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ARBEITSRECHT AKTUELL // 11/002

In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen in al­ler Re­gel un­ge­fähr­lich

Nur wer "zu viel weiß", ris­kiert er­hal­te­nen Lohn: Thü­rin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 04.06.2010, 8 Sa 32/09
Ausgestülpte leere Hosentasche mit Hand Ins­ovenz­an­fech­tung: Ar­beit­neh­mer ha­ben meist die bes­se­ren Kar­ten

04.01.2011. Wenn über das Ver­mö­gen des Ar­beit­ge­bers das In­sol­venz­ver­fah­ren er­öff­net wur­de, hat der In­sol­venz­ver­wal­ter die Auf­ga­be, die In­sol­venz­mas­se (al­so das Ver­mö­gen des Ar­beit­ge­bers, vgl. § 35 In­sol­venz­ord­nung - In­sO) ef­fek­tiv zu ver­wer­ten und auf die­ser Grund­la­ge al­le Schul­den bzw. Gläu­bi­ger so weit wie mög­lich zu be­die­nen.

Es ge­hört zu den Grund­sät­zen des In­sol­venz­ver­fah­rens, dass da­bei kein Gläu­bi­ger be­vor­zugt oder be­nach­tei­ligt wer­den soll.

Von der In­sol­venz be­droh­te Schuld­ner nei­gen al­ler­dings da­zu, vor­her noch Ver­mö­gens­wer­te bei­sei­te zu schaf­fen oder be­stimm­te Schul­den be­vor­zugt zu zah­len. Der In­sol­venz­ver­wal­ter hat da­her die Mög­lich­keit, sol­che vor der Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vor­ge­nom­me­nen Rechts­ge­schäf­te an­zu­fech­ten (§ 129 ff. In­sO).

Was ein Gläu­bi­ger durch ei­ne er­folg­reich an­ge­foch­te­ne Hand­lung er­hal­ten hat, muss er zur In­sol­venz­mas­se zu­rück­ge­wäh­ren (§ 143 Abs. 1 In­sO).

Wer in­fol­ge ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung Geld an den Ver­wal­ter zu­rück­zah­len muss, er­langt sei­ne For­de­rung wie­der und hat da­her die Mög­lich­keit, die "wie­der­auf­er­stan­de­ne" For­de­rung als In­sol­venz­gläu­bi­ger zur In­sol­venz­ta­bel­le an­zu­mel­den (§ 144 In­sO). Das ist aber nicht aus­sichts­reich, da prak­tisch nie ge­nü­gend Mas­se vor­han­den ist, um sämt­li­che Schul­den ab­schlie­ßend zu be­die­nen.

Die In­sol­venz­ord­nung ent­hält kei­ne Son­der­re­ge­lung für Ar­beit­neh­mer. Mit ih­rem Lohn­an­spruch sind sie al­so, wie auch bei­spiels­wei­se Ban­ken und Zu­lie­fe­rer, "nor­ma­le" Gläu­bi­ger des Ar­beit­ge­bers und lau­fen da­mit eben­falls Ge­fahr, vom In­sol­venz­ver­wal­ter zur Rück­zah­lung von "kurz vor Tores­schluss" er­hal­te­nem Lohn auf­ge­for­dert zu wer­den.

Prak­tisch wich­tig ist da­bei ins­be­son­de­re § 130 Abs.1 Satz 1 Nr.1 In­sO. Auf Grund­la­ge die­ser Ge­set­zes­vor­schrift kön­nen re­gu­lä­re Lohn­zah­lun­gen, die in den letz­ten drei Mo­na­ten vor dem In­sol­venz­an­trag ge­flos­sen sind, vom Ver­wal­ter wer­den,

  • wenn der Ar­beit­ge­ber bei der Lohn­zah­lung zah­lungs­un­fä­hig war und
  • wenn der Ar­beit­neh­mer dies wuss­te oder Um­stän­de kann­te, die zwin­gend auf die Zah­lungs­un­fä­hig­keit schlie­ßen las­sen.

Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ent­schied An­fang 2009, dass in der Re­gel nur Groß­gläu­bi­ger oder Gläu­bi­ger mit "In­si­der­kennt­nis­sen" ei­nen Über­blick über die Li­qui­di­täts- oder Zah­lungs­la­ge des spä­te­ren In­sol­venz­schuld­ners ha­ben. Sol­che In­si­der­kennt­nis­se kön­nen da­her bei Ar­beit­neh­mern nur dann vor­han­den sein, wenn sie in der Fi­nanz­buch­hal­tung des Un­ter­neh­mens ein­ge­setzt wer­den oder mit Lei­tungs­auf­ga­ben im kauf­män­ni­schen Be­reich be­traut sind.

Der durch­schnitt­li­che Ar­beit­neh­mer wird je­doch höchs­tens durch be­trieb­li­che In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen, Pres­se­be­rich­te oder den "Busch­funk" von der fi­nan­zi­el­len La­ge sei­nes Ar­beit­ge­bers wis­sen. Das ver­schafft ihm kei­nen aus­rei­chen­den Über­blick über die Li­qui­di­täts­la­ge sei­nes Ar­beit­ge­bers.

Das Thü­rin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) folg­te die­ser Recht­spre­chung und ent­schied im Ju­ni 2010, dass ein Mit­ar­bei­ter im Ein­kauf nicht die nö­ti­gen In­si­der­kennt­nis­se hat­te, weil er le­dig­lich Be­stel­lun­gen vor­nahm, oh­ne sich um die Be­zah­lung zu küm­mern (Thü­rin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 04.06.2010, 8 Sa 32/09; Vor­in­stanz: Ar­beits­ge­richt Nord­hau­sen, Ur­teil vom 02.12.2008, 1 Ca 1166/06). Da­her hat­te der In­sol­venz­ver­wal­ter hier im Streit­fall kei­nen Er­folg, d.h. der Ar­beit­neh­mer konn­te den vor In­sol­ven­zer­öff­nung ge­zahl­ten Lohn be­hal­ten.

Dass der Ar­beit­neh­mer von Kol­le­gen, durch Be­triebs­ver­samm­lun­gen so­wie aus Pres­se­be­rich­ten von Zah­lungs­pro­ble­men sei­nes Ar­beit­ge­bers wuss­te und ihm um­fang­rei­che Lohn­rück­stän­de be­kannt wa­ren, ge­nüg­te dem LAG nicht. Denn die­se In­for­ma­tio­nen reich­ten nicht aus, um "zwin­gend" auf die Zah­lungs­un­fä­hig­keit schlie­ßen zu las­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Letzte Überarbeitung: 10. Juni 2014

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