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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/038

Lohn­fort­zah­lung für El­tern in der Co­ro­na-Kri­se

Der Bun­des­tag hat die Lohn­fort­zah­lung für El­tern, die auf­grund ge­schlos­se­ner Kin­der­gär­ten oder Schu­len nicht ar­bei­ten kön­nen, ver­län­gert: Co­ro­na-Steu­er­hil­fe­ge­setz
Kindergartenerzieherin spielt mit Kindern

29.09.2020. Schließt auf Grund der Co­ro­na-Kri­se die Schu­le oder die Ki­Ta, ha­ben vie­le El­tern kei­ne an­de­re Wahl, als ih­re Kin­der selbst zu be­treu­en. Da­her ist es ih­nen oft nicht mög­lich, re­gu­lär wei­ter­zu­ar­bei­ten. Das Co­ro­na-Steu­er­hil­fe­ge­setz soll nun den El­tern un­ter den Arm grei­fen und die Lohn­fort­zah­lung über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum si­chern. Da­bei wird an die Än­de­rung des In­fek­ti­ons­schutz­ge­set­zes vom März 2020 an­ge­knüpft und der Zeit­raum, in de­nen El­tern Lohn­fort­zah­lung be­an­tra­gen kön­nen, ver­län­gert.

Recht­li­cher Hin­ter­grund sind zu­nächst Re­ge­lun­gen aus dem Bür­ger­li­chen Ge­setz­buch (BGB). Der § 275 Abs. 3 BGB sieht ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht aus per­sön­li­cher Un­zu­mut­bar­keit vor. Die­se Re­ge­lung gilt auch für an­ge­stell­te El­tern. Da­nach müs­sen die An­ge­stell­ten nicht zur Ar­beit er­schei­nen, wenn kei­ne an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­keit der Kin­der­be­treu­ung be­steht. Schließ­lich kön­nen El­tern nicht ge­zwun­gen wer­den, ih­re jun­gen Kin­der al­lei­ne zu Hau­se zu las­sen.

Je­doch ent­fällt gem. § 326 Abs. 1 Satz 1, 1. Halb­satz BGB auch der An­spruch auf die Ge­gen­leis­tung, schließ­lich gilt der Grund­satz "Oh­ne Ar­beit kein Lohn". Im Dienst- und Ar­beits­recht gilt hier­bei je­doch ei­ne Aus­nah­me: Der § 616 Satz 1 BGB er­hält den An­spruch auf Lohn bzw. Ge­halt für ei­ne "ver­hält­nis­mä­ßig nicht er­heb­li­che Zeit" auf­recht. Doch die­se Zeit­span­ne be­trägt nach über­wie­gen­der Mei­nung in ju­ris­ti­schen Kom­men­ta­ren so­wie nach der Recht­spre­chung nur in et­wa ei­ne Wo­che oder fünf Ar­beits­ta­ge. Da­nach ist der Ar­beit­ge­ber nicht mehr zur Lohn­fort­zah­lung ver­pflich­tet.

Da­zu kommt, dass vie­le Ar­beit­ge­ber den § 616 BGB in ih­ren Ar­beits­ver­trä­gen aus­schlie­ßen. Denn der § 616 BGB ist so­ge­nann­ten dis­po­si­ti­ves, al­so ab­ding­ba­res Recht. Von die­ser Mög­lich­keit ma­chen vie­le Ar­beit­ge­ber ins­be­son­de­re in All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) Ge­brauch. Ent­hält der Ar­beits­ver­trag al­so zum Bei­spiel die Klau­sel "§ 616 BGB wird ab­be­dun­gen", ha­ben Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer mit Kin­dern schon von An­fang an kei­nen An­spruch auf Lohn­fort­zah­lung, wenn sie auf­grund der Ki­ta- und Schul­schlie­ßun­gen nicht ar­bei­ten kön­nen.

Da­mit El­tern von jün­ge­ren Kin­dern trotz­dem nicht leer da­ste­hen, hat der Ge­setz­ge­ber im März 2020 zu­guns­ten von Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern mit Kin­dern bis zum zwölf­ten Le­bens­jahr ei­nen spe­zi­el­len ge­setz­li­chen An­spruch auf Gel­dent­schä­di­gung für Ver­dienst­aus­fäl­le ge­schaf­fen. Der An­spruch wur­de durch das „Ge­setz zum Schutz der Be­völ­ke­rung bei ei­ner epi­de­mi­schen La­ge von na­tio­na­ler Trag­wei­te“, vom 27.03.2020 (BGBl.I, S.587 ff.) ein­ge­führt und als neu­er Ab­satz 1.a) in § 56 In­fek­ti­ons­schutz­ge­setz (IfSG) ein­ge­fügt. Die­se Re­ge­lung lau­tet:

„(1a) Wer­den Ein­rich­tun­gen zur Be­treu­ung von Kin­dern oder Schu­len von der zu­stän­di­gen Be­hör­de zur Ver­hin­de­rung der Ver­brei­tung von In­fek­tio­nen oder über­trag­ba­ren Krank­hei­ten auf Grund die­ses Ge­set­zes vor­über­ge­hend ge­schlos­sen oder de­ren Be­tre­ten un­ter­sagt und müs­sen er­werbs­tä­ti­ge Sor­ge­be­rech­tig­te von Kin­dern, die das zwölf­te Le­bens­jahr noch nicht voll­endet ha­ben oder be­hin­dert und auf Hil­fe an­ge­wie­sen sind, in die­sem Zeit­raum die Kin­der selbst be­treu­en, weil sie kei­ne an­der­wei­ti­ge zu­mut­ba­re Be­treu­ungs­mög­lich­keit si­cher­stel­len kön­nen, und er­lei­den sie da­durch ei­nen Ver­dienst­aus­fall, er­hal­ten sie ei­ne Ent­schä­di­gung in Geld. An­spruchs­be­rech­tig­te ha­ben ge­gen­über der zu­stän­di­gen Be­hör­de, auf Ver­lan­gen des Ar­beit­ge­bers auch die­sem ge­gen­über, dar­zu­le­gen, dass sie in die­sem Zeit­raum kei­ne zu­mut­ba­re Be­treu­ungs­mög­lich­keit für das Kind si­cher­stel­len kön­nen. Ein An­spruch be­steht nicht, so­weit ei­ne Schlie­ßung oh­ne­hin we­gen der Schul­fe­ri­en er­fol­gen wür­de. Im Fall, dass das Kind in Voll­zeit­pfle­ge nach § 33 des Ach­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz­buch in den Haus­halt auf­ge­nom­men wur­de, steht der An­spruch auf Ent­schä­di­gung an­stel­le der Sor­ge­be­rech­tig­ten den Pfle­ge­el­tern zu.“

Die Hö­he des An­spruchs ent­spricht dem Ar­beits­lo­sen­geld und be­trägt da­her 67 Pro­zent des Net­to-Ar­beits­ent­gelts, höchs­tens 2.016,00 EUR pro Mo­nat (§ 56 Abs.2 Satz 3 IfSG).

Der An­spruch auf Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung war bis­her auf längs­tens sechs Wo­chen be­grenzt (§ 56 Abs.2 Satz 3 IfSG). Auch wenn wenn die meis­ten Bun­des­län­der ak­tu­ell Kin­der­gär­ten und Schu­len all­mäh­lich wie­der ge­öff­net ha­ben, reich­te die­se Re­ge­lung bis­lang nicht aus. Denn die Öff­nungs­zei­ten sind meis­tens auf ei­ni­ge St­un­den pro Tag be­grenzt, so dass be­rufs­tä­ti­ge El­tern nach wie vor nicht wie­der re­gu­lär ar­bei­ten kön­nen.

Da­her hat die Gro­ße Ko­ali­ti­on be­schlos­sen, den An­spruch auf Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung deut­lich zu ver­län­gern. Die Frak­tio­nen der SPD und CDU/CSU ha­ben ei­nen ent­spre­chen­den Ge­set­zes­ent­wurf am 19. Ju­ni 2020 in den Bun­des­tag ein­ge­bracht. Im Rah­men des Co­ro­na-Steu­er­hil­fe­ge­set­zes hat der Bun­des­tag Än­de­run­gen nun zum 29. Ju­ni 2020 ver­ab­schie­det, auch der Bun­des­rat stimm­te dem Ge­setz zu. Das Ge­setz trat rück­wir­kend zum 30. März 2020 in Kraft.

Kon­kret sieht der Art. 5 des Co­ro­na-Steu­er­hil­fe­ge­set­zes fol­gen­de Än­de­run­gen für El­tern vor: Zu­nächst wird der An­spruch auf Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung von sechs Wo­chen auf zehn Wo­chen für je­den Sor­ge­be­rech­tig­ten er­höht. Ins­ge­samt be­steht da­mit ein An­spruch auf bis zu 20 Wo­chen Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung, d.h. auf je­weils zehn Wo­chen für Müt­ter und zehn Wo­chen für Vä­ter. Für al­lein­er­zie­hen­de El­tern wird der An­spruch auf bis zu 20 Wo­chen ver­län­gert.

Die ma­xi­ma­le Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung von zehn bzw. 20 Wo­chen muss nicht an ei­nem Stück in An­spruch ge­nom­men wer­den, son­dern kann auf ei­nen län­ge­ren Zeit­raum von meh­re­ren Mo­na­ten ver­teilt wer­den.

So­mit lau­tet der neue § 56 Abs. 2 Satz 4 IfSG:

"Im Fall des Ab­sat­zes 1a wird die Ent­schä­di­gung […] in Hö­he von 67 Pro­zent des der er­werbs­tä­ti­gen Per­son ent­stan­de­nen Ver­dienst­aus­falls für je­de er­werbs­tä­ti­ge Per­son für längs­tens zehn Wo­chen ge­währt, für ei­ne er­werbs­tä­ti­ge Per­son, die ihr Kind al­lein be­auf­sich­tigt, be­treut oder pflegt, längs­tens für 20 Wo­chen; für ei­nen vol­len Mo­nat wird höchs­tens ein Be­trag von 2.016 Eu­ro ge­währt."

Der An­spruch auf Lohn­aus­fall­ent­schä­di­gung ge­mäß § 56 Abs.1.a) IfSG ist bis­lang (wei­ter­hin) auf das Jahr 2020 be­grenzt, d.h. er fällt am Jah­res­en­de wie­der fort.

Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey hebt die Vor­tei­le der Än­de­rung her­vor: "Die Re­ge­lung zur wei­te­ren Ent­schä­di­gung von El­tern, die we­gen der noch feh­len­den Be­treu­ung für ih­re un­ter 12-jäh­ri­gen Kin­der nicht ar­bei­ten ge­hen kön­nen, bringt für vie­le Fa­mi­li­en mehr fi­nan­zi­el­le Si­cher­heit".

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 13. November 2020

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