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Arbeitsrecht aktuell: 10/132 Kündigung einer Compliance-Beauftragten der DB




Keine Kündigung wegen zu forscher Korruptionsbekämpfung ohne vorherige Abmahnung

Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 18.02.2010, 38 Ca 12879/09

09.07.2010. Die interne Revision, neudeutsch: Compliance Devision, ist eine spezielle Abteilung, die zumeist in größeren Unternehmen zu finden ist. Sie soll Straftaten und andere Rechtsverstöße aufdecken und verhindern. Die dabei angewandten Methoden sind teilweise ihrerseits rechtlich fragwürdig. So hatte die Deutsche Bahn letztes Jahr mit einem verdachtsunabhängigen Abgleich personenbezogener Daten den Zorn der Datenschützer auf sich gezogen. Solche öffentlich gewordenen Verstöße gegen Datenschutzgesetze führen schnell zu der Frage, wer diese Verfehlungen zu verantworten hat. Nahe liegen hier die Mitglieder der internen Revision, denn als "Rechtsprüfer" des Unternehmens sollten sie sich eigentlich darüber im Klaren sein, was rechtmäßig ist und was nicht. Doch die Realität sieht etwas anders aus. Ein Urteil des Arbeitsgerichtes Berlin erlaubt einen Blick hinter die Kulissen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 18.02.2010, 38 Ca 12879/09.

von Rechtsanwältin Svenja Sottorf, Berlin

Korruptionsbekämpfung in der datenschutzrechtlichen Grauzone

In vielen größeren Unternehmen gibt es bestimmte Abteilungen, die Straftaten oder andere gravierende Rechtsverstöße, die zulasten des Unternehmens oder aus ihm heraus begangen werden, aufdecken und bekämpfen sollen. Traditionell heißen diese Abteilungen interne Revision, heute wird diese Funktion auch gerne „Compliance“ genannt.

So berechtigt dieses Anliegen auch ist: Unternehmen schießen dabei manchmal über das Ziel hinaus. So stand neben der Deutschen Telekom etwa die Deutsche Bahn letztes Jahr in der öffentlichen Kritik, weil sie eine Art „Rasterfahndung“ gegen Mitarbeiter und deren Angehörige zur Korruptionsbekämpfung eingesetzt hatte.

Der massenhafte verdachtsunabhängige Abgleich personenbezogener Daten der gesamten Belegschaft wurde von Datenschützern allgemein für rechtswidrig gehalten. Auch andere Maßnahmen der Bahn, etwa der Einsatz von Detekteien, wurden beanstandet (wir berichteten in Arbeitsrecht aktuell: 09/025: Was darf die Bahn?). Die Bahn willigte schließlich ein, 1,1 Millionen EUR Strafe wegen datenschutzrechtlicher Verstöße zu zahlen (Zeit online vom 23.10.2009: Bahn akzeptiert Bußgeld für Datenskandal).

Dabei stellt sich die Frage, ob eine Kündigung der vom Unternehmen eingesetzten „Korruptionsbekämpfer“ wegen datenschutzrechtlicher Verstöße zulässig ist. Schließlich wollen die in der hier tätigen Arbeitnehmer gerade im Interesse des Unternehmens handeln und können möglicherweise die straf- oder ordnungsrechtliche Relevanz der Überwachungsmaßnahmen nicht überblicken.

Mit dieser Frage befasst sich eine Entscheidung des Arbeitsgerichts Berlin (Urteil vom 18.02.2010, 38 Ca 12879/09).

Die Deutsche Bahn im Kampf gegen ihre Korruptionsbekämpfer

Die klagende Arbeitnehmerin war seit dem Jahr 2000 bei der Deutschen Bahn in der internen Revision bzw. im Vorstandsressort und Leitungskreis Compliance beschäftigt und seit 2007 zudem Leiterin Korruptionsbekämpfung Ermittlungen.

Im Zuge der Datenschutzaffäre bei der Deutschen Bahn, warf die Bahn ihr Verstöße gegen datenschutzrechtliche und strafrechtliche Bestimmungen vor. Sie sollte unter Verletzung von Datenschutzbestimmungen und anderen rechtlichen Vorgaben Überwachungsmaßnahmen von Mitarbeitern und deren nahen Angehörigen veranlasst haben. Dazu gehörte jedenfalls der Einsatz von Detekteien und die Überwachung von E-Mails im hauseigenen Intranet.

Die Bahn kündigte der Arbeitnehmerin deshalb am 30.06.2009 außerordentlich, vorsorglich ordentlich zum 31.12.2009.

Gegen die Kündigung erhob die Arbeitnehmerin Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht Berlin.

Korruptionsbekämpfung als gefahrgeneigte Arbeit

Das Arbeitsgericht Berlin gab der Arbeitnehmerin Recht, d.h. es hielt sowohl die außerordentliche als auch die ordentliche Kündigung für unwirksam. Einen der Arbeitnehmerin vorwerfbaren Rechtsverstoß konnte das Arbeitsgericht nämlich nicht erkennen. Es zweifelt schon daran, ob die einzelnen von der Arbeitnehmerin vorgenommenen Überwachungsmaßnahmen tatsächlich rechtswidrig waren. Im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Korruption oder Wirtschaftsstraftaten im Unternehmen kann ein Abgleich personenbezogener Daten im Einzelfall erforderlich sein, meint das Gericht. Schließlich würden Scheingeschäfte häufig über nahe Angehörige abgewickelt. Bei einem entsprechenden Verdacht könne auch der Einsatz von Detekteien gerechtfertig sein.

Entscheidend war für das Gericht jedoch etwas anderes: Selbst wenn ein objektiver Rechtsverstoß vorliegt, muss dieser dem Arbeitnehmer vorwerfbar sein, d.h. die Arbeitnehmerin muss um die Rechtswidrigkeit gewusst haben. Eine derartige Vorwerfbarkeit verneint das Gericht.

Als leitende Mitarbeiterin im Bereich Compliance und Leiterin der Korruptionsbekämpfung war es gerade Aufgabe der klagenden Arbeitnehmerin, durch die Aufklärung von Korruptionsverdachten Schaden von der Deutschen Bahn abzuwenden. Dann liegen es aber nahe, dass die Arbeitnehmerin die ihr später zum Vorwurf gemachten Überwachungsmaßnahmen initiiert.

Nicht nachvollziehbar ist für das Arbeitsgericht, warum die Arbeitnehmerin als Nichtjuristin besser als die anderen Mitglieder des Lenkungskreises Compliance, darunter zahlreiche Juristen, hätte wissen müssen, dass bestimmte Überwachungsmaßnahmen rechtswidrig gewesen sein sollen, zumal die Bahn sogar ein Rechtsgutachten eingeholt hatte, das die Zulässigkeit bestimmter Maßnahmen bescheinigte.

Der Klägerin aus heutiger Sicht vorzuhalten, sie habe Überwachungen von Arbeitnehmern veranlasst, die damals gewollt, heute aber - möglicherweise - nicht mehr opportun erscheinen, geht kündigungsrechtlich fehl, so das Arbeitsgericht.

Fazit: Ob das Arbeitsgericht mit der datenschutzrechtlichen Beurteilung der Überwachungsmaßnahmen richtig liegt, mag dahinstehen. Zu Recht geht es jedenfalls davon aus, dass die Verstöße der Arbeitnehmerin nicht vorzuwerfen sind, weil für sie die Rechtswidrigkeit gar nicht absehbar war. Die Verantwortung für den Datenskandal hat die Bahn hier auf die Falsche abgewälzt. Anders wäre es, wenn Arbeitnehmer wissentlich Rechtsverstöße oder gar Straftaten „für“ ihren Arbeitgeber begehen. Davon konnte hier aber keine Rede sein.

Nähere Informationen finden Sie hier:

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Letzte Überarbeitung: 9. Januar 2011

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Arbeitsrecht aktuell:


Berlin, 03.02.2012
Kündigungsschutz:

Auslandsvertrag zählt bei Wartezeit mit

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10

München, 02.02.2012
Altersdiskriminierung:

Altersgrenze für Sachverständige gekippt

Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11

Berlin, 31.01.2012
Betriebsrat:

Benachteiligung durch Verweigerung der Festanstellung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11

Berlin, 27.01.2012
Befristung:

Europarecht erlaubt Befristung zur Vertretung - auch jahrelang

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)

Berlin, 25.01.2012
Europarecht:

Anspruch auf vier Wochen Urlaub auch ohne jährliche Mindestarbeitszeit

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)

Köln, 24.01.2012
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen eigenmächtiger Auftragsvergabe

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 22.08.2011, 5 Sa 107/11

Frankfurt, 23.01.2012
Mobbingklage:

Oberarzt verklagt mobbenden Chefarzt auf 500.000 EUR Schadensersatz

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10

Berlin, 20.01.2012
Geschäftsführer:

Geschäftsführer erhebt Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11

Hannover, 19.01.2012
Weihnachtsgeld

Kein Weihnachtsgeld nach Kündigung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10

Berlin, 17.01.2012
Bewerberdiskriminierung

Auskunftsanspruch des Stellenbewerbers über Auswahlentscheidung oder nicht?

Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister

Berlin, 13.01.2012
HIV-Infektion:

Kündigung in der Probezeit wegen HIV-Infektion wirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 13.01.2012, 6 Sa 2159/11

Berlin, 13.01.2012
Betriebsratswahl:

Abbruch nur bei Nichtigkeit

Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10

Berlin, 11.01.2012
BAT Altersstufen:

Berlin und Hessen müssen für BAT-Altersstufen bluten

Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09

Berlin, 10.01.2012
CGZP-Tarifverträge:

Tarifverträge der CGZP waren auch 2004, 2006 und 2008 unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11

München, 05.01.2012
Aufhebungsvertrag:

Aufhebungsvertrag ohne Abfindung, aber mit Ausgleichsklausel?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10

Berlin, 03.01.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaub und Urlaubsabgeltung bei Krankheit - nur 15 Monate lang?

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11

Berlin, 20.12.2011
Sozialauswahl:

Sozialauswahl und Altersdiskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10

Stuttgart, 05.12.2011
Kündigung:

Entschädigung für diskriminierende Kündigung

Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10

Berlin, 23.11.2011
Urlaub und Krankheit:

Krankheitsbedingt nicht genommener Urlaub kann nach 15 Monaten verfallen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte

Berlin, 05.11.2011
Kündigungsschutzklage:

Arbeitsgericht Berlin großzügig bei Fristversäumung durch Anwalt

Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 12.08.2011, 28 Ca 9265/11

München, 02.11.2011
Fristlose Kündigung:

LAG München: Kündigung nach Betrug mit 20 EUR Schaden

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10

Frankfurt, 26.10.2011
Kündigung:

Kündigung wegen Alkohols am Steuer

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11

Frankfurt, 21.10.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Diensthandy-Missbrauchs?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 25.07.2011, 17 Sa 1739/10

Hamburg, 23.09.2011
Kündigung:

LAG Hamburg -
Kündigung bei Beschäftigungsmöglichkeit im Ausland

Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11

Berlin, 14.09.2011
BAT-TVöD:

Diskriminierung wegen des Alters durch BAT-Lebensaltersstufen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)

Frankfurt, 13.09.2011
Altersgrenzen:

EuGH kippt Altersgrenze 60 für Lufthansa-Piloten

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)

Berlin, 12.09.2011
Chefarzt:

Kündigung eines Chefarztes wegen Wiederverheiratung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10

Hannover, 09.09.2011
Arbeitszeitbetrug:

Fristlose Kündigung wegen Arbeitszeitbetrugs

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10

Berlin, 08.09.2011
Whistleblowing:

Verpfeifen / Whistleblowing ohne Risiko einer Kündigung?

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)

Berlin, 06.09.2011
Bonus - Kündigung:

Anspruch auf Bonus trotz Kündigung und Ausscheiden im Folgejahr

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09

Frankfurt, 05.09.2011
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Zwangsverwaltung eines Hotelgrundstücks

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10

Berlin, 02.09.2011
GlobeGround Berlin:

Betriebsratswahl bei GlobeGround in Berlin unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.08.2011, 25 TaBV 529/11

Frankfurt, 31.08.2011
Kündigung:

Kündigung und Krankmeldung

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2011, 12 Sa 522/10

Hamburg, 25.08.2011
Probezeitkündigung:

Kündigung in der Probezeit wegen Heirat einer Chinesin

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 22.06.2011, 3 Sa 95/11

Frankfurt, 23.08.2011
Kündigung und Vollmacht:

Kündigung mit Vollmacht, aber ohne Vollmachtsurkunde

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09

Berlin, 17.08.2011
Beleidigung

Fristlose Kündigung wegen Beleidigung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 06.05.2011, 6 Sa 2558/10

Köln, 29.07.2011
Kündigungsverzicht:

Kein Verzicht auf Kündigung durch freundliche Worte

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 28.09.2010, 5 Sa 814/10

Frankfurt, 20.07.2011
Abmahnung:

Erst Abmahnung, dann Kündigung?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 15.02.2011, 13 Sa 1460/10

Hannover, 12.07.2011
Betriebsratsanhörung:

Anhörung des Betriebsrats bei Kündigung mit Auslauffrist

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 05.08.2010, 15 Sa 302/10

Berlin, 01.07.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Drohung mit Strafanzeige

Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 21.01.2011, 3 Sa 181/10