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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/309

In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen, die im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wur­den

Lohn­zah­lun­gen, die per Zwangs­voll­stre­ckung kurz vor der Ar­beit­ge­ber­insol­venz bei­ge­trie­ben wer­den, kön­nen vom Ver­wal­ter oh­ne Rück­sicht auf Aus­schluss­fris­ten an­ge­foch­ten wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.10.2013, 6 AZR 466/12
Abrisskalender Wie ge­won­nen, so zer­ron­nen: Zwangs­voll­stre­ckung kurz vor der In­sol­venz

28.10.2013. Ge­mäß § 131 Abs.1 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) kann der In­sol­venz­ver­wal­ter Lohn­zah­lun­gen, die der Ar­beit­neh­mer auf der Grund­la­ge ei­nes Ti­tels durch ei­ne Maß­nah­me der Zwangs­voll­stre­ckung er­langt hat, im Fal­le der In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers wie­der her­aus­ver­lan­gen.

Vor­aus­set­zung da­für ist, dass der per Zwangs­voll­stre­ckung durch­ge­setz­te Lohn­zu­fluss im letz­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag oder spä­ter er­folgt ist (§ 131 Abs.1 Nr.1 In­sO) oder aber im zwei­ten oder drit­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag, falls der Ar­beit­ge­ber zu die­sem Zeit­punkt be­reits zah­lungs­un­fä­hig war (§ 131 Abs.1 Nr.2 In­sO).

Frag­lich ist, ob der In­sol­venz­ver­wal­ter bei der Aus­übung sei­nes An­fech­tungs­rechts ta­rif­li­che oder ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten be­ach­ten muss. Nein, das muss er nicht, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Ent­schei­dung vom Don­ners­tag letz­ter Wo­che: BAG, Ur­teil vom 24.10.2013, 6 AZR 466/12.

Muss der In­sol­venz­ver­wal­ter bei der Ausübung sei­nes An­fech­tungs­rechts Aus­schluss­fris­ten be­ach­ten?

Wenn ei­ne kurz vor Tores­schluss zu­las­ten der In­sol­venz­mas­se ge­flos­se­ne Zah­lung auf­grund der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten über die In­sol­venz­an­fech­tung an­fecht­bar ist, hat der In­sol­venz­ver­wal­ter ei­nen Rück­for­de­rungs­an­spruch gemäß § 143 Abs.1 In­sO. Da­nach muss zur In­sol­venz­mas­se zurück­gewährt wer­den, was durch ei­ne an­fecht­ba­re Hand­lung aus dem Vermögen des Schuld­ners "veräußert, weg­ge­ge­ben oder auf­ge­ge­ben" wur­de.

Be­steht aus Sicht des Ver­wal­ters ein sol­ches Rück­for­de­rungs­recht, for­dert er den Empfänger zunächst schrift­lich zur Rück­zah­lung auf. Hilft das nicht, kann er auf Rück­zah­lung kla­gen.

Frag­lich ist, ob der Ver­wal­ter da­bei ta­rif­li­che oder ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten ein­hal­ten muss. Da die­se meist sehr kurz sind, kämen rück­zah­lungs­pflich­ti­ge Ar­beit­neh­mer in vie­len Fällen un­ge­scho­ren da­von, denn der In­sol­venz­ver­wal­ter muss sich erst ein­mal in die Fi­nanz- und Lohn­buch­hal­tung des in­sol­ven­ten Be­triebs ein­ar­bei­ten, und das braucht sei­ne Zeit.

Ge­gen ei­ne An­wen­dung von Aus­schluss­fris­ten auf den Rück­for­de­rungs­an­spruch gemäß § 143 Abs.1 In­sO spricht, dass die­ser An­spruch aus ei­nem nicht zum Ar­beits­recht gehören­den Ge­setz folgt, während ta­rif­li­che oder ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten im­mer nur Ansprüche "aus dem Ar­beits­verhält­nis" be­tref­fen.

Da­her hat das BAG be­reits 2003 ent­schie­den, dass Aus­schluss­fris­ten auf den ge­setz­li­chen Rück­for­de­rungs­an­spruch aus ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung nicht an­wend­bar sind (BAG, Ur­teil vom 19.11.2003, 10 AZR 110/03).

Trotz die­ses Ur­teils ist die­se Fra­ge im letz­ten Jahr wie­der strei­tig ge­wor­den. Ei­ni­ge Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAGs) fol­gen dem o.g. Ur­teil des BAG aus dem Jah­re 2003. An­de­re LAGs da­ge­gen ar­gu­men­tie­ren, dass der Ver­wal­ter durch die In­sol­ven­zeröff­nung ja die Ar­beit­ge­ber­rol­le über­nimmt und da­her Ta­ri­fe und Ar­beits­verträge an­wen­den muss. Da­her sol­len auch Rück­for­de­rungs­ansprüche aus ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung Aus­schluss­fris­ten un­ter­lie­gen.

Der Fall des BAG: Ar­beit­neh­me­rin ist mit der Zwangs­voll­stre­ckung 2007 er­folg­reich und soll den bei­ge­trie­be­nen Lohn 2010 an den Ver­wal­ter er­stat­ten

Ei­ne Ar­beit­neh­me­rin klag­te mit Er­folg rückständi­gen Lohn für No­vem­ber und De­zem­ber 2006 ein und be­trieb aus dem Ur­teil im März 2007 die Zwangs­voll­stre­ckung. Da­durch konn­te sie am 02. und am 19.03.2007 ins­ge­samt 1.991,68 EUR bei­trei­ben.

Am 10.05.2007 stell­te der Ar­beit­ge­ber In­sol­venz­an­trag. Am 01.07.2007 wur­de das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net.

Knapp drei Jah­re später, am 23.04.2010, be­rief sich der In­sol­venz­ver­wal­ter dar­auf, dass die im März 2007 per Zwangs­voll­stre­ckung er­lang­ten 1.991,68 EUR der In­sol­venz­an­fech­tung un­terlägen und for­der­te die Ar­beit­neh­me­rin zur Rück­zah­lung auf.

Die Ar­beit­neh­me­rin ver­klag­te dar­auf­hin den Ver­wal­ter auf Fest­stel­lung, dass ein Rück­for­de­rungs­recht nicht be­ste­he. Der Ver­wal­ter ver­lang­te im We­ge der Wi­der­klag­te Zah­lung der 1.991,68 EUR, wor­auf­hin die Ar­beit­neh­me­rin ih­re Kla­ge nicht wei­ter ver­folg­te.

Mit sei­ner Zah­lungs­kla­ge hat­te der Ver­wal­ter vor dem Ar­beits­ge­richt Nürn­berg Er­folg (Ur­teil vom 13.04.2011, 7 Ca 5449/10), un­ter­lag aber vor dem LAG Nürn­berg (LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 30.04,2012, 7 Sa 557/11).

Denn das LAG mein­te, der Ver­wal­ter hätte hier ei­ne ta­rif­li­che Aus­schluss­frist von sechs Mo­na­ten zur Kla­ge­er­he­bung be­ach­ten müssen, tatsächlich aber versäumt.

Außer­dem war das LAG der An­sicht, es lie­ge trotz der von der Ar­beit­neh­me­rin be­trie­be­nen Zwangs­voll­stre­ckung kein Fall des § 131 Abs.1 Nr.2 In­sO vor. Da­mit stellt sich das LAG ge­gen die herr­schen­de Mei­nung, der zu­fol­ge die For­de­rungs­durch­set­zung per Zwangs­voll­stre­ckung ei­ne Erfüllungs­hand­lung ist, die der Gläubi­ger (Ar­beit­neh­mer) "nicht in der Art" (§ 131 Abs.1 Ein­gangs­satz In­sO) be­an­spru­chen kann, so dass § 131 Abs.1 In­sO auf Zwangs­voll­stre­ckun­gen an­wend­bar ist. Das sieht das LAG an­ders.

BAG: Lohn­zah­lun­gen, die kurz vor der Ar­beit­ge­ber­insol­venz per Zwangs­voll­stre­ckung durch­ge­setzt wer­den, kann der Ver­wal­ter oh­ne Rück­sicht auf Aus­schluss­fris­ten an­fech­ten

Wie nicht an­ders zu er­war­ten war, hat das BAG hier nicht mit­ge­macht und die Ent­schei­dung des LAG auf­ge­ho­ben. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Ei­ne im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung er­lang­te For­de­rungs­erfüllung er­folgt nicht „in der Art“, wie sie der Ar­beit­neh­mer als Gläubi­ger zu be­an­spru­chen hat, so das BAG. § 131 Abs.1 Nr.2 In­sO war da­her auf den vor­lie­gen­den Fall an­zu­wen­den.

Außer­dem be­kräftigt das BAG sei­ne Recht­spre­chung, nach der Rück­for­de­rungs­an­spruch des In­sol­venz­ver­wal­ters kei­nen ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten un­terfällt. Denn in­sol­venz­recht­li­chen An­fech­tungs­re­ge­lun­gen sind zwin­gen­des Recht, in das die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nicht ein­grei­fen dürfen.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung klingt härter als sie ist. Denn ab­ge­se­hen von Fällen ei­ner er­folg­rei­chen Zwangs­voll­stre­ckung "kurz vor Tores­schluss" können Ar­beit­neh­mer Zah­lun­gen ih­res kurz dar­auf in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­bers in den al­ler­meis­ten Fällen endgültig be­hal­ten, d.h. vor­insol­venz­li­che Lohn­zah­lun­gen sind prak­tisch im­mer vor ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung si­cher.

So hat das BAG be­reits 2011 ent­schie­den, dass es auf die (oh­ne­hin für Ar­beit­neh­mer harm­lo­se) Rück­for­de­rungs­vor­schrift des § 130 In­sO ("kon­gru­en­te De­ckung") von vorn­her­ein nicht an­kommt, wenn der Ar­beit­ge­ber frei­wil­lig Ar­beits­leis­tun­gen be­zahlt, die nicht länger als drei Mo­na­te zurück­lie­gen, denn sol­che Zah­lun­gen sind laut BAG Bar­geschäfte im Sin­ne von § 142 In­sO.

Ech­te Pro­ble­me kann es da­her prak­tisch nur nach er­folg­rei­chen Maßnah­men der Zwangs­voll­stre­ckung ge­ben, aber hier sind Ar­beit­neh­mer meist an­walt­lich ver­tre­ten. Auf­ga­be der Anwälte ist es dann, das In­sol­venz­ver­fah­ren ter­min­lich zu be­ob­ach­ten und ggf. früh mit dem Ver­wal­ter zu spre­chen. Ein­zel­hei­ten da­zu fin­den Sie auf die­ser Web­sei­te un­ter "Hand­buch Ar­beits­recht: In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers".

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 28. Oktober 2016

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