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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/022

Re­form des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes

Deutsch­land setzt Richt­li­nie zur Stär­kung von Ar­beit­neh­mer­schutz bei Ar­beit­neh­mer­ent­sen­dung um
Baustelle mit Kran und Lastern

17.09.2020. In­fol­ge der Ost­erwei­te­rung der eu­ro­päi­schen Uni­on in den 90er Jah­ren ent­sand­ten ei­ni­ge ost­eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men ei­ge­ne Ar­beit­neh­mer in west­eu­ro­päi­sche Län­der. Durch die ver­gli­chen mit west­eu­ro­päi­schen Stan­dards sehr ge­rin­gen Lohn­kos­ten für ost­eu­ro­päi­schen Ar­beits­kräf­te, wur­den die­se schnell ein „Ex­port-Hit“. Ge­ra­de in ar­beits­in­ten­si­ven Be­rei­chen wie bei Bau­leis­tun­gen oder Ge­bäu­de­rei­ni­gun­gen brach­ten die ge­rin­gen Lohn­kos­ten ei­nen gro­ßen Wett­be­werbs­vor­teil für Un­ter­neh­men, die ost­eu­ro­päi­sche Ar­beits­kräf­te ent­lie­hen.

Doch was für die Ar­beit­ge­ber ei­ne Stär­kung der Wett­be­werbs- und Dienst­leis­tungs­frei­heit be­deu­tet, ist aus ge­werk­schaft­li­cher Sicht Lohn- und So­zi­al­dum­ping und ist in Hin­blick auf den Ar­beit­neh­mer­schutz be­denk­lich. Doch auch zwi­schen ost- und west­eu­ro­päi­schen EU-Staa­ten be­steht ei­ne un­ter­schied­li­che Sicht auf die Ar­beit­neh­mer­ent­sen­dung.

Da­her tra­fen die EU-Mit­glieds­staa­ten 1996 ei­nen Kom­pro­miss mit der Richt­li­nie 96/71/EG über die Ent­sen­dung von Ar­beit­neh­mern im Rah­men der Er­brin­gung von Dienst­leis­tun­gen (Ent­sen­de­richt­li­nie). Schwer­punkt die­ser Richt­li­ne ist ar­beits­recht­li­che Gleich­stel­lung von Ar­beit­neh­mern, die vor­über­ge­hend in ein an­de­res EU-Land zur Ar­beit ent­sandt wer­den, mit den Ar­beit­neh­mern des Ziel­lan­des.

Die recht­li­che Gleich­stel­lung setzt vor­aus, dass die an­zu­wen­den­den Ar­beits­be­din­gun­gen in dem Ziel­land in ei­nem Ge­setz oder ei­nem all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trag fest­ge­legt sind, und sie be­trifft nur ei­ni­ge be­son­ders wich­ti­ge Ar­beits­be­din­gun­gen wie ins­be­son­de­re Höchst­ar­beits­zei­ten und Min­destru­he­zei­ten, Ur­laub und Min­dest­lohn­sät­ze (Art.3 Ent­sen­de­richt­li­nie).

Im Som­mer 2018 re­for­mier­te die EU nur die Ent­sen­de­richt­li­ne durch die Richt­li­nie (EU) 2018/957 vom 28.06.2018 zur Än­de­rung der Richt­li­nie 96/71/EG pp. Die­se ver­bes­ser­te den Ar­beit­neh­mer­schutz durch ver­bind­li­che zu­sätz­li­che Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen des Ziel­lan­des für die ent­sand­ten Ar­beit­neh­mer.

Lag die Un­ter­gren­ze für Lohn­zah­lun­gen bis­her nur beim Min­dest­lohn, sieht die Ent­sen­de­richt­li­ne sämt­li­che Lohn­un­ter­gren­zen ver­bind­lich, die in Ge­set­zen oder in all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trä­gen ent­hal­ten sind (Art.3 Abs.1 Ent­sen­de­richt­li­nie neue Fas­sung). Auf der Grund­la­ge der ge­än­der­ten Ent­sen­de­richt­li­nie gel­ten da­her deut­lich mehr ver­bind­li­che Lohn­un­ter­gren­zen für ent­sand­te Ar­beit­neh­mer als zu­vor auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Ent­sen­de­richt­li­nie.

Ei­ne wei­te­re wich­ti­ge Ver­bes­se­rung des Ar­beit­neh­mer­schut­zes ist das Prin­zip, dass nach ei­ner Ent­sen­de­zeit von zwölf Mo­na­ten nicht nur Lohn­un­ter­gren­zen gel­ten, son­dern ge­ne­rell al­le Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen, die für die Ar­beit­neh­mer des Ziel­lan­des auf­grund ei­nes Ge­set­zes oder ei­nes all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trags ver­bind­lich sind (Art.3 Abs. 1a) Ent­sen­de­richt­li­nie neue Fas­sung). Das kön­nen, je nach an­wend­ba­rem Ta­rif­ver­trag, ins­be­son­de­re An­sprü­che auf Weih­nachts- oder Ur­laubs­geld sein.

Die Richt­li­nie hat den EU-Staa­ten ei­ne Um­set­zungs­frist bis En­de Ju­li 2020 ge­setzt, so­dass nun die Bun­des­re­gie­rung ei­nen ent­spre­chen­den Ge­set­zes­ent­wurf in den Bun­des­tag ein­ge­bracht hat. Da­bei sol­len fol­gen­de Än­de­run­gen des Ar­beit­neh­mer­ent­sen­de­ge­setz (AEntG) vor­ge­nom­men wer­den:

Ent­sand­te Ar­beit­neh­mer ha­ben künf­tig An­spruch auf al­le Ta­rif­löh­ne und da­mit zu­sam­men­hän­gen­de Lohn­zu­schlä­ge, die sich aus all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trä­gen er­ge­ben. Aus­ge­nom­men von die­ser Gleich­stel­lung mit in­län­di­schen Ar­beit­neh­mern sind Re­ge­lun­gen über die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung. Zu­la­gen für Rei­se-, Un­ter­brin­gungs- und Ver­pfle­gungs­kos­ten, die ent­sand­te Ar­beit­neh­mer er­hal­ten, dür­fen nicht auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer­den. Auch die Kos­ten für Dienst­rei­sen in­ner­halb Deutsch­lands muss der Ar­beit­ge­ber über­neh­men. Nach zwölf Mo­na­ten Be­schäf­ti­gung in Deutsch­land gel­ten dann im Prin­zip al­le für deut­sche Ar­beit­neh­mer der je­wei­li­gen Bran­che ver­bind­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen. In Aus­nah­me­fäl­len kön­nen Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­län­ge­rung der Zwölf­mo­nats­frist um sechs Mo­na­te be­an­tra­gen.

Wie bis­her ist der Fern­ver­kehr von den ge­setz­li­chen Än­de­run­gen aus­ge­nom­men. Für aus­län­di­sche Fern­fah­rer gel­ten die neu­en Re­ge­lun­gen da­her nicht.

Der Bun­des­tag hat den Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung mit ge­rin­gen Än­de­run­gen an­ge­nom­men. Da­nach wur­de dem Ge­setz vom Bun­des­rat zu­ge­stimmt und die­ses am 16.7.2020 im Bun­des­ge­setz­blatt ver­kün­det. So­mit ist es zum 30. Ju­li frist­ge­recht in Kraft ge­tre­ten:

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 16. Oktober 2020

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