­sen Be­lan­ge hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu gewähren. Die ty­pi­schen In­ter­es­sen der Ver­trags­part­ner sind un­ter be­son­de­rer Berück­sich­ti­gung grund­recht­lich geschütz­ter Rechts­po­si­tio­nen wech­sel­sei­tig zu be­wer­ten. Die Un­an­ge­mes­sen­heit rich­tet sich nach ei­nem ge­ne­rel­len ty­pi­sie­ren­den, vom Ein­zel­fall los­gelösten Maßstab un­ter Berück­sich­ti­gung von Ge­gen­stand, Zweck und Ei­gen­art des je­wei­li­gen Geschäfts­in­halts der be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se (BAG, Ur­teil vom 06.09.2007 – 2 AZR 722/06 – Ju­ris, Rn 33). For­mu­larmäßige Ver­zichts­ver­ein­ba­run­gen oh­ne kom­pen­sa­to­ri­sche Ge­gen­leis­tung stel­len in der Re­gel ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung dar (Nach­wei­se bei Preis, in: ErfKomm., 12. Auf­la­ge, §§ 305 – 310 BGB, Rn 77). Nach der Emp­feh­lung von Preis, aaO, soll­ten ech­te Aus­gleichs­quit­tun­gen in vor­for­mu­lier­ten Verträgen nicht ver­wen­det wer­den, da sie re­gelmäßig un­wirk­sam sind. Al­ler­dings kann ein bei­der­sei­ti­ger An­spruchs­ver­zicht ge­gen ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung spre­chen. Dann muss aber das Ri­si­ko ei­nes bei­der­sei­ti­gen An­spruchs­ver­lus­tes in et­wa gleich hoch sein. Dies ist bei Ar­beits­verträgen durch­schnitt­lich kei­nes­wegs der Fall, bei de­nen re­gelmäßig der Ar-beit­ge­ber kei­ner­lei Ansprüche mehr ge­gen den Ar­beit­neh­mer hat, da die­ser ihm nach § 614 BGB zur Vor­leis­tung ver­pflich­tet ist. Würde man al­lein we­gen der gleich­zei­ti­gen Ver­zichts­erklärung des Ar­beit­ge­bers an­neh­men, dass kei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung vorläge, könn­te der Ar­beit­ge­ber, der er­kenn­bar kei­ner­lei Ansprüche mehr ge­gen den Ar­beit­neh­mer hat, al­lein da­durch die Un­wirk­sam­keit ei­ner ein­sei­ti­gen Ver­zichts­erklärung des Ar­beit­neh­mers um­ge­hen (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 24.11.2011 – 5 Sa 1524/11 – Ju­ris, Rn 91).  

bb) Nach die­sen Grundsätzen liegt vor­lie­gend ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers vor. Der Ver­zicht der Be­klag­ten auf et­wai­ge Ansprüche ge­gen den Klä-  

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ger ist kei­ne aus­rei­chen­de Kom­pen­sa­ti­on für des­sen Ver­zicht auf ei­ge­ne Ansprüche.
Die Be­ru­fungs­kam­mer schließt sich in­so­weit der Auf­fas­sung des LAG Ber­lin- Bran­den­burg (aaO) aus­drück­lich an. Zwar ist es im Ein­zel­fall denk­bar, dass auch der Ar­beit­ge­ber nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch Ansprüche ge­gen den Ar­beit­neh­mer hat, et­wa auf Scha­dens­er­satz oder we­gen über­zahl­ten Loh­nes. Ty­pi­scher­wei­se ist dies aber ge­ra­de nicht der Fall. Bei der Prüfung der Wirk­sam­keit ei­ner All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung ist aber auf den ty­pi­sier­ten Re­gel­fall und nicht auf die Si­tua­ti­on im Ein­zel­fall ab­zu­stel­len. Ein (theo­re­ti­scher) Ver­zicht des Ar­beit­ge­bers auf sei­ne Ansprüche führt nicht zu ei­ner an­ge­mes­se­nen Kom­pen­sa­ti­on für den Ver­zicht des Ar­beit­neh­mers auf des­sen Ansprüche.  

III.

Zin­sen ste­hen dem Kläger gemäß den §§ 286 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1, 288 Abs. 1 BGB zu.  

IV.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 ZPO. Gründe für die Zu­las­sung der Re­vi­si­on sind nicht er­sicht­lich. 

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