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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/061

Haf­tung für Min­dest­lohn­zah­lung durch Su­b­un­ter­neh­men

Ge­werb­li­che Im­mo­bi­li­en­ver­mie­ter, die Bau­leis­tun­gen in Auf­trag ge­ben, müs­sen für Lohn­prel­le­rei der be­auf­tra­gen Bau­fir­men nicht ein­ste­hen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.10.2019, 5 AZR 241/18
Gerüstbauer, Baugewerbe, Gerüstbau

13.05.2020. Die ak­tu­el­len Miss­stän­de in der Fleisch­wirt­schaft, vor al­lem in gro­ßen Schlacht­hö­fen, ha­ben wie­der ein­mal deut­lich ge­macht, dass die Fremd­ver­ga­be von Ar­beits­leis­tun­gen in Form von Werk­ver­trä­gen oft zu schlech­ten Ar­beits­be­din­gun­gen führt.

Da­her gilt für die im Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz (AEntG) ge­nann­ten Bran­chen schon lan­ge ei­ne ge­setz­li­che Aus­fall­haf­tung von Auf­trag­ge­bern, die Su­b­un­ter­neh­men ein­set­zen, z.B. für die Er­brin­gung von Bau­leis­tun­gen.

Zahlt das Su­b­un­ter­neh­men den Bau­ar­beit­neh­mern den Bau-Min­dest­lohn nicht, haf­tet der Auf­trag­ge­ber - falls sein ei­ge­nes Ge­wer­be in Bau­leis­tun­gen be­steht. Bei Ge­wer­be­ver­mie­tern ist das nicht der Fall, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Grund­satz­ent­schei­dung vom Ok­to­ber letz­ten Jah­res: BAG, Ur­teil vom 16.10.2019, 5 AZR 241/18.

Wie weit geht die Bauträger­haf­tung für nicht ge­zahl­te Min­destlöhne am Bau?

Wer vom Min­dest­lohn spricht, meint nor­ma­ler­wei­se den all­ge­mei­nen, d.h. für al­le Bran­chen und deutsch­land­weit ein­heit­lich gel­ten­den Min­dest­lohn von der­zeit 9,35 EUR brut­to pro St­un­de. Ne­ben die­sem Min­dest­lohn gibt es aber noch wei­te­re (höhe­re) Bran­chen-Min­destlöhne, die in ent­spre­chen­den Bran­chen-Min­dest­lohn­ta­rif­verträge fest­ge­schrie­ben sind.

Die Bran­chen-Min­destlöhne gel­ten auf der Grund­la­ge des AEntG, das den Min­dest­lohn­ta­rif­verträgen in den ge­setz­lich fest­ge­leg­ten Bran­chen (§ 4 AEntG, §§ 10 ff. AEntG) zur all­ge­mei­nen Gel­tung ver­hilft, so z.B. in der Bau­bran­che.

Da in den Bran­chen des AEntG die Be­auf­tra­gung von Su­b­un­ter­neh­men weit ver­brei­tet ist, haf­ten Auf­trag­ge­ber gemäß § 14 Satz 1 AEntG wie Bürgen dafür, dass ih­re Su­b­un­ter­neh­men den (Bran­chen-)Min­dest­lohn zah­len. Die Haf­tung ist be­schränkt auf den Net­to­lohn. Die Min­dest­lohn-Haf­tung soll ver­hin­dern, dass Un­ter­neh­men ih­re Ver­trags­pflich­ten an un­zu­verlässi­ge Su­b­un­ter­neh­men wei­ter­ge­ben, die dann wie­der­um ih­ren Ar­beit­neh­mern den Min­dest­lohn vor­ent­hal­ten.

Als „Un­ter­neh­mer“ gemäß § 14 Satz 1 AEntG haf­ten „Häus­le­bau­er“ nicht, denn sie sind Pri­vat­per­so­nen und kei­ne "Un­ter­neh­mer". Außer­dem gilt § 14 Satz 1 AEntG laut BAG nur für sol­che ge­werb­li­chen Auf­trag­ge­ber, die ei­ge­ne ver­trag­li­che Leis­tungs­pflich­ten an Su­b­un­ter­neh­mer wei­ter­ge­ben. Denn nur dann kann der Auf­trag­ge­ber auf­grund sei­ner ei­ge­nen Fach­kun­de einschätzen, ob der vom Su­b­un­ter­neh­mer ver­lang­te Preis über­haupt mach­bar ist, d.h. ob er zur Zah­lung der je­wei­li­gen (Bran­chen-)Min­destlöhne aus­reicht.

Im Bau­ge­wer­be gehören al­le ausführen­den Un­ter­neh­men, Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer und auch Bauträger zu den „Un­ter­neh­mern“ im Sin­ne von § 14 Satz 1 AEntG, denn zu ih­rem Ge­wer­be gehört die Er­rich­tung von Bau­wer­ken. Da­ge­gen gel­ten Un­ter­neh­men, die auf ih­rem Grundstück ei­gen­ge­nutz­te Ge­wer­be­im­mo­bi­li­en er­rich­ten las­sen, als Bau­her­ren, und Bau­her­ren haf­ten nicht gemäß § 14 Satz 1 AEntG.

Frag­lich ist, ob ge­werb­li­che Im­mo­bi­li­en­ent­wick­ler haf­ten, wenn sie Bau­leis­tun­gen in Auf­trag ge­ben, um die er­stell­ten Gebäude später zu ver­mie­ten oder zu ver­pach­ten.

Im Streit: Lohn­prel­le­rei bei der Er­rich­tung der Mall of Ber­lin

In dem Fall des BAG ging es um ein Ber­li­ner Ein­kaufs­zen­trum, die „Mall of Ber­lin“. Sie wur­de von 2011 bis 2014 am Leip­zi­ger Platz in Ber­lin-Mit­te er­rich­tet und im Sep­tem­ber 2014 eröff­net. Vie­le der aus Ost­eu­ro­pa stam­men­den Bau­ar­beit­neh­mern wur­den um ih­ren (Min­dest-)Lohn ge­prellt, denn ausführen­den Un­ter­neh­men zahl­ten nicht und der Ge­ne­ralüber­neh­mer wur­de in­sol­vent, was für Auf­se­hen in der Öffent­lich­keit sorg­te.

Ei­ner der be­trof­fe­nen Bau­ar­beit­neh­mer ver­klag­te zunächst (mit Er­folg) sei­nen Ar­beit­ge­ber auf den da­mals gülti­gen Bau-Min­dest­lohn von 11,10 EUR brut­to pro St­un­de, konn­te das Ur­teil aber nicht durch­set­zen, d.h. sein Ar­beit­ge­ber zahl­te letzt­lich nicht.

Dar­auf­hin klag­te er in ei­nem Fol­ge­pro­zess ge­gen den Be­trei­ber der „Mall of Ber­lin“ auf Zah­lung des Net­tom­in­dest­lohns für die Mo­na­te Au­gust und Sep­tem­ber 2014, wo­bei er sich auf § 14 Satz 1 AEntG be­rief. Der Be­klag­te hielt da­ge­gen, er sei als Be­trei­ber der „Mall of Ber­lin“ nur Bau­herr und da­her nicht haft­bar zu ma­chen.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin (Ur­teil vom 03.05.2017, 14 Ca 14814/16) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg wie­sen die Kla­ge ab (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 25.01.2018, 21 Sa 1231/17).

BAG: Ge­werb­li­che Im­mo­bi­li­en­ver­mie­ter, die Bau­leis­tun­gen in Auf­trag ge­ben, müssen für Min­dest­lohn­ausfälle bei den be­auf­tra­gen Bau­fir­men nicht ein­ste­hen

Auch in Er­furt vor dem BAG hat­te der Bau­ar­bei­ter kein Glück. Der Leit­satz der Ent­schei­dung des BAG lau­tet:

"Die in § 14 AEntG an­ge­ord­ne­te Bürgen­haf­tung ver­langt ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tungs­be­zie­hung zwi­schen Auf­trag­ge­ber und Nach­un­ter­neh­mer. Ei­ne sol­che liegt nicht vor, wenn ein Bau­herr den Auf­trag zur Er­rich­tung ei­nes Gebäudes an ei­nen Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer ver­gibt, um das zu er­rich­ten­de Gebäude zu ver­mie­ten und zu ver­wal­ten."

Denn, so das BAG: Der ver­klag­te Im­mo­bi­li­en­ent­wick­ler hat­te ge­genüber sei­nen Kun­den, den Mie­tern, kei­ne Pflicht zur Er­stel­lung des Bau­wer­kes. Die Er­rich­tung von Gebäuden durch ei­ge­ne Ar­beit­neh­mer, so das BAG, ist nicht "geschäfts­prägend" für den Be­trei­ber der Mall of Ber­lin. Sei­ne Pflicht ge­genüber den Mie­tern be­steht nicht dar­in, das Gebäude her­zu­stel­len, son­dern in der Über­las­sung von ver­mie­te­ten Flächen während der Miet­zeit (BAG, Ur­teil, Rn.28).

Der ver­klag­te Be­trei­ber der Shop­ping Mall war da­her im Er­geb­nis nur Bau­herr und dem­zu­fol­ge nicht haft­bar gemäß § 14 Satz 1 AEntG.

Auch wenn das BAG-Ur­teil schlecht in die ak­tu­el­le po­li­ti­sche Dis­kus­si­on über ei­ne Be­gren­zung von Werk­verträgen in der Fleisch­in­dus­trie passt, und ob­wohl der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer letzt­lich um sei­nen Lohn ge­bracht wur­de, hat das BAG recht.

Denn es soll­ten nur die­je­ni­gen Un­ter­neh­mer für ih­re Su­b­un­ter­neh­men gemäß § 14 Satz 1 AEntG haf­ten, die ih­re ei­ge­ne Ver­trags­pflich­ten an Un­ter­neh­men der­sel­ben Bran­che wei­ter­ge­ben. Be­auf­tragt z.B. ein Bau­un­ter­neh­men ei­ne Ca­te­ring­fir­ma da­mit, die Weih­nachts­fei­er aus­zu­rich­ten, haf­tet es nicht gemäß § 14 Satz 1 AEntG für die Zah­lung der Min­destlöhne durch die Ca­te­ring­fir­ma.

Die­se Haf­tungs­be­gren­zung gilt auch für den all­ge­mei­nen Min­dest­lohn auf der Ba­sis des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes (Mi­LoG), denn § 13 Mi­LoG ver­weist auf § 14 AEntG bzw. erklärt die­sen für ent­spre­chend an­wend­bar.

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Letzte Überarbeitung: 16. Oktober 2020

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