HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/326

Min­dest­lohn im Ver­ga­be­recht und Eu­ro­pa­recht

Die öf­fent­li­che Hand kann von ih­ren Auf­trag­neh­mern die Zah­lung ei­nes ge­setz­li­chen und nur für öf­fent­li­che Auf­trä­ge gel­ten­den Min­dest­lohns ver­lan­gen: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 17.11.2015, C-115/14 (Re­gio­Post)
Münzen, Münzhaufen

20.11.2015. Bei der Ver­ga­be öf­fent­li­cher Auf­trä­ge müs­sen die Be­wer­ber nicht nur fach­li­che An­for­de­run­gen er­fül­len und recht­lich "zu­ver­läs­sig" sein, son­dern sie müs­sen auch so­zia­le Min­dest­stan­dards ein­hal­ten.

Bei den so­zia­len Min­dest­stan­dards geht es vor al­lem um Min­dest­löh­ne. Denn der Staat möch­te ver­hin­dern, dass er ei­ner­seits ei­nen sehr kos­ten­güns­ti­gen An­bie­ter be­auf­tragt, an­de­rer­seits aber drauf­zahlt, weil die­ser "kos­ten­güns­ti­ge" An­bie­ter Dum­ping­löh­ne be­zahlt und die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer da­her staat­li­che Leis­tun­gen in An­spruch neh­men müs­sen.

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ent­schie­den, dass es eu­ro­pa­recht­lich zu­läs­sig ist, bei der Ver­ga­be öf­fent­li­cher Auf­trä­ge Be­wer­ber aus­zu­schlie­ßen, die sich nicht da­zu ver­pflich­ten wol­len, ei­nen ge­setz­lich fest­ge­leg­ten Min­dest­lohn zu zah­len: EuGH, Ur­teil vom 17.11.2015, Rs. C-115/14 (Re­gio Post).

Wel­che Vor­ga­ben darf die öffent­li­che Hand Be­wer­bern bei der Ver­ga­be von Auf­trägen ma­chen?

Der all­ge­mei­ne ge­setz­li­che Min­dest­lohn von 8,50 EUR brut­to pro St­un­de gilt in Deutsch­land erst seit dem 01.01.2015. Bis da­hin wur­den Min­destlöhne nur durch Min­dest­lohn­ta­rif­verträge für ein­zel­ne Bran­chen, aber auch durch Ta­rif­treue­ge­set­ze der Länder fest­ge­legt. Sol­che Ta­rif­treue­ge­set­ze gibt es nach wie vor.

So müssen z.B. nach dem Rhein­land-pfälzi­schen Lan­des­ge­setz zur Gewähr­leis­tung von Ta­rif­treue und Min­des­tent­gelt bei öffent­li­chen Auf­trags­ver­ga­ben (Lan­des­ta­rif­treue­ge­setz - LTTG) Un­ter­neh­men, die sich um ei­nen öffent­li­chen Auf­trag be­wer­ben, ei­ne Ver­pflich­tung un­ter­schrei­ben, dass sie (und ih­re Su­b­un­ter­neh­mer) ih­ren Mit­ar­bei­tern ei­nen Min­dest­lohn von mehr als 8,50 EUR be­zah­len. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren be­trug der vor­ge­ge­be­ne Min­dest­lohn 8,70 EUR, ak­tu­ell liegt er bei 8,90 EUR. Ver­wei­gert ein Be­wer­ber die Ab­ga­be ei­ner sol­chen Erklärung, wird sein An­ge­bot vom Ver­ga­be­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen.

Be­wer­ben sich ausländi­sche Fir­men, kann die­se Vor­ga­be zu Pro­ble­men führen. Denn sie zah­len ih­ren Ar­beit­neh­mern meist Löhne, die un­ter dem deut­schen Lohn­ni­veau lie­gen, und können da­mit struk­tu­rel­le Vor­tei­le deut­scher Be­wer­ber aus­glei­chen. Des­we­gen dürfen deut­sche öffent­li­che Auf­trag­ge­ber zwar im Prin­zip Min­dest­lohn­vor­ga­ben bei der Auf­trags­ver­ga­be ma­chen, dürfen die­se Vor­ga­ben aber nicht ge­zielt zur Ab­wehr ausländi­scher "Bil­lig­kon­kur­renz" ein­set­zen. Das wäre ei­ne eu­ro­pa­recht­lich un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung ausländi­scher Be­wer­ber.

Da­her hat der EuGH im Jah­re 2008 ent­schie­den, dass die Ver­pflich­tung ausländi­scher Be­wer­ber zur Zah­lung der in Deutschlang gel­ten­den re­gio­na­len Ta­rif­verträge nicht zulässig wäre, wenn ei­ne sol­che Lohn­un­ter­gren­ze nicht all­ge­mein in Deutsch­land (son­dern nur re­gio­nal) ver­bind­lich ist und zu­dem ge­zielt zur Ab­wehr ausländi­scher "Bil­lig­kon­kur­renz" ein­ge­setzt wird (Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 03.04.2008, Rs. C-346/06 - Rüffert, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/039 Ab­schied von Ta­rif­treu­e­klau­seln im Ver­ga­be­recht?). Das be­wer­te­te der Ge­richts­hof als Ver­s­toß ge­gen die Richt­li­nie 96/71/EG über die Ent­sen­dung von Ar­beit­neh­mern im Rah­men der Er­brin­gung von Dienst­leis­tun­gen.

Nicht geklärt ist bis­her, "wie all­ge­mein" Min­dest­lohn­vor­ga­ben nach eu­ropäischem Recht im Ver­ga­be­recht sein müssen: Können öffent­li­che Auf­trag­ge­ber über­haupt Vor­ga­ben ma­chen, die nur dann gel­ten, wenn Un­ter­neh­men öffent­li­che Auf­träge erfüllt? Müss­ten ver­ga­be­recht­li­che Min­dest­lohn­vor­ga­ben nicht für die ge­sam­te Wirt­schaft gel­ten, d.h. auch für die Pri­vat­wirt­schaft? Zu die­sen Fra­gen hat der Ge­richts­hof in sei­nem ak­tu­el­len Ur­teil vom 17.11.2015 (Rs. C-115/14 - Re­gio Post) Stel­lung ge­nom­men.

Der Streit­fall: Durf­te die Stadt Land­au ei­nen Be­wer­ber vom Ver­ga­be-Ver­fah­ren aus­sch­ließen?

Die Stadt Land­au in Rhein­land-Pfalz woll­te im Jah­re 2013 Post­dienst­leis­tun­gen neu ver­ge­ben. Den Auf­trag schrieb sie eu­ro­pa­weit aus. Gemäß dem Rhein­land-pfälzi­schen LTTG soll­ten al­le Be­wer­ber ei­ne Ver­pflich­tung un­ter­schrei­ben, dass sie ih­ren Ar­beit­neh­mern bei der Auf­trags­be­ar­bei­tung ei­nen Min­dest­lohn von 8,70 EUR be­zah­len würden.

Da­mals gab es noch kei­nen all­ge­mei­nen ge­setz­li­chen Min­dest­lohn in Deutsch­land und der Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trag für die Post­bran­che war An­fang 2010 vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt für ungültig erklärt wor­den (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/028 Kein Min­dest­lohn für Kon­kur­ren­ten der Post). Des­we­gen gab es in Rhein­land-Pfalz für die Bran­che der Brief­dienst­leis­tun­gen kei­nen an­de­ren Min­dest­lohn als die 8,70 EUR, die sich aus dem LTTG er­ga­ben. Die­ser Min­dest­lohn galt da­her nicht in der Pri­vat­wirt­schaft, son­dern war nur bei der Ver­ga­be und Be­ar­bei­tung öffent­li­cher Auf­träge zu be­ach­ten, und das auch nur in Rhein­land-Pfalz.

Ei­ne Fir­ma, die Re­gio­Post GmbH & Co. KG, be­warb sich um den Auf­trag, wei­ger­te sich aber, ei­ne Ver­pflich­tung zur Zah­lung von 8,70 EUR zu un­ter­schrei­ben. Dar­auf­hin schloss die Stadt Land­au sie von dem Ver­ga­be­ver­fah­ren aus.

Der Fall lan­de­te beim Ober­lan­des­ge­richt (OLG) Ko­blenz, das Zwei­fel hat­te, ob die Pflicht zur Zah­lung von 8,70 EUR Min­dest­lohn gemäß dem LTTG mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist (Be­schluss vom 19.02.2014, 1 Verg 8/13). Das OLG be­zog sich da­bei auf das EuGH-Ur­teil in der An­ge­le­gen­heit Rüffert, bei der der Ge­richts­hof ja ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung ausländi­scher Be­wer­ber an­ge­nom­men hat­te. 

Eu­ropäischer Ge­richts­hof: Die öffent­li­che Hand kann von ih­ren Auf­trag­neh­mern die Zah­lung ei­nes ge­setz­li­chen und nur für öffent­li­che Auf­träge gel­ten­den Min­dest­lohns ver­lan­gen

Wie be­reits der EuGH-Ge­ne­ral­an­walt Men­goz­zi in sei­nen Schluss­anträgen vom 09.09.2015 so kam jetzt auch der Ge­richts­hof kam zu dem Er­geb­nis, dass ver­ga­be­recht­li­che Min­dest­lohn­vor­ga­ben von der Art, wie sie im hier strei­ti­gen LTTG ge­macht wor­den wa­ren, mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar sind (Ur­teil vom 17.11.2015, Rs. C-115/14). Im Er­geb­nis war die Stadt Land­au da­her be­rech­tigt, die Re­gio­Post von dem Ver­fah­ren aus­zu­sch­ließen.

Der Un­ter­schied zur Rechts­sa­che Rüffert be­stand hier dar­in, so der Ge­richts­hof, dass kein ta­rif­li­cher, son­dern ein ge­setz­li­cher Min­dest­lohn ein­ge­hal­ten wer­den soll­te. Sol­che ge­setz­li­chen Min­dest­lohn­vor­ga­ben sind so­wohl mit der der Richt­li­nie 2004/18 als auch mit Art.3 der Richt­li­nie 96/71/EG (der Ent­sen­de­richt­li­nie) ver­ein­bar. Und das gilt auch dann, wenn sol­che Min­dest­lohn­vor­ga­ben nur im öffent­li­chen Sek­tor zu be­ach­ten sind, d.h. le­dig­lich bei der Ver­ga­be und Be­ar­bei­tung öffent­li­cher Auf­träge, und nicht in der Pri­vat­wirt­schaft.

Denn Art.26 der Richt­li­nie 2004/18 schreibt aus­drück­lich vor, dass die öffent­li­che Hand bei der Auf­trags­ver­ga­be den Be­wer­bern auch "zusätz­li­che Be­din­gun­gen" vor­schrei­ben kann, und dass die­se Be­din­gun­gen ins­be­son­de­re auch "so­zia­le und um­welt­be­zo­ge­ne As­pek­te be­tref­fen" können. Von die­ser Möglich­keit hat­te das Land Rhein­land-Pfalz mit sei­nem LTTG und dem­ent­spre­chend die Stadt Land­au in zulässi­ger Wei­se Ge­brauch ge­macht.

Ergänzend stellt der Ge­richts­hof klar, dass es nicht zu rech­tens ist, Be­wer­bern um öffent­li­che Auf­träge ge­setz­li­che Min­dest­lohn­vor­ga­ben zu ma­chen, son­dern dass es kon­se­quen­ter­wei­se auch zulässig ist, Be­wer­ber vom Ver­ga­be­ver­fah­ren aus­zu­sch­ließen, wenn sie sich wei­gern, ent­spre­chen­de Ver­pflich­tungs­erklärun­gen ab­zu­ge­ben.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des EuGH ist rich­tig, denn das Ziel der strei­ti­gen Lohn­un­ter­gren­ze gemäß dem LTTG be­stand nicht in der Ab­wehr ausländi­scher Be­wer­ber, son­dern in der so­zia­len Si­cher­heit al­ler Ar­beit­neh­mer, die in die Be­ar­bei­tung öffent­li­cher Auf­träge in Rhein­land-Pfalz ein­ge­bun­den sind.

Ob sol­che ver­ga­be­recht­li­chen Min­dest­lohn­an­for­de­run­gen al­ler­dings auch künf­tig eu­ro­pa­recht­lich zulässig sind, ist nicht ganz si­cher, denn seit An­fang 2015 gilt in Deutsch­land der ein­heit­li­che Min­dest­lohn von 8,50 EUR. Da­her könn­te man ar­gu­men­tie­ren, dass für darüber hin­aus­ge­hen­de ver­ga­be­recht­li­che Min­dest­lohn­vor­ga­ben kein Bedürf­nis mehr be­steht. An­de­rer­seits würde die aus Art.26 der Richt­li­nie 2004/18 fol­gen­de recht­li­che Be­fug­nis der öffent­li­chen Hand, "zusätz­li­che" Ver­ga­be­be­din­gun­gen zu set­zen, in Deutsch­land leer­lau­fen, wenn die Bun­desländer, die kei­ne Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz für den all­ge­mei­nen Min­dest­lohn ha­ben, kei­ne ergänzen­den ver­ga­be­recht­li­chen Min­dest­lohn­vor­ga­ben mehr ma­chen könn­ten. Die­se dürf­ten da­her auch nach dem 01.01.2015 EU-recht­lich in Ord­nung sein.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 22. November 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de