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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/190

Straf­ver­fah­ren ge­gen den VW-Be­triebs­rat­vor­sit­zen­den Klaus Vol­kert

Mein Haus, mein Au­to, mein Boot: Son­der­bo­ni in Mil­li­ar­den­hö­he für die Be­triebs­rats­ar­beit: Bun­des­ge­richts­hof, Ur­teil vom 17.09.2009, 5 StR 521/08
Sitzung des Betriebsrats, Betriebsratsversammlung Be­triebs­rä­te sol­len ge­gen­über ih­ren Kol­le­gen we­der be­vor­zugt noch be­nach­tei­ligt wer­den
16.10.2009. Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de des VW-Kon­zerns Klaus Vol­kert hat­te sich Son­der­bo­ni in Mil­lio­nen­hö­he aus­zah­len las­sen und pri­va­te Aus­ga­ben als Spe­sen ab­ge­rech­net.

Da­für wur­de er vom Land­ge­richt (LG) Braun­schweig zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von 2 Jah­ren und 9 Mo­na­ten ver­ur­teilt, LG Braun­schweig, Ur­teil vom 22.02.2008, 6 KLs 20/07. Jetzt hat­te der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) über das Rechts­mit­tel zu ent­schei­den, dass Vo­kert ge­gen die Ent­schei­dung des Land­ge­richts ein­ge­legt hat­te, BGH, Ur­teil vom 17.09.2009, 5 StR 521/08.

Der ar­beits­recht­li­che Hin­ter­grund

Das Be­triebs­rats­amt ist gemäß den Vor­schrif­ten des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes (Be­trVG) ein Eh­ren­amt, d.h. Be­triebsräte wer­den für ih­re Tätig­keit nicht ge­son­dert be­zahlt (§ 37 Abs.1 Be­trVG).

Ein Be­triebs­rats­mit­glied erhält dem­zu­fol­ge die Vergütung, die ihm gemäß sei­nem Ar­beits­ver­trag zu­steht. Das gilt auch im Fal­le ei­ner Frei­stel­lung von der Ar­beit. Al­ler­dings ist das Ge­halt bei frei­ge­stell­ten Be­triebsräten von Zeit zu Zeit an­zu­pas­sen, da ein Be­triebs­rats­mit­glied kei­ne Nach­tei­le da­durch er­lei­den soll, dass ein be­ruf­li­cher Auf­stieg in­fol­ge der Frei­stel­lung fak­tisch nicht er­fol­gen kann (§ 37 Abs.4 Be­trVG).

Im Mo­dell führt die­se Re­ge­lung da­zu, dass ein Be­triebs­rats­mit­glied ge­genüber Kol­le­gen we­der be­vor­zugt noch be­nach­tei­ligt wird. Al­ler­dings kann ein Miss­verhält­nis zwi­schen der Vergütung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds und sei­nen Auf­ga­ben be­ste­hen, wenn er als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der in ei­nem großen Un­ter­neh­men die so­zia­le (Mit-)Ver­ant­wor­tung für vie­le tau­send Ar­beits­kol­le­gen trägt. Im­mer­hin ver­han­delt der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de hier „auf Au­genhöhe“ mit Geschäfts­lei­tungs­mit­glie­dern, de­ren Ein­kom­men in der Re­gel um ein Viel­fa­ches höher ist als das ei­ge­ne.

In ei­ni­gen großen Un­ter­neh­men wird das Ge­halt von (frei­ge­stell­ten) Be­triebs­rats­mit­glie­dern des­halb teil­wei­se auf der Grund­la­ge frei­wil­li­ger Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen nach oben hin „kor­ri­giert“, was mit Blick auf den Grund­satz der Eh­ren­amt­lich­keit recht­lich nicht ganz un­be­denk­lich ist. Dass ei­ne vom Ge­setz nicht vor­ge­se­he­ne Ma­nage­ment­vergütung wei­te­re Be­gehr­lich­kei­ten we­cken kann, hat das Straf­ver­fah­ren ge­gen den VW-Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Klaus Vol­kert ge­zeigt. Er war vom LG Braun­schweig zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von mehr als zwei Jah­ren ver­ur­teilt wor­den (Ur­teil vom 22.02.2008, 6 KLs 20/07) und leg­te dar­auf Re­vi­si­on zum BGH ein. Über die Re­vi­si­on wur­de Mit­te Sep­tem­ber 2009 ent­schie­den (BGH, Ur­teil vom 17.09.2009, 5 StR 521/08).

Die VW-Affäre: Son­der­bo­ni für den Be­triebs­rats­chef und Geld für sei­ne Ge­lieb­te

Klaus Vol­kert war seit 1978 frei­ge­stell­tes Be­triebs­rats­mit­glied bei VW. Seit 1990 war er Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der, Kon­zern- und Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­der. Später be­kam er darüber hin­aus den Hut des sog. Eu­ro- und des Welt­kon­zern­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den und war in die­sen Funk­tio­nen (mit)ver­ant­wort­lich für die Ar­beits­be­din­gun­gen von über 300.000 Beschäftig­ten.

Das Ge­halt von Be­triebs­rats­mit­glie­dern wur­de bei VW nach be­stimm­ten Re­geln auf­ge­stockt, über de­ren Um­set­zung ei­ne Kom­mis­si­on zu ent­schei­den hat­te. Das von Herrn Vol­kert be­zo­ge­ne Ge­halt ent­sprach zu­letzt dem ei­nes sog. „Top­ma­na­gers“ bei VW, d.h. es be­trug et­wa 200.000 EUR jähr­lich.

1993 warb VW den zu­letzt bei GM täti­gen Top­ma­na­ger José Ig­na­cio López de Ar­ri­ortúa von dort ab und setz­te ihn als Vor­stands­vor­sit­zen­den ein. López er­hielt bei VW ein im­men­ses Ge­halt, das um ein Viel­fa­ches das von Vol­kert be­zo­ge­ne Ge­halt über­stieg. Vol­kert konn­te sich da­mit nicht ab­fin­den, ei­ne Ge­halts­an­pas­sung aber auf le­ga­lem Weg nicht durch­set­zen. Auf Be­trei­ben des da­ma­li­gen Per­so­nal­vor­stands Pe­ter Hartz und un­ter Um­ge­hung der dafür zuständi­gen haus­in­ter­nen Kom­mis­si­on wur­den ihm dar­auf­hin re­gelmäßig Son­der­bo­ni ge­zahlt, die ei­gent­lich nur aus­nahms­wei­se bei außer­gewöhn­li­chen Leis­tun­gen gewährt wer­den konn­ten. Ins­ge­samt er­hielt Vol­kert auf die­sem We­ge Son­der­bo­nus­zah­lun­gen von fast 2 Mil­lio­nen Eu­ro.

Da­ne­ben be­gann Vol­kert un­ter Um­ge­hung der übli­chen Kon­troll­me­cha­nis­men da­mit, pri­va­te Aus­ga­ben und Pri­vat­rei­se­kos­ten in großem Um­fang als Geschäfts­aus­ga­ben ab­zu­rech­nen und sich er­stat­ten zu las­sen.

Da­zu gehörten auch Auf­wen­dun­gen für den Be­such bei Pro­sti­tu­ier­ten und für Schmuck, der sei­ner bra­si­lia­ni­schen Ge­lieb­ten zu­ge­dacht war. Auch die Mie­te für ei­ne Woh­nung in Bra­si­li­en wur­de von VW ge­tra­gen. Ins­ge­samt er­hielt Vol­kert da­durch wei­te­re 230.000 EUR.

Sch­ließlich schlos­sen Vol­kert und die Mit­glie­der des VW-Vor­stands zu­guns­ten der bra­si­lia­ni­schen Ge­lieb­ten Vol­kerts ei­nen Schein­ver­trag, der sug­ge­rie­ren soll­te, dass die Ge­lieb­te für VW ar­bei­te­te, was nicht den Tat­sa­chen ent­sprach. Ihr wur­den auf die­ser recht­li­chen „Grund­la­ge“ ins­ge­samt fast 400.000 EUR aus­be­zahlt.

Als dies ent­deckt wur­de, kam es zu ei­ner Rei­he spek­ta­kulärer Straf­ver­fah­ren. Da­bei wur­de un­ter an­de­rem Pe­ter Hartz als Haupttäter nach ei­nem „Deal“ im Ver­fah­ren zu zwei Jah­ren Frei­heits­stra­fe auf Bewährung und ei­ner ho­hen Geld­stra­fe ver­ur­teilt.

Am härtes­ten traf es Vol­kert. Er wur­de zu ei­ner Frei­heits­stra­fe von 2 Jah­ren und 9 Mo­na­ten ver­ur­teilt we­gen Bei­hil­fe und An­stif­tung zur schwe­ren Un­treue (§ 266 Abs.1 und 2; § 26; § 27 Straf­ge­setz­buch - StGB) und An­stif­tung zur Be­triebs­rats­begüns­ti­gung (§ 119 Abs. 1 Nr. 3 Be­trVG). Da ei­ne Frei­heits­stra­fe in die­sem Um­fang nicht mehr zur Bewährung aus­ge­setzt wer­den kann, wird Vol­kert ei­ne Gefäng­nis­stra­fe an­tre­ten müssen.

Hier­ge­gen leg­te er Re­vi­si­on ein. Er bemängel­te ins­be­son­de­re, dass er härter be­straft wor­den sei als der „Haupttäter“ Pe­ter Hartz. Die­ser al­ler­dings hat­te ei­ne Ab­spra­che ge­trof­fen, so dass die bei­den Fälle nicht in al­len Hin­sich­ten mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind.

Wie hat der BGH ent­schie­den?

Der BGH ver­nein­te zwar die Straf­bar­keit Vol­kerts hin­sicht­lich der An­stif­tung zur Be­triebs­rats­begüns­ti­gung, ei­ner Straf­vor­schrift aus dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (§ 119 Be­trVG), da der da­zu er­for­der­li­che Straf­an­trag nicht kor­rekt ge­stellt wor­den war.

Im Übri­gen bestätig­te er aber das Ur­teil des LG Braun­schweig. Auch das Straf­maß be­an­stan­de­te er nicht. Da­mit ist die Ver­ur­tei­lung Vol­kerts nun­mehr rechts­kräftig.

Der BGH schließt sich da­mit der Auf­fas­sung des LG Braun­schweig an, dass Vol­kert sich der Bei­hil­fe und An­stif­tung zur Un­treue straf­bar ge­macht hat. Dass sich Vol­kert sel­ber we­gen Un­treue straf­bar ge­macht hat, ist ju­ris­tisch nicht möglich, weil dies er­for­dert hätte, dass er die spe­zi­fi­sche Auf­ga­be hat­te, das Vermögen von VW zu be­treu­en - was auf ihn als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der nicht zu­traf: Als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der hat­te er mit der Be­treu­ung des VW-Vermögens nichts zu tun.

Auch die Ausführun­gen zum Straf­maß des LG bemängel­te der BGH nicht. Das ho­he Straf­maß be­gründe­te das LG mit den ho­hen Sum­men, um die sich Vol­kert als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der be­rei­chert hat­te so­wie da­mit, dass er im Un­ter­schied zu den an­de­ren ver­ur­teil­ten VW-Vor­stands­mit­glie­dern nur zu sei­nem ei­ge­nen Vor­teil han­del­te.

Dies sind gängi­ge Kri­te­ri­en, die ein höhe­res Straf­maß be­gründen, da bei je­dem An­ge­klag­ten in­di­vi­du­ell ge­prüft wird, was für oder ge­gen sein Ver­hal­ten spricht. Es kann da­her durch­aus sein, dass der­je­ni­ge, der den Haupt­bei­trag zur Straf­tat ge­leis­tet hat, ei­ne ge­rin­ge­re Stra­fe erhält als ein An­stif­ter oder Ge­hil­fe, weil persönlich ent­las­ten­de Umstände für ihn spre­chen, die nicht oder nicht in dem Maße beim An­stif­ter oder Ge­hil­fen ge­ge­ben sind. Fa­zit: Wenn man das Prin­zip der Eh­ren­amt­lich­keit der Be­triebs­rats­ar­beit in Fra­ge stellt, soll­te man zur Kennt­nis neh­men, dass ge­ra­de bei VW auf der Grund­la­ge der hier prak­ti­zier­ten Son­der­re­ge­lung für die Vergütung von Be­triebs­rats­mit­glie­dern ge­nau in die an­de­re Rich­tung ge­ar­bei­tet wur­de, d.h. man hat die Tätig­keit ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds im Prin­zip wie ei­ne be­zahl­te Ma­nage­menttätig­keit be­trach­tet und be­zahlt. An­schei­nend ist ei­ne „re­guläre“ und durch­aus nicht klein­li­che Be­zah­lung von Be­triebs­rats­mit­glie­dern kein Schutz ge­gen Kor­rup­ti­on. Und schließlich: Je höher ei­ne of­fi­zi­el­le Be­zah­lung der Be­triebs­rats­ar­beit ausfällt, des­to größer der Druck auf das vom Ar­beit­ge­ber be­zahl­te Be­triebs­rats­mit­glied, bei sei­ner Amtstätig­keit „loy­al“ zu sein.

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Letzte Überarbeitung: 25. August 2016

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