HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/208

In­sol­venz­an­fech­tung von Ar­beits­lohn ver­fas­sungs­ge­mäß

Lohn­zah­lun­gen, die nach In­sol­venz­be­an­tra­gung un­ter An­dro­hung der Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wer­den, kön­nen an­ge­foch­ten wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.02.2014, 6 AZR 367/13
Zwei Männchen mit Euro

10.06.2014. Der In­sol­venz­ver­wal­ter kann Lohn­zah­lun­gen, die der Ar­beit­neh­mer noch kurz vor der In­sol­venz sei­nes Ar­beit­ge­bers er­hal­ten hat, nach den Vor­schrif­ten der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) her­aus­ver­lan­gen, wenn ein Fall der sog. In­sol­venz­an­fech­tung vor­liegt.

Da der Ar­beit­neh­mer ge­gen die­sen Lohn­aus­fall nicht im­mer durch das In­sol­venz­geld ab­ge­si­chert ist, fragt sich, ob § 131 Abs.1 In­sO ver­fas­sungs­ge­mäß ist.

Ja, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: BAG, Ur­teil vom 27.02.2014, 6 AZR 367/13.

Ist § 131 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) ver­fas­sungs­gemäß?

Das BAG hat den An­wen­dungs­be­reich der An­fech­tungs­pa­ra­gra­phen in den letz­ten Jah­ren zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer stark ein­ge­grenzt. Trotz­dem bleibt ein An­fech­tungs­tat­be­stand übrig, der Ar­beit­neh­mern Sor­ge be­rei­ten kann, nämlich § 131 Abs.1 In­sO.

Die­se Vor­schrift be­rech­tigt In­sol­venz­ver­wal­ter vor al­lem da­zu, Lohn­zah­lun­gen zurück­zu­for­dern, die durch Zwangs­voll­stre­ckung oder nach An­dro­hung ei­ner Zwangs­voll­stre­ckungs­maßnah­me

  • im letz­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag oder später be­zahlt wur­den (§ 131 Abs.1 Nr.1 In­sO) oder
  • so­gar schon früher, nämlich im zwei­ten oder drit­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag, falls der Ar­beit­ge­ber zu die­sem Zeit­punkt be­reits zah­lungs­unfähig war (§ 131 Abs.1 Nr.2 In­sO).

Wenn ein Lohn­an­spruch ti­tu­liert ist und erst da­nach, d.h. per Zwangs­voll­stre­ckung bzw. auf­grund ei­ner ent­spre­chen­den An­dro­hung, ge­zahlt wird, lie­gen zwi­schen der re­gulären Fällig­keit der For­de­rung und dem Zah­lungs­zeit­punkt oft mehr als drei Mo­na­te. Denn um über­haupt ei­nen Ti­tel zu er­hal­ten, d.h. ein Ur­teil oder ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich über die rückständi­ge Lohn­for­de­rung, muss der Ar­beit­neh­mer Lohn­kla­ge ein­rei­chen und sich dann ge­dul­den, bis ein Ur­teil er­geht oder ein Ver­gleich ge­schlos­sen wer­den kann.

Die­se Zeit­verzöge­rung wie­der­um führt da­zu, dass Ar­beit­neh­mer, die ei­nen Lohn­ti­tel "kurz vor Tores­schluss" er­folg­reich voll­stre­cken, meist nicht durch das In­sol­venz­geld ab­ge­si­chert sind, wenn sie die­sen Lohn­zu­fluss später wie­der an den Ver­wal­ter zurück­zah­len müssen. Denn In­sol­venz­geld gibt es im Nor­mal­fall nur für den aus­ge­fal­len Lohn, der in den letz­ten drei Mo­na­ten vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens ver­dient wur­de.

Die Drei­mo­nats­frist ist auch aus ei­nem an­de­ren Grund wich­tig: Nach der Recht­spre­chung des BAG kann das (für Ar­beit­neh­mer oh­ne­hin harm­lo­se) Rück­for­de­rungs­recht des § 130 In­sO ("kon­gru­en­te De­ckung") von vorn­her­ein nicht an­ge­wen­det wer­den, wenn

  • der Ar­beit­ge­ber frei­wil­lig Ar­beits­leis­tun­gen be­zahlt,
  • die nicht länger als drei Mo­na­te zurück­lie­gen,

denn sol­che Zah­lun­gen sind laut BAG Bar­geschäfte im Sin­ne von § 142 In­sO.

Da das BAG auch den An­wen­dungs­be­reich des Rück­for­de­rungs­rechts we­gen "vorsätz­li­cher Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung" (§ 133 Abs.1 In­sO) strikt be­grenzt (BAG, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/105 Ge­haltsrück­for­de­rung durch In­sol­venz­ver­wal­ter wei­ter be­grenzt), bleibt als ei­gent­li­che Ge­fah­ren­quel­le für den Ar­beit­neh­mer § 131 Abs.1 In­sO.

Und weil hier ei­ne In­sol­venz­geld­ab­si­che­rung wie erwähnt meist aus­schei­det, kann man dar­an zwei­feln, dass § 131 Abs.1 In­sO, ver­fas­sungs­gemäß ist. Im­mer­hin greift die Pflicht zur Rücker­stat­tung in das Ei­gen­tums­grund­recht des Ar­beit­neh­mers ein (denn auch For­de­run­gen sind durch das Ei­gen­tums­grund­recht geschützt), und mögli­cher­wei­se be­ach­tet § 131 Abs.1 In­sO auch das So­zi­al­staats­prin­zip nicht aus­rei­chend.

Der Streit­fall: Kraft­fah­rer und Bau­wer­ker erhält rückständi­gen Ar­beits­lohn erst nach An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens

Im Streit­fall hat­te ein Kraft­fah­rer und Bau­wer­ker mit sei­nem Ar­beit­ge­ber, ei­nem Bau­be­trieb, En­de März 2011 ei­nen ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich ab­ge­schlos­sen, mit dem rückständi­ge Löhne für die vier Mo­na­te von No­vem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011 ti­tu­liert wur­den. Ei­ne Wo­che zu­vor war be­reits die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen des Ar­beit­ge­bers be­an­tragt wor­den.

En­de Mai 2011 droh­te der Ar­beit­neh­mer die Zwangs­voll­stre­ckung an und er­wirk­te ein vorläufi­ges Zah­lungs­ver­bot. Dar­auf­hin zahl­te der Ar­beit­ge­ber Mit­te Ju­ni 2011 die Net­tolöhne für De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011, im­mer­hin 3.584,52 EUR.

Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te durch außer­or­dent­li­che Ei­genkündi­gung des Ar­beit­neh­mers am 01. Ju­li 2011, so dass die­ser für die drei Mo­na­te April, Mai und Ju­ni 2011 In­sol­venz­geld er­hielt.

En­de Au­gust 2011 wur­de dann das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und ein In­sol­venz­ver­wal­ter ein­ge­setzt. Die­ser ver­lang­te von dem Ar­beit­neh­mer im We­ge der In­sol­venz­an­fech­tung Rück­zah­lung der 3.584,52 EUR, wo­bei er sich auf § 131 Abs.1 Nr.1 In­sO be­rief.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt an der Oder (Ur­teil vom 21.06.2012, 3 Ca 26/12) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg wie­sen die Kla­ge ab (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 01.11.2012, 22 Sa 1238/12), weil sie der Mei­nung wa­ren, der In­sol­venz­ver­wal­ter hätte die zwei­mo­na­ti­ge ta­rif­li­che Aus­schluss­frist nach dem Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag Bau nicht ein­ge­hal­ten.

BAG: § 131 In­sO verstößt we­der ge­gen die Ei­gen­tums­ga­ran­tie (Art.14 Grund­ge­setz) noch ge­gen das So­zi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs.1 Grund­ge­setz)

Das BAG hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und ver­ur­teil­te den ver­klag­ten Ar­beit­neh­mer zur Rück­zah­lung der 3.584,52 EUR net­to nebst Zin­sen.

Zur Be­gründung ver­weist das BAG zum ei­nen dar­auf, dass ta­rif­li­che und ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten auf den ge­setz­li­chen Rück­for­de­rungs­an­spruch des In­sol­venz­ver­wal­ters, der sich aus den An­fech­tungs­pa­ra­gra­phen der In­sO er­gibt, nicht an­zu­wen­den sind. Dies hat­te das BAG be­reits im letz­ten Jahr klar­ge­stellt (BAG, Ur­teil vom 24.10.2013, 6 AZR 466/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/309 In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen, die im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wur­den).

Zum an­de­ren ist das BAG der Mei­nung, dass § 131 Abs.1 Nr.1 In­sO nicht ge­gen das Grund­ge­setz (GG) verstößt.

Denn der durch die Ei­gen­tums­ga­ran­tie (Art.14 GG) geschütz­te Lohn­an­spruch wird durch die An­fech­tung nicht ver­nich­tet, son­dern fällt wie­der an den Ar­beit­neh­mer zurück, der den nicht erfüll­ten An­spruch zur In­sol­venz­ta­bel­le an­mel­den kann, so das BAG. Und auch ein Ver­s­toß ge­gen das So­zi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs.1 GG) woll­ten die Er­fur­ter Rich­ter nicht un­ter­schrei­ben, denn schließlich gibt es ja das In­sol­venz­geld und an­de­re, ergänzen­de Lohn­er­satz­leis­tun­gen, die Ar­beit­neh­mer in­sol­ven­ter Un­ter­neh­men in An­spruch neh­men können.

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer sind gut be­ra­ten, wenn sie frühzei­tig von ih­rem Zurück­be­hal­tungs­recht Ge­brauch ma­chen, d.h. nach zwei Mo­natslöhnen Zah­lungs­ver­zug soll­te man nicht mehr zur Ar­beit ge­hen, son­dern zur Ar­beits­agen­tur. Als Be­gleit­maßnah­me soll­te man nicht nur die rückständi­gen Löhne ein­kla­gen, son­dern auch die An­nah­me­ver­zugslöhne, die während der Ausübung des Zurück­be­hal­tungs­rechts fortwährend wei­ter auf­lau­fen.

So et­was macht Ar­beit­ge­ber nervös, und dann kann man über "frei­wil­li­ge" (Ab­schlags-)Zah­lun­gen spre­chen. Die­se un­ter­fal­len auch dann nicht, wenn mit ih­nen ti­tu­lier­te For­de­run­gen be­gli­chen wer­den, § 131 Abs.1 In­sO, so­lan­ge es der Ar­beit­neh­mer un­terlässt, (aus­drück­lich) Maßnah­men der Zwangs­voll­stre­ckung an­zu­dro­hen.

Im hier vom BAG ent­schie­de­nen Fall hat­te der Ar­beit­neh­mer bzw. sein An­walt den Ti­tel (Ver­gleich) erst nach dem In­sol­venz­an­trag er­wirkt (!) und die Zah­lung noch ein­mal zwei­ein­halb Mo­na­te später nach kon­kre­ter An­dro­hung ei­ner Zwangs­voll­stre­ckung. Ein sol­cher Lohn­zu­fluss ist nicht an­fech­tungs­fest.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. September 2014

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de