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Markt­üb­li­che Ver­zin­sung des an­ge­spar­ten Ver­sor­gungs­ka­pi­tals

Hat der Ar­beit­ge­ber die "markt­üb­li­che" Ver­zin­sung ei­nes an­ge­spar­ten Ver­sor­gungs­ka­pi­tals fest­zu­le­gen, kann er sich an der Ver­zin­sung deut­scher und fran­zö­si­scher Staats­an­lei­hen ori­en­tie­ren: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 30.08.2016, 3 AZR 272/15

06.09.2016. Vie­le Be­triebs­ren­ten wer­den über ei­ne fest­ge­leg­te Lauf­zeit von z.B. fünf, zehn oder zwölf Jah­ren aus­ge­zahlt. Aus­zah­lungs­be­ginn ist der Ren­ten­ein­tritt.

Das führt zu der Fra­ge, wie das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal, das dem Be­triebs­rent­ner zu­steht, in der Zwi­schen­zeit vom Ar­beit­ge­ber zu ver­zin­sen ist.

Vor ei­ner Wo­che hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass der Ar­beit­ge­ber da­bei die (sehr ge­rin­ge) Ren­di­te für deut­sche und fran­zö­si­sche Staats­an­lei­hen zu­grun­de le­gen kann: BAG, Ur­teil vom 30.08.2016, 3 AZR 272/15.

Wie hoch soll­te die Ver­zin­sung ei­nes Ver­sor­gungs­ka­pi­tals sein, das der Ar­beit­ge­ber ab Ren­ten­ein­tritt über zwölf Jah­re hin­weg aus­zah­len muss?

An­wart­schaf­ten auf Be­triebs­ren­ten wer­den lang­fris­tig auf­ge­baut bzw. an­ge­spart. Da­her spielt hier die Wert­si­che­rung ei­ne große Rol­le.

So schreibt z.B. § 1 Abs.2 Nr.3 des Ge­setz zur Ver­bes­se­rung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung (Be­trAVG) zur Al­ters­ver­sor­gung in Form ei­ner Ent­gelt­um­wand­lung vor, dass die künf­ti­gen Ansprüche auf Lohn bzw. Ge­halt "in ei­ne wert­glei­che An­wart­schaft auf Ver­sor­gungs­leis­tun­gen um­ge­wan­delt wer­den" müssen. Wer mit sei­nem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ent­gelt­um­wand­lung ver­ein­bart hat, kann da­her er­war­ten, dass sei­ne zur Al­ters­vor­sor­ge ein­ge­setz­ten Lohn­ansprüche nicht im Lau­fe der Zeit ent­wer­tet wer­den.

Im Be­triebs­ren­ten­ge­setz nicht ge­re­gelt ist die Fra­ge, wie ein be­reits fer­tig an­ge­spar­tes Ver­sor­gungs­ka­pi­tal zu ver­zin­sen ist, wenn der Ar­beit­ge­ber es dem Ar­beit­neh­mer nicht auf ei­nen Schlag beim Ren­ten­ein­tritt aus­zahlt, son­dern die Aus­zah­lung auf meh­re­re Jah­re ver­teilt. Ei­ne sol­che "ra­tier­li­che" Aus­zah­lung in klei­nen Por­tio­nen ist im In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers. Sie führt nämlich da­zu, dass der Ar­beit­neh­mer we­ni­ger Steu­ern zah­len muss als er zu zah­len hätte, wenn er das ge­sam­te Ver­sor­gungs­ka­pi­tal bei Ren­ten­be­ginn be­kom­men würde.

Auch oh­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung ist klar, dass der Ar­beit­ge­ber das von ihm vorüber­ge­hend ein­be­hal­te­ne Ka­pi­tal ver­zin­sen muss, und zwar auf der Grund­la­ge der im Ein­zel­fall be­ste­hen­den ta­rif­li­chen, be­trieb­li­chen oder ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen. Die­se können z.B. vor­se­hen, dass der Ar­beit­ge­ber das Ka­pi­tal zu ei­nem marktübli­chen Zins­satz zu ver­zin­sen hat. Aber was heißt das nun wie­der­um, d.h. was ist "marktüblich"?

Der Fall des BAG: Be­triebs­ver­ein­ba­rung überlässt die Fest­le­gung des "marktübli­chen Zins­sat­zes" dem Ar­beit­ge­ber

Im Streit­fall hat­te ein Be­triebs­rent­ner sei­nen Ex-Ar­beit­ge­ber auf Zins­zah­lung ver­klagt, im­mer­hin auf 10.595,74 EUR. Denn der Ar­beit­ge­ber muss­te gemäß ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung das an­ge­spar­te Ver­sor­gungs­ka­pi­tal, das dem Rent­ner bei Ren­ten­ein­tritt zu­stand, über zwölf Jah­re ver­teilt aus­zah­len und bis da­hin zu ei­nem marktübli­chen Zins­satz ver­zin­sen. Und da das Ka­pi­tal des Ar­beit­neh­mers bzw. Be­triebs­rent­ners bei Ren­ten­ein­tritt im­mer­hin 363.534,48 EUR be­trug, loh­ne ein Ge­richts­pro­zess über die Zin­sen.

In der Be­triebs­ver­ein­ba­rung hieß es:

"Das noch nicht aus­ge­zahl­te Ver­sor­gungs­ka­pi­tal (...) wird mit ei­nem marktübli­chen Zins­satz p.a. ver­zinst, der abhängig ist von der durch­schnitt­li­chen Ra­ten­lauf­zeit. Das Un­ter­neh­men legt die­sen Zins­satz je­weils im Fe­bru­ar vor Aus­zah­lung der ers­ten Ra­te für je­de Ra­ten­an­zahl (2 bis 12 Ra­ten) fest."

Der Ar­beit­ge­ber teil­te dem Ar­beit­neh­mer, nach­dem er zu En­de No­vem­ber 2011 be­ren­tet wor­den war, mit, dass die Ver­zin­sung 0,89 Pro­zent pro Jahr be­tra­ge. Da­bei be­rief er sich auf den Fi­nanz­markt­in­for­ma­ti­ons­dienst Bloom­berg bzw. auf die von Bloom­berg er­rech­ne­te durch­schnitt­li­che Ver­zin­sung von sog. Null­ku­pon-An­lei­hen des französi­schen und deut­schen Staats mit fünfjähri­ger Lauf­zeit. Für die­se An­lei­hen gibt es eben nur ge­rin­ge Zin­sen. Der Be­triebs­rent­ner hielt da­ge­gen, ei­ne Ver­zin­sung von min­des­tens 3,55 Pro­zent pro Jahr sei "marktüblich", je­den­falls bei Geld­an­la­gen, die der Al­ters­ver­sor­gung dien­ten.

Das Ar­beits­ge­richt Nürn­berg wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 03.12.2013, 4 Ca 3949/13), das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) gab dem Kläger teil­wei­se recht (LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 09.03.2015, 7 Sa 64/14). Sei­ner Mei­nung nach war ein Zins­satz von 2,13 Pro­zent pro Jahr marktüblich. Denn mit die­sem Zins­satz wa­ren 2011 börsen­no­tier­te Bun­des­wert­pa­pie­re mit ei­ner Lauf­zeit von 11 Jah­ren zu ver­zin­sen.

BAG: Hat der Ar­beit­ge­ber die "marktübli­che" Ver­zin­sung ei­nes an­ge­spar­ten Ver­sor­gungs­ka­pi­tals fest­zu­le­gen, kann er sich an der Ver­zin­sung deut­scher und französi­scher Staats­an­lei­hen ori­en­tie­ren

Das BAG gab dem Ar­beit­ge­ber Recht. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung:

Wenn ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung vor­schreibt,

  • dass das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal ei­nes frisch­ge­ba­cke­nen Be­triebs­rent­ners in zwölf Jah­res­ra­ten aus­zu­zah­len und mit ei­nem "marktübli­chen Zins­satz" zu ver­zin­sen ist, und
  • dass der Ar­beit­ge­ber die Be­fug­nis zur Fest­le­gung die­ses Zins­sat­zes hat,

dann kann sich der Ar­beit­ge­ber (wie hier im Streit­fall) am Zins­er­trag für deut­sche und französi­sche Null­ku­pon­an­lei­hen ori­en­tie­ren.

Denn bei der Fest­le­gung des marktübli­chen Zins­sat­zes hat der Ar­beit­ge­ber ein Er­mes­sen, das er auf der Grund­la­ge von § 315 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ausüben muss. Und bei der Er­mes­sens­ausübung gemäß die­ser Vor­schrift ist es in Ord­nung, wenn der Ar­beit­ge­ber sich von dem Ziel lei­ten lässt, das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal möglichst si­cher an­zu­le­gen. Dem ent­spricht ei­ne Ori­en­tie­rung an der Ren­di­te von Staats­null­ku­pon­an­lei­hen, so das BAG.

Fa­zit: Die EZB-Po­li­tik des bil­li­gen Gel­des ist im Be­triebs­ren­ten­recht an­ge­kom­men. Wer spart, ist der Dum­me, denn für ge­spar­tes Geld gibt es kaum noch Zin­sen. Das spüren auch Be­triebs­rent­ner.

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Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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