HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/125

Kei­ne Strei­chung ei­nes be­hin­der­ten­ge­rech­ten Ar­beits­plat­zes

Kün­di­gungs­schutz von schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern ge­gen be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen ge­stärkt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 30.03.2010, 7 Sa 58/10
Schild vor Rollgitter WIR SCHLIESSEN
30.06.2010. Ar­beit­ge­ber sind ver­pflich­tet, schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern be­hin­der­ten­ge­rech­te Ar­beits­plät­ze zur Ver­fü­gung zu stel­len, wenn dies im Be­trieb mög­lich ist.

Dass Ar­beit­ge­ber nicht so oh­ne wei­te­res be­schlie­ßen kön­nen, die­se Stel­len wie­der zu strei­chen und dem schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer dar­auf­hin be­triebs­be­dingt zu kün­di­gen, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg. LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 30.03.2010, 7 Sa 58/10.

Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung

Das Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) schützt Ar­beit­neh­mer, die länger als sechs Mo­na­te in ei­nem Be­trieb mit mehr als zehn Ar­beit­neh­mern beschäftigt sind. Er­he­ben der­art geschütz­te Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­gen ih­re Kündi­gung, muss der Ar­beit­ge­ber die „so­zia­le Recht­fer­ti­gung“ der Kündi­gung vor­tra­gen können. Ei­ne der­ar­ti­ge so­zia­le Recht­fer­ti­gung können et­wa drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se (§ 1 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 KSchG) dar­stel­len.

Vor­aus­set­zung ei­ner so­zi­al ge­recht­fer­ti­gen be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, dass der Ar­beit­ge­ber ei­ner­seits ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung trifft, nach der der Be­darf für den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer entfällt. Die­se Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung wird ge­richt­lich nicht über­prüft. Gibt es dann kei­ne Al­ter­na­ti­ve zu der Kündi­gung und hat der Ar­beit­ge­ber ei­ne kor­rek­te So­zi­al­aus­wahl durch­geführt, d.h. dem­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer gekündigt, den die Kündi­gung am we­nigs­ten hart trifft, ist die Kündi­gung wirk­sam.

Ar­beit­ge­ber tref­fen al­ler­dings manch­mal über­ra­schend „klein­tei­li­ge“ Ra­tio­na­li­sie­rungs­maßnah­men. Statt der Sch­ließung et­wa ei­ner kom­plet­ten Ab­tei­lung, wird die Ar­beit so um­or­ga­ni­siert, dass nur ei­ni­ge we­ni­ge oder nur ein ein­zi­ger Ar­beits­platz entfällt. Die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ist dann von dem Kündi­gungs­ent­schluss des Ar­beit­ge­bers kaum noch zu tren­nen. In die­sem Fall muss der Ar­beit­ge­ber sei­ne Ent­schei­dung de­tail­lier­ter als sonst dar­le­gen (BAG, Ur­teil vom 22.05.2003, 2 AZR 326/02, Rn.20).

In die­sem Fall lohnt es sich für gekündig­te Ar­beit­neh­mer, die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ge­nau­er an­zu­gu­cken. Ist die­se nicht tragfähig, ist die Kündi­gung nämlich un­wirk­sam. Dies kann auch dann der Fall sein, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nen be­hin­der­ten­ge­rech­ten Ar­beits­platz, zu des­sen Ein­rich­tung er gemäß dem Neun­ten Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) ver­pflich­tet ist, wie­der strei­chen will. Dar­um geht es in ei­ner in­ter­es­san­ten Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg (Ur­teil vom 30.03.2010, 7 Sa 58/10).

Der Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg: Be­hin­der­ten­ge­rech­ter Ar­beits­platz des schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer soll weg­fal­len

Der 46jähri­ge kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war seit 1983 in ei­nem me­tall­ver­ar­bei­ten­den Un­ter­neh­men als Ofen­be­die­ner und später als Zie­her beschäftigt. Im Jahr 1995 ver­lor er bei ei­nem Ar­beits­un­fall meh­re­re Fin­ger der lin­ken Hand und ist seit­dem schwer­be­hin­dert mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 60. Des­we­gen konn­te er als Zie­her nicht mehr ar­bei­ten und auch im übri­gen kei­ne Tätig­kei­ten ausführen, bei de­nen die vol­le Greiffähig­keit der Hände er­for­der­lich war. Der Ar­beit­ge­ber setz­te ihn des­we­gen im Be­reich der „Zie­he­rei All­ge­mein“ als Kran­be­die­ner ein.

Im Mai 2009 ent­schied der Ar­beit­ge­ber, in der Zie­he­rei die Tätig­keit des Kran­be­die­ners zu strei­chen und die ver­blei­ben­den Auf­ga­ben von drei an­de­ren Ar­beit­neh­mern mit er­le­di­gen zu las­sen, die an­sons­ten mit an­de­ren Auf­ga­ben be­traut wa­ren. Nach der Anhörung des Be­triebs­rats und der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes kündig­te der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer im Ju­li 2009. Hier­ge­gen er­hob der Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin und hat­te Er­folg (Ur­teil vom 02.12.2009, 17 Ca 12606/09).

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg: Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung we­gen willkürli­cher Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung un­wirk­sam

Das LAG hielt die Kündi­gung eben­falls für un­wirk­sam und gab dem Ar­beit­neh­mer recht.

Das LAG konn­te zwar nach­voll­zie­hen, dass der Ar­beits­platz ei­nes Kran­be­die­ners wegfällt, wenn der Ar­beit­ge­ber sich ent­schei­det, nur noch kom­bi­nier­te Ar­beitsplätze ein­zu­rich­ten, auf de­nen der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer we­gen sei­ner Be­hin­de­rung nicht ein­setz­bar war.

Da­mit ver­stieß der Ar­beit­ge­ber je­doch ge­gen sei­ne Pflicht, ei­nen be­hin­der­ten­ge­rech­ten Ar­beits­platz für den schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer zu er­hal­ten (§ 81 Abs. 4 Satz 1 SGB IX).

Da­nach müssen Ar­beit­ge­ber nämlich schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern ei­nen ih­rem Leis­tungs­vermögen ent­spre­chen­den Ar­beits­platz ge­ben und ei­ne der Be­hin­de­rung Rech­nung tra­gen­de Beschäfti­gung zur Verfügung stel­len, wenn es im Be­trieb hier­zu die Möglich­keit gibt. Dies hat auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt in ei­ner Ent­schei­dung aus dem Jahr 2006 aus­drück­lich klar­ge­stellt (Ur­teil vom 14.03.2006, 9 AZR 411/05). Der be­hin­der­ten­ge­rech­te Ar­beits­platz ei­nes Kran­be­die­ners für den kla­gen­den Ar­beit­neh­mer durf­te des­halb nicht ein­fach ab­ge­schafft wer­den. Da der Ar­beit­ge­ber nämlich dann zur er­neu­ten Schaf­fung ei­nes be­hin­der­ten­ge­rech­ten Ar­beits­plat­zes ver­pflich­tet ge­we­sen wäre, war die Strei­chung der Stel­le „un­sach­lich bzw. willkürlich“.

Fa­zit: Ei­ne wirk­sa­me be­triebs­be­ding­te Kündi­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers we­gen der Strei­chung ei­nes be­hin­der­ten­ge­rech­ten Ar­beits­plat­zes im Sin­ne des § 81 Abs. 4 Satz 1 SGB IX setzt vor­aus, dass es für den Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­bar oder mit un­verhält­nismäßigem Auf­wand ver­bun­den wäre, den be­hin­der­ten­ge­reich­ten Ar­beits­platz wei­ter auf­recht zu er­hal­ten. Das hat­te der Ar­beit­ge­ber im Streit­fall je­doch nicht dar­ge­legt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 28. Oktober 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de