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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/062

Ren­ten­re­form 2014

Hö­he­re Müt­ter­ren­te und vor­ge­zo­ge­ne Ren­te für lang­jäh­rig Ver­si­cher­te be­schlos­sen: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes über Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (RV-Leis­tungs­ver­bes­se­rungs­ge­setz)
Zwei Männchen mit Euro Ren­ten­re­form 2014 - wer ge­winnt, wer zahlt drauf?

22.02.2014. Das Bun­des­ka­bi­nett hat am 29.01.2014 dem vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les (BMAS) er­ar­bei­te­ten Ge­setz­ent­wurf zur Ren­ten­re­form zu­ge­stimmt.

Die ge­plan­te Re­form be­steht aus ei­ner ab­schlags­frei­en Ren­te, die lang­jäh­rig Ver­si­cher­te ab 63 Jah­ren in An­spruch neh­men kön­nen, in ei­ner Er­hö­hung von Ren­ten­leis­tun­gen zu­guns­ten von Müt­tern, de­ren Kin­der vor 1992 ge­bo­ren sind, so­wie in ei­ner Auf­sto­ckung von Er­werbs­min­de­rungs­ren­ten und in bes­se­ren Leis­tun­gen zur be­ruf­li­chen Re­ha­bi­li­ta­ti­on (Re­ha).

In den ver­gan­ge­nen Wo­chen wur­de über den Ent­wurf leb­haft dis­ku­tiert. Im fol­gen­den stel­len wir Ih­nen die we­sent­li­chen In­hal­te und Kri­tik­punk­te vor: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes über Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (RV-Leis­tungs­ver­bes­se­rungs­ge­setz), Re­fe­ren­ten­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, Stand 27.01.2014.

Auf­sto­ckung der sog. Mütter­ren­te: Bes­se­re An­er­ken­nung von Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten für Kin­der, die vor 1992 ge­bo­ren sind

Mit dem Ren­ten­re­form­ge­setz 1992 hat der Ge­setz­ge­ber die bei der Ren­te an­zu­rech­nen­de Kin­der­er­zie­hungs­zeit von ei­nem Jahr auf drei Jah­re pro Kind verlängert. Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten sind sog. Pflicht­bei­trags­zei­ten in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (GRV), für die Ren­ten­beiträge ent­we­der als ge­zahlt gel­ten oder (seit dem 01.06.1999) vom Bund an die Ren­ten­ver­si­che­rung tatsächlich ge­zahlt wer­den. Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten führen da­her zu kei­ner ren­ten­min­dern­den Bei­tragslücke im Ver­si­che­rungs­ver­lauf.

Al­ler­dings begüns­tigt die ab 1992 gel­ten­de Re­ge­lung nur El­tern, de­ren Kin­der 1992 oder später ge­bo­ren sind. Für die da­vor ge­bo­re­nen Kin­der bzw. ih­re El­tern blieb es bis­her bei der An­rech­nung von ei­nem Jahr Kin­der­er­zie­hungs­zeit pro Kind. Er­zie­hungs­leis­tun­gen wer­den da­her in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bis­her in un­glei­cher Wei­se an­er­kannt: Ein Jahr bzw. Ren­ten­punkt pro Kind für die vor 1992 ge­bo­re­nen Kin­der, drei Jah­re bzw. drei Ren­ten­punk­te pro Kind für die 1992 oder später ge­bo­re­nen Kin­der.

Die­se un­glei­che An­er­ken­nung von Er­zie­hungs­leis­tun­gen soll durch die Ren­ten­re­form 2014 nicht völlig be­sei­tigt, aber ab­ge­mil­dert wer­den. Durch die Neu­re­ge­lung sol­len künf­tig für al­le vor 1992 ge­bo­re­nen Kin­der zwei Jah­re Kin­der­er­zie­hungs­zeit an­er­kannt wer­den.

In Ren­ten­punk­ten aus­ge­drückt macht das ei­nen Ren­ten­punkt mehr pro Kind. Das sind nach Be­rech­nun­gen der Bun­des­re­gie­rung im Wes­ten rund 28,00 EUR, im Os­ten rund 26,00 EUR mo­nat­lich mehr.

Ab­schlags­freie Ren­te mit 63 Jah­ren nach 45 Bei­trags­jah­ren

Ei­ne be­son­de­re Ren­ten­art bzw. ein frühe­res Ren­ten­ein­tritts­al­ter gibt schon seit je­her für langjährig bzw. "be­son­ders langjährig" ver­si­cher­te Ar­beit­neh­mer. Ent­spre­chend der schritt­wei­sen Her­auf­set­zung des all­ge­mei­nen Ren­ten­ein­tritts­al­ters auf 67 Jah­re ist es für sol­che Ar­beit­neh­mer nach der­zei­ti­ger Rechts­la­ge möglich, "schon" mit 65 Jah­ren oh­ne Ab­schläge in Ren­te zu ge­hen.

Da­zu ist ei­ne Ver­si­che­rungs­zeit mit Pflicht­beiträgen von 45 Jah­ren er­for­der­lich, wo­bei Pflicht­beiträge, die we­gen des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld, Ar­beits­lo­sen­geld II oder Ar­beits­lo­sen­hil­fe ge­zahlt wur­den, nicht an­ge­rech­net wer­den.

Die ge­plan­te Neu­re­ge­lung sieht dem­ge­genüber ei­ne ab­schlags­freie Ren­te nach 45 Bei­trags­jah­ren be­reits ab 63 Jah­ren vor. Außer­dem sol­len Zei­ten, in de­nen Ar­beits­lo­sen­geld be­zo­gen wur­de, an­ders als bis­her in die 45 Jah­re ein­ge­rech­net wer­den. Zei­ten ei­ner Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit, während der der Ver­si­cher­te Ar­beits­lo­sen­hil­fe bzw. Ar­beits­lo­sen­geld II er­hal­ten hat, blei­ben da­ge­gen wei­ter­hin außen vor.

Al­ler­dings können da­bei, so die Be­gründung der Ent­wurf-Ver­fas­ser (S.12) "die de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lun­gen, die Grund­la­ge für die An­he­bung der Re­gel­al­ters­gren­ze wa­ren, nicht un­be­ach­tet blei­ben". Aus die­sem Grund ist die Ab­sen­kung des Ren­ten­al­ters für langjährig Ver­si­cher­te auf 63 Jah­re ei­ne zeit­lich be­grenz­te Maßnah­me, d.h. von vorn­her­ein als Aus­lauf­mo­dell kon­zi­piert. Ei­ne dau­er­haf­te Ab­sen­kung des Ren­ten­be­ginns auf 63 Jah­re soll es auch für langjährig Ver­si­cher­te nicht ge­ben.

Pro­fi­tie­ren können da­her von die­ser Re­ge­lung nur Ar­beit­neh­mer, die vor 1953 ge­bo­ren sind und de­ren Ren­te nach dem 01.07.2014 be­ginnt. Für die 1953 oder da­nach ge­bo­re­nen Ar­beit­neh­mer steigt die Al­ters­gren­ze da­ge­gen mit je­dem Jahr­gang um zwei Mo­na­te an, bis sie für den Ge­bur­ten­jahr­gang 1964 wie­der bei 65 Jah­ren an­ge­kom­men ist.

Droht ei­ne Wel­le von Frühver­ren­tun­gen in­fol­ge der Ren­te mit 63?

Um­strit­ten ist der­zeit, wie ernst die Ge­fahr ist, mit der 63er-Re­ge­lung ei­ne Frühver­ren­tungs­wel­le aus­zulösen. Denn da im Ge­setz­ent­wurf kei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung für den Fall fest­ge­schrie­ben ist, dass die Zei­ten des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld ge­nau vor dem Ren­ten­be­ginn lie­gen, sind Mit­nah­me­ef­fek­te möglich:

Man ei­nigt sich mit 61 Jah­ren mit sei­nem Ar­beit­ge­ber auf ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung mit ei­ner klei­nen Ab­fin­dung, die die Dif­fe­renz zwi­schen dem Ar­beits­lo­sen­geld und dem Net­to­lohn aus­gleicht. Da­nach be­zieht man zwei Jah­re Ar­beits­lo­sen­geld und im An­schluss dar­an wie­der­um die Ren­te mit 63.

Im BMAS-Ge­setz­ent­wurf heißt es hier­zu:

"Für den An­spruch auf die ab­schlags­freie Ren­te ab 63 ist es un­er­heb­lich, dass das Ar­beits­lo­sen­geld auch di­rekt vor dem Ren­ten­ein­tritt be­zo­gen wer­den kann. Dies be­deu­tet kei­ne Rück­kehr zu der Frühver­ren­tungs­po­li­tik der 80er und 90er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts. Denn ei­ne Zu­nah­me älte­rer Leis­tungs­be­zie­her von Ar­beits­lo­sen­geld im Zu­ge von Frühver­ren­tungs­maßnah­men ist nicht zu er­war­ten. (...) Ei­ner Frühver­ren­tungs­pra­xis wir­ken auch die be­ste­hen­den Re­ge­lun­gen im Recht der Ar­beitsförde­rung ent­ge­gen: Un­ter an­de­rem ist der Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld mit deut­li­chen fi­nan­zi­el­len Ein­bußen ver­bun­den. Im Fal­le ei­ner vor­werf­bar her­bei­geführ­ten Ar­beits­lo­sig­keit ruht ein An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld für die Dau­er ei­ner Sperr­zeit von re­gelmäßig zwölf Wo­chen; darüber hin­aus wird die Dau­er des An­spruchs um ein Vier­tel gekürzt."

An die­ser Stel­le sind Wirt­schafts­verbände und CDU-Po­li­ti­ker wie der Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der an­de­rer Mei­nung. Kau­der zu­fol­ge muss aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Ar­beits­lo­sen­geld­be­zug am En­de des Be­rufs­le­bens steht. Durch wel­che (Son­der-)Re­ge­lun­gen die­ses Ziel er­reicht wer­den soll, ist da­bei of­fen.

Der DGB wie­der­um hält da­ge­gen und schlägt statt der Einführung von Son­der­re­ge­lun­gen vor, die im Jah­re 2006 ab­ge­schaff­te Pflicht von Ar­beit­ge­bern zur Er­stat­tung von Ar­beits­lo­sen­geld­leis­tun­gen wie­der ein­zuführen (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/052 DGB ge­gen Stich­tags­re­ge­lung bei Ren­te mit 63). Die­se Pflicht traf Ar­beit­ge­ber, die sich mit ei­nem 61 bis 63jähri­gen Ar­beit­neh­mer ein­ver­nehm­lich auf ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­ei­nigt hat­ten.

Erhöhung der Er­werbs­min­de­rungs­ren­ten

Ren­ten we­gen Er­werbs­min­de­rung wer­den ty­pi­scher­wei­se von Ver­si­cher­ten un­ter 60 Jah­ren in An­spruch ge­nom­men, die nur we­ni­ge Bei­trags­jah­re vor­wei­sen können. In die­sem Fall wird die Er­werbs­min­de­rungs­ren­te so be­rech­net, als hätte der Ver­si­cher­te zwi­schen dem Ein­tritt der Er­werbs­min­de­rung und dem 60. Le­bens­jahr ge­ar­bei­tet. Die­se sog. Zu­rech­nungs­zeit wird mit ei­nem Durch­schnitts­wert der tatsächlich zurück­ge­leg­ten Ver­si­che­rungs­zei­ten be­wer­tet und stei­gert so die Er­werbs­min­de­rungs­ren­te.

Die ge­plan­te Neu­re­ge­lung erhöht die Er­werbs­min­de­rungs­ren­ten, in­dem die Zu­rech­nungs­zeit um zwei Jah­re verlängert wird. Künf­tig wer­den Neu­rent­ner so ge­stellt, als ob sie zwei Jah­re länger ge­ar­bei­tet hätten, d.h. nicht bis zu ih­rem 60., son­dern bis zu ih­rem 62. Le­bens­jahr. Die­se Verlänge­rung der Zu­rech­nungs­zeit wird nach Be­rech­nun­gen der Bun­des­re­gie­rung ei­ne durch­schnitt­li­che Erhöhung der Er­werbs­min­de­rungs­ren­ten von rund 40,00 EUR mo­nat­lich zur Fol­ge ha­ben.

Außer­dem wer­den die letz­ten vier Bei­trags­jah­re vor Ein­tritt der Er­werbs­min­de­rung künf­tig zu­guns­ten des Ver­si­cher­ten bes­ser be­wer­tet. Denn oft führen die ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­me be­reits in den letz­ten Jah­ren vor Ein­tritt der Er­werbs­min­de­rung zu ei­ner Ver­min­de­rung des Ein­kom­mens, ins­be­son­de­re durch Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zei­ten (Weg­fall von Über­stun­den, Wech­sel in Teil­zeit, Krank­heits­zei­ten).

Die dar­aus fol­gen­den ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Be­wer­tung der Zu­rech­nungs­zeit sol­len künf­tig ver­rin­gert wer­den, in­dem die Ent­gelt­punk­te der letz­ten vier Jah­re vor Ein­tritt der Er­werbs­min­de­rung nicht berück­sich­tigt wer­den, wenn sich da­durch ein höhe­rer Wert aus der Ver­gleichs­be­rech­nung er­gibt. Durch die­se "Güns­ti­ger­prüfung" soll ver­hin­dert wer­den, dass sich die letz­ten vier Jah­re vor der Er­werbs­min­de­rung ne­ga­tiv auf die Er­werbs­min­de­rungs­ren­ten aus­wir­ken.

Auf­sto­ckung der Re­ha-Leis­tun­gen

Die vier­te Verände­rung, die das Ren­ten­pa­ket brin­gen soll, ist die Erhöhung des Bud­gets für Maßnah­men der Re­ha­bi­li­ta­ti­on um 100 Mil­lio­nen EUR im lau­fen­den Jahr 2014 um 200 Mil­lio­nen EUR in den Fol­ge­jah­ren.

Be­gründet wird die­se Maßnah­me da­mit, dass die Grup­pe der 45jähri­gen und Älte­ren, bei de­nen Re­ha-Maßnah­men not­wen­dig wer­den, de­mo­gra­fisch be­dingt in den nächs­ten Jah­ren größer wird. Dem­ent­spre­chend steigt der vor­aus­sicht­li­che fi­nan­zi­el­le Auf­wand für Re­ha-Maßnah­men.

In­kraft­tre­ten

Die Neu­re­ge­lun­gen sol­len be­reits zum 01.07.2014 in Kraft tre­ten.

Dem­ent­spre­chend zügig muss das Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren in den kom­men­den Mo­na­ten durch­geführt wer­den.

Kos­ten des Ren­ten­pa­kets

Die von der Großen Ko­ali­ti­on bzw. dem BMAS ge­plan­ten Ver­bes­se­run­gen der Leis­tun­gen in der GRV kos­ten Geld. In der Be­gründung des BMAS-Ent­wurfs wer­den die­se Mehr­kos­ten auf 60 Mil­li­ar­den EUR bis 2020 und auf wei­te­re ca. 99 Mil­li­ar­den EUR für die zehn Jah­re von 2021 bis 2030 geschätzt. In Sum­me sind das un­gefähr 159 Mil­li­ar­den EUR Mehr­aus­ga­ben, die auf die GRV bis 2030 zu­kom­men. Da­von entfällt der größte Teil der Mehr­kos­ten (et­wa 70 Pro­zent) auf die Erhöhung der Mütter­ren­te und "nur" 20 Pro­zent auf die ab­schlags­freie Ren­te mit 63 für langjährig Ver­si­cher­te.

Hin­zu kom­men Bei­trags­ausfälle in­fol­ge der frühe­ren Be­en­di­gung der Er­werbstätig­keit, die mit der ab­schlags­frei­en Ren­te ab 63 ver­bun­den ist. Im Jahr 2030 sol­len die­se Ausfälle, so der Ge­setz­ent­wurf, rund 0,6 Mil­li­ar­den EUR be­tra­gen.

Von die­sen Kos­ten will der Bund et­wa zwei Mil­li­ar­den jähr­lich durch ei­ne Erhöhung des Bun­des­zu­schus­ses über­neh­men. Der Bun­des­zu­schuss soll zu die­sem Zweck in den Jah­ren von 2019 bis 2022 um jähr­lich 400 Mil­lio­nen EUR an­stei­gen. Das wäre dann bis 2022 ei­ne Erhöhung um 1,6 Mil­li­ar­den EUR, so dass die Ko­ali­ti­onäre hier wohl ein­mal nach­rech­nen müss­ten.

Den Löwen­an­teil an den Mehr­kos­ten wer­den die Bei­trags­zah­ler, d.h. Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber durch ei­ne Erhöhung des Bei­trags­sat­zes auf­brin­gen müssen. Der Bei­trags­satz wird nach den Be­rech­nun­gen des Ge­setz­ent­wurfs in den Jah­ren bis 2030 um et­wa 0,5 Pro­zent­punk­te höher sein als er oh­ne die Re­form wäre.

Die­se Bei­trags­stei­ge­rung ist be­reits ab Jah­res­an­fang 2014 zu spüren, denn auf­grund der seit Jah­ren po­si­ti­ven Ein­nah­men­si­tua­ti­on der Ren­ten­kas­sen hätte der Ren­ten­bei­trag zu An­fang des Jah­res 2014 ei­gent­lich auf 18,4 oder so­gar auf 18,3 Pro­zent au­to­ma­tisch, d.h. auf der Grund­la­ge des SGB VI sin­ken sol­len (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/192a Ren­ten­bei­trag sinkt 2014 vor­aus­sicht­lich auf 18,4 Pro­zent). Das hat die Große Ko­ali­ti­on durch ein Mit­te De­zem­ber in den Bun­des­tag ein­ge­brach­tes Son­der­ge­setz ver­hin­dert, mit dem der Ren­ten­bei­trag von 18,9 Pro­zent in Ab­wei­chung von den all­ge­mei­nen Re­geln der Bei­trags­fest­set­zung für 2014 bei­be­hal­ten wird.

Aber nicht nur die Bei­trags­zah­ler, auch die Rent­ner selbst wer­den sich an den Kos­ten der Re­form be­tei­li­gen, nämlich durch ei­nen Ver­zicht auf Ren­ten­erhöhun­gen, der sich aus dem ge­setz­lich fest­ge­schrie­be­nen Nach­hal­tig­keits­fak­tor in der Ren­ten­for­mel er­gibt (Ge­setz­ent­wurf, S.17).

Ei­ne wei­te­re Kos­ten­fal­le könn­te sich dar­aus er­ge­ben, dass die Bun­des­agen­tur für Ar­beit zusätz­li­che Mil­li­ar­den­mehr­kos­ten stem­men muss, falls auch nur fünf, 15 oder 25 Pro­zent der an­spruchs­be­rech­tig­ten langjährig Ver­si­cher­ten von der ab­schlags­frei­en Ren­te mit 63 Ge­brauch ma­chen und un­mit­tel­bar zu­vor zwei Jah­re Ar­beits­lo­sen­geld be­zie­hen soll­ten. Soll­ten 25 Pro­zent der An­spruchs­be­rech­tig­ten vor dem Ren­ten­ein­tritt mit 63 Jah­ren Ar­beits­lo­sen­geld in An­spruch neh­men, kämen et­wa 1,7 Mil­li­ar­den EUR zusätz­li­che Aus­ga­ben auf die Bun­des­agen­tur für Ar­beit zu.

Ren­ten­re­form: Pro und Con­tra

Die Auf­bes­se­rung der Mütter­ren­te ist nach­voll­zieh­bar be­gründet, doch fragt sich, ob die dafür an­fal­len­den Kos­ten von der GRV, d.h. von Bei­trags­zah­lern (durch höhe­re Ren­ten­beiträge) und von den Rent­ner (durch ge­rin­ge­re Ren­ten­erhöhun­gen) ge­tra­gen wer­den soll­ten oder ob nicht ei­ne stärke­re Fi­nan­zie­rung durch Steu­er­mit­tel der bes­se­re Weg wäre. Im­mer­hin ist die so­zia­le Ab­si­che­rung von er­zie­hungs­be­ding­ten Un­ter­bre­chun­gen der Er­werbstätig­keit ei­ne ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be und nicht (in ers­ter Li­nie) ei­ne Auf­ga­be der Ren­ten­ver­si­che­rung.

Die ab­schlags­freie Ren­te mit 63 ist eben­falls für sich ge­nom­men ei­ne gu­te Sa­che, denn wer 45 Jah­re lang brav Pflicht­beiträge ge­leis­tet hat, soll­te ein paar Jah­re früher als an­de­re Bei­trags­zah­ler aufhören dürfen. Es fragt sich aber, war­um die­se Möglich­keit von vorn­her­ein nur zeit­lich be­fris­tet ge­schaf­fen wird. War­um wol­len die Ko­ali­ti­onäre aus­ge­rech­net die vor 1953 ge­bo­re­nen Jahrgänge begüns­ti­gen und die später ge­bo­re­nen Ar­beit­neh­mer von die­ser Vergüns­ti­gung nur teil­wei­se und die Jahrgänge ab 1964 gar nicht mehr pro­fi­tie­ren las­sen?

Da ei­ne dau­er­haf­te Ab­sen­kung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters für langjährig Ver­si­cher­te, so die Ent­wurfs­be­gründung aus­drück­lich, nicht fi­nan­zier­bar wäre, hat die jetzt be­schlos­se­ne Re­ge­lung den Cha­rak­ter ei­ner ei­gent­lich gar nicht be­zahl­ba­ren und da­her sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Ex­tra­wurst für die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer, die sich zufälli­ger­wei­se ge­ra­de jetzt im ren­ten­na­hen Al­ter be­fin­den.

Mögli­cher­wei­se ist die Re­form auch ins­ge­samt zu teu­er und be­las­tet den Staats­haus­halt in der Zu­kunft zu stark, so je­den­falls die Kri­tik von EU-Wirt­schafts­kom­mis­sar Rehn. Dem kann man ent­ge­gen­hal­ten, dass der Staat verhält­nismäßig nicht sehr stark an den Kos­ten be­tei­ligt wer­den soll, denn die Haupt­laust wer­den Bei­trags­zah­ler und Rent­ner tra­gen.

Bleibt der Ein­wand, dass durch die Ren­te ab 63 die Her­auf­set­zung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters ein Stück weit zurück­ge­nom­men wird. Zu­sam­men mit der Erhöhung der Ren­ten­beiträge und der "Dämp­fung" künf­ti­ger Ren­ten­erhöhun­gen ge­hen die Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen vor al­lem zu Las­ten jünge­rer Bei­trags­zah­ler. Sie wer­den dau­er­haft mit höhe­ren Ren­ten­beiträgen und stärker be­las­te­ten Staats­haus­hal­ten le­ben müssen und er­hal­ten im Ge­gen­zug wei­ter ent­wer­te­te Ren­ten­an­wart­schaf­ten.

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Letzte Überarbeitung: 16. September 2016

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