HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/004

Be­weis­last bei frist­lo­ser Kün­di­gung

Ar­beit­ge­ber müs­sen bei frist­lo­ser Kün­di­gung Recht­fer­ti­gun­gen des Ar­beit­neh­mers wi­der­le­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 22.03.2012, 10 Sa 625/11
Fingerzeigen auf Außenseiter Ver­dachts­kün­di­gung: Wer muss was be­wei­sen?

07.01.2013. Ar­beit­ge­ber kön­nen nur dann au­ßer­or­dent­lich kün­di­gen, wenn sie da­für ei­nen "wich­ti­gen Grund" ha­ben, § 626 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Sol­che Grün­de sind meist an­geb­li­che schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­stö­ße wie z.B. ein Dieb­stahl, ein Be­trug oder ei­ne an­de­re Straf­tat, die dem Ar­beit­ge­ber die Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist un­zu­mut­bar ma­chen.

Ver­sucht der Ar­beit­neh­mer im Vor­feld ei­ner sol­chen Kün­di­gung, sein Ver­hal­ten zu recht­fer­ti­gen, wird das häu­fig als „Schutz­be­haup­tung“ ab­ge­tan bzw. schlicht igno­riert.

Wie ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Rhein­land-Pfalz zeigt, kann es aber ein schwer­wie­gen­der Feh­ler sein, sich nicht mit den Be­haup­tun­gen des Ar­beit­neh­mers aus­ein­an­der­zu­set­zen: LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 22.03.2012, 10 Sa 625/11.

Frist­lo­se Kündi­gung we­gen ei­ner Straf­tat - wer muss was be­wei­sen?

Vom Ar­beit­neh­mer an­geb­lich be­gan­ge­ne Straf­ta­ten kann der Ar­beit­ge­ber oft nicht ein­deu­tig be­wei­sen. Meist gibt es nur ei­nen mehr oder we­ni­ger star­ken Ver­dacht.

Hat z.B. nur ein Ar­beit­neh­mer Zu­griff auf ei­ne Kas­se und gibt es dort Fehl­beträge, wer­den vie­le Ar­beit­ge­ber an ei­ne Un­ter­schla­gung den­ken. Be­wie­sen ist da­mit aber erst ein­mal gar nichts. Da­her kann der Ar­beit­ge­ber al­len­falls ei­ne Kündi­gung we­gen des Ver­dachts aus­zu­spre­chen, und das auch nur dann, wenn der Ver­dacht "drin­gend" ist und wenn er den Ar­beit­neh­mer vor­her zu den Ver­dachts­mo­men­ten an­gehört hat.

Die Anhörung ist da­bei al­les an­de­re als ei­ne For­ma­lität, da sie dem Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit ge­ben soll, Stel­lung zu neh­men und ins­be­son­de­re auch, ent­las­ten­de Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen. Dann muss der Ar­beit­ge­ber die vom Ar­beit­neh­mer ge­nann­ten ent­las­ten­den Umstände prüfen, d.h. er soll­te die Aus­sa­gen des Ar­beit­neh­mers bei der Anhörung ernst neh­men.

Wer hier als Ar­beit­ge­ber zu schnell kündigt, ris­kiert, den Kündi­gungs­schutz­pro­zess zu ver­lie­ren. Das zeigt ein kürz­lich vom LAG Rhein­land-Pfalz ent­schie­de­ner Fall.

Der Streit­fall: Unkünd­ba­re Ar­beit­neh­me­rin im Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men soll Tank­kar­te ih­res Va­ters miss­braucht ha­ben

Ei­ne Büro­kauf­frau ar­bei­te­te für das Un­ter­neh­men ih­rer Fa­mi­lie. Sie war auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung or­dent­lich unkünd­bar. Zwi­schen ihr und ih­rem Bru­der, dem Geschäftsführer des Un­ter­neh­mens, herrsch­te seit ei­ni­ger Zeit hef­ti­ger Streit, der zu meh­re­ren frist­lo­sen Kündi­gun­gen sei­tens des Un­ter­neh­mens führ­te. Mit den ers­ten bei­den Kündi­gun­gen hat­te das Un­ter­neh­men be­reits vor Ge­richt kei­nen Er­folg, als das LAG die drit­te frist­lo­se Kündi­gung be­ur­tei­len muss­te.

Dies­mal hat­te sich das Un­ter­neh­men dar­auf be­ru­fen, dass die Ar­beit­neh­me­rin die be­trieb­li­che Tank­kar­te ih­res Va­ters - eben­falls ein Ar­beit­neh­mer des Un­ter­neh­mens - im Jah­re 2010 an­geb­lich in ver­bo­te­ner Wei­se für pri­va­te (Tank-)Zwe­cke ge­nutzt ha­ben soll­te. Hin­ter­grund die­ses Vor­wurfs war, dass die Ar­beit­neh­me­rin ih­re persönli­che Tank­kar­te be­reits 2007 an die Fir­ma zurück­ge­ge­ben hat­te.

Die Ar­beit­neh­me­rin kon­ter­te die Kündi­gung ih­res ver­fein­de­ten Bru­ders mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Da­bei be­rief sie sich wie schon vor Aus­spruch der Kündi­gung dar­auf, dass ihr die ei­ge­ne Tank­kar­te 2007 gar nicht "ent­zo­gen" wor­den war, son­dern dass sie die Kar­te nur auf Bit­ten ih­res Bru­ders ei­nem an­de­ren An­ge­stell­ten über­las­sen hat­te. Bei der Ge­le­gen­heit hat­te sie, so je­den­falls ih­re Ver­si­on, von ih­rem Bru­der die Er­laub­nis be­kom­men, die Tank­kar­te des Va­ters mit­zu­be­nut­zen.

Das Ar­beits­ge­richt Lud­wigs­ha­fen gab der Ar­beit­neh­me­rin recht (Ur­teil vom 16.09.2011, 10 Ca 815/11).

LAG Rhein­land-Pfalz: Ar­beit­ge­ber muss de­tail­lier­te Ein­las­sung des Ar­beit­neh­mers wi­der­le­gen

Auch das LAG ur­teil­te zu­guns­ten der Ar­beit­neh­me­rin. Das Un­ter­neh­men hätte, so das LAG, zu der von der Ar­beit­neh­me­rin be­haup­te­ten Er­laub­nis des pri­va­ten Tan­kens mit der Kar­te ih­res Va­ters kon­kret vor­tra­gen und be­wei­sen müssen, dass ei­ne sol­che Er­laub­nis nicht er­teilt wor­den war. Da­zu hat­te das Un­ter­neh­men aber nichts vor­ge­tra­gen.

Vor die­sem Hin­ter­grund gab es we­der ei­nen Be­weis dafür, dass das (un­strei­ti­ge) mehr­fa­che Be­nut­zen der Tank­kar­te für pri­va­te Zwe­cke ein Pflicht­ver­s­toß war, noch gab es ent­spre­chen­de drin­gen­de Ver­dachts­mo­men­te.

Fa­zit: Der Ar­beit­ge­ber muss bei ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung we­gen ei­ner an­geb­li­chen Straf­tat nicht nur be­wei­sen, dass der Ar­beit­neh­mer Din­ge ge­tan hat, die auf den ers­ten Blick "verfäng­lich" er­schei­nen, d.h. für ei­nen Außen­ste­hen­den z.B. den Ver­dacht ei­nes Dieb­stahls oder ei­ner Un­ter­schla­gung er­we­cken. Viel­mehr muss der Ar­beit­ge­ber auch die­je­ni­gen Tat­sa­chen be­wei­sen, die ei­nen vom gekündig­ten Ar­beit­neh­mer be­haup­te­ten Recht­fer­ti­gungs­grund aus­sch­ließen.

Wol­len Ar­beit­ge­ber un­wirk­sa­me Ver­dachtskündi­gun­gen ver­mei­den, soll­ten sie die Ein­las­sun­gen des Ar­beit­neh­mers bei der Anhörung nicht vor­schnell als bloß vor­ge­scho­be­ne Schutz­be­haup­tung ab­tun. Wenn es ernst­haf­te An­halts­punk­te dafür gibt, dass das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers ge­recht­fer­tigt war oder er sich über das Ver­bo­ten­sein ge­irrt hat, ist ei­ne frist­lo­se Kündi­gung nicht rech­tens.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 27. Juli 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27, 60325 Frankfurt a. M.
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05
E-Mail: frankfurt@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de