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ARBEITSRECHT AKTUELL // 11/044

Kün­di­gung bei Be­triebs­über­gang oh­ne Hin­weis auf die Wi­der­spruchs­frist des Ar­beit­neh­mers

Ei­ne Kün­di­gung bei Be­triebs­über­gang ist un­wirk­sam, wenn sie vor dem Wi­der­spruch des Ar­beit­neh­mers er­folgt.: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 22.10.2010, 6 Sa 1580/10
Zwei Firmenschilder, eines durchgestrichen Be­triebs­über­gang: Ver­ra­ten und ver­kauft?

03.03.2011. Bei ei­nem Be­triebs­über­gang im Sin­ne des § 613a Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) geht der ver­kauf­te Be­trieb vom Ver­äu­ße­rer mit "Mann und Maus" auf den Er­wer­ber über. Er wird mit an­de­ren Wor­ten der neue Ar­beit­ge­ber al­ler Ar­beit­neh­mer.

Da die­se al­ler­dings ein Grund­recht auf freie Ar­beits­platz­wahl ha­ben (Art. 12 Abs. 1 Satz 1 Grund­ge­setz - GG), ist für sie ge­setz­lich ein Wi­der­spruchs­recht vor­ge­se­hen.

Ge­mäß § 613a Abs. 6 BGB kön­nen die Ar­beit­neh­mer dem Über­gang ih­res Ar­beits­ver­hält­nis­ses in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach ei­ner ord­nungs­ge­mä­ßen Un­ter­rich­tung über die we­sent­li­chen Um­stän­de des Be­triebs­über­gangs (Er­wer­be­ri­den­ti­tät, Zeit­punkt, Grund, Fol­gen, etc.) schrift­lich wi­der­spre­chen.

Die Un­ter­rich­tung muss da­bei ver­gleichs­wei­se stren­gen An­for­de­run­gen ge­nü­gen, was in der Pra­xis oft nicht ge­lingt. Dann be­ginnt die ein­mo­na­ti­ge Wi­der­spruchs­frist nicht zu lau­fen und ein Wi­der­spruch ist grund­sätz­lich auch noch nach lan­ger Zeit mög­lich.

Ein sol­cher Spät­wi­der­spruch ist vor al­lem dann für Ar­beit­neh­mer in­ter­es­sant, wenn der neue Ar­beit­ge­ber plötz­lich in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten ge­rät. Ein er­folg­rei­cher Wi­der­spruch führt näm­lich da­zu, dass der Über­gang des Ar­beits­ver­hält­nis­ses rück­wir­kend weg­fällt. Das Ar­beits­ver­hält­nis zwi­schen dem Be­triebs­ver­äu­ße­rer und dem Ar­beit­neh­mer wur­de dann aus recht­li­cher Sicht we­gen des Be­triebs­über­gan­ges nie­mals be­en­det.

Der al­te Ar­beit­ge­ber hat in al­ler Re­gel frei­lich we­nig In­ter­es­se dar­an, sei­ne Ar­beit­ge­ber un­ver­hofft zu­rück­zu­er­hal­ten, zu­mal da­mit im Ein­zel­fall aus­ste­hen­de Lohn­an­sprü­che ver­bun­den sein kön­nen. Es ist al­so in­ter­es­sant für ihn zu wis­sen, wie er das ver­mei­den kann.

Zwar ver­bie­tet § 613a Abs. 4 BGB die Kün­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses "we­gen" des Be­triebs­über­gan­ges. Das Recht zur Kün­di­gung aus an­de­ren Grün­den bleibt da­von je­doch un­be­rührt. Aus Sicht des Be­triebs­ver­äu­ße­rers liegt in­so­weit die Kün­di­gung we­gen feh­len­der Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­keit, d.h. ein be­triebs­be­ding­ter Grund, na­he.

Nun ist aber der Ver­äu­ße­rer nach dem Über­gang des Ar­beits­ver­hält­nis­ses nicht mehr der Ar­beit­ge­ber des Ar­beit­neh­mers und da­mit recht­lich nicht mehr zur Kün­di­gung be­rech­tigt. Da­mit stellt sich die Fra­ge, ob ei­ne sol­che trotz­dem aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung wirk­sam ist und vor al­lem, wie sich ein spä­te­rer Wi­der­spruch nach § 613a BGB auf sie aus­wirkt.

Da­zu muss­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg vor kur­zem Stel­lung neh­men (Ur­teil vom 22. Ok­to­ber 2010, 6 Sa 1580/10).

Ein teil­zeit­be­schäf­tig­ter Stu­dent war in ei­nem La­den­ge­schäft als Ver­käu­fer tä­tig. Der In­ha­ber ver­kauf­te das Ge­schäft, oh­ne sei­nen Ar­beit­neh­mer hier­über zu in­for­mie­ren, d.h. oh­ne die Wi­der­spruchs­frist des § 613a Abs.6 BGB in Gang zu set­zen. An­schlie­ßend kün­dig­te er ihm.

Der Stu­dent er­hob Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und wi­der­sprach im Lau­fe des Rechts­streits dem Über­gang sei­nes Ar­beits­ver­hält­nis­ses auf den Be­triebs­er­wer­ber.

Das in ers­ter In­stanz zu­stän­di­ge Ar­beits­ge­richt Ber­lin mein­te, dem Klä­ger sei "we­gen" des Be­triebs­über­gan­ges, al­so un­wirk­sam, ge­kün­digt wor­den und ver­ur­teil­te den Be­triebs­ver­äu­ße­rer zur Zah­lung von An­nah­me­ver­zugs­lohn (Ur­teil vom 06.05.2010, 2 Ca 17160/09).

Das sah das in zwei­ter In­stanz zu­stän­di­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg an­ders (Ur­teil vom 20.10.2010, 6 Sa 1580/10). Da der Ver­äu­ße­rer sei­nen Be­trieb voll­stän­dig auf­ge­ge­ben hat­te, fehl­te es an ei­ner Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­keit für den Stu­den­ten. Ein be­triebs­be­ding­ter Grund für die Kün­di­gung war da­mit vor­han­den.

Die Kün­di­gung war nach dem er­klär­ten Wi­der­spruch auch wirk­sam, so das LAG. Der Stu­dent hat­te durch den Wi­der­spruch den Be­triebs­ver­äu­ße­rer schlicht wie­der in die Rol­le des Ar­beit­ge­bers ge­drängt und ihm da­mit auch rück­wir­kend das Recht ge­ge­ben, ei­ne Kün­di­gung aus be­triebs­be­ding­ten Grün­den aus­zu­spre­chen.

Der Stu­dent konn­te mit an­de­ren Wor­ten die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung steu­ern und hat­te sich letzt­lich frei da­für ent­schie­den, wie­der zu ei­nem "kün­di­gungs­fä­hi­gen" Ar­beit­neh­mer zu wer­den.

Sei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge hat­te da­mit kei­nen Er­folg. Lohn­an­sprü­che stan­den ihm nur noch bis zum Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist zu.

Fa­zit: Soll­ten Be­triebs­ver­äu­ße­rer an­ge­sichts die­ser Recht­spre­chung nun ge­ge­be­nen­falls vor­sorg­lich nach dem Be­triebs­über­gang be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus­spre­chen? Die Ant­wort lau­tet im All­ge­mei­nen nein.

Denn nach ei­nem Be­triebs­über­gang und vor ei­nem ar­beit­neh­mer­sei­ti­gen Wi­der­spruch ist der Ver­äu­ße­rer nicht mehr Ar­beit­ge­ber und da­her nicht in der La­ge, ei­ne wirk­sa­me Kün­di­gung aus­zu­spre­chen. Die Kün­di­gung ist des­halb un­wirk­sam, was sich ge­richt­lich fest­stel­len lässt - mit ent­spre­chen­den Kos­ten­fol­gen für den Ar­beit­ge­ber.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Juni 2014

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