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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/232

Eck­punk­te zur Ta­rif­ein­heit und Streik­recht

Die Eck­punk­te des Ar­beits­mi­nis­te­ri­ums zur Ta­rif­ein­heit las­sen vom Ko­ali­ti­ons­grund­recht klei­ner Ge­werk­schaf­ten we­nig üb­rig
Streik viele Streikende Hat es sich bald aus­ge­streikt?

30.06.2014. Seit lan­ger Zeit wird über ei­ne ge­setz­li­che Ein­füh­rung des Prin­zips "Ein Be­trieb - ein Ta­rif­ver­trag" dis­ku­tiert.

Ei­ne sol­che ge­setz­li­che Fest­schrei­bung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit wä­re gut für die gro­ßen Ge­werk­schaf­ten und schlecht für die klei­nen, denn ih­re Ta­rif­ver­trä­ge blie­ben da­bei auf der Stre­cke.

Das aber ist ver­fas­sungs­recht­lich hei­kel, denn es wür­de das Ko­ali­ti­ons­grund­recht der klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten mas­siv ein­schrän­ken und wahr­schein­lich auch ver­let­zen.

Trotz­dem will die Bun­des­re­gie­rung an­schei­nend ernst­ma­chen mit die­sem Vor­ha­ben: Ar­beits­mi­nis­te­ri­um: Eck­punk­te zu ei­ner ge­setz­li­chen Re­ge­lung der Ta­rif­ein­heit (26.06.2014).

Ver­ab­schie­dung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit durch das BAG im Jah­re 2010

Seit das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit im Jah­re 2010 auf­ge­ge­ben hat (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/134 Ab­schied vom Grund­satz der Ta­rif­ein­heit), ist er in der po­li­ti­schen Dis­kus­si­on.

Im Kern be­sagt der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit, dass nur die Ta­rif­verträge ei­ner ein­zi­gen Ge­werk­schaft für al­le Ar­beit­neh­mer­grup­pen ei­nes Be­triebs an­ge­wandt wer­den, auch wenn die Ar­beit­neh­mer in ver­schie­de­nen Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert sind. Nach der bis 2010 "gel­ten­den" BAG-Recht­spre­chung kam es da­bei dar­auf an, wel­cher Ta­rif­ver­trag die für den je­wei­li­gen Be­trieb spe­zi­ells­ten, d.h. sach­lich am bes­ten pas­sen­den Re­ge­lun­gen be­reit hält.

Und weil die im Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) ver­tre­te­nen Ge­werk­schaf­ten auf­grund ih­rer lan­gen Ta­rif­pra­xis meist sol­che „spe­zi­el­le­ren“ Ta­rif­verträge vor­wei­sen konn­ten, muss­ten es die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten hin­neh­men, dass ih­re Ta­rif­verträge nicht an­ge­wandt wur­den.

Im Er­geb­nis führ­te das Prin­zip der Ta­rif­ein­heit da­zu, dass die von klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­del­ten Ta­rif­verträge recht­lich wir­kungs­los blie­ben, ob­wohl § 4 Abs.1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) oh­ne Un­ter­schei­dung nach großen oder klei­nen Ge­werk­schaf­ten vor­schreibt, dass (al­le) Ta­rif­verträge für die bei­der­seits ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en un­mit­tel­bar und zwin­gend gel­ten.

Die Nicht­an­wen­dung le­gal zu­stan­de ge­kom­me­ner Ta­rif­verträge klei­ner, aber streik­be­rei­ter "ech­ter" Ge­werk­schaf­ten auf­grund der recht­li­chen Pri­vi­le­gie­rung größerer Ge­werk­schaf­ten ist aber nicht nur mit § 4 Abs.1 TVG, son­dern auch mit Art.9 Abs.3 Satz 1 Grund­ge­setz (GG) un­ver­ein­bar, und aus die­sem Grund hat das BAG den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit 2010 auf­ge­ge­ben.

Denn zu der in Art.9 Abs.3 GG geschütz­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit gehören nicht nur die Streik­frei­heit und die Frei­heit zum Ab­schluss von Ta­rif­verträgen, son­dern natürlich auch recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, die gewähr­leis­ten, dass sol­che Ta­rif­verträge auch an­ge­wandt wer­den und nicht in der Ab­la­ge lan­den.

For­de­run­gen nach ei­ner ge­setz­li­chen Fest­schrei­bung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit

Nach­dem das BAG sei­ne Recht­spre­chung zum The­ma Ta­rif­ein­heit im Jah­re 2010 geändert hat­te, über­rasch­ten der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) und die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) die Öffent­lich­keit mit ei­nem ge­mein­sa­men Ge­set­zes­vor­schlag, dem zu­fol­ge der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit nun­mehr ge­setz­lich fest­ge­schrie­ben wer­den soll­te (BDA, DGB: Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie si­chern - Ta­rif­ein­heit ge­setz­lich re­geln).

Da die­se Po­li­tik aber in ei­ge­nen Rei­hen auf Kri­tik stieß, ließen die DGB-Ge­werk­schaf­ten das Pro­jekt Mit­te 2011 fal­len (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/114 BDA-DGB-Ge­set­zes­in­itia­ti­ve zur Ta­rif­ein­heit be­en­det).

Kaum war das The­ma wie­der vom Tisch, ver­lang­te die SPD im März 2012 ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/095 SPD schlägt Ge­set­zes­in­itia­ti­ve ge­gen die Zer­split­te­rung der Ta­ri­fland­schaft vor). Ei­ne we­ni­ge Ta­ge später ab­ge­hal­te­ne Aus­spra­che im Deut­schen Bun­des­tag zeig­te al­ler­dings, dass die SPD mit die­ser For­de­rung po­li­tisch iso­liert war (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/103 Streit um Ta­rif­ein­heit).

Trotz­dem ei­nig­ten sich die CDU/CSU und die SPD in ih­rem Ko­ali­ti­ons­ver­trag vom No­vem­ber 2013 auf das Ziel, "den Ko­ali­ti­ons- und Ta­rifp­lu­ra­lis­mus in ge­ord­ne­te Bah­nen zu len­ken". Zu die­sem Zweck soll der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit "nach dem be­triebs­be­zo­ge­nen Mehr­heits­prin­zip un­ter Ein­bin­dung der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber" ge­setz­lich fest­ge­schrie­ben wer­den.

Die Bun­des­re­gie­rung macht ernst: Eck­punk­te für ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung der Ta­rif­ein­heit

Am 26.06.2014 wur­de nun­mehr ein Eck­punk­te­pa­pier des Ar­beits­mi­nis­te­ri­ums zum The­ma Ta­rif­ein­heit be­kannt, das der Vor­be­rei­tung ei­ner Ge­set­zesände­rung dient und den Ko­ali­ti­ons­ver­trag in die­sem Punkt um­set­zen soll. Ziel ist die Auflösung von "Ta­rifp­lu­ra­litäten". Da­zu ist im Kern Fol­gen­des vor­ge­se­hen:

Das Ne­ben­ein­an­der ver­schie­de­ner Ta­rif­verträge in ei­nem Be­trieb soll durch An­wen­dung des Mehr­heits­prin­zips auf­gelöst wer­den, d.h. es sol­len nur die Ta­rif­verträge der­je­ni­gen Ge­werk­schaft zur An­wen­dung kom­men, die im Be­trieb mehr Mit­glie­der hat (Mehr­heits­ge­werk­schaft).

Die­se Ver­drängung der Ta­rif­verträge von Min­der­hei­ten­ge­werk­schaf­ten ist als Auf­fang­re­gel ge­dacht, d.h. die­se ge­setz­li­che Ver­drängung soll in fol­gen­den zwei Fällen nicht ein­grei­fen:

  • Ers­tens: Die be­tei­lig­ten Ge­werk­schaf­ten stim­men ih­re Zuständig­kei­ten ein­ver­nehm­lich un­ter­ein­an­der ab und die von ih­nen ver­ein­bar­ten Ta­rif­verträge gel­ten für je­weils ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer­grup­pen. Dann wer­den die Ta­rif­verträge der ver­schie­de­nen Ge­werk­schaf­ten auf die Ar­beit­neh­mer­grup­pen an­ge­wandt, auf die sie gemäß der von den Ge­werk­schaf­ten ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­rung An­wen­dung fin­den sol­len ("ge­willkürte Ta­rifp­lu­ra­lität").
  • Zwei­tens: Es kommt zu in­halts­glei­chen Ta­rif­verträgen ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten, d.h. zu sog. An­schluss­ta­rif­verträgen. Auch dann wer­den die Ta­rif­verträge klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten nicht kraft Ge­set­zes ver­drängt, son­dern auf de­ren Mit­glie­der an­ge­wandt.

Darüber hin­aus sieht das Eck­punk­te­pa­pier vor, dass klei­ne­re Ge­werk­schaf­ten nicht mehr für ih­re ei­ge­nen Ta­rif­verträge strei­ken dürfen, d.h. ge­nau­er ge­sagt: Sie sol­len künf­tig an die Frie­dens­pflicht ge­bun­den sein, die sich aus den im Be­trieb an­ge­wand­ten Ta­rif­verträgen der Mehr­heits­ge­werk­schaft er­gibt. Im Eck­punk­te­pa­pier heißt es da­zu:

"So­weit sich im Be­trieb Ta­rif­verträge un­ter­schied­li­cher Ge­werk­schaf­ten über­schnei­den, kommt nur der Ta­rif­ver­trag der Ge­werk­schaft zur An­wen­dung, die im Be­trieb mehr Mit­glie­der hat (Mehr­heits­ge­werk­schaft). Dies schließt in­so­weit auch ei­ne Er­stre­ckung der Frie­dens­pflicht aus dem Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft auf die Min­der­heits­ge­werk­schaft ein."

Nicht­an­wen­dung der Ta­rif­verträge klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten und Ko­ali­ti­ons­frei­heit

Wie erwähnt gehören zu der grund­recht­lich geschütz­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit (Art.9 Abs.3 Satz 1 GG) sämt­li­cher und da­mit auch klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, die die An­wen­dung der von der Ge­werk­schaft ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge auf ih­re Mit­glie­der si­cher­stel­len.

Die­se Rah­men­be­din­gun­gen sol­len den klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten nach den Ziel­vor­stel­lun­gen des Eck­punk­te­pa­piers ge­nom­men wer­den. Dar­in liegt ein sehr er­heb­li­cher Ein­griff in das Ko­ali­ti­ons­grund­recht der da­von be­trof­fe­nen Ge­werk­schaf­ten.

Die In­ten­sität die­ses Ein­griffs wird da­durch nicht ab­ge­mil­dert, dass das Ge­setz es den Ge­werk­schaf­ten "er­laubt", durch Ver­ein­ba­rung die Ar­beit­neh­mer­grup­pen fest­zu­le­gen, für die je­weils die die Ta­rif­verträge der ei­nen oder der an­de­ren Ge­werk­schaft gel­ten soll.

Denn hier müss­ten die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten bei den Mehr­heits­ge­werk­schaf­ten bet­teln ge­hen, d.h. sie wären auf de­ren Gutdünken an­ge­wie­sen. Die Mehr­heits­ge­werk­schaf­ten könn­ten sol­che Ab­stim­mun­gen je­der­zeit ver­wei­gern, weil ih­re Ta­rif­verträge ja oh­ne­hin gemäß dem Mehr­heits­prin­zip an­ge­wandt wer­den, und zwar auf al­le Ar­beit­neh­mer­grup­pen des Be­triebs.

Auch die Möglich­keit der Ver­ein­ba­rung von An­schluss­ta­rif­verträgen mil­dert den ge­plan­ten Ein­griff in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten nicht ab. An­schluss­ta­rif­verträge sind Ta­rif­verträge, die von den großen (DGB-)Ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­delt wer­den und un­ter die so­dann die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten auch "ih­re Un­ter­schrift set­zen" dürfen, so dass sie for­mal Par­tei sol­cher Ta­rif­verträge wer­den. An­schluss­ta­rif­verträge wer­den da­her nicht oh­ne Grund auch Gefällig­keits­ta­rif­verträge ge­nannt. Sie sind für klei­ne­re Ge­werk­schaf­ten im Ver­gleich zu den von ih­nen selbst in­halt­lich aus­ge­han­del­ten Ta­rif­verträgen wert­los.

So­mit fragt sich, durch wel­che über­wie­gen­den Be­lan­ge des Ge­mein­wohls so ex­tre­me Ein­grif­fe in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten ge­recht­fer­tigt wer­den könn­te. Im Eck­punk­te­pa­pier heißt es hier­zu:

"Die Ord­nungs- und Be­frie­dungs­funk­ti­on der Ta­rif­au­to­no­mie kann durch un­ge­ord­ne­te Ta­rifp­lu­ra­litäten be­ein­träch­tigt wer­den. Die Frie­dens­pflicht des Ta­rif­ver­trags wird ent­wer­tet, wenn sich ein be­reits ta­rif­ge­bun­de­ner Ar­beit­ge­ber ei­ner Viel­zahl wei­te­rer For­de­run­gen und ggf. Ar­beits­kampf­maßnah­men kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten ge­genüber­sieht. Zu­dem können in­ner­be­trieb­li­che Ver­tei­lungskämp­fe den Be­triebs­frie­den gefähr­den, so­weit sich In­ter­es­sen­ge­gensätze in­ner­halb der Be­leg­schaft, die un­ter dem Grund­satz der Ta­rif­ein­heit in­tern von den Ge­werk­schaf­ten zum Aus­gleich ge­bracht wer­den, in die Ta­rif­ver­hand­lun­gen ver­la­gern. Die Ak­zep­tanz ei­ner be­trieb­li­chen Lohn­po­li­tik, die vor al­lem die be­son­de­ren Macht­po­si­tio­nen ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen im Be­triebs­ab­lauf prämiert, ist ge­ring."

Wenn die Re­gie­rung selbst da­von aus­geht, dass die Ord­nungs- und Be­frie­dungs­funk­ti­on der Ta­rif­au­to­no­mie durch das Ne­ben­ein­an­der ver­schie­de­ner Ta­rif­verträge le­dig­lich be­ein­träch­tigt wer­den "kann" (!) und wenn an­geb­li­che "in­ner­be­trieb­li­che Ver­tei­lungskämp­fe" den sog. Be­triebs­frie­den gefähr­den "können", dann ist ein drin­gen­der Hand­lungs­be­darf of­fen­sicht­lich nicht ge­ge­ben.

Die Ta­rif­au­to­no­mie funk­tio­niert seit 2010 ganz gut, und auch größere Ar­beit­ge­ber, die Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten ne­ben­ein­an­der an­wen­den müssen, kom­men da­mit of­fen­bar prak­tisch zu­recht.

Über­wie­gen­de Be­lan­ge des Ge­mein­wohls, die die Ta­rif­unmündig­keit klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten und de­ren De­gra­die­rung zu so­zi­al­po­li­ti­schen De­bat­tier­clubs recht­fer­ti­gen könn­ten, sind dem­nach nicht er­sicht­lich.

Kann die Re­gie­rung aber kei­ne hand­fes­ten und über­wie­gen­den Sach­gründe für ei­ne so ex­trem weit­ge­hen­de Ein­schränkung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten auf­zei­gen, ist die ge­plan­te Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit ver­fas­sungs­wid­rig, weil sie die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten ver­letzt.

Frie­dens­flicht auf­grund der Ta­rif­verträge Drit­ter und Streik­recht

Der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit ist ei­ne recht­li­che Re­gel, die fest­legt, wel­cher von ver­schie­de­nen, für den Ar­beit­ge­ber glei­cher­maßen ver­bind­li­chen Ta­rif­verträgen auf ein Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den soll. Das Prin­zip der Ta­rif­ein­heit be­schränkt da­her die Streik­frei­heit klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten - ent­ge­gen ei­nem weit ver­brei­te­ten Irr­tum - zunächst ein­mal nicht.

Denn da­mit über­haupt ver­schie­de­ne Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten ne­ben­ein­an­der be­ste­hen, müssen sie ja erst ein­mal wirk­sam ver­ein­bart wor­den sein. Und da zu Ta­rif­ver­hand­lun­gen im Nor­mal­fall Streiks (oder zu­min­dest glaubwürdi­ge Streik­dro­hun­gen) gehören, setzt der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit als sol­cher dem Streik­recht klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten kei­ne Schran­ken.

Sol­che Schran­ken al­ler­dings sieht das jetzt vor­lie­gen­de Eck­punk­te­pa­pier vor. Da­mit geht es weit über die Rechts­wir­kun­gen hin­aus, die der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit gemäß der al­ten, im Jah­re 2010 auf­ge­ge­be­nen BAG-Recht­spre­chung hat­te.

Denn wie erwähnt ist ge­plant, dass die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten künf­tig an die "Frie­dens­pflicht aus dem Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft" ge­bun­den sein sol­len.

Hat da­her zum Bei­spiel die DGB-Ge­werk­schaft ver.di als Mehr­heits­ge­werk­schaft ei­nen für Kran­ken­hausärz­te gel­ten­den Ta­rif­ver­trag ab­ge­schlos­sen, darf der Mar­bur­ger Bund als Min­der­heits­ge­werk­schaft während der Lauf­zeit die­ses Ta­rif­ver­trags kei­nen Streik führen.

Erst wenn die Frie­dens­pflicht aus dem ver.di-Ta­rif­ver­trag ab­ge­lau­fen ist und die ver.di da­her strei­ken könn­te, darf auch der Mar­bur­ger Bund strei­ken und er darf sich da­bei auch ei­ge­ne For­de­run­gen auf die Fah­nen schrei­ben, nur en­det das Streik­recht so­fort, wenn die ver.di mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te ei­nig ge­wor­den ist. Denn dann gibt es ja wie­der ei­nen Ta­rif­ver­trag für die Kran­ken­hausärz­te.

Ei­ne ei­genständi­ge Streik­pla­nung und Streikführung wäre da­her für ei­ne Min­der­hei­ten­ge­werk­schaft wie den Mar­bur­ger Bund gar nicht mehr möglich.

Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass die Ar­beit­ge­ber­sei­te während lau­fen­der Streiks ja gar nicht mehr ernst­haft mit ei­ner Min­der­hei­ten­ge­werk­schaft ver­han­deln müss­te. Denn de­ren Ta­rif­verträge sind ja oh­ne­hin da­zu be­stimmt, in der Ab­la­ge lan­den, d.h. sie sol­len dem Grund­satz der Ta­rif­ein­heit zum Op­fer fal­len.

Ei­ne so ex­tre­me Be­schränkung des Streik­rechts wäre nur rech­tens, wenn es dafür über­wie­gen­den Be­lan­ge des Ge­mein­wohls gäbe. Sol­che Gründe sind aber nicht er­sicht­lich.

In Deutsch­land wird im Ver­gleich zu an­de­ren Ländern sehr sel­ten ge­streikt und wenn über­haupt, dann nur für kur­ze Zeit. Es ist nicht er­kenn­bar, dass das Streik­recht klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten größere volks­wirt­schaft­li­che "Schäden" an­rich­tet als das Streik­recht der DGB-Ge­werk­schaf­ten.

Die bloße abs­trak­te Möglich­keit, dass ein und der­sel­be Ar­beit­ge­ber sich ei­ner Mehr­zahl von Ge­werk­schaf­ten ge­genüber­se­hen könn­te und mit die­sen un­ter An­dro­hung von Streiks ver­han­deln müss­te, ist al­les an­de­re als ein un­trag­ba­rer Zu­stand, der ei­nen so mas­si­ven ge­setz­li­chen Grund­rechts­ein­griff recht­fer­ti­gen könn­te.

An die­ser Stel­le muss man sich auch vor Au­gen hal­ten, dass Art.9 Abs.3 Satz 3 GG so­gar für Fälle des Not­stands und des Span­nungs­falls kei­ne ge­gen Ar­beitskämp­fe ge­rich­te­ten Maßnah­men er­laubt. Wenn aber be­reits die Not­stands­ver­fas­sung das Streik­recht aus­klam­mert, dann sind die von der Bun­des­re­gie­rung nur ne­bulös und schlag­wort­ar­tig ge­nann­ten "Sach­gründe" nicht aus­rei­chend, um ei­ne weit­ge­hen­de Lahm­le­gung klei­ner Ge­werk­schaf­ten zu recht­fer­ti­gen.

Im Er­geb­nis wäre die jetzt ge­plan­te weit­ge­hen­de Be­sei­ti­gung des Streik­rechts klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten ver­fas­sungs­wid­rig, weil sie de­ren Grund­recht auf Streik (Art.9 Abs.3 GG) ver­let­zen würde.

An­ti-Ge­werk­schafts­ge­setz­ge­bung und Ver­fas­sung

Die ge­plan­te Pri­vi­le­gie­rung der eta­blier­ten und mit­glie­der­star­ken DGB-Ge­werk­schaf­ten rich­tet sich un­ver­hoh­len ge­gen Ge­werk­schaf­ten, die nach ei­nem an­de­ren Prin­zip als die DGB-Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert sind:

Während die DGB-Ge­werk­schaf­ten nach dem sog. In­dus­trie­ver­bands­prin­zip or­ga­ni­siert sind, d.h. nach dem Prin­zip "ei­ne Bran­che - ei­ne Ge­werk­schaft", fol­gen die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten, ge­gen die sich das Ge­set­zes­vor­ha­ben rich­tet, dem Be­rufs­grup­pen­prin­zip, d.h. dem Prin­zip "ein Be­ruf - ei­ne Ge­werk­schaft".

Bei­de Or­ga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pi­en sind ver­fas­sungs­recht­lich glei­cher­maßen durch die Ko­ali­ti­ons­frei­heit geschützt, ha­ben al­ler­dings fak­tisch un­ter­schied­li­che Fol­gen für die Mit­glie­der­zahl. Wenn ei­ne Ge­werk­schaft von vorn­her­ein nur die Be­rufs­grup­pe der Ärz­te, der Pi­lo­ten oder der Lokführer or­ga­ni­sie­ren möch­te, wird sie zwangsläufig nie­mals so vie­le Mit­glie­der ge­win­nen können wie ei­ne Ge­werk­schaft, die al­len Ar­beit­neh­mern der ge­sam­ten Dienst­leis­tungs­bran­che of­fen­steht.

Die ge­plan­te ge­setz­li­che Re­ge­lung ist of­fen dar­auf ge­rich­tet, die Rech­te der klei­nen (Be­rufs­grup­pen-)Ge­werk­schaf­ten zu­guns­ten der großen (In­dus­trie-)Ge­werk­schaf­ten des DGB zu be­schnei­den. Denn das Ge­set­zes­vor­ha­ben ist aus­drück­lich ge­gen ei­ne ge­werk­schaft­li­che Lohn­po­li­tik ge­rich­tet, "die vor al­lem die be­son­de­ren Macht­po­si­tio­nen ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen im Be­triebs­ab­lauf prämiert" (Eck­punk­te­pa­pier), d.h. der Ge­setz­ge­ber möch­te ex­pli­zit und ziel­ge­rich­tet die Rech­te der nach dem Be­rufs­grup­pen­prin­zip or­ga­ni­sier­ten Ge­werk­schaf­ten be­schnei­den.

Wel­che die­ser Or­ga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pi­en "rich­tig" oder "bes­ser" ist, hat aber nicht der Staat zu ent­schei­den. Das ist ei­ne ko­ali­ti­ons­po­li­ti­sche Streit­fra­ge, die dem frei­en Wett­be­werb der Ge­werk­schaf­ten und de­ren Über­zeu­gungs­ar­beit bei der Mit­glie­der­wer­bung über­las­sen blei­ben muss.

Die der­zeit be­kannt ge­wor­de­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Ziel­set­zung verstößt als sol­che be­reits ge­gen das Grund­ge­setz, d.h. ge­gen die Ko­ali­ti­ons­frei­heit (Art.9 Abs.3 GG) und auch ge­gen den Gleich­heits­satz (Art.3 Abs.1 GG). Denn die staat­li­che Ge­setz­ge­bung muss dafür Sor­ge tra­gen, dass al­le ech­ten (d.h. "so­zi­al mäch­ti­gen" bzw. streik­be­rei­ten) Ar­beit­neh­mer­ko­ali­tio­nen for­mal glei­che recht­li­che Chan­cen ha­ben, gemäß ih­ren frei gewähl­ten und von der Ko­ali­ti­ons­frei­heit geschütz­ten Or­ga­ni­sa­ti­ons­grundsätzen er­folg­reich zu sein.

Im Er­geb­nis würde die ge­plan­te An­ti-Ge­werk­schafts­ge­setz­ge­bung da­zu führen, dass neue und mit den eta­blier­ten DGB-Ge­werk­schaf­ten kon­kur­rie­ren­de Be­rufs­grup­pen-Ge­werk­schaf­ten aus recht­li­chen Gründen dau­er­haft kei­ne Chan­ce hätten, ech­te Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen und dafür zu strei­ken. Da­durch würden die von den Re­gie­rungs­plänen recht­lich pri­vi­le­gier­ten In­dus­trie­ver­bands-Ge­werk­schaf­ten des DGB fak­tisch zu Staats­ge­werk­schaf­ten. Das würde die ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­ne recht­li­che Chan­cen­gleich­heit der Ge­werk­schaf­ten im Wett­be­werb um neue Mit­glie­der und ta­rif­po­li­ti­sche Er­fol­ge zu­nich­te ma­chen und den frei­heit­li­chen Cha­rak­ter des deut­schen Ta­rif­ver­trags­sys­tems zerstören.

Fa­zit: Das Eck­punk­te­pa­pier zum Grund­satz der Ta­rif­ein­heit be­inhal­tet of­fen­kun­di­ge und mas­si­ve Grund­rechts­ver­let­zun­gen

An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Staat mit dem jetzt vor­lie­gen­den Eck­punk­te­pa­pier das ers­te Mal in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik ei­ne für den Nor­mal­fall von Ta­rif­ver­hand­lun­gen gel­ten­de ge­setz­li­che Re­ge­lung des Streik­rechts plant, ist die Ar­ro­ganz be­mer­kens­wert, mit der die Re­gie­rung hand­greif­li­che und seit Jah­ren be­kann­te ver­fas­sungs­recht­li­che Pro­ble­me igno­riert. An­schei­nend hat es die große Ko­ali­ti­on in ih­rer Machtfülle nicht nötig, Grund­rech­te zu be­ach­ten.

Natürlich ist der Staat nicht ge­hin­dert, den Streik ge­setz­lich zu re­geln und in ei­nem Streik­ge­setz zum Bei­spiel ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche Sch­lich­tungs­pha­se vor­zu­schrei­ben oder ge­wis­se Ände­run­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zum Streik­recht vor­zu­neh­men. Ein sol­ches Streik­ge­setz müss­te aber ein­heit­lich für al­le Ge­werk­schaf­ten gel­ten und dürf­te sich nicht ge­zielt ge­gen "klei­ne" Spar­ten- bzw. Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten rich­ten.

Mögli­cher­wei­se spe­ku­liert man in den Mi­nis­te­ri­en auch dar­auf, dass es Jah­re dau­ern kann, bis das jetzt ge­plan­te Ge­setz vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) ge­prüft und auf­ge­ho­ben wird, und bis da­hin hat man erst ein­mal Tat­sa­chen ge­schaf­fen. Ei­ne sol­che Tak­tik könn­te aber schei­tern, denn die klei­nen Ge­werk­schaf­ten wer­den sich wahr­schein­lich nicht an ein of­fen­kun­dig ver­fas­sungs­wid­ri­ges Streik­ver­bot hal­ten. Dann wird es zu ar­beits­ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren kom­men und mögli­cher­wei­se auch zu ei­ner Eil­ent­schei­dung des BVerfG.

Die Po­li­ti­ker der großen Ko­ali­ti­on wären im übri­gen gut be­ra­ten, zur Kennt­nis zu neh­men, dass nicht nur die be­trof­fe­nen klei­nen Ge­werk­schaf­ten ge­gen die Pläne der Re­gie­rung Sturm lau­fen (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/230 Kri­tik an Nah­les Eck­punk­ten zur Ta­rif­ein­heit), son­dern dass auch die DGB-Ge­werk­schaf­ten mitt­ler­wei­le auf Dis­tanz zu der ak­tu­el­len An­tis­t­reik­ge­setz­ge­bung ge­gan­gen sind. Zwar hätte man beim DGB nichts ge­gen ei­ne ge­setz­li­che Wie­der­einführung der Ta­rif­ein­heit, doch wen­det man sich auch dort ge­gen ei­ne Be­schränkung des Streik­rechts klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten.

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Letzte Überarbeitung: 1. Dezember 2015

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