HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 06.03.2014, C-458/12

   
Schlagworte: Betriebsübergang: Wirtschaftliche Einheit, Betriebsübergang: Konzern, Betriebsteilübergang
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-458/12
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 06.03.2014
   
Leitsätze:

1. Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richtlinie 2001/23/EG des Rates vom 12. März 2001 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Wahrung von Ansprüchen der Arbeitnehmer beim Übergang von Unternehmen, Betrieben oder Unternehmens- oder Betriebsteilen ist dahin auszulegen, dass er einer nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren fraglichen nicht entgegensteht, die bei einem Übergang eines Unternehmensteils den Eintritt des Erwerbers in die Arbeitsverhältnisse des Veräußerers in einem Fall gestattet, in dem dieser Unternehmensteil keine funktionell selbständige wirtschaftliche Einheit darstellt, die vor seinem Übergang bestand.

2. Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richtlinie 2001/23 ist dahin auszulegen, dass er einer nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren fraglichen nicht entgegensteht, die den Eintritt des Erwerbers in die Arbeitsverhältnisse des Veräußerers in einem Fall gestattet, in dem nach dem Übergang des betreffenden Unternehmensteils der Veräußerer eine starke beherrschende Stellung gegenüber dem Erwerber einnimmt.

Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Neun­te Kam­mer)

6. März 2014(*)

„Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen - So­zi­al­po­li­tik - Über­gang von Un­ter­neh­men - Wah­rung von Ansprüchen der Ar­beit­neh­mer - Richt­li­nie 2001/23/EG - Über­gang der Ar­beits­verhält­nis­se im Fall der ver­trag­li­chen Über­tra­gung ei­nes Be­triebs­teils, der nicht als be­reits zu­vor be­ste­hen­de selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit iden­ti­fi­ziert wer­den kann“

In der Rechts­sa­che C-458/12

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Tri­bu­na­le di Tren­to (Ita­li­en) mit Ent­schei­dung vom 20. Sep­tem­ber 2012, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 11. Ok­to­ber 2012, in dem Ver­fah­ren

Lo­ren­zo Ama­to­ri u. a.

ge­gen

Tele­com Ita­lia SpA,

Tele­com Ita­lia In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy Srl, vor­mals Sha­red Ser­vice Cen­ter Srl,

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Neun­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten M. Saf­jan so­wie des Rich­ters J. Ma­le­n­ovský (Be­richt­er­stat­ter) und der Rich­te­rin A. Prechal,

Ge­ne­ral­an­walt: N. Wahl,

Kanz­ler: A. Ca­lot Es­co­bar,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- von Herrn Ama­to­ri u. a., ver­tre­ten durch R. Bo­lo­gne­si, av­vo­ca­to,

- der Tele­com Ita­lia SpA und der Tele­com Ita­lia In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy Srl, vor­mals Sha­red Ser­vice Cen­ter Srl, ver­tre­ten durch A. Ma­re­sca, R. Rom­ei und F. R. Boc­cia, av­vo­ca­ti,

- der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Pal­mie­ri als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von L. D’Ascia, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch C. Cat­t­ab­ri­ga und J. En­e­gren als Be­vollmäch­tig­te,

auf­grund des nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts er­gan­ge­nen Be­schlus­ses, oh­ne Schluss­anträge über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den,

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23/EG des Ra­tes vom 12. März 2001 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprüchen der Ar­beit­neh­mer beim Über­gang von Un­ter­neh­men, Be­trie­ben oder Un­ter­neh­mens- oder Be­triebs­tei­len (ABl. L 82, S. 16).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Ama­to­ri und 74 an­de­ren Klägern auf der ei­nen Sei­te so­wie der Tele­com Ita­lia SpA (im Fol­gen­den: Tele­com Ita­lia) und der Tele­com Ita­lia In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy Srl, vor­mals Sha­red Ser­vice Cen­ter Srl (im Fol­gen­den: TIIT), auf der an­de­ren Sei­te we­gen der Qua­li­fi­zie­rung der Ein­brin­gung ei­ner als „IT Ope­ra­ti­ons“ be­zeich­ne­ten IT-Spar­te (im Fol­gen­den: Spar­te IT Ope­ra­ti­ons) durch Tele­com Ita­lia in TIIT als „Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils“.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Die Richt­li­nie 2001/23 hat die Richt­li­nie 77/187/EWG des Ra­tes vom 14. Fe­bru­ar 1977 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprüchen der Ar­beit­neh­mer beim Über­gang von Un­ter­neh­men, Be­trie­ben oder Un­ter­neh­mens- oder Be­triebs­tei­len (ABl. L 61, S. 26) in der durch die Richt­li­nie 98/50/EG des Ra­tes vom 29. Ju­ni 1998 (ABl. L 201, S. 88) geänder­ten Fas­sung auf­ge­ho­ben und er­setzt.
4

Der drit­te Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2001/23 lau­tet wie folgt:

„Es sind Be­stim­mun­gen not­wen­dig, die die Ar­beit­neh­mer bei ei­nem In­ha­ber­wech­sel schützen und ins­be­son­de­re die Wah­rung ih­rer Ansprüche gewähr­leis­ten.“

5 Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b die­ser Richt­li­nie be­stimmt:

„a) Die­se Richt­li­nie ist auf den Über­gang von Un­ter­neh­men, Be­trie­ben oder Un­ter­neh­mens- bzw. Be­triebs­tei­len auf ei­nen an­de­ren In­ha­ber durch ver­trag­li­che Über­tra­gung oder durch Ver­schmel­zung an­wend­bar.

b) Vor­be­halt­lich Buch­sta­be a) und der nach­ste­hen­den Be­stim­mun­gen die­ses Ar­ti­kels gilt als Über­gang im Sin­ne die­ser Richt­li­nie der Über­gang ei­ner ih­re Iden­tität be­wah­ren­den wirt­schaft­li­chen Ein­heit im Sin­ne ei­ner or­ga­ni­sier­ten Zu­sam­men­fas­sung von Res­sour­cen zur Ver­fol­gung ei­ner wirt­schaft­li­chen Haupt- oder Ne­bentätig­keit.“

6 Art. 3 Abs. 1 Un­terabs. 1 die­ser Richt­li­nie sieht vor:

„Die Rech­te und Pflich­ten des Veräußerers aus ei­nem zum Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­ver­trag oder Ar­beits­verhält­nis ge­hen auf­grund des Über­gangs auf den Er­wer­ber über.“

7 Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 und 4 die­ser Richt­li­nie lau­tet wie folgt:

„So­fern das Un­ter­neh­men, der Be­trieb oder der Un­ter­neh­mens- bzw. Be­triebs­teil sei­ne Selbständig­keit behält, blei­ben die Rechts­stel­lung und die Funk­ti­on der Ver­tre­ter oder der Ver­tre­tung der vom Über­gang be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer un­ter den glei­chen Be­din­gun­gen er­hal­ten, wie sie vor dem Zeit­punkt des Über­gangs auf­grund von Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten oder auf­grund ei­ner Ver­ein­ba­rung be­stan­den ha­ben, so­fern die Be­din­gun­gen für die Bil­dung der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung erfüllt sind.

Behält das Un­ter­neh­men, der Be­trieb oder der Un­ter­neh­mens- bzw. Be­triebs­teil sei­ne Selbständig­keit nicht, so tref­fen die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit die vom Über­gang be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, die vor dem Über­gang ver­tre­ten wur­den, während des Zeit­raums, der für die Neu­bil­dung oder Neu­be­nen­nung der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung er­for­der­lich ist, im Ein­klang mit dem Recht oder der Pra­xis der Mit­glied­staa­ten wei­ter­hin an­ge­mes­sen ver­tre­ten wer­den.“

8 Art. 8 der Richt­li­nie 2001/23 hat fol­gen­den Wort­laut:

„Die­se Richt­li­nie schränkt die Möglich­keit der Mit­glied­staa­ten nicht ein, für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen oder für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Kol­lek­tiv­verträge und an­de­re zwi­schen den So­zi­al­part­nern ab­ge­schlos­se­ne Ver­ein­ba­run­gen, die für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ger sind, zu fördern oder zu­zu­las­sen.“

Ita­lie­ni­sches Recht

9 Art. 2112 Abs. 1 und 5 des Co­di­ce ci­vi­le in der Fas­sung von Art. 32 des De­cre­to le­gis­la­tivo Nr. 276 - At­tua­zio­ne del­le de­leg­he in ma­te­ria di oc­cup­a­zio­ne e mer­ca­to del la­voro, di cui al­la leg­ge 14 feb­braio 2003, Nr. 30 (Ge­set­zes­ver­tre­ten­des De­kret zur Durchführung der Über­tra­gun­gen im Be­reich Beschäfti­gung und Ar­beits­markt gemäß Ge­setz Nr. 30 vom 14. Fe­bru­ar 2003) vom 10. Sep­tem­ber 2003 (Supple­men­to or­di­na­rio zur GURI Nr. 235 vom 9. Ok­to­ber 2003, im Fol­gen­den: Co­di­ce ci­vi­le), der zur Zeit der Er­eig­nis­se im Aus­gangs­ver­fah­ren in Kraft war, be­stimmt:

„1. Bei ei­nem Un­ter­neh­mensüber­gang wird das Ar­beits­verhält­nis mit dem Er­wer­ber fort­ge­setzt …

5. Für die in die­sem Ar­ti­kel vor­ge­se­he­nen Zwe­cke und Wir­kun­gen ist un­ter Über­gang ei­nes Be­triebs je­der Vor­gang zu ver­ste­hen, der auf­grund ei­ner ver­trag­li­chen Ab­tre­tung oder ei­ner Ver­schmel­zung zu ei­ner Ände­rung in der In­ha­ber­schaft ei­ner schon vor dem Über­gang be­ste­hen­den mit oder oh­ne Ge­winn­zweck or­ga­ni­sier­ten wirt­schaft­li­chen Tätig­keit führt, die bei dem Über­gang ih­re Iden­tität be­wahrt, und zwar un­abhängig von der Art des Rechts­geschäfts oder von der Verfügung, auf­grund de­ren der Über­gang, auch durch Einräum­ung ei­nes Nießbrauchs am Be­trieb oder durch Ver­pach­tung, er­folgt. Die Be­stim­mun­gen die­ses Ar­ti­kels fin­den auch auf den Über­gang ei­nes Teils ei­nes Be­triebs An­wen­dung, wor­un­ter ein funk­tio­nell selbständi­ger Zweig ei­ner or­ga­ni­sier­ten wirt­schaft­li­chen Tätig­keit zu ver­ste­hen ist, der durch den Veräußerer und den Er­wer­ber zum Zeit­punkt sei­nes Über­gangs als sol­cher iden­ti­fi­ziert wor­den ist.“

10 Aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung geht außer­dem her­vor, dass der letz­te Satz die­ses Art. 2112 Abs. 5 in sei­ner Fas­sung vor dem ge­nann­ten ge­set­zes­ver­tre­ten­den De­kret vor­sah:

„Die Be­stim­mun­gen die­ses Ar­ti­kels fin­den auch auf den Über­gang ei­nes Teils ei­nes Be­triebs An­wen­dung, wor­un­ter ein funk­tio­nell selbständi­ger Zweig ei­ner or­ga­ni­sier­ten wirt­schaft­li­chen Tätig­keit im Sin­ne des vor­lie­gen­den Ab­sat­zes zu ver­ste­hen ist, der als sol­cher vor dem Über­gang be­stand und sei­ne ei­ge­ne Iden­tität bei dem Über­gang behält.“

11 Außer­dem weist die Vor­la­ge­ent­schei­dung dar­auf hin, dass bei Feh­len ei­nes „Über­gangs von Un­ter­neh­men oder Un­ter­neh­mens­tei­len“ im Sin­ne von Art. 2112 Abs. 5 des Co­di­ce ci­vi­le die Über­tra­gung von Ar­beits­verträgen durch den Ar­beit­ge­ber un­ter Art. 1406 des Co­di­ce ci­vi­le fällt. Die­ser Ar­ti­kel sieht vor, dass die­se Über­tra­gung die Zu­stim­mung des Ar­beit­neh­mers er­for­dert.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

12 Im Fe­bru­ar 2010 führ­te Tele­com Ita­lia ei­ne in­ter­ne Um­struk­tu­rie­rung durch.
13 Vor die­ser Um­struk­tu­rie­rung um­fass­te die Struk­tur von Tele­com Ita­lia ei­nen „Tech­no­lo­gy and Ope­ra­ti­ons“ ge­nann­ten Auf­ga­ben­be­reich, der aus ei­ner Rei­he von Ab­tei­lun­gen ge­bil­det wur­de und u. a. die Spar­te „In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy“ mit ein­schloss. Die­se stell­te ei­ne ein­heit­li­che Struk­tur dar, zu der die ope­ra­tio­nel­len Tätig­kei­ten der Neu­ent­wick­lung, der Pla­nung, der Durchführung, des An­wen­dungs­be­triebs und des in­fra­struk­tu­rel­len Be­triebs von IT-Lösun­gen gehörten. Bei die­ser in­ter­nen Um­struk­tu­rie­rung teil­te Tele­com Ita­lia die­se Spar­te in un­gefähr zehn Spar­ten auf, dar­un­ter die als „IT Ope­ra­ti­ons“, „IT Go­ver­nan­ce“ und „Pro­jekt­pla­nung“ be­zeich­ne­ten Spar­ten. Die Spar­te „Pro­jekt­pla­nung“ fass­te die Auf­ga­ben der Neu­ent­wick­lung und Pla­nung zu­sam­men.
14 Drei Un­ter­ab­tei­lun­gen, dar­un­ter der den Ausführungs­auf­ga­ben zu­ge­teil­te Dienst „Soft­ware and test fac­to­ry“, wur­den der Spar­te IT Ope­ra­ti­ons an­ge­glie­dert.
15 Nach der Schaf­fung der Spar­te IT Ope­ra­ti­ons ha­ben die für die Spar­te „Pro­jekt­pla­nung“ und den Dienst „Soft­ware and test fac­to­ry“ ein­ge­teil­ten Ar­beit­neh­mer nie auf­gehört zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.
16 Außer­dem er­hielt der Dienst „Soft­ware and test fac­to­ry“ nach der Schaf­fung und dem Über­gang der Spar­te IT Ope­ra­ti­ons spe­zi­fi­sche An­wei­sun­gen von Tele­com Ita­lia.
17 Am 28. April 2010 über­trug Tele­com Ita­lia die­se Spar­te an ihr Toch­ter­un­ter­neh­men TIIT in Form ei­ner Sach­ein­la­ge in das Ka­pi­tal von TIIT. Die Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, die die­ser Spar­te zu­ge­teilt wa­ren, setz­ten, oh­ne dem zu­ge­stimmt zu ha­ben, ihr Ar­beits­verhält­nis mit dem Er­wer­ber gemäß Art. 2112 Abs. 1 des Co­di­ce ci­vi­le fort.
18 Da sie der An­sicht wa­ren, dass die­se Ein­la­ge nicht als Über­gang ei­nes Be­triebs­teils im Sin­ne von Art. 2112 Abs. 5 des Co­di­ce ci­vi­le qua­li­fi­ziert wer­den könne, rie­fen die Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens das Tri­bu­na­le di Tren­to als Ar­beits­ge­richt an, um fest­stel­len zu las­sen, dass ih­nen die­se Ein­la­ge nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den könne und ihr Ar­beits­verhält­nis mit Tele­com Ita­lia folg­lich wei­ter be­stan­den ha­be.
19 Die Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens mach­ten zur Stützung ih­rer Kla­ge gel­tend, dass vor der Ein­la­ge der Spar­te IT Ope­ra­ti­ons in das Ka­pi­tal von TIIT die­se Spar­te kei­ne funk­tio­nell selbständi­ge Un­ter­ab­tei­lung in der Struk­tur von Tele­com Ita­lia dar­ge­stellt ha­be. Außer­dem ha­be die­se Spar­te vor der Über­tra­gung nicht be­stan­den. Zu­dem sei die vom Veräußerer über den Er­wer­ber aus­geübte maßgeb­li­che Macht eben­falls da­zu ge­eig­net, dass die­se Ein­la­ge nicht als Über­gang von Un­ter­neh­men qua­li­fi­ziert wer­den könne.
20 Außer­dem sei TIIT nach der Ein­la­ge der Spar­te IT Ope­ra­ti­ons wei­ter­hin ein­deu­tig vor­wie­gend für Tele­com Ita­lia tätig ge­wor­den.
21

Un­ter die­sen Umständen hat der Tri­bu­na­le di Tren­to das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Steht die Re­ge­lung der Eu­ropäischen Uni­on über den „Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils“ (ins­be­son­de­re Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b in Ver­bin­dung mit Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/23) ei­ner in­ner­staat­li­chen Rechts­norm wie der­je­ni­gen des Art. 2112 Abs. 5 des Co­di­ce ci­vi­le ent­ge­gen, die den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers, oh­ne dass es der Zu­stim­mung der durch die Veräußerung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer be­darf, auch dann zulässt, wenn der Un­ter­neh­mens­teil, der Ge­gen­stand des Über­gangs ist, kei­ne be­reits vor dem Über­gang be­ste­hen­de funk­tio­nell selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit der­art dar­stellt, dass sie als sol­che vom Veräußerer und vom Er­wer­ber im Zeit­punkt ih­res Über­gangs iden­ti­fi­ziert wer­den kann?

2. Steht die Re­ge­lung der Eu­ropäischen Uni­on über den „Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils“ (ins­be­son­de­re Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b in Ver­bin­dung mit Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/23) ei­ner in­ner­staat­li­chen Rechts­norm wie der­je­ni­gen des Art. 2112 Abs. 5 des Co­di­ce ci­vi­le ent­ge­gen, die den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers, oh­ne dass es der Zu­stim­mung der durch die Veräußerung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer be­darf, auch dann zulässt, wenn das veräußern­de Un­ter­neh­men nach dem Über­gang ei­ne star­ke be­herr­schen­de Stel­lung ge­genüber dem Er­wer­ber ein­nimmt, die sich durch ei­ne en­ge Ver­bin­dung in Form ei­nes Auf­trags­verhält­nis­ses und ei­ne Ver­men­gung des Un­ter­neh­mens­ri­si­kos äußert?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

22

Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, die bei ei­nem Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers in ei­nem Fall ge­stat­tet, in dem die­ser Un­ter­neh­mens­teil kei­ne funk­tio­nell selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit dar­stellt, die vor sei­nem Über­gang be­stand.

Zur Zulässig­keit

23 Tele­com Ita­lia und TIIT sind der Auf­fas­sung, die ers­te Fra­ge sei un­zulässig, da sie von dem un­be­gründe­ten Pos­tu­lat aus­ge­he, wo­nach die Spar­te, die Ge­gen­stand der Über­tra­gung sei, ei­ne vor der Ab­tre­tung be­ste­hen­de Ein­heit dar­stel­len müsse. Der Be­griff „vor­he­ri­ges Be­ste­hen“ sei dem neu­en Wort­laut von Art. 2112 des Co­di­ce ci­vi­le und der Richt­li­nie 2001/23 so­wie der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs fremd.
24 Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass die­ser Ein­wand, so­weit er sich auf Art. 2112 des Co­di­ce ci­vi­le be­zieht, kei­ne Fra­ge der Zulässig­keit der ers­ten Fra­ge auf­wirft, son­dern der Zuständig­keit des Ge­richts­hofs.
25 Nach Art. 267 Abs. 1 AEUV ent­schei­det der Ge­richts­hof im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung zwar über die Aus­le­gung der Verträge und über die Gültig­keit und die Aus­le­gung der Hand­lun­gen der Or­ga­ne, Ein­rich­tun­gen oder sons­ti­gen Stel­len der Uni­on, die Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts gehört je­doch nicht zu sei­nem Auf­ga­ben­be­reich.
26 Ent­ge­gen dem Vor­brin­gen von Tele­com Ita­lia und TIIT bit­tet das vor­le­gen­de Ge­richt den Ge­richts­hof al­ler­dings nicht um die Aus­le­gung sei­nes na­tio­na­len Rechts, die es selbst vor­ge­nom­men hat.
27 Zu­dem über­schrei­tet die Fra­ge, ob der Be­griff „vor­he­ri­ges Be­ste­hen“ der Richt­li­nie 2001/23 fremd ist, nicht die Zuständig­keit des Ge­richts­hofs, da sie nicht die Zulässig­keit der ers­ten Fra­ge, son­dern die Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge be­trifft (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 27. Ju­ni 2013, VG Wort u. a., C-457/11 bis C-460/11, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rn. 46).
28 Dem­nach er­gibt sich aus den vor­ste­hen­den Ausführun­gen, dass die ers­te vom Tri­bu­na­le di Tren­to ge­stell­te Fra­ge zulässig ist.

Zur Be­ant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­ge

29 Vor­ab ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Richt­li­nie 2001/23 in al­len Fällen an­wend­bar ist, in de­nen die für den Be­trieb des Un­ter­neh­mens ver­ant­wort­li­che natürli­che oder ju­ris­ti­sche Per­son, die die Ar­beit­ge­ber­ver­pflich­tun­gen ge­genüber den Beschäftig­ten des Un­ter­neh­mens ein­geht, im Rah­men ver­trag­li­cher Be­zie­hun­gen wech­selt (vgl. Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2011, CLE­CE, C-463/09, Slg. 2011, I-95, Rn. 30 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
30 Nach ständi­ger Recht­spre­chung rich­tet sich die Ent­schei­dung, ob ein „Über­gang“ des Un­ter­neh­mens im Sin­ne von Art. 1 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/23 vor­liegt, maßgeb­lich da­nach, ob die in Re­de ste­hen­de Ein­heit nach der Über­nah­me durch den neu­en Ar­beit­ge­ber ih­re Iden­tität be­wahrt (vgl. in die­sem Sin­ne ins­be­son­de­re Ur­teil vom 6. Sep­tem­ber 2011, Scat­to­lon, C-108/10, Slg. 2011, I-7491, Rn. 60 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
31 Bei die­sem Über­gang muss es um ei­ne auf Dau­er an­ge­leg­te wirt­schaft­li­che Ein­heit ge­hen, de­ren Tätig­keit nicht auf die Ausführung ei­nes be­stimm­ten Vor­ha­bens be­schränkt ist. Um ei­ne sol­che Ein­heit han­delt es sich bei je­der hin­rei­chend struk­tu­rier­ten und selbständi­gen Ge­samt­heit von Per­so­nen und Sa­chen zur Ausübung ei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit mit ei­ge­nem Zweck (vgl. Ur­tei­le vom 10. De­zem­ber 1998, Hernández Vi­dal u. a., C-127/96, C-229/96 und C-74/97, Slg. 1998, I-8179, Rn. 26 und 27, vom 13. Sep­tem­ber 2007, Joui­ni u. a., C-458/05, Slg. 2007, I-7301, Rn. 31, so­wie Scat­to­lon, Rn. 42).
32 Dar­aus folgt, dass für die An­wen­dung der ge­nann­ten Richt­li­nie die wirt­schaft­li­che Ein­heit vor dem Über­gang ins­be­son­de­re über ei­ne aus­rei­chen­de funk­tio­nel­le Au­to­no­mie verfügen muss, wo­bei sich der Be­griff Au­to­no­mie auf die Be­fug­nis­se be­zieht, die der Lei­tung der be­tref­fen­den Grup­pe von Ar­beit­neh­mern ein­geräumt sind, um die Ar­beit die­ser Grup­pe re­la­tiv frei und un­abhängig zu or­ga­ni­sie­ren und ins­be­son­de­re Wei­sun­gen zu er­tei­len und Auf­ga­ben auf die zu die­ser Grup­pe gehören­den un­ter­ge­ord­ne­ten Ar­beit­neh­mer zu ver­tei­len, oh­ne dass an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren des Ar­beit­ge­bers da­bei da­zwi­schen­ge­schal­tet sind (Ur­teil Scat­to­lon, Rn. 51 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
33 Die­se Schluss­fol­ge­rung wird durch Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 und 4 der Richt­li­nie 2001/23, der sich auf die Ver­tre­tung der Ar­beit­neh­mer be­zieht, bestätigt, wo­nach die­se Richt­li­nie auf je­den Über­gang an­wend­bar sein soll, der den Vor­aus­set­zun­gen von Art. 1 Abs. 1 der Richt­li­nie ent­spricht, un­abhängig da­von, ob die über­ge­gan­ge­ne wirt­schaft­li­che Ein­heit ih­re Selbständig­keit in­ner­halb der Struk­tur des Er­wer­bers be­wahrt oder nicht (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Fe­bru­ar 2009, Kla­ren­berg, C-466/07, Slg. 2009, I-803, Rn. 50).
34 Die Ver­wen­dung des Wor­tes „behält“ in die­sem Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 und 4 im­pli­ziert nämlich, dass die Au­to­no­mie der über­tra­ge­nen Ein­heit in je­dem Fall vor dem Über­gang be­stan­den ha­ben muss.
35 Wenn sich al­so im Aus­gangs­ver­fah­ren her­aus­stel­len soll­te, dass die in Re­de ste­hen­de über­tra­ge­ne Ein­heit vor dem Über­gang über kei­ne aus­rei­chen­de funk­tio­nel­le Au­to­no­mie verfügte, was zu über­prüfen Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist, fie­le die­ser Über­gang nicht un­ter die Richt­li­nie 2001/23. Un­ter sol­chen Umständen bestünde kei­ne Ver­pflich­tung aus die­ser Richt­li­nie, die Rech­te der über­tra­ge­nen Ar­beit­neh­mer zu wah­ren.
36 Gleich­wohl darf die­se Richt­li­nie nicht so ver­stan­den wer­den, dass sie ei­nem Mit­glied­staat verböte, ei­ne sol­che Wah­rung der Rech­te der Ar­beit­neh­mer in ei­ner in der vor­he­ri­gen Rand­num­mer des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Si­tua­ti­on vor­zu­se­hen.
37 Der drit­te Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2001/23 bringt nämlich zum Aus­druck, dass Be­stim­mun­gen not­wen­dig sind, die die Ar­beit­neh­mer bei ei­nem In­ha­ber­wech­sel schützen und ins­be­son­de­re die Wah­rung ih­rer Ansprüche gewähr­leis­ten.
38 Die­ser Erwägungs­grund be­tont so be­son­ders das Ri­si­ko, das die Si­tua­ti­on ei­nes In­ha­ber­wech­sels für die Wah­rung der Rech­te der Ar­beit­neh­mer dar­stellt und die Not­wen­dig­keit, die Ar­beit­neh­mer vor die­sem Ri­si­ko durch den Er­lass von an­ge­mes­se­nen Be­stim­mun­gen zu schützen.
39 Da­her kann das bloße Feh­len funk­tio­nel­ler Au­to­no­mie der über­tra­ge­nen Ein­heit nicht per se ei­nen Mit­glied­staat dar­an hin­dern, in sei­nem in­ner­staat­li­chen Recht die Wah­rung der Rech­te der Ar­beit­neh­mer nach ei­nem In­ha­ber­wech­sel zu ga­ran­tie­ren.
40 Die­se Schluss­fol­ge­rung wird durch Art. 8 der Richt­li­nie 2001/23 bestätigt, der be­stimmt, dass die­se nicht die Möglich­keit der Mit­glied­staa­ten ein­schränkt, für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen.
41 Die ge­nann­te Richt­li­nie nimmt nämlich nur ei­ne teil­wei­se Har­mo­ni­sie­rung auf dem be­tref­fen­den Ge­biet vor und will kein für die ge­sam­te Uni­on auf­grund ge­mein­sa­mer Kri­te­ri­en ein­heit­li­ches Schutz­ni­veau schaf­fen, son­dern si­cher­stel­len, dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer in sei­nen Rechts­be­zie­hun­gen zum Er­wer­ber in glei­cher Wei­se geschützt ist, wie er es nach den Rechts­vor­schrif­ten des be­tref­fen­den Mit­glied­staats in sei­nen Be­zie­hun­gen zum Veräußerer war (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 12. No­vem­ber 1992, Wat­son Rask und Chris­ten­sen, C-209/91, Slg. 1992, I-5755, Rn. 27, und vom 6. No­vem­ber 2003, Mar­tin u. a., C-4/01, Slg. 2003, I-12859, Rn. 41).
42 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen nicht ent­ge­gen­steht, die bei ei­nem Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers in ei­nem Fall ge­stat­tet, in dem die­ser Un­ter­neh­mens­teil kei­ne funk­tio­nell selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit dar­stellt, die vor sei­nem Über­gang be­stand.

Zur zwei­ten Fra­ge

43 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, die den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers in ei­nem Fall ge­stat­tet, in dem nach dem Über­gang des be­tref­fen­den Un­ter­neh­mens­teils der Veräußerer ei­ne star­ke be­herr­schen­de Stel­lung ge­genüber dem Er­wer­ber ein­nimmt.

Zur Zulässig­keit

44 Tele­com Ita­lia und TIIT sind der Auf­fas­sung, die zwei­te Fra­ge sei un­zulässig, da sie ei­ne Würdi­gung der Tat­sa­chen mit ein­sch­ließe.
45 Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass die Fra­ge, mit der das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen will, ob die Richt­li­nie 2001/23 auch dann an­wend­bar ist, wenn nach dem Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils der Veräußerer über den Er­wer­ber ei­ne star­ke be­herr­schen­de Stel­lung ausübt, die Aus­le­gung die­ser Richt­li­nie und da­mit des Uni­ons­rechts be­trifft.
46 Da der Ge­richts­hof nach Art. 267 Abs. 1 AEUV im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts ent­schei­det, ist die zwei­te vom Tri­bu­na­le di Tren­to ge­stell­te Fra­ge zulässig.

Zur Be­ant­wor­tung der Fra­ge

47 Zunächst geht aus kei­ner Be­stim­mung der Richt­li­nie 2001/23 her­vor, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber be­ab­sich­tigt hätte, dass die Un­abhängig­keit des Er­wer­bers ge­genüber dem Veräußerer Be­din­gung für die An­wen­dung die­ser Richt­li­nie ist.
48 So­dann ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den hat, dass die Richt­li­nie 77/187 in der Fas­sung der Richt­li­nie 98/50 und auf­ge­ho­ben und im We­sent­li­chen er­setzt durch die Richt­li­nie 2001/23 ei­ne recht­li­che Ände­rung der Per­son des Ar­beit­ge­bers re­geln soll, wenn die sons­ti­gen in ihr auf­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen im Übri­gen erfüllt sind, und dass sie da­her auf ei­nen Über­gang zwi­schen zwei Toch­ter­ge­sell­schaf­ten des­sel­ben Kon­zerns, die ge­son­der­te ju­ris­ti­sche Per­so­nen dar­stel­len und je­weils spe­zi­fi­sche Ar­beits­verhält­nis­se mit ih­ren Ar­beit­neh­mern ein­ge­gan­gen sind, an­wend­bar sein kann. Der Um­stand, dass die be­tref­fen­den Ge­sell­schaf­ten nicht nur den­sel­ben Ei­gentümer, son­dern auch das­sel­be Ma­nage­ment und die­sel­ben Räum­lich­kei­ten be­sit­zen und dass sie an dem­sel­ben Vor­ha­ben ar­bei­ten, ist in die­sem Zu­sam­men­hang un­er­heb­lich (Ur­teil vom 2. De­zem­ber 1999, Al­len u. a., C-234/98, Slg. 1999, I-8643, Rn. 17).
49 Nichts recht­fer­tigt es, dass für die An­wen­dung die­ser Richt­li­nie das ein­heit­li­che Ver­hal­ten der Mut­ter­ge­sell­schaft und ih­rer Toch­ter­ge­sell­schaf­ten auf dem Markt Vor­rang erhält vor der förm­li­chen Tren­nung die­ser Ge­sell­schaf­ten, die von­ein­an­der ge­trenn­te Rechts­persönlich­kei­ten dar­stel­len. Ei­ne sol­che Lösung, die da­zu führen würde, Übergänge zwi­schen Ge­sell­schaf­ten des­sel­ben Kon­zerns vom An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie aus­zu­sch­ließen, würde de­ren Ziel nämlich ge­ra­de ent­ge­gen­lau­fen; die­se soll die Auf­recht­er­hal­tung der Rech­te der Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Wech­sel des Un­ter­neh­mens­in­ha­bers so­weit wie möglich gewähr­leis­ten, in­dem sie den Ar­beit­neh­mern die Möglich­keit einräumt, ihr Beschäfti­gungs­verhält­nis mit dem neu­en In­ha­ber zu den­sel­ben Be­din­gun­gen fort­zu­set­zen, wie sie mit dem Veräußerer ver­ein­bart wa­ren (vgl. Ur­teil Al­len u. a., Rn. 20).
50 Folg­lich kann ein Fall wie der des vor­lie­gen­den Aus­gangs­ver­fah­rens, in dem das veräußern­de Un­ter­neh­men ge­genüber dem Er­wer­ber ei­ne star­ke be­herr­schen­de Stel­lung ein­nimmt, die sich durch ein en­ge Ver­bin­dung in Form ei­nes Über-/Un­ter­ord­nungs­verhält­nis­ses und ei­ne Ver­men­gung des Un­ter­neh­mens­ri­si­kos äußert, nicht per se der An­wen­dung der Richt­li­nie 2001/23 im We­ge ste­hen.
51 Sch­ließlich könn­te durch ei­ne an­de­re Aus­le­gung leicht das von die­ser Richt­li­nie ver­folg­te Ziel um­gan­gen wer­den, das nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs dar­auf ab­zielt, die Kon­ti­nuität der im Rah­men ei­ner wirt­schaft­li­chen Ein­heit be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­se un­abhängig von ei­nem In­ha­ber­wech­sel zu gewähr­leis­ten (vgl. Ur­teil Kla­ren­berg, Rn. 40 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
52 Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen nicht ent­ge­gen­steht, die den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers in ei­nem Fall ge­stat­tet, in dem nach dem Über­gang des be­tref­fen­den Un­ter­neh­mens­teils der Veräußerer ei­ne star­ke be­herr­schen­de Stel­lung ge­genüber dem Er­wer­ber ein­nimmt.

Kos­ten

53 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Neun­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23/EG des Ra­tes vom 12. März 2001 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprüchen der Ar­beit­neh­mer beim Über­gang von Un­ter­neh­men, Be­trie­ben oder Un­ter­neh­mens- oder Be­triebs­tei­len ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen nicht ent­ge­gen­steht, die bei ei­nem Über­gang ei­nes Un­ter­neh­mens­teils den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers in ei­nem Fall ge­stat­tet, in dem die­ser Un­ter­neh­mens­teil kei­ne funk­tio­nell selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit dar­stellt, die vor sei­nem Über­gang be­stand.

2. Art. 1 Abs. 1 Buchst. a und b der Richt­li­nie 2001/23 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen nicht ent­ge­gen­steht, die den Ein­tritt des Er­wer­bers in die Ar­beits­verhält­nis­se des Veräußerers in ei­nem Fall ge­stat­tet, in dem nach dem Über­gang des be­tref­fen­den Un­ter­neh­mens­teils der Veräußerer ei­ne star­ke be­herr­schen­de Stel­lung ge­genüber dem Er­wer­ber ein­nimmt.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Ita­lie­nisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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