HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/082

Krank­heits­da­ten im Müll

er­bo­te­ne Aus­for­schung von Krank­heits­ur­sa­chen bei Lidl, Mer­ce­des-Benz und Mül­ler?: Deut­sche Groß­un­ter­neh­men sol­len in ver­bo­te­ner Wei­se die Ur­sa­chen von Er­kran­kun­gen ih­rer Ar­beit­neh­mer aus­ge­forscht und ge­spei­chert ha­ben
Krank­heits­be­zo­ge­ne Da­ten sind be­son­ders sen­si­bel

15.05.2009. Wird ein Ar­beit­neh­mer ar­beits­un­fä­hig krank, hat er dem Ar­beit­ge­ber un­ver­züg­lich mit­zu­tei­len, dass er krank­heits­be­dingt nicht zur Ar­beit er­schei­nen kann. Au­ßer­dem muss er sa­gen, wie lan­ge er vor­aus­sicht­lich feh­len wird. Bei ei­ner län­ger als drei Ta­ge dau­ern­den Ar­beits­un­fä­hig­keit hat er zu­dem ein ärzt­li­ches At­test bei­zu­brin­gen, in dem die Ar­beits­un­fä­hig­keit und de­ren vor­aus­sicht­li­che Dau­er be­schei­nigt wird (§ 5 Abs. 1 Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz - EFZG).

Die­se An­ga­ben rei­chen Ar­beit­ge­bern of­fen­bar nicht im­mer. In letz­ter Zeit häu­fen sich Fäl­le, in de­nen Un­ter­neh­men An­ga­ben über die Art der Krank­heit von ih­ren Be­schäf­tig­ten er­frag­ten und spei­cher­ten.

Als ers­tes ge­riet der Le­bens­mit­tel­dis­coun­ter Lidl (wie­der) in die Schlag­zei­len. In ei­ner Bo­chu­mer Müll­ton­ne wur­den fir­men­in­ter­ne Un­ter­la­gen ent­deckt, die In­for­ma­tio­nen über die Krank­heits­ur­sa­chen der Mit­ar­bei­ter ent­hiel­ten. Dort fand sich et­wa der Ver­merk über ei­ne Ar­beit­neh­me­rin: „Will schwan­ger wer­den. Be­fruch­tung nicht funk­tio­niert.“ Lidl räum­te die Spei­che­rung sol­cher In­for­ma­tio­nen ein, gab aber an, die­se Pra­xis En­de 2008 ein­ge­stellt zu ha­ben (Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 06.04.2009 „Neue Da­ten­af­fä­re mit Kran­ken­ak­ten von Lidl“).

Kurz dar­auf er­hielt Ra­dio Bre­men ei­nen an­ony­men Hin­weis, dass ein Mer­ce­des-Benz Werk in Bre­men Ak­ten mit Krank­heits­da­ten sei­ner Mit­ar­bei­ter an­ge­legt ha­be. Die er­krank­ten Ar­beit­neh­mer sei­en nach ih­rer Rück­kehr vom Meis­ter nach der Krank­heit be­fragt wor­den. Dies sei dann in ei­nem Kran­ken­ord­ner ge­spei­chert und auf ei­ner wö­chent­li­chen Sit­zung vom Ab­tei­lungs­lei­ter mit Team­lei­tern, Meis­tern und ei­nem Mit­glied des Be­triebs­rats aus­ge­wer­tet wor­den. Der Kon­zern gab an, dass es sich um ei­nen Ein­zel­fall han­de­le, für den nur ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter, nicht der Kon­zern selbst, ver­ant­wort­lich ge­we­sen sei.

Schließ­lich mel­de­te die Süd­deut­sche Zei­tung, dass die Dro­ge­rie­ket­te Mül­ler eben­falls die Kran­ken­ge­schich­te ih­rer Mit­ar­bei­ter aus­for­sche. Dort hat man an­schei­nend als „Kran­ken­rück­kehr­ge­spräch“ be­zeich­ne­te For­mu­la­re ver­wen­det, die Mit­ar­bei­ter und Vor­ge­setz­te ge­mein­sam aus­ge­füllt hät­ten. Die Be­schäf­tig­ten hät­ten dar­über Aus­kunft ge­ben müs­sen, ob sie we­gen der­sel­ben Ur­sa­che im lau­fen­den Ka­len­der­jahr be­reits krank ge­we­sen sei­en und ob die Ge­ne­sung voll­stän­dig ab­ge­schlos­sen sei.

Ei­ne Vor­ge­hens­wei­se von Ar­beit­ge­bern wie in den oben ge­nann­ten drei Fäl­len ver­stößt ge­gen das Da­ten­schutz­recht. Auch ar­beits­recht­li­che Re­ge­lun­gen er­lau­ben es dem Ar­beit­ge­ber nicht, sie vom Ar­beit­neh­mer zu ver­lan­gen oder gar zu spei­chern.

Ei­ne Da­ten­ver­ar­bei­tung, und da­zu zählt so­wohl das Er­fra­gen von In­for­ma­tio­nen als auch das Spei­chern die­ser In­for­ma­tio­nen in Ak­ten, ist ge­mäß § 28 Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz (BDSG) nur un­ter en­gen Vor­aus­set­zun­gen er­laubt. Grund­sätz­lich gilt, dass der Be­trof­fe­ne ent­we­der in die Da­ten­ver­ar­bei­tung ein­wil­li­gen oder die Da­ten­ver­ar­bei­tung zur Wahr­neh­mung be­rech­tig­ter In­ter­es­sen er­for­der­lich sein muss.

Bei In­for­ma­tio­nen, die die Krank­heit selbst und nicht nur die An­zahl der Fehl­ta­ge be­tref­fen, gilt zu­dem ei­ne Be­son­der­heit. Es han­delt sich ge­mäß § 3 Abs. 9 BDSG hier­bei um so ge­nann­te sen­si­ti­ve Da­ten, bei de­nen der Be­trof­fe­ne be­son­ders schutz­be­dürf­tig ist. Hier gel­ten stren­ge­re Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Da­ten­ver­ar­bei­tung (§ 28 Abs. 6 BDSG).

Ei­ne wirk­sa­me Ein­wil­li­gung der Ar­beit­neh­mer dürf­te vor­lie­gend aus­zu­schlie­ßen sein. Dass Ar­beit­neh­mer näm­lich auf Nach­fra­ge „frei­wil­lig“ An­ga­ben über ih­re Krank­heit ma­chen, ist für ei­ne Ein­wil­li­gung nicht aus­rei­chend. Sie muss schrift­lich und vor­ab ge­ge­ben wer­den und es braucht ei­nen Hin­weis auf den Um­fang und Zweck der Da­ten­ver­ar­bei­tung. Ei­ne Ein­wil­li­gung kann zwar – theo­re­tisch – auch in for­mu­lar­ver­trag­lich und vor­ab im Ar­beits­ver­trag er­teilt wer­den, muss dann be­son­ders her­vor­ge­ho­ben und in­halt­lich „trans­pa­rent“ sein, was oft nicht der Fall ist. Zu­dem sind Krank­hei­ten wie er­wähnt „sen­si­ti­ve“ Da­ten, bei de­nen der Be­trof­fe­ne über den kon­kre­ten In­halt der Da­ten, die ver­ar­bei­tet wer­den sol­len, Be­scheid wis­sen muss, was mit ei­ner im Ar­beits­ver­trag ent­hal­te­nen Vor­abein­wil­li­gung un­ver­ein­bar ist.

Au­ßer­dem ist auch die Da­ten­ver­ar­bei­tung un­zu­läs­sig, da sie nicht er­for­der­lich im Sin­ne von § 28 Abs. 1 BDSG ist. Recht­lich „er­for­der­lich“ sind für den Ar­beit­ge­ber nur In­for­ma­tio­nen über die Fehl­zei­ten sel­ber.

Dies än­dert sich auch nicht da­durch, dass der Ar­beit­ge­ber ge­mäß § 3 EFZG zu ei­ner Ent­gelt­fort­zah­lung nicht ver­pflich­tet ist, wenn der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb ei­nes Sechs­mo­nats­zeit­raums mehr als sechs Wo­chen we­gen der­sel­ben Krank­heit ar­beits­un­fä­hig ist. Ei­ne sol­che Fol­ge­er­kran­kung liegt et­wa vor, wenn ein Ar­beit­neh­mer we­gen ei­nes Arm­bru­ches krank ist und nach sei­ner Ge­ne­sung er­neut fehlt, weil die ein­ge­setz­ten Schrau­ben ent­fernt wer­den müs­sen. Der Ar­beit­ge­ber braucht in die­sem Fall nur die In­for­ma­ti­on, ob ei­ne Fol­ge­er­kran­kung vor­liegt oder nicht, was der be­han­deln­de Arzt ggf. be­schei­ni­gen muss.

Recht­lich un­er­heb­lich ist auch, dass häu­fi­ge oder lang­wie­ri­ge Er­kran­kun­gen ei­nen Grund für ei­ne krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung dar­stel­len, wenn dies zu ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se in be­zug auf die künf­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit führt. Um über ei­ne krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung zu ent­schei­den, kann sich der Ar­beit­ge­ber näm­lich nach der Recht­spre­chung zu­nächst auf die ihm er­kenn­ba­ren As­pek­te der Krank­heit – sprich: die Fehl­zei­ten – be­zie­hen. Es ist dann Auf­ga­be des ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mers, im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess dar­zu­le­gen, wel­che Krank­heits­ur­sa­chen für die Fehl­zei­ten ver­ant­wort­lich wa­ren und war­um da­her ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se nicht be­grün­det ist. Erst in die­ser Si­tua­ti­on be­steht für den Ar­beit­neh­mer die Ob­lie­gen­heit, den ihn be­han­deln­den Arzt von sei­ner Schwei­ge­pflicht zu ent­bin­den.

Auch das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers zu ver­hin­dern, dass ei­ne Er­kran­kun­gen vor­ge­täuscht wird, macht In­for­ma­tio­nen über Krank­heits­ur­sa­chen und de­ren Spei­che­rung nicht er­for­der­lich. Der Ar­beit­ge­ber darf nur bei ei­nem kon­kre­ten Ver­dacht prü­fen, ob der Ar­beit­neh­mer ei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­un­fä­hig­keit vor­täuscht. Dem trägt das be­ste­hen­de Recht durch die Mög­lich­keit Rech­nung, dass der Me­di­zi­ni­sche Dienst der Kran­ken­kas­sen den Ar­beit­neh­mer ein­be­stel­len und ärzt­lich auf die be­haup­te­te Ar­beits­un­fä­hig­keit hin un­ter­su­chen las­sen kann. An wel­cher Krank­heit der Ar­beit­neh­mer lei­det, geht da­her auch in die­sem Fall den Ar­beit­ge­ber recht­lich nichts an.

Als ein­zi­ge Aus­nah­me von der Re­gel, dass Krank­heits­ur­sa­chen den Ar­beit­ge­ber recht­lich nichts an­ge­hen, wer­den in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur an­ste­cken­de und zu­gleich ge­fähr­li­che Krank­hei­ten ge­nannt, da der Ar­beit­ge­ber ein recht­lich schüt­zens­wer­tes In­ter­es­se dar­an hat, die An­ste­ckung von an­de­ren Mit­ar­bei­tern oder von Kun­den zu ver­mei­den. Im Ver­hält­nis da­zu wiegt das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers, sei­ne Krank­heits­dia­gno­se ge­heim­zu­hal­ten, we­ni­ger schwer. Je nach La­ge des Ein­zel­falls kann da­her in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on aus­nahms­wei­se ein­mal ein Aus­kunfts­an­spruch des Ar­beit­ge­ber be­ste­hen. Ar­beit­neh­mer soll­ten da­her wis­sen, dass sie An­ga­ben über die Ur­sa­chen ih­rer krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­un­fä­hig­keit im All­ge­mei­nen ver­wei­gern kön­nen. Ar­beit­ge­ber soll­ten wis­sen, dass sie den­noch er­lang­te In­for­ma­tio­nen über Krank­hei­ten bzw. Krank­heits­ur­sa­chen nicht spei­chern dür­fen. Bei Ver­stö­ßen soll­te der (be­trieb­li­che) Da­ten­schutz­be­auf­trag­te ein­ge­schal­tet wer­den.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: 

Letzte Überarbeitung: 2. Januar 2014

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de