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ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/039

Auf der Ar­beit be­stoh­len - wer haf­tet?

Ar­beit­ge­ber haf­ten nicht für den Ver­lust von Ar­beit­neh­mer­ei­gen­tum, wenn die­ses oh­ne be­trieb­li­chen An­lass in die Fir­ma ge­bracht wur­de: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Pres­se­mel­dung vom 21.01.2016, 18 Sa 1409/15
Dieb­stahl am Ar­beits­platz: Haf­tet der Ar­beit­ge­ber?

02.02.2016. Ar­beit­neh­mer soll­ten sich gut über­le­gen, ob sie Wert­ge­gen­stän­de mit zur Ar­beit brin­gen soll­ten.

Denn ihr Ar­beit­ge­ber haf­tet auf­grund sei­ner Für­sor­ge­pflicht nur dann für den Ver­lust von Sa­chen des Ar­beit­neh­mers im Be­trieb, wenn die­se Sa­chen ei­nen ge­wis­sen Be­zug zum Ar­beits­ver­hält­nis ha­ben.

Wann ein sol­cher Be­zug be­steht und ob ein Roll­con­tai­ner im Bü­ro ein ge­eig­ne­tes Zwi­schen­la­ger für Schmuck und Uh­ren im Wert von et­wa 20.000,00 EUR dar­stellt, muss­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm in ei­nem ak­tu­ell Fall ent­schei­den: LAG Hamm, Pres­se­mel­dung vom 21.01.2016, 18 Sa 1409/15.

Wie weit rei­chen die Ob­huts­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers?

Ar­beit­ge­ber ha­ben nicht nur Haupt­pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis, d.h. sie sind nicht nur zur Lohn­zah­lung und zur ver­trags­gemäßen Beschäfti­gung ver­pflich­tet, son­dern sie ha­ben auch ge­wis­se Ne­ben- bzw. Fürsor­ge­pflich­ten (§ 241 Abs.2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB). Be­son­ders wich­tig sind Aus­kunfts- und Hin­weis­pflich­ten und die Pflicht zur Ge­fah­ren­ver­mei­dung, aber auch Ob­huts- und Ver­wah­rungs­pflich­ten.

Auf­grund ih­rer Ob­huts­pflicht sind Ar­beit­ge­ber ge­hal­ten, für persönli­che Sa­chen des Ar­beit­neh­mers Auf­be­wah­rungsmöglich­kei­ten zur Verfügung zu stel­len, wenn die Mit­nah­me der Sa­chen an den Ar­beits­platz nicht ge­stat­tet oder nicht möglich ist. Kon­kret heißt das, dass im Be­trieb ab­sch­ließba­re Spin­de, Schränke oder ähn­li­che Auf­be­wah­rungsmöglich­kei­ten vor­han­den sein müssen.

Stellt der Ar­beit­ge­ber sol­che ab­ge­si­cher­ten Auf­be­wah­rungsmöglich­kei­ten nicht zur Verfügung, kann der Ar­beit­neh­mer je nach La­ge des Ein­zel­falls Scha­dens­er­satz­ansprüche ge­gen den Ar­beit­ge­ber gel­tend ma­chen, wenn ihm persönli­che Wert­sa­chen im Be­trieb ge­stoh­len wur­den.

Aber gilt das auch, wenn der Ar­beit­neh­mer oh­ne Wis­sen des Ar­beit­ge­bers und oh­ne je­den An­lass aus dem Ar­beits­verhält­nis be­son­ders wert­vol­le Sa­chen wie zum Bei­spiel ei­nen teu­ren Ring oder ei­nen wert­vol­len Fo­to­ap­pa­rat mit zur Ar­beit bringt? Haf­tet der Ar­beit­ge­ber dann auf Scha­dens­er­satz, wenn er die ge­bo­te­nen Schutz­maßnah­men un­terlässt? Wie weit ge­hen in sol­chen Fällen die Ob­huts- und Ver­wah­rungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers? 

Der Streit­fall: Ar­beit­neh­mer wer­den am Ar­beits­platz Uh­ren und Schmuck im Wert von 20.000,00 EUR ge­stoh­len

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer ar­bei­te­te in ei­nem Kran­ken­haus im Ruhr­ge­biet. Er be­haup­te­te, im Som­mer 2014 Schmuck und Uh­ren im Wert von rund 20.000,00 EUR in den Roll­con­tai­ner des Schreib­ti­sches in sei­nem Büros ge­legt und den Roll­con­tai­ner da­nach ver­schlos­sen zu ha­ben. Die Uh­ren und den Schmuck woll­te er ei­gent­lich noch am sel­ben Abend zur Bank brin­gen und dort in sein Sch­ließfach de­po­nie­ren. Da auf der Ar­beit aber viel zu tun war, ver­gaß er die­ses Vor­ha­ben kurz­fris­tig wie­der.

Ei­ni­ge Ta­ge später kam dann der Schock: Der Ar­beit­neh­mer muss­te fest­stel­len, dass die Tür zu sei­nem Büro auf­ge­schlos­sen, der Roll­con­tai­ner auf­ge­bro­chen und Uh­ren und Schmuck ge­stoh­len wor­den wa­ren. Of­fen­bar hat­te je­mand, so je­den­falls die Ver­mu­tung des Ar­beit­neh­mers, ei­nen Ge­ne­ral­schlüssel aus der Kit­tel­ta­sche ei­ner Ar­beits­kol­le­gin ent­wen­det und da­mit sei­ne Bürotür geöff­net.

Der Ar­beit­neh­mer warf dar­auf­hin sei­nem Ar­beit­ge­ber vor, Si­cher­heits­maßnah­men un­ter­las­sen zu ha­ben. Kon­kret hätte er durch kla­re An­wei­sun­gen oder an­de­re Vor­keh­run­gen für ei­ne si­che­re Auf­be­wah­rung des Ge­ne­ral­schlüssels sor­gen sol­len. Dann wäre es nicht zu dem Dieb­stahl sei­ner Wert­sa­chen ge­kom­men.

Der Ar­beit­neh­mer zog vor Ge­richt und ver­lang­te von sei­nem Ar­beit­ge­ber Scha­dens­er­satz für die ge­stoh­le­nen Wert­sa­chen. Das Ar­beits­ge­richt Her­ne wies sei­ne Kla­ge ab (Ur­teil vom 19.08.2015, 5 Ca 965/15). Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te der Ar­beit­neh­mer Be­ru­fung ein.  

LAG Hamm: Ar­beit­ge­ber haf­ten nicht für den Ver­lust von Wert­sa­chen des Ar­beit­neh­mers, die die­ser oh­ne je­den be­trieb­li­chen An­lass in die Fir­ma bringt

Im Be­ru­fungs­ter­min nahm der Ar­beit­neh­mer sei­ne Be­ru­fung zurück.

Denn die Rich­ter am LAG Hamm hat­ten be­tont, dass sich die Ob­huts­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers im All­ge­mei­nen nur auf sol­che Sa­chen des Ar­beit­neh­mers be­zie­hen, die die­ser re­gelmäßig mit sich führt oder für sei­ne Ar­beit braucht.

Nur kon­kret be­zo­gen auf sol­che Sa­chen muss der Ar­beit­ge­ber Schutz­maßnah­men er­grei­fen, um den Ar­beit­neh­mer vor Ver­lust oder Beschädi­gung zu schützen, d.h. er muss zum Bei­spiel für ab­sch­ließba­rer Spin­de sor­gen.

Be­zo­gen auf an­de­re Sa­chen des Ar­beit­neh­mers be­ste­hen aber, die das LAG Hamm, kei­ne Ob­huts- und Ver­wah­rungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers. Dies gilt ins­be­son­de­re für Ge­genstände, die der Ar­beit­neh­mer oh­ne Kennt­nis des Ar­beit­ge­bers in den Be­trieb bringt. Wäre der Ar­beit­ge­ber auch be­zo­gen auf sol­che Sa­chen zur Ob­hut und Ver­wah­rung ver­pflich­tet, wäre er un­kal­ku­lier­ba­ren und da­mit un­an­ge­mes­se­nen Haf­tungs­ri­si­ken aus­ge­setzt.

Der Ar­beit­neh­mer nahm dar­auf­hin sei­ne Be­ru­fung zurück, wor­auf­hin ihm das Ge­richt die Ver­fah­rens­kos­ten auf­brumm­te.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber müssen da­mit rech­nen, dass Ar­beit­neh­mer Ja­cken, Mäntel, Geldbörsen und Han­dys mit in den Be­trieb neh­men. Können die­se Din­ge nicht di­rekt ne­ben bzw. am Ar­beits­platz auf­be­wahrt wer­den, müssen ge­si­cher­te Ver­wah­rungsmöglich­kei­ten wie ab­sch­ließba­re Schränke oder Spin­de vor­han­den sein.

Ar­beit­ge­ber sind da­ge­gen nicht ver­pflich­tet, Ver­lust­ri­si­ken in dem Um­fang zu tra­gen wie Geschäfts­ban­ken, die ih­ren Kun­den ge­gen Be­zah­lung Bank­schließfächer ver­mie­ten, die sich in spe­zi­ell ge­si­cher­ten Tre­sorräum­en be­fin­den. Ein Roll­con­tai­ner an ei­nem Büroar­beits­platz ist von vorn­her­ein kein ge­eig­ne­ter Ort, Uh­ren und Schmuck im Wert von 20.000,00 EUR auf­zu­be­wah­ren, erst recht nicht, wenn der Ar­beit­ge­ber da­von nichts weiß.

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Letzte Überarbeitung: 15. Juli 2016

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