HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 02.11.2012, 22 Sa 1238/12

   
Schlagworte: Insolvenzanfechtung, Insolvenz des Arbeitgebers
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Aktenzeichen: 22 Sa 1238/12
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 02.11.2012
   
Leitsätze:

1. Eine nach Einleitung der Zwangsvollstreckung aus einem gerichtlichen Vergleich geleistete Zahlung rückständiger Arbeitsvergütung durch den Arbeitgeber nach dem Zeitpunkt des Eingangs eines wirksamen Insolvenzeröffnungsantrages ist eine Rechtshandlung, die nach §§ 129 Abs. 1, 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO anfechtbar ist mit der Folge, dass das Erlangte nach § 143 Abs. 1 Satz 1 InsO zur Insolvenzmasse zurückzugewähren ist.

Die Inanspruchnahme staatlicher Zwangsmittel rechtfertigt eine unterschiedliche Behandlung zum Fall der freiwilligen Leistung (so auch BAG vom 19.05.2011 – 6 AZR 736/09).
2. Auf den Rückgewahranspruch des Insolvenzverwalters findet eine tarifliche Verfallklausel (hier § 15 BRTV Bau a.F.), die Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis und solche, die mit dem Arbeitsverhältnis in Verbindung stehen,

erfasst, Anwendung (gegen LAG Berlin-Brandenburg Urteil vom 12.09.2012 – 4 Sa 1166/12). Nach der Entscheidung des GmS-OBG vom 27.09.2010 – GmS-OBG 1/09 – handelt es sich um eine Streitigkeit aus dem Arbeitsverhältnis, weil nicht die Insolvenzanfechtung als solche Streitgegenstand ist, sondern die Rückabwicklung einer arbeitsrechtlichen Leistungsbeziehung.

3. Die Regelungsmacht der Tarifvertragsparteien ist nicht dahingehend beschränkt, dass Ausschlussfristen nicht Ansprüche aus gesetzlichen Schuldverhältnissen erfassen könnten (so für Ansprüche aus § 717 II ZPO BAG 18.12.2008 – 8 AZR 105/08; a. A. für Rückgewähransprüche aufgrund Insolvenzanfechtung BAG 19.11.2003 – 10 AZR 110/03).
4. Anders als § 41 Abs. 1 Satz 1 KO enthält § 146 Abs. 1 InsO in der seit 15.12.2004 geltenden Fassung kein eigenständiges Fristenregime für die Geltendmachung von Rückgewähransprüchen durch den Insolvenzverwalter mehr, das Vorrang vor der tariflichen Regelung hätte. Eine einschränkende Auslegung der Tarifklausel ist auch nicht wegen der Besonderheiten des Insolvenzverfahrens geboten.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Frankfurt/Oder, Urteil vom 21.06.2011 - 3 Ca 26/12
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg  

Verkündet

am 02.11.2012

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)
22 Sa 1238/12

3 Ca 26/12
Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder)

F.
Ge­richts­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­ter/in
der Geschäfts­stel­le


 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

In Sa­chen

Pp

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 22. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 2. No­vem­ber 2012
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt K. als Vor­sit­zen­de
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter O. und K.

für Recht er­kannt:

I. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) vom 21.06.2011 – 3 Ca 26/12 – wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

II. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.


B. K. O. M. K.

 


Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Ver­pflich­tung des Be­klag­ten zur Rück­zah­lung von Ar­beits­ent­gelt auf­grund ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung.

Der Be­klag­te war seit dem 14.03.2005 als Kraft­fah­rer und Bau­wer­ker im Be­trieb der A. & D. T. GmbH (im Fol­gen­den: Schuld­ne­rin) beschäftigt und schloss mit die­ser ei­nen Ver­gleich über die Zah­lung rückständi­ger Vergütung für die Mo­na­te No­vem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011, des­sen In­halt am 29.03.2011 durch ge­richt­li­chen Be­schluss

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des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) – 5 Ca 386/11 – fest­ge­stellt wor­den ist. Nach­dem die Schuld­ne­rin le­dig­lich die Vergütung für No­vem­ber 2010 ge­zahlt hat­te, be­trieb der Be­klag­te die Zwangs­voll­stre­ckung aus dem Be­schluss. Die Schuld­ne­rin über­wies dar­auf­hin am 09.06.2011 ei­nen Be­trag von 3.584,52 Eu­ro an den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Be­klag­ten. Nach­dem wei­te­re Lohn­zah­lun­gen nicht ge­leis­tet wur­den, kündig­te der Be­klag­te sein Ar­beits­verhält­nis am 01.07.2011 frist­los.

Auf den am 21.03.2011 beim Amts­ge­richt Frank­furt (Oder) ein­ge­gan­ge­nen An­trag der DAK auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens setz­te das In­sol­venz­ge­richt mit dem Be­schluss vom 16.06.2011 den Kläger als vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter ein und eröff­ne­te mit dem Be­schluss vom 29.08.2011 das In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen der Schuld­ne­rin un­ter Be­stel­lung des Be­klag­ten als In­sol­venz­ver­wal­ter.

Mit den Schrei­ben vom 18.10.2011, das dem Be­klag­ten am 19.10.2011 zu­ging, und vom 08.01.2011, teil­te der Kläger dem Be­klag­ten mit, dass die Zah­lung von 3.584,52 Eu­ro an­fecht­bar sei, und mach­te den Rück­gewähran­spruch gel­tend. Der Be­klag­te re­agier­te we­der auf die­ses ers­te noch auf das wei­te­re Schrei­ben.

Die Kla­ge­schrift vom 03.01.2012, mit der der Kläger den An­spruch wei­ter ver­folgt hat, ist am 05.01.2012 beim Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder) ein­ge­gan­gen und dem Be­klag­ten am 11.01.2012 zu­ge­stellt wor­den. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge mit dem am 21.06.2012 verkünde­ten Ur­teil, auf des­sen Tat­be­stand zur wei­te­ren Dar­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stan­des Be­zug ge­nom­men wird (Bl. 108 bis 110 d.A.), ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt: Die Zah­lung im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung sei zwar ei­ne nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO an­fecht­ba­re Rechts­hand­lung. Der sich hier­nach aus § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO er­ge­ben­de Rück­gewähran­spruch des Klägers sei je­doch nach § 15 des Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­tra­ges für das Bau­ge­wer­be (BRTV) ver­fal­len, da der Kläger die Frist für die ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung nicht ge­wahrt ha­be. Nach der Ent­schei­dung des Ge­mein­sa­men Se­nats der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des (GmS-OGB 1/09) vom 27.09.2010 sei – ab­wei­chend vom BAG (Ur­teil vom 19.11.2003 – 10 AZR 110/03) – da­von aus­zu­ge­hen, dass es sich bei dem Rück­gewähran­spruch nach ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung zu­min­dest um ei­nen An­spruch han­delt, der im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis steht, und der In­sol­venz­ver­wal­ter in sei­ner Funk­ti­on als Ar­beit­ge­ber han­delt; auf wel­cher Rechts­grund­la­ge der Rück­zah­lungs­an­spruch be­ru­he, sei un­er­heb­lich.

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Ge­gen die­ses ihm am 25.06.2012 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger mit dem am 29.06.2012 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se gleich­zei­tig be­gründet.

Er ver­tritt die Auf­fas­sung, dass die ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­frist nicht ein­grei­fe und trägt hier­zu vor: Der Rück­gewähran­spruch sei al­lein durch die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens ent­stan­den, ste­he ihm aus­sch­ließlich in sei­ner Funk­ti­on als In­sol­venz­ver­wal­ter zu und sei von sei­ner Rechts­na­tur ge­ra­de kein An­spruch aus dem Ar­beits­verhält­nis. Nach der Recht­spre­chung des BAG ste­he ein sol­ches ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis außer­halb der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. Hier­an ände­re sich auch nichts durch die Ent­schei­dung des GmS-OGB, da dort aus­sch­ließlich die Rechts­weg­fra­ge ent­schei­den wor­den sei. Im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­de Ansprüche sei­en nur sol­che, die im Grund­satz von den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ge­re­gelt wer­den könn­ten. Zum in­ten­dier­ten Cha­rak­ter der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist pas­se der in­sol­venz­recht­li­che Rück­gewähran­spruch nicht. Bei ih­rer An­wen­dung käme es zu ei­ner Be­vor­zu­gung von Ar­beit­neh­mern, die dem Grund­satz der Gläubi­ger­gleich­be­hand­lung in der In­sO wi­derspräche, und zu ei­ner Um­ge­hung der Verjährungs­re­ge­lung in § 146 In­sO, der ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung ent­hal­te. Im Übri­gen sei nach der Ent­schei­dung des BVerfG vom 01.12.2010 die zwei­stu­fi­ge Aus­schluss­frist des § 15 BRTV we­gen Ver­s­toßes des Grund­rechts auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz ver­fas­sungs­wid­rig und da­mit un­wirk­sam. Ei­nem In­sol­venz­ver­wal­ter sei es we­der zu­mut­bar noch möglich, al­le In­sol­venz­an­fech­tungs­ansprüche in­ner­halb ei­ner sol­chen Aus­schluss­frist zu prüfen und gel­tend zu ma­chen.


Der Kläger be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) vom 21.06.2012 – 3 Ca 26/12 – ab­zuändern und den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn 3.584,52 Eu­ro nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29.08.2011 zu zah­len.


Der Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Er ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung in Be­zug auf die An­wend­bar­keit der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist mit Rechts­ausführun­gen und trägt im Übri­gen vor:

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Die Gleich­stel­lung al­ler Gläubi­ger un­ter Ein­schluss der For­de­run­gen der Ar­beit­neh­mer auf ih­ren Lohn sei ver­fas­sungs­wid­rig we­gen Ver­s­toßes ge­gen das So­zi­al­staats­prin­zip. Ei­ne Gleich­be­hand­lung al­ler Gläubi­ger lie­ge ge­ra­de nicht vor, da wirt­schaft­lich stärke­re Gläubi­ger, ins­be­son­de­re Fi­nanz­in­sti­tu­te, so­wohl durch § 130 Abs. 1 Satz 2 In­sO als auch durch Ab- und Aus­son­de­rungs­rech­te zusätz­lich ge­si­chert sei­en. Je­den­falls müsse auf­grund der Lohn­ab­rech­nung ein Treu­hand­verhält­nis an­ge­nom­men wer­den. Die Zah­lung auf­grund der Vorpfändung könne, wie das LAG Nürn­berg (Ur­teil vom 30.04.2012 – 7 Sa 557/11) zu­tref­fend an­ge­nom­men ha­be, nicht als in­kon­gru­en­te De­ckung an­ge­se­hen wer­den. Ei­ner Rück­zah­lungs­pflicht ste­he auch ent­ge­gen, dass sein An­spruch ge­gen die Schuld­ne­rin aus ei­ner un­er­laub­ten Hand­lung re­sul­tie­re, weil die­se ihn über ih­re Zah­lungs­unfähig­keit nicht in­for­miert und da­durch ei­ne frühe­re Kündi­gung ver­hin­dert ha­be. Sch­ließlich sei er man­gels Kennt­nis des Eröff­nungs­an­tra­ges und ei­ner Zah­lungs­unfähig­keit gutgläubig ge­we­sen, so dass we­gen Kon­gru­enz ei­ne An­fech­tung aus­schei­de.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift Be­zug ge­nom­men.

 

Ent­schei­dungs­gründe


1. Die gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 ArbGG statt­haf­te und nach dem Be­schwer­de­wert gemäß § 64 Abs. 2 b) ArbGG zulässi­ge Be­ru­fung des Klägers ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, §§ 66 Abs. 1 Satz 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, 518, 519 Abs. 1 und 3 ZPO.

2. In der Sa­che hat die Be­ru­fung kei­nen Er­folg. Der Kläger hat zwar ei­nen Rück­gewähran­spruch zur In­sol­venz­mas­se nach § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO in der ge­for­der­ten Höhe er­wor­ben. Die­ser An­spruch ist je­doch nach § 15 Abs. 2 BRTV we­gen nicht recht­zei­ti­ger ge­richt­li­cher Gel­tend­ma­chung ver­fal­len.

2.1 Ent­ge­gen der An­sicht des Be­klag­ten ist die nach Ein­lei­tung der Zwangs­voll­stre­ckung aus dem Ver­gleich vom 29.03.2011 am 09.06.2011 ge­leis­te­te

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Zah­lung in Höhe von 3.584,52 Eu­ro ei­ne Rechts­hand­lung, die nach §§ 129 Abs. 1, 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO an­fecht­bar ist mit der Fol­ge, dass das Er­lang­te nach § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO zur In­sol­venz­mas­se zurück­zu­gewähren ist.

2.1.1 Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der in­kon­gru­en­ten De­ckung nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO lie­gen vor. Da­nach ist ei­ne Rechts­hand­lung an­fecht­bar, die ei­nem In­sol­venzgläubi­ger ei­ne Si­che­rung oder Be­frie­di­gung gewährt oder ermöglicht hat, die er nicht oder nicht in der Art oder nicht zu der Zeit zu be­an­spru­chen hat­te, wenn die Hand­lung im letz­ten Mo­nat vor dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem An­trag vor­ge­nom­men wor­den ist.

2.1.1.1 Dem Be­klag­ten stand zum Zeit­punkt der Zah­lung zwar ein fälli­ger Ent­gelt­an­spruch nach § 611 BGB in Ver­bin­dung mit dem Ar­beits­ver­trag für die Mo­na­te De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011 zu. Er hat­te die Leis­tung je­doch nicht „in der Art“ zu be­an­spru­chen.

2.1.1.1.1 Nach der Recht­spre­chung des BAG (vgl. nur Ur­teil vom 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – NZI 2011, 644 ff. [645]) so­wie des BGH (vgl. et­wa Ur­teil vom 23.03.2006 – IX ZR 116/03 – NZI 2006, 397 ff. [398]), der sich die Kam­mer an­sch­ließt, ist ei­ne während der „kri­ti­schen“ Zeit im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung er­lang­te Si­cher­heit oder Be­frie­di­gung als in­kon­gru­ent an­zu­se­hen. Da­bei wird die In­kon­gru­enz aus der zeit­li­chen Vor­zie­hung des in­sol­venz­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes und der da­mit ver­bun­de­nen Zurück­drängung des – die Ein­zelzwangs­voll­stre­ckung be­herr­schen­den – Prio­ritätsprin­zips so­wie aus der Erwägung her­ge­lei­tet, dass nach Ein­tritt der Kri­se und der da­mit ver­bun­de­nen ma­te­ri­el­len In­sol­venz ei­ne Un­gleich­be­hand­lung nicht mehr durch den Ein­satz staat­li­cher Zwangs­mit­tel in­sol­venz­fest er­zwun­gen wer­den soll (BGH 09.09.1997 – IX ZR 14/97 – NJW 1997, 3445). Das – mit ei­nem „Wett­lauf der Gläubi­ger“ ver­bun­de­ne – Prio­ritätsprin­zip führt nur so lan­ge zu mit dem Zweck des In­sol­venz­ver­fah­rens im Ein­klang ste­hen­den Er­geb­nis­sen, wie für die zurück­ge­setz­ten Gläubi­ger noch die Aus­sicht be­steht, sich aus an­de­ren Vermögens­ge­genständen des Schuld­ners zu be­frie­di­gen. Ist dies nicht mehr der Fall, wo­von im „kri­ti­schen“ Zeit­raum aus­zu­ge­hen ist, tritt die Be­fug­nis des Gläubi­gers, sich mit Hil­fe ho­heit­li­cher Zwangs­maßnah­men ei­ne rechts­beständi­ge Si­che­rung oder Be­frie­di­gung der ei­ge­nen fälli­gen For­de­run­gen zu ver­schaf­fen, hin­ter dem Schutz der Gläubi­ger­ge­samt­heit zurück (vgl. BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O., mit wei­te­ren Nach­wei­sen).

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2.1.1.1.2 Ein hier­von ab­wei­chen­der ge­setz­ge­be­ri­scher Wil­le ist nicht dar­aus ab­zu­lei­ten, dass Art. 2 Nr. 4 des Ent­wurfs ei­nes „Ge­setz(es) zum Pfändungs­schutz der Al­ters­vor­sor­ge und zur An­pas­sung des Rechts der In­sol­venz­an­fech­tung“ (BT-Drucks. 16/886 S. 5) ei­ne Ergänzung des § 131 Abs. 1 In­sO da­hin­ge­hend vor­ge­se­hen hat­te, dass ei­ne Rechts­hand­lung nicht al­lein da­durch zu ei­ner sol­chen nach Satz 1 wer­de, dass der Gläubi­ger die Si­che­rung oder Be­frie­di­gung durch Zwangs­voll­stre­ckung er­langt hat. Die­se Ände­rung ist – auf­grund der Be­schluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges (BT-Drucks. 16/3844, S. 11) un­ter Hin­weis auf die Un­ver­ein­bar­keit mit dem Grund­satz der Gläubi­ger­gleich­be­hand­lung – nicht Ge­setz ge­wor­den, so dass die Recht­spre­chung in­so­weit ei­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Le­gi­ti­ma­ti­on er­fah­ren hat (vgl. BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O., I. 4. a) der Gründe).

2.1.1.1.3 Da­mit ist auch das Ar­gu­ment des Be­klag­ten, dass dann, wenn die Schuld­ne­rin zum glei­chen Zeit­punkt frei­wil­lig die Ent­gelt­for­de­rung aus dem Ver­gleich erfüllt hätte, ei­ne An­fecht­bar­keit nicht vor­ge­le­gen hätte und ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung nicht nach­voll­zieh­bar sei, nicht durch­grei­fend. Die ge­genüber § 130 Abs. 1 In­sO verschärf­te Haf­tung nach § 131 Abs. 1 In­sO recht­fer­tigt sich dar­aus, dass der Gläubi­ger, der staat­li­che Zwangs­maßnah­men in An­spruch nimmt oder an­droht, an­ders als der Gläubi­ger, der ei­ne frei­wil­li­ge Zah­lung ent­ge­gen­nimmt, ak­tiv auf das zur Be­frie­di­gung al­ler Gläubi­ger un­zu­rei­chen­de Vermögen des Schuld­ners zu­greift und zu­gleich an­de­re Gläubi­ger vor ei­nem sol­chen Zu­griff aus­sch­ließt (BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O, I. 4. b) der Gründe).

2.1.1.2 Oh­ne Er­folg be­ruft sich der Be­klag­te auf sei­ne Un­kennt­nis ei­ner Zah­lungs­unfähig­keit der Schuld­ne­rin und ei­nes Eröff­nungs­an­tra­ges.

An­ders als nach § 130 Abs. 1 Nr. 2 In­sO ist bei ei­ner in­kon­gru­en­ten De­ckung nach § 131 Abs. 1 In­sO ei­ne da­hin­ge­hen­de Kennt­nis des Gläubi­gers zum Zeit­punkt der Hand­lung nicht Vor­aus­set­zung für die An­fecht­bar­keit. Ei­ner Pri­vi­le­gie­rung ei­nes „gutgläubi­gen“ Ar­beit­neh­mers im Rah­men der Aus­le­gung der Be­rei­che­rungs­re­ge­lung steht die Gleich­stel­lung des An­fech­tungs­geg­ners mit ei­nem bösgläubi­gen Be­rei­chungs­schuld­ner in § 143 Abs. 1 Satz 2 In­sO ent­ge­gen (BAG vom 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O., I. 5. e) der Gründe).

2.1.1.3 Ob bei ei­nem Bar­geschäft nach § 142 In­sO dann ei­ne In­kon­gru­enz nach § 131 In­sO an­zu­neh­men ist, wenn die Leis­tung im Rah­men der

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Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wur­de, be­darf hier kei­ner nähe­ren Ausführun­gen, da vor­lie­gend die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Bar­geschäfts nicht vor­lie­gen.

Die Zah­lung vom 09.06.2011 be­zieht sich auf Ar­beits­leis­tun­gen bis ein­sch­ließlich Fe­bru­ar 2011, so dass der Drei­mo­nats­zeit­raum (vgl. hier­zu BAG vom 06.10.2011 – 6 AZR 262/10 – NZI 2011, 981 ff.) über­schrit­ten ist.

2.1.2 Sch­ließlich greift auch nicht der Ein­wand des Be­klag­ten, die An­nah­me ei­ner in­kon­gru­en­ten De­ckung sei durch ein auf­grund der Lohn­ab­rech­nung be­gründe­tes Treu­hand­verhält­nis aus­ge­schlos­sen.

Ab­ge­se­hen da­von, dass sich die vom Be­klag­ten zi­tier­te Recht­spre­chung des BGH (Ur­teil vom 11.04.2002 – IX ZR 211/01 – NZI 2002, 378 ff.) auf ein Treu­hand­verhält­nis in Be­zug auf ab­ge­rech­ne­te, als Gut­ha­ben in den Buch­hal­tungs­un­ter­la­gen aus­ge­wie­se­ne So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge be­zieht, fehlt es an ei­nem Vor­trag des Be­klag­ten zur Be­gründung ei­nes sol­chen Treu­hand­verhält­nis­ses; die Lohn­ab­rech­nung selbst stellt le­dig­lich ei­ne Wis­sens- und kei­ne Wil­lens­erklärung dar.

2.1.3 Nicht nach­voll­zieh­bar ist der Hin­weis des Be­klag­ten auf ei­ne un­er­laub­te Hand­lung der Schuld­ne­rin, was ei­nem Rück­gewähran­spruch ent­ge­gen ste­hen soll.

Der Be­klag­te hat ei­nen sol­chen An­spruch, des­sen Vor­aus­set­zun­gen er im Übri­gen auch nicht dar­ge­legt hat, we­der ge­genüber der Schuld­ne­rin gel­tend ge­macht noch ist auf hier­auf ge­leis­tet wor­den. Auch ist nicht er­kenn­bar, wie sich ein even­tu­el­ler Scha­dens­er­satz­an­spruch auf den in­sol­venz­recht­li­chen Rück­gewähran­spruch aus­wir­ken soll; § 89 In­sO stellt in­so­weit kei­nen Zu­sam­men­hang her.

2.1.4 Auch die Ausführun­gen des Be­klag­ten zur ver­meint­li­chen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Rück­gewähran­spruchs in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on ste­hen der Be­gründung ei­nes An­spruchs des Klägers nicht ent­ge­gen.

Ab­ge­se­hen da­von, dass ei­ne Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der §§ 131, 143 In­sO al­len­falls ei­ne Vor­la­ge­pflicht nach Art. 100 GG auslösen könn­te, die vor­lie­gend man­gels Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit oh­ne­hin nicht in Be­tracht käme, hat die Kam­mer auch

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kei­ne Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit der Aus­le­gung der ge­nann­ten Nor­men mit den Grund­rech­ten und dem So­zi­al­staats­ge­bot.

Die Ver­pflich­tung ei­nes Ar­beit­neh­mers, den auf­grund (vor-)ge­leis­te­ter Ar­beit ver­dien­ten Lohn zurück­zah­len zu müssen, mag für den Be­trof­fe­nen schwer nach­voll­zieh­bar sein und dem Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den der Mehr­zahl der Rechts­un­ter­wor­fe­nen zu­wi­der­lau­fen. Die Be­sei­ti­gung der Pri­vi­le­gie­rung von Ar­beits­ein­kom­men in der In­sol­venz, wie sie noch durch die Zu­ord­nung von Vergütungsrückständen in § 59 Abs. 1 Nr. 3 a) KO ge­re­gelt war, er­folg­te im In­ter­es­se der Gleich­be­hand­lung der Gläubi­ger. Ein Ver­s­toß ge­gen den Gleich­heits­grund­satz kann ent­ge­gen der An­sicht des Be­klag­ten nicht dar­in ge­se­hen wer­den, dass ins­be­son­de­re Fi­nanz- und Kre­dit­in­sti­tu­te Ab- und Aus­son­de­rungs­rech­te in der In­sol­venz gel­tend ma­chen können; bei ent­spre­chen­den Si­che­run­gen stünden sol­che Rech­te auch an­de­ren Gläubi­gern zu. Als dem So­zi­al­staats­prin­zip genügen­de Berück­sich­ti­gung der exis­ten­zi­el­len Be­deu­tung der Ar­beits­vergütung ist der An­spruch auf In­sol­venz­geld nach § 165 SGB III an­zu­se­hen, auch wenn die­ser im Ein­zel­fall – wie vor­lie­gend – nicht den ge­sam­ten Lohn­aus­fall ab­deckt. Der Vergütungs­an­spruch lebt nach § 144 Abs. 1 In­sO wie­der auf, so dass zu­min­dest die Chan­ce be­steht, we­nigs­tens ei­ne quo­ta­le Be­frie­di­gung zu er­rei­chen.

2.2 Der hier­nach ent­stan­de­ne Rück­gewähran­spruch ist nach § 15 BRTV ver­fal­len.

2.2.1 Der BRTV vom 04.07.2002 i. d. F. vom 20.08.2007 fand auf das Ar­beits­verhält­nis des Be­klag­ten mit der Schuld­ne­rin auf­grund sei­ner All­ge­mein­ver­bind­lich­keit und nach sei­nem fach­li­chen und persönli­chen Gel­tungs­be­reich An­wen­dung; so­weit der Kläger letz­te­res zunächst be­strit­ten hat­te, hat er nach Vor­la­ge des Ar­beits­ver­tra­ges, aus dem sich die Beschäfti­gung als ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer er­gibt, sein Be­strei­ten nicht auf­recht er­hal­ten.

Durch die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 01.07.2011 ist die An­wen­dung des BRTV nicht hinfällig ge­wor­den.

2.2.2 Der Kläger hat die Aus­schluss­frist des § 15 BRTV nicht ge­wahrt.

Er hat mit sei­nem Schrei­ben vom 18.10.2011, das dem Be­klag­ten am Fol­ge­tag zu­ge­gan­gen ist, den An­spruch zunächst in­ner­halb der Frist des § 15 Abs. 1 BRTV

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recht­zei­tig gel­tend ge­macht, da der Rück­gewähran­spruch mit der In­sol­ven­zeröff­nung am 29.08.2011 ent­stan­den ist.

Nach­dem der Be­klag­te hier­auf je­doch nicht re­agiert hat­te, hätte er in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Ab­lauf der zweiwöchi­gen Erklärungs­frist Kla­ge er­he­ben müssen. Da die Erklärungs­frist am 03.11.2011 ab­ge­lau­fen ist, hätte die Kla­ge bis ein­sch­ließlich 03.01.2012 er­ho­ben wer­den müssen. Der Kla­ge­ein­gang am 05.01.2012, ei­nem Don­ners­tag, wahrt die­se Frist nicht.

2.2.3 Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers ist die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist auf den Rück­gewähran­spruch an­wend­bar.

2.2.3.1 Ei­ne Un­an­wend­bar­keit des § 15 Abs. 2 BRTV folgt nicht be­reits, wie der Kläger meint, aus ei­ner Ver­fas­sungs­wid­rig­keit. Von ei­ner sol­chen ist das BVerfG in dem vom Kläger zi­tier­ten Be­schluss vom 01.12.2010 – 1 BvR 1682/07 – nicht aus­ge­gan­gen. Viel­mehr hat es ei­ne ge­gen Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 20 Abs. 3 GG ver­s­toßen­de un­zu­mut­ba­re Er­schwe­rung des Zu­gangs zu den Ge­rich­ten durch ei­ne Ent­schei­dung ei­nes LAG dar­in ge­se­hen, dass dort zur Wah­rung der zwei­ten Stu­fe ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­sel ei­ne be­zif­fer­te ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung sol­cher Ansprüche ei­nes Ar­beit­neh­mers ver­langt wur­de, die vom Aus­gang des Rechts­streits über den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses abhängig wa­ren.

Ab­ge­se­hen da­von, dass die hier streit­ge­genständ­li­che Aus­schluss­klau­sel für der­ar­ti­ge Fälle ei­ne ge­son­der­te Re­ge­lung enthält, be­durf­te es zur Wah­rung des Grund­rechts auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz nur der Ände­rung der Recht­spre­chung zur Aus­le­gung der ta­rif­li­chen Ver­fall­klau­sel, die das BAG mitt­ler­wei­le (Ur­teil vom 19.09.2012 – 5 AZR 924/11) voll­zo­gen hat, in­dem es die un­be­zif­fer­te Gel­tend­ma­chung aus­rei­chen lässt.

2.2.3.2 Der streit­ge­genständ­li­che Rück­gewähran­spruch des Klägers fällt auch in­halt­lich un­ter die ta­rif­li­che Aus­schluss­klau­sel.

2.2.3.2.1 § 15 BRTV er­fasst nach sei­nem Wort­laut al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen.

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Der An­spruch des In­sol­venz­ver­wal­ters ge­gen ei­nen Ar­beit­neh­mer auf Rück­gewähr ver­dien­ten Ar­beits­ent­gelts nach § 143 Abs. 1 In­sO stellt ei­nen sol­chen An­spruch dar. Die Ent­schei­dung des GmS-OBG vom 27.09.2010 – GmS-OBG 1/09 – zum Rechts­weg für ent­spre­chen­de Kla­gen ist nach Auf­fas­sung der Kam­mer auf die Ein­ord­nung des An­spruchs über­trag­bar. Dort ist aus­geführt, dass es sich um ei­nen bürger­li­che Rechts­strei­tig­keit zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern aus dem Ar­beits­verhält­nis, § 2 Abs. 1 Nr. 3. a) ArbGG han­delt, da Streit­ge­gen­stand nicht die in­sol­venz­recht­li­che An­fech­tung als sol­che sei, son­dern die Rück­ab­wick­lung ei­ner ar­beits­recht­li­chen Leis­tungs­be­zie­hung, wes­halb die die Rechts­na­tur des An­fech­tungs­rechts nach den §§ 129 ff. In­sO oh­ne Be­lang sei. Auch han­de­le es sich um ei­ne Strei­tig­keit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, da der In­sol­venz­ver­wal­ter für Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis für die Dau­er des In­sol­venz­ver­fah­rens Ar­beit­ge­ber im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 3 ArbGG sei, da er mit der In­sol­ven­zeröff­nung in die Ar­beit­ge­ber­stel­lung des Schuld­ners ein­tre­te und die Funk­ti­on des Ar­beit­ge­bers während die­ser Zeit statt des Ver­trags­ar­beit­ge­bers ausübe. Da­bei sei es un­er­heb­lich, ob der In­sol­venz­ver­wal­ter auf­grund des nach § 80 Abs. 1 In­sO auf ihn über­ge­gan­ge­nen Ver­wal­tungs- und Verfügungs­rechts tätig wer­de oder er auf­grund ei­nes ihm von der In­sol­venz­ord­nung an­der­wei­tig ein­geräum­ten Rechts – wie u.a. dem An­fech­tungs­recht nach den §§ 129 ff. In­sO – auf das Ar­beits­verhält­nis ein­wir­ke.

Hier­aus folgt, dass auch in Be­zug auf die Ein­ord­nung des Rück­gewähran­spruchs ge­gen den Ar­beit­neh­mer nicht ein­ge­wandt wer­den kann, dass der In­sol­venz­ver­wal­ter hier nicht als Ar­beit­ge­ber han­de­le, da nur ihm in sei­ner Funk­ti­on als In­sol­venz­ver­wal­ter, nicht je­doch ei­nem sons­ti­gen Ar­beit­ge­ber ein In­sol­venz­an­fech­tungs­recht, das zu dem Rück­zah­lungs­an­spruch führt, zu­ste­he.

2.2.3.2.2 Ei­ne Ein­schränkung der ta­rif­li­chen Re­ge­lung da­hin­ge­hend, dass ein aus ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung re­sul­tie­ren­der Rück­gewähran­spruch aus­ge­nom­men sein soll, folgt nicht aus ei­ner Be­schränkung der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en.

Bei der ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­sel han­delt es sich um ei­ne In­halts­norm i. S. d. § 1 Abs. 1 TVG, die grundsätz­lich in­ner­halb der Re­ge­lungs­kom­pe­tenz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en liegt. Da­bei ist in der Recht­spre­chung an­er­kannt, dass Gel­tend­ma­chungs­fris­ten auch für sol­che Ansprüche ge­re­gelt wer­den können, die auf nicht dis­po­si­ti­ven ge­setz­li­chen Nor­men be­ru­hen (vgl. et­wa für

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Scha­dens­er­satz­ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung BAG vom 18.08.2011 – 8 AZR 187/10 – zi­tiert nach ju­ris), da der An­spruch als sol­cher nicht verändert bzw. be­schränkt wird (vgl. zur Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs BAG vom 09.08.2011 – 9 AZR 365/10 – NZA 2011, 1421 ff.).

So­weit in der Recht­spre­chung in Be­zug auf den Rück­gewähran­spruch aus § 143 Abs. 1 In­sO et­was An­de­res an­ge­nom­men wird (so BAG vom 19.11.2003 – 10 AZR 110/03 – NZA 2004, 208 ff.), wird le­dig­lich auf die Mei­nung in der – in­sol­venz­recht­li­chen – Li­te­ra­tur ver­wie­sen, oh­ne die Be­schränkung der ta­rif­li­chen Re­ge­lungs­macht wei­ter zu be­gründen. Die Kam­mer sieht kei­nen Grund, den in­sol­venz­recht­lich be­gründe­ten An­spruch auf Rück­zah­lung von Ar­beits­ent­gelt nur we­gen sei­ner Be­gründung im In­sol­venz­recht was die Re­ge­lungs­kom­pe­tenz an­be­langt, an­ders zu be­han­deln als an­de­re ge­setz­li­chen Ansprüche, die nicht ta­rif­dis­po­si­tiv sind.

2.2.3.2.3 Ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung der Ta­rif­re­ge­lung ist auch nicht im Hin­blick dar­auf ge­bo­ten, dass die In­sol­venz­an­fech­tung ein ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis be­gründet. und der Rück­gewähran­spruch hier­aus re­sul­tiert.

Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges folgt nach der ständi­gen Recht­spre­chung des BAG den für die Aus­le­gung von Ge­set­zen gel­ten­den Re­geln. Aus­zu­ge­hen ist zunächst vom Ta­rif­wort­laut. Zu er­for­schen ist der maßgeb­li­che Sinn der Erklärung, oh­ne an Buch­sta­ben zu haf­ten. Der wirk­li­che Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und da­mit der von ih­nen be­ab­sich­tig­te Sinn und Zweck der Ta­rif­norm sind mit zu berück­sich­ti­gen, so­weit sie in den ta­rif­li­chen Nor­men ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den ha­ben. Ta­rif­li­che Aus­schluss­klau­seln sind nach dem mit ei­ner wei­ten For­mu­lie­rung ver­folg­ten Ziel, Rechts­klar­heit und Rechts­si­cher­heit her­bei­zuführen, sind nicht eng aus­zu­le­gen (BAG vom 18.08.2011 – 8 AZR 187/10 – zi­tiert nach ju­ris, Rn. 25 f.).

Die­se Aus­le­gung führt nicht da­zu, dass ein An­spruch, der auf ei­nem ge­setz­li­chen Schuld­verhält­nis, § 241 BGB, be­ruht, das sich aus Nor­men er­gibt, die nicht dem Ar­beits­recht zu­zu­ord­nen sind, nicht von der ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­sel er­fasst ist. So un­ter­liegt es kei­nem Zwei­fel, dass auch Auf­wen­dungs­er­satz­ansprüche nach § 670 BGB von ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­seln, er­fasst wer­den.

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Dem ent­spricht auch die Recht­spre­chung des BAG (Ur­teil vom 18.12.2008 – 8 AZR 105/08 – AP § 717 Nr. 9) zur Er­stre­ckung ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist auf ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 717 Abs. 2 ZPO. Auch hier han­delt es sich um ein ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis, aus dem der Rück­zah­lungs­an­spruch be­gründet ist. Dass der An­spruch nicht aus dem Ar­beits­ver­trag re­sul­tie­ren muss, hält das BAG zu Recht für un­er­heb­lich. Wes­halb zwi­schen ei­nem Rück­gewähran­spruch nach § 143 Abs. 1 In­sO und ei­nem Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 717 Abs. 2 ZPO hin­sicht­lich des Ein­grei­fens ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist dif­fe­ren­ziert wer­den müss­te, er­sch­ließt sich der er­ken­nen­den Kam­mer nicht (so auch LAG Nürn­berg vom 05.09.2012 – 4 Sa 561/11 – zi­tiert nach ju­ris; a. A. LAG Ber­lin vom 12.09.2012 – 4 Sa 1166/12 – oh­ne je­doch auf die­se Recht­spre­chung ein­zu­ge­hen).

2.2.3.2.4 Die ta­rif­li­che Ver­fall­klau­sel wird vor­lie­gend auch nicht durch ei­ne spe­zi­al­ge­setz­li­che Fris­ten­re­ge­lung ver­drängt.

Während § 41 Abs. 1 Satz 1 KO zur Ausübung der An­fech­tung noch ei­ne Aus­schluss­frist von ei­nem Jahr vor­sah, ent­hielt § 146 Abs. 1 In­sO in der vom 01.01.1999 bis zum 14.12.2004 gel­ten­den Fas­sung die Re­ge­lung, dass der An­fech­tungs­an­spruch in zwei Jah­ren seit der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens verjährt.

Die­se Nor­men ent­hal­ten auch nach An­sicht der er­ken­nen­den Kam­mer ei­genständi­ge Fris­ten­re­ge­lun­gen, die für die An­wen­dung ta­rif­li­cher Aus­schluss­fris­ten kei­nen Raum las­sen. Et­was an­de­res gilt je­doch seit In­kraft­tre­ten der Neu­fas­sung des § 146 Abs. 1 In­sO durch Art. 5 Nr. 3 des Ge­set­zes zur An­pas­sung der Verjährungs­vor­schrif­ten an das Ge­setz zur Mo­der­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 09.12.2004 (BGBl I, S. 3214) am 15.12.2004. Nun­mehr wird für die Verjährung des An­fech­tungs­an­spruchs le­dig­lich auf die Re­ge­lun­gen über die re­gelmäßige Verjährung nach dem Bürger­li­chen Ge­setz­buch ver­wie­sen. Die­se all­ge­mei­nen Verjährungs­vor­schrif­ten ge­hen je­doch ta­rif­li­chen Gel­tend­ma­chungs­fris­ten grundsätz­lich nicht vor. Da­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass es nach der nun­meh­ri­gen ge­setz­li­chen Kon­struk­ti­on nicht mehr der Ausübung ei­nes An­fech­tungs­rechts be­darf, son­dern nur der Gel­tend­ma­chung der mit der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen ei­ner an­fecht­ba­ren Rechts­hand­lung ent­ste­hen­de Rück­gewähran­spruch nach § 143 Abs. 1 In­sO.

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Aus den Be­son­der­hei­ten des In­sol­venz­ver­fah­rens er­gibt sich kei­ne an­de­re Aus­le­gung. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers ist die Ein­hal­tung der ta­rif­li­chen Gel­tend­ma­chungs­fris­ten nicht fak­tisch unmöglich. Ab­ge­se­hen da­von, dass der Kläger vor­lie­gend of­fen­sicht­lich nicht ge­hin­dert war, in­ner­halb von zwei Mo­na­ten ab Fällig­keit des In­sol­venz­an­fech­tungs­an­spruchs, al­so des Rück­zah­lungs­an­spruchs, des­sen Be­ste­hen zu er­mit­teln und die­sen ge­genüber dem Ar­beit­neh­mer schrift­lich gel­tend zu ma­chen. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Über­prüfung von Zah­lun­gen an Ar­beit­neh­mer in den „kri­ti­schen“ Zeiträum­en je­den­falls der §§ 130, 131 In­sO ein über­schau­ba­rer Vor­gang ist, für den der In­sol­venz­ver­wal­ter ins­be­son­de­re in Be­trie­ben mit größerer Beschäftig­ten­zahl ent­spre­chen­de Dienst­leis­tun­gen im We­ge der De­le­ga­ti­on in An­spruch neh­men kann. Ab­ge­se­hen hier­von kann ei­ne der­ar­ti­ge Über­prüfung be­reits im Rah­men der vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­tung vor­be­rei­tet wer­den, so dass sich ein mehr­mo­na­ti­ger – vor­lie­gen ca. zwei­mo­na­ti­ger – Vor­lauf er­gibt.

3. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO. Die Re­vi­si­on war nach § 72 Abs. 2 Nr. 1 und 2 ArbGG zu­zu­las­sen.


Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von dem Kläger bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt,
Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt
(Post­adres­se: 99113 Er­furt),

Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb
ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat
schrift­lich beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Sie ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb
ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten
schrift­lich zu be­gründen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­setz­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss die Be­zeich­nung des Ur­teils, ge­gen das die Re­vi­si­on ge­rich­tet wird und die Erklärung ent­hal­ten, dass ge­gen die­ses Ur­teil Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­de.
 


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Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als sol­che sind außer Rechts­anwälten nur fol­gen­de Stel­len zu­ge­las­sen, die zu­dem durch Per­so­nen mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­deln müssen:

• Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
• ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der vor­ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

Der Schrift­form wird auch durch Ein­rei­chung ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments i. S. d. § 46 c ArbGG genügt. Nähe­re In­for­ma­tio­nen da­zu fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts un­ter www.bun­des­ar­beits­ge­richt.de.


Für den Be­klag­ten ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

 

 

B. K. O. M. K.

 

 

 

 


Hin­weis der Geschäfts­stel­le
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bit­tet, sämt­li­che Schriftsätze in sie­ben­fa­cher Aus­fer­ti­gung ein­zu­rei­chen.

 

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