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ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/139

Ta­rif­ein­heit und in­ter­na­tio­na­les Recht

Die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Ta­rif­ein­heit wi­der­spricht ILO-Über­ein­kom­men Nr.87 und Nr.98 so­wie Art.11 EM­RK: Rechts­gut­ach­ten Prof. Schlach­ters im Auf­trag des Ver­ban­des an­ge­stell­ter Aka­de­mi­ker und lei­ten­der An­ge­stell­ter der che­mi­schen In­dus­trie (VAA)
Polier mit Bauarbeitern Wem nützt das Prin­zip "Ein Be­trieb, ein Ta­rif­ver­trag"?

28.05.2015. Am Frei­tag letz­ter Wo­che hat der Bun­des­tag dem um­strit­te­nen Ta­rif­ein­heits­ge­setz wie er­war­tet ge­gen die Stim­men der Op­po­si­ti­on zu­ge­stimmt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/132 Um­strit­te­nes Ge­setz zur Ta­rif­ein­heit pas­siert den Bun­des­tag).

Wäh­rend es in der bis­he­ri­gen Dis­kus­si­on über das Ge­set­zes­vor­ha­ben vor al­lem um die Fra­ge ging, ob die Ver­drän­gung von Ta­rif­ver­trä­gen klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten ge­mäß ei­nem be­triebs­be­zo­ge­nen Mehr­heits­prin­zip ("Ta­rif­ein­heit") ge­gen das Ko­ali­ti­ons­grund­recht (Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz - GG) ver­stößt oder nicht, zeigt ein ak­tu­el­les Gut­ach­ten der Ar­beits­rechts­pro­fes­so­rin Mo­ni­ka Schlach­ter auf, dass das Ta­rif­ein­heits­ge­setz auch ge­gen in­ter­na­tio­na­les Recht ver­stößt.

Im fol­gen­den wer­den die zen­tra­len Aus­sa­gen die­ses Gut­ach­tens kurz vor­ge­stellt: Prof. Mo­ni­ka Schlach­ter, Die Ver­ein­bar­keit ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ner Ta­rif­ein­heit mit in­ter­na­tio­na­lem Recht (EM­RK, ILO-Über­ein­kom­men Nr.87 und 98). Rechts­gut­ach­ten im Auf­trag des Ver­ban­des an­ge­stell­ter Aka­de­mi­ker und lei­ten­der An­ge­stell­ter der che­mi­schen In­dus­trie (VAA).

Der neue § 4a Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) - Ein­griff in Ge­werk­schafts­rech­te oder bloße "Aus­ge­stal­tung" der Ta­rif­au­to­no­mie?

Nach der durch das Ta­rif­ein­heits­ge­setz her­bei­geführ­ten Ergänzung des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (TVG), die in § 4a Abs.2 Satz 2 TVG neue Fas­sung (n.F.) fest­ge­schrie­ben ist, gel­ten im Fal­le ei­ner Über­schnei­dung "nicht in­halts­glei­cher Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten" nur die Ta­rif­verträge der­je­ni­gen Ge­werk­schaft, die im Be­trieb die meis­ten Mit­glie­der hat. § 4a Abs.2 Satz 2 TVG n.F. lau­tet:

"So­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che nicht in­halts­glei­cher Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten über­schnei­den (kol­li­die­ren­de Ta­rif­verträge), sind im Be­trieb nur die Rechts­nor­men des Ta­rif­ver­trags der­je­ni­gen Ge­werk­schaft an­wend­bar, die zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des zu­letzt ab­ge­schlos­se­nen kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags im Be­trieb die meis­ten in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den Mit­glie­der hat."

Die­se Re­ge­lung rich­tet sich, so die Ge­set­zes­be­gründung (Ge­setz­ent­wurf, S.8), ge­gen Ta­rif­verträge, die sog. "Schlüssel­po­si­tio­nen im Be­triebs­ab­lauf" prämie­ren. Ge­meint sind of­fen­sicht­lich die Ta­rif­verträge von sog. Spar­ten- oder Be­rufs­ge­werk­schaf­ten wie ins­be­son­de­re die Ta­rif­verträge der Ge­werk­schaft Deut­scher Lokführer (GDL), der Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund, der Pi­lo­ten­ver­ei­ni­gung Cock­pit, der Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) oder der Un­abhängi­gen Flug­be­glei­ter Or­ga­ni­sa­ti­on (UFO).

Denn da die­se Be­rufs­ge­werk­schaf­ten in den meis­ten Be­trie­ben we­ni­ger Ar­beit­neh­mer als die be­rufsüberg­rei­fend or­ga­ni­sier­ten großen DGB-Ge­werk­schaf­ten ver­tre­ten, ist der be­ab­sich­tig­te Ef­fekt der Neu­re­ge­lung, dass die Ta­rif­verträge der Be­rufs­ge­werk­schaf­ten ver­drängt wer­den, und zwar zu­guns­ten der Ta­rif­verträge der DGB-Ge­werk­schaf­ten.

Da die Be­rufs­ge­werk­schaf­ten auch nach der Einfügung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit in das TVG wei­ter­hin Ta­rif­verträge ab­sch­ließen können, könn­te man mei­nen, die­se Vor­ran­g­re­gel zu­guns­ten der im Be­trieb mit­glie­derstärks­ten Ge­werk­schaf­ten sei ei­ne bloße Ta­rif­an­wen­dungs­vor­schrift und da­mit ei­ne "Aus­ge­stal­tung" des Ko­ali­ti­ons­grund­rech­tes (Art.9 Abs.3 GG).

Läge ei­ne bloße Grund­rechts­aus­ge­stal­tung vor, könn­ten die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten, de­ren Ta­rif­verträge gemäß der Ta­rif­ein­heits­re­gel künf­tig ver­drängt wer­den, gar nicht über ei­nen Ein­griff in ih­re Grund­rechts­po­si­tio­nen kla­gen, so dass sich die Fra­ge der Recht­fer­ti­gung ei­nes (nicht ge­ge­be­nen) Grund­rechts­ein­griffs nicht stel­len würde.

In die­sem Sin­ne hat sich bei der Ex­per­ten­anhörung im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren Prof. Pa­pier geäußert (Be­schluss­emp­feh­lung und Be­richt, S.11), wo­hin­ge­gen Prof. Däubler die An­sicht ver­trat, dass das Ge­setz den Spiel­raum für ei­ne bloße Aus­ge­stal­tung bei wei­tem über­schrei­te (Be­schluss­emp­feh­lung und Be­richt, S.12).

Rich­tig ist wohl die An­sicht, der zu­fol­ge das Ta­rif­ein­heits­ge­setz in das Ko­ali­ti­ons­grund­recht der klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten (er­heb­lich) ein­greift und nicht le­dig­lich ei­ne harm­lo­se "Aus­ge­stal­tung" der Rechts­in­sti­tu­ti­on Ko­ali­ti­ons­frei­heit dar­stellt.

Denn die Frei­heit zum Ab­schluss von Ta­rif­verträgen, die auf die ei­ge­nen Mit­glie­der kraft Ta­rif­wir­kung (= ge­set­zes­gleich) An­wen­dung fin­den, ist nach deut­schem Ta­rif­recht (§ 3 Abs.1 TVG in Verb. mit § 4 Abs.1 TVG) we­sent­lich für die ge­werk­schaft­li­che Betäti­gung und da­mit auch für das Ko­ali­ti­ons­grund­recht der Ge­werk­schaf­ten. Nimmt man den klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten die ge­set­zes­glei­che Wir­kung ih­rer Ta­rif­verträge, blei­ben nur ge­rin­ge Betäti­gungsmöglich­kei­ten übrig, so ins­be­son­de­re die Öffent­lich­keits­ar­beit und die ar­beits­ge­richt­li­che Ver­tre­tung ih­rer Mit­glie­der.

Da­mit ist noch nicht ge­sagt, dass der mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­bun­de­ne Ein­griff in das Ko­ali­ti­ons­grund­recht der Be­rufs­ge­werk­schaf­ten auch ei­ne Grund­rechts­ver­let­zung ist, denn ein Grund­rechts­ein­griff kann durch über­wie­gen­de po­li­ti­sche Ein­griffs­zie­le ge­recht­fer­tigt so­wie verhält­nismäßig sein und da­mit im Er­geb­nis rech­tens.

Al­ler­dings fragt sich dann, ob und durch wel­che über­wie­gen­den Zie­le ein sol­cher Ein­griff ge­recht­fer­tigt ist. Die­se Fra­ge stellt sich auch, so das Rechts­gut­ach­ten Prof. Schlach­ters, in Be­zug auf Vor­schrif­ten des in­ter­na­tio­na­len Rechts.

Ta­rif­ein­heit und ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.87 und Nr.98

Das ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.87 über die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit und den Schutz des Ver­ei­ni­gungs­rechts von 1948, das von Deutsch­land 1957 ra­ti­fi­ziert wur­de, ga­ran­tiert in Art.2 die Frei­heit zur Ge­werk­schafts­gründung und zum Ge­werk­schafts­bei­tritt und in Art.3 die Betäti­gungs­frei­heit sol­cher Ko­ali­tio­nen.

Das ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.98 über die An­wen­dung der Grundsätze des Ver­ei­ni­gungs­rechts und des Rechts auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen von 1949, das von Deutsch­land 1956 ra­ti­fi­ziert wur­de, ver­pflich­tet den Staat in sei­nem Art.4 zur Förde­rung der Ta­rif­au­to­no­mie.

Die­se Vor­schrif­ten schützen, so Schlach­ter, auch "spe­zi­el­le" Ge­werk­schaf­ten, d.h. Ar­beit­neh­mer­ko­ali­tio­nen, die nur ein­zel­ne Be­ru­fe or­ga­ni­sie­ren und da­her be­wusst klein blei­ben wol­len. Auch die­se Ge­werk­schaf­ten ha­ben das Recht, Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen und dürfen da­bei im Aus­gangs­punkt nicht ge­genüber großen "all­ge­mei­nen" Ge­werk­schaf­ten be­nach­tei­ligt wer­den.

Zwar ist es zulässig, die­se Rech­te in ei­nem ge­wis­sen Um­fang ein­zu­schränken, ins­be­son­de­re das Recht zur Führung von Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen den "re­präsen­ta­tivs­ten" Ge­werk­schaf­ten vor­zu­be­hal­ten. Ein sol­cher Ein­griff in die Rech­te klei­ne­rer Be­rufs­ge­werk­schaf­ten aus Art.3 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.87 und aus Art.4 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.98 ist al­ler­dings nach Schlach­ters An­sicht nur zulässig, wenn der Staat

  • ein wich­ti­ges Ein­griffs­ziel ver­folgt,
  • den Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit be­ach­tet und
  • Schutz­vor­keh­run­gen ge­gen ei­nen mögli­chen Miss­brauch der Pri­vi­le­gie­rung der "re­präsen­ta­tivs­ten" Ge­werk­schaf­ten trifft.

Die­se drei Vor­aus­set­zun­gen sind, so Schlach­ter, im Fal­le des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes nicht ge­ge­ben. Da der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit je­weils be­zo­gen auf ei­nen Be­trieb an­ge­wandt wer­den soll, kann der Ar­beit­ge­ber kraft sei­ner be­triebs­be­zo­ge­nen Or­ga­ni­sa­ti­ons­ho­heit je­der­zeit nach Be­lie­ben große oder klei­ne Be­trie­be fest­le­gen und da­mit die Ar­beit­neh­mer­grup­pen de­fi­nie­ren, un­ter de­nen die Mehr­heits­ge­werk­schaft er­mit­telt wer­den soll.

Und je größer die durch den Ar­beit­ge­ber fest­ge­leg­te be­trieb­li­che Ein­heit ist, des­to si­che­rer wer­den sich miss­lie­bi­ge Be­rufs­ge­werk­schaf­ten dort in der Min­der­heit be­fin­den. Da­mit kann letzt­lich der Ar­beit­ge­ber nach sei­nem Gutdünken ent­schei­den, mit wel­cher "Mehr­heits­ge­werk­schaft" er Ta­rif­verträge ab­sch­ließen und wel­che "Min­der­hei­ten­ge­werk­schaft" er ent­spre­chend dem Ta­rif­ein­heits­grund­satz kalt­stel­len möch­te.

So­mit enthält das Ta­rif­ein­heits­ge­setz kei­ne ef­fek­ti­ven Vor­keh­run­gen ge­gen ei­nen Miss­brauch und erfüllt da­mit nicht die Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen ein Ein­griff in die Rech­te aus Art.3 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.87 und Art.4 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.98 zulässig wäre.

Außer­dem, so Schlach­ter, ist der Ein­griff in die Rech­te klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten un­verhält­nismäßig. Denn ih­re Ta­rif­verträge sol­len so­gar dann durch die Ta­rif­verträge der Mehr­heits­ge­werk­schaft ver­drängt wer­den, wenn de­ren Ta­rif­verträge be­stimm­te spe­zi­el­le Fra­gen gar nicht re­geln, die in den ver­dräng­ten Ta­rif­verträgen der klei­nen Be­rufs­ge­werk­schaf­ten ent­hal­ten sind. Da­mit kann die un­ter­le­ge­ne Be­rufs­ge­werk­schaft im Er­geb­nis gar nicht mehr si­cher­stel­len, dass die spe­zi­el­len An­lie­gen ih­rer Mit­glie­der über­haupt ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gelt wer­den.

Ta­rif­ein­heit und Art.11 Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK)

Art.11 der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK), die 1952 von Deutsch­land ra­ti­fi­ziert wur­de, ga­ran­tiert die Ver­samm­lungs- und die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit. Art.11 EM­RK lau­tet:

"(1) Je­de Per­son hat das Recht, sich frei und fried­lich mit an­de­ren zu ver­sam­meln und sich frei mit an­de­ren zu­sam­men­zu­sch­ließen; da­zu gehört auch das Recht, zum Schutz sei­ner In­ter­es­sen Ge­werk­schaf­ten zu gründen und Ge­werk­schaf­ten bei­zu­tre­ten.

(2) Die Ausübung die­ser Rech­te darf nur Ein­schränkun­gen un­ter­wor­fen wer­den, die ge­setz­lich vor­ge­se­hen und in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig sind für die na­tio­na­le oder öffent­li­che Si­cher­heit, zur Auf­recht­er­hal­tung der Ord­nung oder zur Verhütung von Straf­ta­ten, zum Schutz der Ge­sund­heit oder der Mo­ral oder zum Schutz der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer. Die­ser Ar­ti­kel steht rechtmäßigen Ein­schränkun­gen der Ausübung die­ser Rech­te für An­gehöri­ge der Streit­kräfte, der Po­li­zei oder der Staats­ver­wal­tung nicht ent­ge­gen."

Auch die­ses Grund­recht schützt so­wohl die Frei­heit des Ein­zel­nen, Ge­werk­schaf­ten zu gründen und ih­nen bei­zu­tre­ten, als auch die Betäti­gungs­frei­heit der (be­reits exis­tie­ren­den) Ge­werk­schaf­ten. Auch die­ses Recht kann in ge­wis­sem Um­fang be­schränkt wer­den, al­ler­dings nur un­ter Be­ach­tung von Art.11 Abs.2 EM­RK und un­ter Wah­rung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit. Ein sol­cher Ein­griff kann im Prin­zip auch dar­in be­ste­hen, dass "re­präsen­ta­ti­ven" Ge­werk­schaf­ten be­son­de­re Rech­te vor­be­hal­ten wer­den.

Auch mit Blick auf Art.11 EM­RK kommt das Gut­ach­ten zu dem Er­geb­nis, dass das Ta­rif­ein­heits­ge­setz den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit nicht wahrt. Denn wenn den klei­nen Be­rufs­ge­werk­schaf­ten sys­te­ma­tisch und lang­fris­tig die An­wen­dung ih­rer Ta­rif­verträge auf ih­re Mit­glie­der vor­ent­hal­ten wird, ver­lie­ren sie die At­trak­ti­vität für ih­re ak­tu­el­len und künf­ti­gen Mit­glie­der. Da­mit ist ih­re Exis­tenz gefähr­det:

"Wenn ei­ne spe­zi­el­le Ge­werk­schaft kei­ne ei­ge­nen Ziel mehr for­mu­lie­ren kann, ver­liert sie ihr Un­ter­schei­dungs­merk­mal ge­genüber ei­ner all­ge­mei­nen Ge­werk­schaft; ei­ne sol­che Ver­ei­ni­gung zu gründen oder ihr bei­zu­tre­ten wird für die Ar­beit­neh­mer be­deu­tungs­los. Die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Ta­rif­ein­heit kann fak­tisch zur Ab­schaf­fung von an­de­ren als all­ge­mei­nen Ge­werk­schaf­ten führen, das Or­ga­ni­sa­ti­ons­mo­dell der Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaft oder der Ver­ei­ni­gung zur Ver­fol­gung spe­zi­el­ler In­ter­es­sen wird um sei­ne prak­ti­sche Wirk­sam­keit ge­bracht." (Gut­ach­ten, S.35 f.)

Außer­dem, so Schlach­ter, liegt in der vom Staat ge­woll­ten Pri­vi­le­gie­rung der In­dus­trie­ver­bands­ge­werk­schaf­ten ein Ver­s­toß ge­gen das in Art.14 EM­RK ent­hal­te­ne Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Denn nach die­ser Vor­schrift ist der Ge­nuss der durch die EM­RK gewähr­leis­te­ten Rech­te und Frei­hei­ten oh­ne Dis­kri­mi­nie­rung zu gewähr­leis­ten.

Fa­zit: Der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit ist mit ei­ner völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung von Art.9 Abs.3 GG un­ver­ein­bar

Folgt man der Ar­gu­men­ta­ti­on des Gut­ach­tens Prof. Schlach­ters, ist der be­triebs­be­zo­ge­ne Grund­satz der Ta­rif­ein­heit bzw. der neu ge­schaf­fe­ne § 4a Abs.2 Satz 2 TVG we­der mit Art.3 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.87 noch mit Art.4 ILO-Übe­r­ein­kom­men Nr.98 ver­ein­bar und verstößt auch ge­gen Art.11 EM­RK in Ver­bin­dung mit Art.14 EM­RK.

Das wie­der­um hat zur Fol­ge, dass ei­ne ernst­haf­te Über­prüfung der Neu­re­ge­lung am Maßstab von Art.9 Abs.3 GG nicht ein­fach des­halb un­ter­blei­ben kann, weil hier an­geb­lich nur ei­ne harm­lo­se in­sti­tu­tio­nel­le Aus­ge­stal­tung des Ko­ali­ti­ons­grund­rechts vor­lie­ge. Tatsächlich stellt die of­fen ge­gen die Be­rufs­ge­werk­schaf­ten ge­rich­te­te Ver­drängung be­trieb­li­cher "Min­der­hei­ten-Ta­rif­verträge" ei­nen er­heb­li­chen Ein­griff in das Ko­ali­ti­ons­grund­recht der Min­der­hei­ten­ge­werk­schaf­ten dar.

Die­ser Ein­griff ist nicht nur un­ter Berück­sich­ti­gung der grund­rechts­freund­li­chen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG), son­dern ergänzend auch auf­grund ei­ner völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung von Art.9 Abs.3 GG als un­verhält­nismäßig zu be­wer­ten.

Ob das BVerfG die Ar­gu­men­ta­ti­on Prof. Schlach­ters auf­grei­fen wird, bleibt ab­zu­war­ten. Je­den­falls hat das Gut­ach­ten ei­nen wich­ti­gen ju­ris­ti­schen Pflock ein­ge­schla­gen. Denn bei der ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­ur­tei­lung des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes geht es nicht nur um die Vor­ga­ben des GG, son­dern auch um ILO-Ver­ein­ba­run­gen und die EM­RK. Da­mit ist die Möglich­keit ver­bun­den, dass ein Ur­teil des BVerfG, soll­te es pro Ta­rif­ein­heits­ge­setz er­ge­hen, von ei­nem späte­ren Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) als Ver­s­toß ge­gen die EM­RK be­an­stan­det wird.

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Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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