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BAG, Ur­teil vom 27.02.2014, 6 AZR 367/13

   
Schlagworte: Insolvenzanfechtung, Insolvenz des Arbeitgebers
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 6 AZR 367/13
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 27.02.2014
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Frankfurt (Oder, Urteil vom 21.6.2012 - 3 Ca 26/12
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 2.11.2012 - 22 Sa 1238/12
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


6 AZR 367/13
22 Sa 1238/12
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

27. Fe­bru­ar 2014

UR­TEIL

Förs­ter, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­ter, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Sechs­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 27. Fe­bru­ar 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Fi­scher­mei­er, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Spel­ge und den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krum­bie­gel so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Knauß und Oye für Recht er­kannt:
 


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1. Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 2. No­vem­ber 2012 - 22 Sa 1238/12 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben.


2. Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) vom 21. Ju­ni 2012 - 3 Ca 26/12 - teil­wei­se ab­geändert:


Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 3.584,52 Eu­ro nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 30. Au­gust 2011 zu zah­len.


Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

3. Der Be­klag­te hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Ver­pflich­tung des Be­klag­ten, Ar­beits­vergütung, die er un­ter dem Druck von Zwangs­voll­stre­ckungs­maßnah­men er­langt hat, im We­ge der In­sol­venz­an­fech­tung an die Mas­se zurück­zu­gewähren.

Der Kläger ist In­sol­venz­ver­wal­ter in dem am 21. März 2011 be­an­trag­ten und am 29. Au­gust 2011 eröff­ne­ten In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen der A GmbH (künf­tig: Schuld­ne­rin). Der Be­klag­te war seit dem 14. März 2005 als Kraft­fah­rer/Bau­wer­ker bei der Schuld­ne­rin beschäftigt. Das Ar­beits­verhält­nis un­ter­fiel dem all­ge­mein­ver­bind­li­chen Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag für das Bau­ge­wer­be (BRTV-Bau). Es en­de­te durch außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten vom 1. Ju­li 2011. Der Be­klag­te er­hielt In­sol­venz­geld für die Zeit von April bis Ju­ni 2011.

Die Schuld­ne­rin er­stell­te zwar stets pünkt­lich Lohn­ab­rech­nun­gen, zahl­te dem Be­klag­ten aber seit Jah­ren den Lohn nur mit zeit­li­cher Verzöge­rung. In den letz­ten drei Jah­ren vor der In­sol­ven­zeröff­nung be­stand stets ein Lohnrück-stand von min­des­tens zwei bis drei Mo­na­ten, seit Mit­te 2010 kam es zu Zah-
 


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lungs­verzöge­run­gen von bis zu sechs Mo­na­ten. Der Be­klag­te schloss mit der Schuld­ne­rin ei­nen Ver­gleich über die Zah­lung rückständi­ger Vergütung für die Mo­na­te No­vem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011, des­sen In­halt das Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder) am 29. März 2011 fest­stell­te. Am 26. Mai 2011 wur­de der Schuld­ne­rin we­gen die­ser ti­tu­lier­ten For­de­rung ein vorläufi­ges Zah­lungs­ver­bot gemäß § 845 ZPO zu­ge­stellt. Dar­in wur­de ua. mit­ge­teilt, dass die Pfändung be­vor­ste­he. Zu ei­nem nicht näher fest­ge­stell­ten Zeit­punkt zahl­te die Schuld­ne­rin die Vergütung für No­vem­ber 2010, die nicht streit­be­fan­gen ist. Am 9. Ju­ni 2011 über­wies die Schuld­ne­rin 3.584,52 Eu­ro auf die Net­to­ent­gelt­ansprüche des Be­klag­ten für De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011 an des­sen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten, die der Kläger zur Mas­se zurück­for­dert.


Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der streit­be­fan­ge­ne Be­trag sei nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO zurück­zu­gewähren. Die Be­stim­mun­gen der In­sol­venz­ord­nung zum An­fech­tungs­recht sei­en nicht ver­fas­sungs­wid­rig, son­dern ih­rer­seits ei­ne Aus­for­mung des So­zi­al­staats­prin­zips. Ar­beit­neh­mer würden auch nicht ge­genüber an­de­ren In­sol­venzgläubi­gern be­nach­tei­ligt. Im Ge­gen­teil sei­en sie durch das In­sol­venz­geld bes­ser als an­de­re Gläubi­ger ab­ge­si­chert. Der in­sol­venz­recht­li­che Rück­gewähran­spruch un­ter­fal­le kei­nen ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten.

Der Kläger hat be­an­tragt, 


den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn 3.584,52 Eu­ro nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29. Au­gust 2011 zu zah­len.


Der Be­klag­te hat zur Be­gründung sei­nes Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die er­lang­te De­ckung sei kon­gru­ent. Er ha­be nur be­kom­men, was ihm zu­ge­stan­den ha­be. §§ 129 ff. In­sO, ins­be­son­de­re § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO, sei­en ver­fas­sungs­wid­rig. Das So­zi­al­staats­prin­zip und Art. 3 GG sei-en ver­letzt. Wirt­schaft­lich star­ke und recht­lich leis­tungsfähi­ge Gläubi­ger würden ge­genüber abhängig Beschäftig­ten so­zi­al völlig un­aus­ge­wo­gen be­vor­zugt. Un­ter Be­ach­tung des So­zi­al­staats­ge­bots müsse der Ge­setz­ge­ber des­halb Ar­beit­neh­mer aus der An­fech­tung aus­neh­men. Das gel­te je­den­falls dann, wenn der
 


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Schuld­ner ei­ne Ab­rech­nung er­stellt ha­be und der Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beits­leis­tung oh­ne Kennt­nis der ein­ge­tre­te­nen oder un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den In­sol­venz er­bracht ha­be. Der Be­klag­te hat wei­ter die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Rück­gewähran­spruch sei ver­fal­len.


Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Sie ha­ben an­ge­nom­men, der An­spruch sei nach § 15 BRTV-Bau ver­fal­len.


Mit sei­ner vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sein Be­geh­ren auf Rück­gewähr des ge­zahl­ten Be­trags zur Mas­se wei­ter. Der Be­klag­te rügt zur Be­gründung sei­nes Be­geh­rens, die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen, über sei­ne bis­he­ri­gen Ausführun­gen zu der von ihm an­ge­nom­me­nen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der in­sol­venz­an­fech­tungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen hin­aus ei­ne Ver­let­zung sei­nes Rechts aus Art. 14 Abs. 1 GG.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist bis auf ei­nen ge­rin­gen Teil des Zins­an­spruchs be­gründet. Der Be­klag­te muss das für De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011 von der Schuld­ne­rin am 9. Ju­ni 2011 ge­zahl­te Net­to­ent­gelt von 3.584,52 Eu­ro gemäß § 131 Abs. 1 Nr. 1 iVm. § 143 Abs. 1 In­sO an die Mas­se zurück­gewähren. Der Rück­for­de­rungs­an­spruch be­geg­net in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken und un­terfällt ent­ge­gen der An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist des § 15 Abs. 2 BRTV-Bau.


I. Die Kla­ge ist zulässig. Sie genügt dem Be­stimmt­heits­ge­bot des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Der Kläger be­gehrt den vom Be­klag­ten durch Zah­lung der Schuld­ne­rin vom 9. Ju­ni 2011 er­lang­ten Be­trag zurück. Wie sich die­ser Be­trag im Ein­zel­nen auf die drei um­fass­ten Ent­gelt­zah­lungsräume (De­zem­ber 2010 bis ein­sch­ließlich Fe­bru­ar 2011) ver­teilt, ist un­er­heb­lich.
 


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II. An­fech­tungs­geg­ner ist der Be­klag­te. Die An­fech­tung rich­tet sich grundsätz­lich ge­gen den­je­ni­gen, dem ge­genüber die an­fecht­ba­re Hand­lung vor­ge­nom­men wor­den ist, dh. ge­gen den Empfänger des an­fecht­bar über­tra­ge­nen oder be­gründe­ten Rechts (BAG 29. Ja­nu­ar 2014 - 6 AZR 345/12 - Rn. 11). Das ist hier der Be­klag­te. Un­er­heb­lich ist da­bei, dass die streit­be­fan­ge­ne Zah­lung an den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Be­klag­ten er­folg­te. Hat der Schuld­ner in an­fecht­ba­rer Wei­se an ei­nen vom Gläubi­ger mit dem Emp­fang der Leis­tung be­auf­trag­ten Drit­ten ge­leis­tet, trifft die Rück­gewähr­pflicht den Gläubi­ger und nicht den Emp­fangs­be­auf­trag­ten (BGH 17. De­zem­ber 2009 - IX ZR 16/09 - Rn. 12; 16. Ju­li 2009 - IX ZR 53/08 - Rn. 2).


III. Der Be­klag­te hat nach Stel­lung des In­sol­venz­an­trags ei­ne in­kon­gru­en­te Be­frie­di­gung er­langt. Da­mit ist der Tat­be­stand des § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO erfüllt.


1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Zah­lung vom 9. Ju­ni 2011 zu Recht als in­kon­gru­en­te De­ckung be­ur­teilt.

a) Ei­ne in­kon­gru­en­te De­ckung im Sin­ne des An­fech­tungs­rechts liegt nach ständi­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung, die mit dem ge­setz­ge­be­ri­schen Wil­len im Ein­klang steht (BAG 31. Au­gust 2010 - 3 ABR 139/09 - Rn. 23), be­reits dann vor, wenn der Schuld­ner während der „kri­ti­schen Zeit“ der letz­ten drei Mo­na­te vor dem Eröff­nungs­an­trag oder in der Zeit nach Stel­len des In­sol­venz­an­trags un­ter dem Druck un­mit­tel­bar dro­hen­der Zwangs­voll­stre­ckung leis­tet, um die­se zu ver­mei­den. Un­er­heb­lich ist, ob die Zwangs­voll­stre­ckung im ver­fah­rens­recht­li­chen Sin­ne schon be­gon­nen hat­te, als die Leis­tung des Schuld­ners er­folg­te. Die In­kon­gru­enz wird durch den zu­min­dest un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den ho­heit­li­chen Zwang be­gründet (BAG 24. Ok­to­ber 2013 - 6 AZR 466/12 - Rn. 24 f.; 19. Mai 2011 - 6 AZR 736/09 - Rn. 12; BGH 18. De­zem­ber 2003 - IX ZR 199/02 - zu I 2 a aa der Gründe, BGHZ 157, 242). Ein die In­kon­gru­enz be­gründen­der Druck ei­ner un­mit­tel­ba­ren be­vor­ste­hen­den Zwangs­voll­stre­ckung be­steht al­ler­dings noch nicht, wenn der Schuld­ner nach Zu­stel­lung ei­nes Ti­tels die ti­tu­lier­te For­de­rung erfüllt, oh­ne dass der Gläubi­ger die
 


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Zwangs­voll­stre­ckung zu­vor ein­ge­lei­tet oder an­ge­droht hat (BGH 20. Ja­nu­ar 2011 - IX ZR 8/10 - Rn. 8).

b) Die An­grif­fe des Be­klag­ten ge­ben kei­nen An­lass, die­se Recht­spre­chung zu ändern. Sei­ne An­nah­me, der Lohn­an­spruch sei zu­gleich ein Scha­den­er­satz­an­spruch nach §§ 823, 826 BGB und un­ter­lie­ge des­halb kei­ner in­sol­venz­recht­li­chen An­fech­tung, ist - un­abhängig da­von, dass die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen ei­nes sol­chen Scha­den­er­satz­an­spruchs nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt sind - un­zu­tref­fend. Auch Scha­den­er­satz­ansprüche können der In­sol­venz­an­fech­tung un­ter­lie­gen (vgl. Henckel in Ja­e­ger In­sO § 131 Rn. 14). Der Be­klag­te miss­ver­steht § 89 Abs. 2 Satz 2 In­sO, wenn er an­nimmt, er könne ei­nen Scha­den­er­satz­an­spruch aus dem Rechts­ge­dan­ken die­ser Vor­schrift durch¬et­zen. Die­se Vor­schrift belässt ei­nem vor In­sol­ven­zeröff­nung zu­ge­stell­ten Pfändungs- und Über­wei­sungs­be­schluss nur hin­sicht­lich der nach In­sol­ven­zeröff­nung ent­ste­hen­den Un­ter­halts- und Scha­den­er­satz­for­de­run­gen aus ei­ner vorsätz­li­chen un­er­laub­ten Hand­lung sei­ne Wir­kung. Voll­stre­ckungs­maßnah­men von Un­ter­halts- und De­liktsgläubi­gern in den gemäß §§ 850d, 850f Abs. 2 ZPO er­wei­tert pfänd­ba­ren Teil der Bezüge blei­ben in­so­weit wirk­sam. Die­ser Teil der Einkünf­te gehört nicht zur In­sol­venz­mas­se. Des­halb können die von § 89 Abs. 2 Satz 2 In­sO pri­vi­le­gier­ten Gläubi­ger auch wei­ter­hin in die­sen Teil der Einkünf­te voll­stre­cken (BAG 17. Sep­tem­ber 2009 - 6 AZR 369/08 - Rn. 16 ff., BA­GE 132, 125). Für die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on hat die­se Vor­schrift kei­ne Be­deu­tung.

c) Die Schuld­ne­rin hat die an­ge­foch­te­ne Zah­lung erst auf die am 26. Mai 2011 er­wirk­te Vorpfändung und da­mit of­fen­kun­dig un­ter dem Druck der un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Zwangs­voll­stre­ckung ge­leis­tet. Sie muss­te auf­grund des vom Be­klag­ten er­wirk­ten Zah­lungs­ver­bots da­mit rech­nen, dass die Zwangs­voll­stre­ckung un­mit­tel­bar be­vor­stand, wenn sie die ti­tu­lier­te For­de­rung nicht erfüll­te. Dies gilt um­so mehr, als im Zah­lungs­ver­bot aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den war, dass die Pfändung be­vor­ste­he. Zweck die­ser Voll­stre­ckungs­ankündi­gung war es auch aus der Sicht des Be­klag­ten, die Schuld­ne­rin durch die An­dro­hung ho­heit­li­chen Zwangs zur Zah­lung zu ver­an­las­sen. Da­mit liegt kei­ne frei­wil­li­ge Zah­lung, son­dern ei­ne Zah­lung un­ter dem Druck der un­mit­tel­bar be-


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vor­ste­hen­den Zwangs­voll­stre­ckung im Sin­ne der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung vor. Ei­ne sol­che Zah­lung ist nicht in­sol­venz­fest.


2. So­wohl die Zu­stel­lung der Vorpfändung als auch die dar­auf be­ru­hen­de Zah­lung sind nach dem be­reits am 21. März 2011 ge­stell­ten In­sol­venz­an­trag er­folgt.


3. Wei­te­re Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen hat § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO nicht. Auf die Red­lich­keit des Be­klag­ten, auf die die­ser sich be­ruft, kommt es des­halb nicht an.


IV. Die vom Be­klag­ten er­ho­be­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken ver­fan­gen in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on nicht.

1. Die Ei­gen­tums­ga­ran­tie des Art. 14 Abs. 1 GG ist nicht ver­letzt. 


a) Es er­scheint be­reits zwei­fel­haft, ob die §§ 129 ff. In­sO im All­ge­mei­nen und § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO im Be­son­de­ren über­haupt in den Schutz­be­reich die­ses Grund­rechts ein­grei­fen. Zwar un­ter­fal­len die­sem auch schuld­recht­li­che For­de­run­gen (BVerfG 7. De­zem­ber 2004 - 1 BvR 1804/03 - zu B II 1 a der Gründe, BVerfGE 112, 93). Auch im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung sind For­de­run­gen der Gläubi­ger als pri­va­te vermögens­wer­te Rech­te von Art. 14 Abs. 1 GG geschützt (BVerfG 23. Mai 2006 - 1 BvR 2530/04 - Rn. 34, BVerfGE 116, 1). Zu berück­sich­ti­gen ist je­doch, dass bei ei­ner er­folg­rei­chen In­sol­venz­an­fech­tung die For­de­rung wie­der auf­lebt, wenn der Empfänger ei­ner an­fecht­ba­ren Leis­tung das Er­lang­te zurück­gewährt (§ 144 In­sO). Zwar ist der wirt­schaft­li­che Wert die­ser In­sol­venz­for­de­rung oft ge­ring. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat ei­nen Ein­griff in den Schutz­be­reich je­doch nur be­jaht, wenn die For­de­rung zwar recht­lich be­ste­hen bleibt, aber oh­ne je­den wirt­schaft­li­chen Wert ist. Dies hat es für den Aus­schluss ver­späte­ter For­de­run­gen durch § 14 Abs. 1 Satz 1 Ge­sO be­jaht, weil der Gläubi­ger in die­sem Fall sei­ne For­de­rung in al­ler Re­gel noch nicht ein­mal mit der Quo­te des Ge­samt­voll­stre­ckungs­ver­fah­rens durch­set­zen könne (BVerfG 26. April 1995 - 1 BvL 19/94, 1 BvR 1454/94 - zu B I 2 der Gründe, BVerfGE 92, 262). Die an­ge­foch­te­nen For­de­run­gen neh-
 


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men je­doch als In­sol­venz­for­de­run­gen am In­sol­venz­ver­fah­ren wei­ter teil (vgl. § 144 Abs. 2 Satz 2 In­sO) und sind da­mit nicht völlig oh­ne wirt­schaft­li­chen Wert, son­dern mit der In­sol­venz­quo­te zu be­frie­di­gen.


b) § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO ist je­den­falls ei­ne zulässi­ge In­halts- und Schran­ken­be­stim­mung iSv. Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG (BAG 31. Au­gust 2010 - 3 ABR 139/09 - Rn. 27). Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten ist der ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit, den der Ge­setz­ge­ber auch bei ei­ner In­halts- und Schran­ken­be­stim­mung des Ei­gen­tums zu be­ach­ten hat, nicht ver­letzt.

aa) Der Ge­setz­ge­ber hat er­kannt, dass das Prio­ritätsprin­zip zu ei­ner nicht zu recht­fer­ti­gen­den Be­vor­zu­gung des oft nur zufällig schnel­le­ren Gläubi­gers führt, wenn das haf­ten­de Vermögen nicht aus­reicht, um al­le Gläubi­ger zu be­frie­di­gen (Henckel in Ja­e­ger In­sO § 131 Rn. 50). Er hat sich dafür ent­schie­den, im Drei­mo­nats­zeit­raum des § 131 In­sO und für die Zeit nach Stel­len des In­sol­venz­an­trags das In­ter­es­se ei­nes ein­zel­nen Gläubi­gers an der Durch­set­zung sei­nes An­spruchs ge­genüber dem von der In­sol­venz­ord­nung ver­folg­ten An­satz der gleichmäßigen Gläubi­ger­be­frie­di­gung zurück­tre­ten zu las­sen und sei­ne staat­li­chen Zwangs­mit­tel zur Si­che­rung und Be­frie­di­gung von For­de­run­gen, die ei­ner gleich­be­rech­tig­ten Gläubi­ger­be­frie­di­gung ent­ge­gen­ste­hen, nur außer­halb der von § 131 In­sO er­fass­ten Zeiträume in­sol­venz­fest zur Verfügung zu stel­len (vgl. BAG 29. Ja­nu­ar 2014 - 6 AZR 345/12 - Rn. 81; 24. Ok­to­ber 2013 - 6 AZR 466/12 - Rn. 29). Ein Gläubi­ger kann und darf nach der Wer­tung des Ge­setz­ge­bers durch staat­li­chen Zwang oder Dro­hung mit ei­nem sol­chen Zwang in der kri­ti­schen Zeit kei­ne Prio­rität mehr ge­genüber an­de­ren Gläubi­gern er­wir­ken (Henckel aaO Rn. 52).


bb) § 131 Abs. 1 In­sO ist un­ter Be­ach­tung des dem Ge­setz­ge­ber zu­kom­men­den Be­ur­tei­lungs­spiel­raums zur Er­rei­chung die­ses ge­setz­ge­be­ri­schen Ziels ge­eig­net, er­for­der­lich und verhält­nismäßig im en­ge­ren Sinn. Da­bei ist auch zu be­ach­ten, dass das In­sol­venz­ver­fah­ren auf den Schutz und die Durch­set­zung ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ter pri­va­ter In­ter­es­sen zielt und da­mit sei­ner­seits Teil der Gewähr­leis­tung des Ei­gen­tums durch Art. 14 Abs. 1 GG ist (vgl. BVerfG
 


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23. Mai 2006 - 1 BvR 2530/04 - Rn. 34, BVerfGE 116, 1). § 131 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 In­sO be­wir­ken ent­spre­chend der Kon­zep­ti­on des Ge­setz­ge­bers ei­ne qua­li­fi­zier­te Vor­ver­la­ge­rung des der In­sol­venz­ord­nung zu­grun­de lie­gen­den Grund­sat­zes der Gläubi­ger­gleich­be­hand­lung (Münch­Kom­mIn­sO/Kay­ser 3. Aufl. § 131 Rn. 3; vgl. für § 30 KO be­reits BGH 9. Sep­tem­ber 1997 - IX ZR 14/97 -). Zu­dem wer­den mit der er­leich­ter­ten An­fecht­bar­keit von Si­che­run­gen und Be­frie­di­gun­gen, die un­ter Ein­satz von oder Dro­hung mit staat­li­chen Zwangs­mit­teln er­langt wor­den sind, Son­der­vor­tei­le, die Gläubi­ger mit Voll­stre­ckungsmöglich­keit er­lan­gen können, be­sei­tigt. Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass es von Zufällig­kei­ten - bei­spiels­wei­se im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren - abhängt, ob ein Gläubi­ger be­reits ei­nen voll­streck­ba­ren Ti­tel er­lan­gen konn­te oder nicht (BAG 31. Au­gust 2010 - 3 ABR 139/09 - Rn. 26).

cc) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten gilt dies auch, so­weit § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO kei­ne sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen ver­langt, son­dern nur auf den zeit­li­chen Zu­sam­men­hang mit dem In­sol­venz­an­trag ab­stellt und bei Erfüllung die­ser Vor­aus­set­zun­gen die Zah­lungs­unfähig­keit des Schuld­ners un­wi­der­leg­lich ver­mu­tet. § 131 In­sO soll bei be­stimm­ten Hand­lun­gen, die den Ver­dacht be­gründen, dass der Schuld­ner un­ge­recht­fer­tig­te Prio­ritäten set­zen woll­te, ei­ne er­leich­ter­te An­fech­tung ermögli­chen (vgl. Henckel in Ja­e­ger In­sO § 131 Rn. 52). Er­fah­rungs­gemäß be­fin­det sich der Schuld­ner re­gelmäßig schon ge­rau­me Zeit vor dem Eröff­nungs­an­trag in ei­ner schwie­ri­gen La­ge (Uh­len­bruck/Hir­te 13. Aufl. § 131 In­sO Rn. 31; Schopp­mey­er in Bork Hand­buch des In­sol­venz­an­fech­tungs­rechts Kap. 8 Rn. 132). Dem trägt § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO im In­ter­es­se der Rechts­si­cher­heit Rech­nung (Schopp­mey­er aaO). Da­mit hat der Ge­setz­ge­ber sei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve noch nicht über­schrit­ten.

dd) Sch­ließlich ver­all­ge­mei­nert § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO die Wir­kun­gen der Rück­schlags­per­re des § 88 In­sO (Münch­Kom­mIn­sO/Kay­ser 3. Aufl. § 131 Rn. 46). Die Vor­schrif­ten der In­sol­venz­an­fech­tung und die Rück­schlags­per­re ergänzen sich in­so­weit (vgl. BAG 24. Ok­to­ber 2013 - 6 AZR 466/12 - Rn. 32). Auch § 88 In­sO ver­la­gert für den von die­ser Norm er­fass­ten Be­reich der Si­che-
 


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rung durch Zwangs­voll­stre­ckung den Grund­satz der Gläubi­ger­gleich­be­hand­lung vor und dient wie das In­sol­venz­an­fech­tungs­recht dem Er­halt und der Ver­vollständi­gung der Mas­se (Gott­wald/Ger­hardt In­sol­venz­rechts Hand­buch 4. Aufl. § 33 Rn. 29; Ja­co­bi KTS 2006, 239, 256).

2. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten ver­letzt § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO in sei­ner vom Ge­setz­ge­ber ge­bil­lig­ten Aus­le­gung durch die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung auch un­ter Berück­sich­ti­gung des durch Art. 20 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten So­zi­al­staats­prin­zips den Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG nicht (im Er­geb­nis eben­so Münch­Kom­mIn­sO/Kay­ser 3. Aufl. § 131 Rn. 26a).


a) Der Be­klag­te meint, Ar­beit­neh­mer würden durch die In­sol­venz­an­fech­tungs­vor­schrif­ten struk­tu­rell be­nach­tei­ligt, so dass der Ge­setz­ge­ber un­ter Be­ach­tung des So­zi­al­staats­ge­bots wer­te­be­tont die­sen Per­so­nen­kreis aus der An­fech­tung ha­be aus­neh­men müssen.


b) Be­reits die Tat­sa­chen­grund­la­gen die­ser Be­haup­tung sind vom Be­klag­ten nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt. Wor­auf er sei­ne Be­haup­tung stützt, Ban­ken könn­ten in der Re­gel ca. 80 % ih­rer For­de­run­gen rea­li­sie­ren, hat er nicht an­ge­ge­ben. Auch die Be­haup­tung, So­zi­al­kas­sen und Fis­kus könn­ten in ei­ner frühe­ren Pha­se ih­re For­de­run­gen in­sol­venz­fest durch­set­zen, weil sie sich selbst Voll­stre­ckungs­ti­tel ge­ben könn­ten, ist durch nichts be­legt. Im Ge­gen­teil zeigt ei­ne Viel­zahl höchst­rich­ter­li­cher Ent­schei­dun­gen, die ge­ra­de So­zi­al­kas­sen und Fis­kus zur Zurück­zah­lung ver­pflich­ten, dass die­se Be­haup­tung nähe­ren Tat­sa­chen­vor­trags bedürf­te (vgl. aus jünge­rer Zeit BGH 19. Sep­tem­ber 2013 - IX ZR 4/13 -; 14. Fe­bru­ar 2013 - IX ZR 115/12 -; 5. No­vem­ber 2009 - IX ZR 233/08 -). Zu­dem un­ter­lie­gen Zah­lun­gen des Schuld­ners an Fis­kus und So­zi­al­kas­sen häufig auch der Vor­satz­an­fech­tung nach § 133 In­sO, für die der vom Be­klag­ten an­ge­nom­me­ne Zeit­vor­sprung die­ser An­fech­tungs­geg­ner bei der Durch­set­zung ih­rer Ansprüche kei­ne Be­deu­tung hat.

c) Auch recht­lich ver­fan­gen die Be­den­ken des Be­klag­ten nicht. Der Ge­setz­ge­ber hat sei­nem dem So­zi­al­staats­prin­zip zu ent­neh­men­den Auf­trag, so­zia­le Si­che­rungs­sys­te­me ge­gen die Wechs­elfälle des Le­bens zu schaf­fen, für Fäl-
 


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le, in de­nen der Ar­beit­neh­mer in der kri­ti­schen Zeit des § 131 In­sO er­heb­li­che Ent­geltrückstände im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung bei­treibt, genügt.


aa) Der Ge­setz­ge­ber hat sich be­wusst dafür ent­schie­den, in der In­sol­venz al­le Gläubi­ger un­ter Auf­ga­be al­ler bis­he­ri­gen Kon­kurs­vor­rech­te gleich­zu­be­han­deln. Sei­ne An­nah­me, trotz Ab­schaf­fung des Ar­beit­neh­mer­pri­vi­legs aus § 59 Abs. 1 Nr. 3 Buchst. a KO sei­en für die Ar­beit­neh­mer we­gen der Möglich­keit, In­sol­venz­geld in An­spruch zu neh­men, kei­ne so­zia­len Härten zu er­war­ten, trifft zwar nicht un­ein­ge­schränkt zu (vgl. BAG 29. Ja­nu­ar 2014 - 6 AZR 345/12 - Rn. 28 ff.). In der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on be­steht aber kein Re­ge­lungs­de­fi­zit (im Er­geb­nis eben­so Fro­eh­ner NZI 2014, 133, 134). Muss der Ar­beit­neh­mer Ent­gelt­zah­lun­gen, die er un­ter dem Druck der un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Zwangs­voll­stre­ckung er­hal­ten hat, zur Mas­se zurück­gewähren, re­sul­tiert der vom Be­klag­ten an­ge­nom­me­ne „struk­tu­rel­le Nach­teil“ nicht al­lein aus der Rechts­la­ge. Er erwächst vor al­lem dar­aus, dass der Ar­beit­neh­mer be­ste­hen­de recht­li­che und tatsächli­che Hand­lungsmöglich­kei­ten nicht wahr­nimmt, son­dern in der Hoff­nung, das rückständi­ge Ent­gelt doch noch ge­zahlt zu be­kom­men, am Ar­beits­verhält­nis festhält. Bei Lohnrückständen, wie sie hier vor­ge­le­gen ha­ben, kann der Ar­beit­neh­mer frist­los kündi­gen, wie es der Be­klag­te, wenn auch erst am 1. Ju­li 2011, ge­tan hat. Der ge­setz­li­chen Re­ge­lung liegt die An­nah­me des Ge­setz­ge­bers zu­grun­de, der Ar­beit­neh­mer wer­de im ei­ge­nen wirt­schaft­li­chen In­ter­es­se von sei­nem Kündi­gungs­recht recht­zei­tig Ge­brauch ma­chen, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ne Haupt­leis­tungs­pflicht in er­heb­li­chem Um­fang ver­letzt hat. Der Ar­beit­neh­mer kann dann Ar­beits­lo­sen­geld be­an­spru­chen. Zu­dem ist das rückständi­ge Ent­gelt für die letz­ten drei Mo­na­te vor der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses über das In­sol­venz­geld ge­si­chert. Ist das Ar­beits­verhält­nis vor dem In­sol­ven­zer­eig­nis be­reits be­en­det, ist für die Be­rech­nung des Drei­mo­nats­zeit­raums al­lein die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses maßgeb­lich (Kütt­ner/ Voelz­ke Per­so­nal­buch 2013 In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers Rn. 52). Mit die­ser An­nah­me hat der Ge­setz­ge­ber sei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve noch nicht über­schrit­ten.
 


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bb) Der Ge­setz­ge­ber durf­te bei sei­ner Ent­schei­dung, Erfüllungs­hand­lun­gen des Schuld­ners, die durch den Druck un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­der Zwangs­voll­stre­ckung vom Gläubi­ger er­zwun­gen wor­den sind, als in­kon­gru­en­te De­ckun­gen an­zu­se­hen, die bei Erfüllung der Vor­aus­set­zun­gen des § 131 In­sO an die Mas¬e zurück­zu­gewähren sind, zu­dem die Ord­nungs­funk­ti­on des In­sol­venz­an­fech­tungs­rechts berück­sich­ti­gen (vgl. zu die­ser Funk­ti­on BAG 29. Ja­nu­ar 2014 - 6 AZR 345/12 - Rn. 16; Gott­wald/Uh­len­bruck/Gund­lach In­sol­venz­rechts-Hand­buch 4. Aufl. § 15 Rn. 1).

cc) § 130 Abs. 1 Satz 2 In­sO do­ku­men­tiert ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten nicht ei­ne „ver­fas­sungs­recht­li­che Schief­la­ge“. Die­se Vor­schrift setzt die Fi­nanz­si­cher­hei­ten­richt­li­nie 2002/47/EG vom 6. Ju­ni 2002 (ABl. EG L 168 vom 27. Ju­ni 2002 S. 43) um. Sie dient ua. der Sta­bi­li­sie­rung des Fi­nanz­sys­tems der Eu­ropäischen Uni­on und da­mit eben­falls Ge­mein­wohl­zwe­cken (Kreft in HK-In­sO 6. Aufl. § 130 Rn. 1, 6; Münch­Kom­mIn­sO/Kay­ser 3. Aufl. § 130 Rn. 5 f.).


d) Al­ler­dings hat der Se­nat in sei­ner Ent­schei­dung vom 29. Ja­nu­ar 2014 (- 6 AZR 345/12 - Rn. 17 ff.) er­wo­gen, ob die §§ 129 ff. In­sO ver­fas­sungs­kon­form da­hin aus­zu­le­gen sind, dass das Exis­tenz­mi­ni­mum nicht dem Zu­griff des In­sol­venz­ver­wal­ters un­ter­liegt und von die­sem des­halb im We­ge der In­sol­venz­an­fech­tung nicht im In­ter­es­se al­ler Gläubi­ger zur Mas­se ge­zo­gen wer­den kann. Ei­ne der­ar­ti­ge ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der §§ 129 ff. In­sO schei­det aber in Fällen der hier vor­lie­gen­den in­kon­gru­en­ten De­ckung ei­ner Erfüllung er­heb­li­cher Ent­geltrückstände un­ter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung aus. Bei sol­chen Ent­geltrückständen können Ar­beit­neh­mer die zur Ab­si­che­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums vor­ge­se­he­nen und ge­eig­ne­ten staat­li­chen Hil­fen in An­spruch neh­men (BAG 29. Ja­nu­ar 2014 - 6 AZR 345/12 - Rn. 43).


V. Der in­sol­venz­recht­li­che Rück­for­de­rungs­an­spruch des § 143 Abs. 1 In­sO ist als ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ent­zo­gen und un­terfällt des­halb den ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten nicht (BAG 24. Ok­to­ber 2013 - 6 AZR 466/12 - Rn. 18 ff., zu­stim­mend Ha­mann/


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Böing ju­ris­PR-ArbR 7/2014 Anm. 1; Fro­eh­ner NZI 2014, 133). Die Ar­gu­men­te des Be­klag­ten ge­ben kei­nen An­lass zu ei­ner ab­wei­chen­den Würdi­gung.


1. Aus der vom Be­klag­ten an­geführ­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 9. Ju­ni 2011 (- IX ZB 247/09 -) folgt nichts für die Fra­ge der An­wend­bar­keit ta­rif­li­cher Aus­schluss­fris­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dar­in le­dig­lich un­ter Berück­sich­ti­gung der Ausführun­gen des Ge­mein­sa­men Se­nats der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des die Zuständig­keit der Ar­beits­ge­rich­te auch für Fälle be­jaht, in de­nen Ar­beits­ent­gelt durch Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wor­den und nach er­folg­rei­cher In­sol­venz­an­fech­tung an die Mas­se zurück­zu­zah­len ist.


2. Ansprüche aus un­ge­recht­fer­tig­ter Be­rei­che­rung un­ter­fal­len im Un­ter­schied zum in­sol­venz­an­fech­tungs­recht­li­chen Rück­gewähran­spruch als Teil des ar­beits­recht­li­chen Schuld­verhält­nis­ses der ta­rif­li­chen Re­ge­lungs­macht. Dies über­sieht der Be­klag­te, wenn er gel­tend macht, es sei nicht er­sicht­lich, war­um der Rück­gewähran­spruch nach § 143 Abs. 1 In­sO an­ders zu be­han­deln sein sol­le als ein Rück­gewähran­spruch aus un­ge­recht­fer­tig­ter Be­rei­che­rung.

VI. Der Be­klag­te hat das er­lang­te Net­to­ent­gelt an den Kläger zurück­zu­gewähren. In­sol­venz­recht­lich wird nur die Rück­gewähr des­sen ge­schul­det, was aus dem Vermögen des Schuld­ners in­fol­ge der an­ge­foch­te­nen Hand­lung an den Ar­beit­neh­mer ge­flos­sen ist. Da­mit hat der Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich nur den er­hal­te­nen Net­to­lohn zurück­zu­zah­len. Dies wird mit­tel­bar durch die Be-ren­zung des In­sol­venz­gelds auf das Net­to­ent­gelt bestätigt (Crans­haw ZIn­sO 2009, 257, 258; Münch­Kom­mIn­sO/Kirch­hof 3. Aufl. § 143 Rn. 50). Hat der Schuld­ner die Ge­samt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge noch ab­geführt, kann in der In­sol­venz des Schuld­ners die­se Zah­lung auch we­gen der Ar­beit­neh­mer­an­tei­le als mit­tel­ba­re Zu­wen­dung an die Ein­zugs­stel­le ge­genüber die­ser an­ge­foch­ten wer­den. Die Re­ge­lung des § 28e Abs. 1 Satz 2 SGB IV, wo­nach die Zah­lung des vom Beschäftig­ten zu tra­gen­den Teils des Ge­samt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trags als aus dem Vermögen des Beschäftig­ten er­bracht gilt, steht dem nicht ent­ge­gen. Ei­ne An­fech­tung der Abführung des Ar­beit­neh­mer­an­teils ge­genüber dem Ar­beit­neh­mer schei­det we­gen des den Ar­beit­neh­mer schützen-



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den Zwecks des § 28e Abs. 1 Satz 2 SGB IV aus (vgl. die st. Rspr. des BGH seit Ur­teil vom 5. No­vem­ber 2009 - IX ZR 233/08 - Rn. 15, BGHZ 183, 86; zu-letzt 7. April 2011 - IX ZR 118/10 - Rn. 3).

VII. Der Zins­an­spruch folgt aus § 143 Abs. 1 Satz 2 In­sO, § 819 Abs. 1, § 291 Satz 1 Halbs. 2, § 288 Abs. 1 Satz 2 BGB. Die ein­ge­klag­te For­de­rung ist ab dem 30. Au­gust 2011 mit fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz zu ver­zin­sen.


§ 143 Abs. 1 Satz 2 In­sO enthält ei­ne Rechts­fol­gen­ver­wei­sung auf § 819 Abs. 1 BGB. Auf­grund die­ser An­knüpfung ist der Rück­gewähran­spruch auf an­fecht­bar er­lang­tes Geld als rechtshängi­ger An­spruch zu be­han­deln, so dass die Re­geln über Pro­zess­zin­sen an­zu­wen­den sind. Un­er­heb­lich ist, dass der Kläger den Rück­gewähran­spruch erst im Ok­to­ber 2011 ge­genüber dem Be­klag­ten gel­tend ge­macht hat. Die In­sol­venz­an­fech­tung be­darf kei­ner ge­son­der­ten Erklärung. Der Rück­gewähran­spruch wird - von den Fällen des § 147 In­sO ab­ge­se­hen - mit Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens fällig (BGH 1. Fe­bru­ar 2007 - IX ZR 96/04 - Rn. 14, 19 f., BGHZ 171, 38). Der Zins­lauf be­ginnt al­ler¬ings nicht, wie be­an­tragt, be­reits am Tag der In­sol­ven­zeröff­nung, son­dern erst am Fol­ge­tag und da­mit am 30. Au­gust 2011. Die Ver­zin­sungs­pflicht be­ginnt nach § 187 Abs. 1 BGB erst mit dem Fol­ge­tag der Fällig­keit (vgl. BAG 17. Sep­tem­ber 2013 - 9 AZR 9/12 - Rn. 20).


VIII. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 92 Abs. 2 ZPO. 


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D. Knauß 

Oye

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