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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/275

Pflicht zur Nut­zung ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te

Ar­beit­ge­ber kön­nen auf­grund ih­res Wei­sungs­rechts ver­lan­gen, dass Ar­beit­neh­mer ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te be­an­tra­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.09.2013, 10 AZR 270/12
Steckverbindung an PC-Rückwand Was sind "sen­si­ble" Da­ten?

25.09.2013. Das mas­sen­haf­te Aus­spä­hen von E-Mails durch ame­ri­ka­ni­sche und bri­ti­sche Ge­heim­diens­te hat wie­der ein­mal deut­lich ge­macht, dass di­gi­tal ver­füg­ba­re Da­ten nie wirk­lich si­cher sind.

Am bes­ten wä­re es, man be­hiel­te sei­ne Da­ten ein­fach für sich.

Trotz­dem sind Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet, auf An­wei­sung des Ar­beit­ge­bers per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten ei­ner Zer­ti­fi­zie­rungs­fir­ma zu über­mit­teln, um ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te zu er­hal­ten, wenn de­ren Ein­satz für be­trieb­li­che Ar­beits­vor­gän­ge nö­tig ist: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.09.2013, 10 AZR 270/12

Kann der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer ver­lan­gen, per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten an Drit­te wei­ter­zu­ge­ben?

Was der Ar­beit­neh­mer ma­chen muss, um sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten zu erfüllen, legt der Ar­beits­ver­trag nicht im ein­zel­nen fest. Das macht viel­mehr der Ar­beit­ge­ber, der sich da­bei auf sein Wei­sungs­recht (Di­rek­ti­ons­recht) stützen kann.

Auf­grund sei­nes Wei­sungs­rechts kann der Ar­beit­ge­ber gemäß § 106 Satz 1 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO) In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung "nach bil­li­gem Er­mes­sen näher be­stim­men".

Gren­zen er­ge­ben sich aus dem Ar­beits­ver­trag so­wie (falls vor­han­den) aus Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, Ta­rif­verträgen oder ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten. Außer­dem muss der Ar­beit­ge­ber bei der Ausübung sei­nes Wei­sungs­rechts auf die be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers Rück­sicht neh­men, d.h. er darf nicht nur sei­ne In­ter­es­sen im Au­ge ha­ben.

Da man­che Wei­sun­gen wie z.B. Be­klei­dungs­vor­schrif­ten das Persönlich­keits­recht des Ar­beit­neh­mers be­ein­träch­ti­gen, muss der Ar­beit­ge­ber hier zwi­schen sei­nen be­trieb­li­chen Zie­len und dem Persönlich­keits­recht abwägen.

Ei­ne sol­che Abwägung ist auch er­for­der­lich, wenn der Ar­beit­neh­mer auf­grund ei­ner Wei­sung per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten preis­ge­ben muss, denn wird ist sein "Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung" be­ein­träch­tigt.

Hier fragt sich, ob der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer an­wei­sen kann, sei­nen Na­men und Vor­na­men, sein Ge­burts­da­tum, sei­ne An­schrift und sei­ne Per­so­nal­aus­weis­num­mer ei­ner be­triebs­frem­den Stel­le zur Verfügung zu stel­len, da­mit der Ar­beit­neh­mer bei der Ar­beit ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te be­nut­zen kann.

Der Streit­fall: Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te möch­te kei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te be­an­tra­gen

Ei­ne Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te im Was­ser- und Schiff­fahrts­amt Cux­ha­ven hat­te Aus­schrei­bun­gen bei Ver­ga­be­ver­fah­ren zu veröffent­li­chen. Das geht al­ler­dings seit An­fang 2010 nur noch in elek­tro­ni­scher Form auf der Ver­ga­be­platt­form des Bun­des.

Für die Nut­zung der Platt­form wie­der­um ist ei­ne qua­li­fi­zier­te elek­tro­ni­sche Si­gna­tur er­for­der­lich, und die­se wird nach dem Ge­setz über Rah­men­be­din­gun­gen für elek­tro­ni­sche Si­gna­tu­ren (Si­gna­tur­ge­setz - SigG) nur Ein­zel­per­so­nen er­teilt.

Der Ar­beit­ge­ber for­der­te die An­ge­stell­ten da­her auf, ei­ne qua­li­fi­zier­te Si­gna­tur zu be­an­tra­gen, und zwar bei ei­ner vom SigG vor­ge­se­he­nen Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­le, ei­nem Toch­ter­un­ter­neh­men der Deut­schen Te­le­kom AG.

Für ei­nen sol­chen An­trag müssen die im Per­so­nal­aus­weis ent­hal­te­nen Da­ten zur Iden­titäts­fest­stel­lung an die Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­le über­mit­telt wer­den. Das sind Na­me, Vor­na­me, An­schrift und Ge­burts­da­tum so­wie außer­dem die Num­mer des Per­so­nal­aus­wei­ses. Die Kos­ten für den An­trag über­nahm der Ar­beit­ge­ber.

Die An­ge­stell­te war der Mei­nung, ihr Ar­beit­ge­ber könne sie nicht ver­pflich­ten, ih­re persönli­chen Da­ten an Drit­te zu über­mit­teln. Das ver­s­toße ge­gen ihr Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung. Außer­dem sei nicht si­cher, dass mit ih­ren Da­ten kein Miss­brauch ge­trie­ben wer­de.

Sie be­an­trag­te da­her beim Ar­beits­ge­richt Sta­de die Fest­stel­lung, dass das Vor­ge­hen des Ar­beit­ge­bers rechts­wid­rig ist. Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 22.02.2011, 2 Ca 426/10), und auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen gab dem Ar­beit­ge­ber Recht (Ur­teil vom 12.09.2011, 8 Sa 355/11).

BAG: Die Wei­ter­ga­be von Na­men, Vor­na­men, Ge­burts­da­tum und An­schrift an ei­ne Zer­ti­fi­zie­rungs­fir­ma sind zu­mut­bar

Auch vor dem BAG hat­te die An­ge­stell­te kei­nen Er­folg, denn das BAG wies ih­re Re­vi­si­on zurück.

In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung, der Ar­beit­ge­ber ha­be von sei­nem Wei­sungs­recht in an­ge­mes­se­ner Wei­se Ge­brauch ge­macht.

Der hier strei­ti­ge Ein­griff in das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung, der mit der Pflicht zur Nut­zung ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te ver­bun­den war, war der Ar­beit­neh­me­rin zu­mut­bar, so das BAG. Denn die Über­mitt­lung der Per­so­nal­aus­weis­da­ten be­tref­fe "nur den äußeren Be­reich der Pri­vat­sphäre". Be­son­ders sen­si­ble Da­ten sei­en nicht be­trof­fen.

Außer­dem ist der Schutz der von der Kläge­rin zu über­mit­teln­den Da­ten nach Mei­nung des BAG "durch die Vor­schrif­ten des SigG si­cher­ge­stellt". Die Da­ten würden nur durch die Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­le ge­nutzt.

Auch der Ein­satz der Si­gna­tur­kar­te bei der Ar­beit ist mit kei­nen be­son­de­ren Ri­si­ken für die An­ge­stell­te ver­bun­den, so das BAG. Denn ei­ne ein­schlägi­ge Dienst­ver­ein­ba­rung enthält ei­ne Haf­tungs­frei­stel­lung. Außer­dem dürfen die ge­won­ne­nen Da­ten nicht zur Leis­tungs- und Ver­hal­tens­kon­trol­le durch den Ar­beit­ge­ber ver­wen­det wer­den.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber können auf­grund ih­res Wei­sungs­rechts ver­lan­gen, dass Ar­beit­neh­mer ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te be­an­tra­gen und ver­wen­den, wenn der Ein­satz der Si­gna­tur­kar­te bei der Ar­beit er­for­der­lich ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 8. September 2014

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Sebastian Schroeder
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

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