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Arbeitsrecht aktuell: 10/043 Zusatzurlaub schwerbehinderter Arbeitnehmer:
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Verfall bei langer Krankheit?
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 02.10.2009, 6 Sa 1215/09
Wenn ein Arbeitnehmer aufgrund einer langen Erkrankung seinen Urlaub nicht in Anspruch nehmen konnte, entschied das Bundesarbeitsgericht (BAG) jahrzehntelang, dass der Urlaub aufgrund der Regelung in § 7 Abs. 3 Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) spätestens mit Ablauf des 31. März des Folgejahres verfiel und deshalb bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses auch nicht abgegolten werden konnte.
Dann entschied jedoch der Europäische Gerichtshof (EuGH) in der Rechtssache Schultz-Hoff anders (Urteil vom 20.01.2009, C-350/06) und änderte damit die vom BAG jahrzehntelang praktizierte Rechtsprechung. Denn der EuGH interpretierte in der Schultz-Hoff-Entscheidung Art. 7 der Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 04.11.2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung, die allen Arbeitnehmern Anspruch auf einen vierwöchigen Mindesturlaub gewährt, dahingehend, dass der Mindesturlaub nicht verfallen dürfe, auch wenn der Arbeitnehmer länger erkrankt ist und den Urlaub deshalb nicht in Natur nehmen kann. In diesem Fall stehe dem Arbeitnehmer laut EuGH ein Anspruch auf Abgeltung des Urlaubs zu.
Auch nach deutschem Recht haben Arbeitnehmer einen Anspruch auf einen mindestens vierwöchigen Erholungsurlaub pro Kalenderjahr (§ 3 BurlG). Schwerbehinderten Arbeitnehmern steht daneben aber ein zusätzlicher Urlaub von fünf Tagen pro Kalenderjahr zu (§ 125 Abs. 1 Satz 1 Neuntes Buch Sozialgesetzbuch - SGB IX), da ein erhöhter Erholungsbedarf angenommen wird.
Fraglich ist deshalb, ob die Rechtsprechung des EuGH, dass der Mindesturlaub von Arbeitnehmern nicht verfallen darf und gegebenenfalls abgegolten werden muss, auch auf den Zusatzurlaub schwerbehinderter Arbeitnehmer anzuwenden ist.
Für diese Ansicht spricht, dass schwerbehinderten Arbeitnehmern mit dem Zusatzurlaub wegen eines erhöhten Erholungsbedarfs eine Art „längerer Mindesturlaub“ zugesprochen wird, der deshalb so behandelt werden müsste, wie der vierwöchige Mindesturlaub von Arbeitnehmern, die nicht schwerbehindert sind. So entschied jedenfalls das Landesarbeitsgericht (LAG) Düsseldorf Anfang 2009 in dem Vorlagefall Schultz-Hoff (Urteil vom 02.02.2009, 12 Sa 486/06), ohne seine Entscheidung allerdings näher zu begründen.
Andererseits könnte man den EuGH auch wörtlich nehmen: Da er lediglich entschied, dass der vierwöchige Mindesturlaub nicht verfallen darf, könnte jeder über den Vierwochen-Zeitraum hinausgehende Urlaubsanspruch verfallen dürfen.
Mit dieser Frage befasst sich die vorliegende Entscheidung des Landesarbeitsgerichts (LAG) Berlin-Brandenburg (Urteil vom 02.10.2009, 6 Sa 1215/09).
Die klagende schwerbehinderte Arbeitnehmerin war die letzten zwei Jahre ihres Arbeitsverhältnisses so gut wie durchgehende arbeitsunfähig krank. Mitte 2008 kündigte sie schließlich selber, wann genau ihr Arbeitsverhältnis damit endete ist ein Streitpunkt zwischen ihr und dem Arbeitgeber.
Die Arbeitnehmerin forderte von ihrem Arbeitgeber für die Jahre 2007 und 2008 im Anschluss die Abgeltung von insgesamt 70 Tagen Urlaub, den sie wegen ihrer zweijährigen Erkrankung nicht „in Natur“ nehmen konnte. Die 70 Tage errechnete die Arbeitnehmerin aus dem gesetzlichen Mindesturlaubsanspruch von vier Wochen pro Jahr, dem Zusatzurlaub für Schwerbehinderte und dem tariflichen zusätzlichen Urlaub.
Die Arbeitnehmerin bekam vor dem Arbeitsgericht Berlin weitgehend recht, d.h. das Arbeitsgericht entschied, dass neben dem vierwöchigen Mindesturlaub auch der Zusatzurlaub für schwerbehinderte Arbeitnehmer nicht verfallen konnte und deshalb abzugelten sei (Urteil vom 29.04.2009, 39 Ca 8839/08). Dagegen legten beide Parteien Berufung zum LAG Berlin-Brandenburg ein.
Das LAG gab dagegen im wesentlichen dem Arbeitgeber recht. Denn das LAG meinte, lediglich der vierwöchige Mindesturlaub der Arbeitnehmerin für das Jahr 2007 und - anteilig – 2008 sei nicht verfallen und deshalb abzugelten. Der Zusatzurlaub für schwerbehinderte Arbeitnehmer ist dagegen verfallen, so das LAG.
Denn der EuGH, so die Argumentation des LAG, hat lediglich ein Verfallsverbot für einen vierwöchigen Urlaubsanspruch pro Jahr angenommen, für den Zusatzurlaub schwerbehinderter Arbeitnehmer ist ein Verfall daher nach wie vor möglich. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung dieser Frage ließ das LAG jedoch die Revision zum Bundesarbeitsgericht zu.
Fazit: Tatsächlich hat der EuGH nur über den vierwöchigen Mindesturlaub aller Arbeitnehmer entschieden und sich zu der Frage eines gesetzlichen Zusatzurlaubs nicht geäußert. Jedoch lässt sich aus der Entscheidung des EuGH die „Stoßrichtung“ ablesen, Arbeitnehmern ihren Mindesturlaub auch bei einer langen Erkrankung zu erhalten, jedenfalls in Form einer Abgeltung. Folgerichtig wäre es deshalb, die EuGH-Entscheidung so zu interpretieren, dass auch der gesetzliche Zusatzurlaub schwerbehinderter Arbeitnehmer als „verlängerter Mindesturlaub“ nicht verfallen darf. Letztendlich muss das Bundesarbeitsgericht entscheiden, welcher Ansicht zu folgen ist.
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Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2011
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Arbeitsrecht aktuell: |
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Hannover, 08.02.2012 Chefarzt
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.09.2011, 8 AZR 846/09
Frankfurt, 07.02.2012 Fristlose Kündigung
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 29.08.2011, 7 Sa 248/11
Berlin, 03.02.2012 Kündigungsschutz:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10
München, 02.02.2012 Altersdiskriminierung:
Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11
Berlin, 31.01.2012 Betriebsrat:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11
Berlin, 27.01.2012 Befristung:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)
Berlin, 25.01.2012 Europarecht:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)
Frankfurt, 23.01.2012 Mobbingklage:
Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10
Berlin, 20.01.2012 Geschäftsführer:
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11
Hannover, 19.01.2012 Weihnachtsgeld
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10
Berlin, 17.01.2012 Bewerberdiskriminierung
Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister
Berlin, 13.01.2012 Betriebsratswahl:
Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10
Berlin, 11.01.2012 BAT Altersstufen:
Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09
Berlin, 10.01.2012 CGZP-Tarifverträge:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11
München, 05.01.2012 Aufhebungsvertrag:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10
Berlin, 03.01.2012 Urlaub und Krankheit:
Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11
Berlin, 20.12.2011 Sozialauswahl:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10
Stuttgart, 05.12.2011 Kündigung:
Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10
Berlin, 23.11.2011 Urlaub und Krankheit:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte
Berlin, 05.11.2011 Kündigungsschutzklage:
Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 12.08.2011, 28 Ca 9265/11
München, 02.11.2011 Fristlose Kündigung:
Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10
Frankfurt, 26.10.2011 Kündigung:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11
Frankfurt, 21.10.2011 Fristlose Kündigung:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 25.07.2011, 17 Sa 1739/10
Hamburg, 23.09.2011 Kündigung:
Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11
Berlin, 14.09.2011 BAT-TVöD:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)
Frankfurt, 13.09.2011 Altersgrenzen:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)
Berlin, 12.09.2011 Chefarzt:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10
Hannover, 09.09.2011 Arbeitszeitbetrug:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10
Berlin, 08.09.2011 Whistleblowing:
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)
Berlin, 06.09.2011 Bonus - Kündigung:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09
Frankfurt, 05.09.2011 Betriebsübergang:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10
Berlin, 02.09.2011 GlobeGround Berlin:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.08.2011, 25 TaBV 529/11
Frankfurt, 31.08.2011 Kündigung:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2011, 12 Sa 522/10
Hamburg, 25.08.2011 Probezeitkündigung:
Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 22.06.2011, 3 Sa 95/11
Frankfurt, 23.08.2011 Kündigung und Vollmacht:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09
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