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BAG, Be­schluss vom 17.03.2010, 7 ABR 95/08

   
Schlagworte: Betriebsrat, Unterlassungsanspruch, Parteipolitische Betätigung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 7 ABR 95/08
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 17.03.2010
   
Leitsätze:

1. Von dem in § 74 Abs. 2 Satz 3 BetrVG normierten Verbot parteipolitischer Betätigung im Betrieb werden Äußerungen allgemeinpolitischer Art ohne Bezug zu einer Partei nicht erfasst.

2. Verstöße des Betriebsrats gegen das Verbot parteipolitischer Betätigung begründen keinen Unterlassungsanspruch des Arbeitgebers gegenüber dem Betriebsrat.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Lübeck, Beschluss vom 15.04.2008, 3 BV 165/07
Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Beschluss vom 30.09.2008, 2 TaBV 25/08
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

7 ABR 95/08

2 TaBV 25/08

Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 17. März 2010

BESCHLUSS

Schie­ge, Ur­kunds­be­am­ter der Geschäfts­stel­le

In dem Be­schluss­ver­fah­ren

mit den Be­tei­lig­ten

1.

An­trag­stel­le­rin und Rechts­be­schwer­deführe­rin,

2.

Be­schwer­deführer und Rechts­be­schwer­deführer,

hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 17. März 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Lin­sen­mai­er, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Gräfl und Schmidt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bea und Will­ms für Recht er­kannt:


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Die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin ge­gen den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Schles­wig-Hol­stein vom 30. Sep­tem­ber 2008 - 2 TaBV 25/08 - wird zurück­ge­wie­sen.

Auf die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats wird der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Schles­wig-Hol­stein vom 30. Sep­tem­ber 2008 - 2 TaBV 25/08 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben, so­weit die Be­schwer­de des Be­triebs­rats ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 15. April 2008 - 3 BV 165/07 - zurück­ge­wie­sen wur­de.

Auf die Be­schwer­de des Be­triebs­rats wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 15. April 2008 - 3 BV 165/07 - auch in­so­weit ab­geändert:

Die Anträge der Ar­beit­ge­be­rin wer­den ins­ge­samt ab­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Gründe

A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Be­rech­ti­gung des Be­triebs­rats zur

Kund­ga­be po­li­ti­scher Äußerun­gen im Be­trieb der Ar­beit­ge­be­rin.

Die Ar­beit­ge­be­rin stellt Brems­beläge für Pkw, Lkw und Schie­nen­fahr

zeu­ge her. Sie gehört ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Kon­zern an, der ua. Rüstungs­güter pro­du­ziert. Der in dem Be­trieb der Ar­beit­ge­be­rin be­ste­hen­de Be­triebs­rat veröffent­lich­te am 15. April 2003 im Be­trieb ei­nen vom Eu­ropäischen Be­triebs­rat ver­fass­ten, mit „Nein zum Krieg“ über­schrie­be­nen, an al­le Mit­ar­bei­ter der eu­ropäischen Stand­or­te ge­rich­te­ten Auf­ruf, sich dem Irak-Krieg zu wi­der­set­zen und den Präsi­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­zu­for­dern, den Krieg zu be­en­den.

Mit Schrei­ben vom 23. April 2003 for­der­te die Ar­beit­ge­be­rin den Be

triebs­rat auf, die Be­kannt­ma­chung von al­len In­for­ma­ti­ons­bret­tern im Be­trieb zu ent­fer­nen und Erklärun­gen glei­chen oder ähn­li­chen In­halts künf­tig zu un­ter-


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las­sen. Mit Aus­hang vom 24. April 2003 brach­te der Be­triebs­rat den Mit­ar­bei­tern den Auf­ruf er­neut zur Kennt­nis und wies dar­auf hin, dass der Auf­ruf am 10. April 2003 vom Eu­ropäischen Be­triebs­rat und am 16. April 2003 vom Kon­zern­be­triebs­rat be­schlos­sen wor­den sei. Ent­ge­gen ih­rer Ankündi­gung im Schrei­ben vom 23. April 2003 lei­te­te die Ar­beit­ge­be­rin sei­ner­zeit we­gen die­ser Vorgänge kein ge­richt­li­ches Ver­fah­ren ein.

Am 10. Ok­to­ber 2007 ver­sand­te der Be­triebs­rat über das In­tra­net der

Ar­beit­ge­be­rin an al­le E-Mail-Nut­zer im Be­trieb fol­gen­de In­for­ma­ti­on: „Volks­ent­scheid

Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen,

nach­fol­gend ge­ben wir Euch noch ein­mal In­for­ma­tio­nen un­se­rer Ge­werk­schaft zum The­ma „Volks­ent­scheid“ be­kannt.

Wir bit­ten um Be­ach­tung der fol­gen­den drei Sei­ten.

Wir bit­ten vor al­lem in Ham­burg le­ben­de Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, sich an der kom­men­den Ab­stim­mung spätes­tens am Sonn­tag zu be­tei­li­gen.“

Der In­for­ma­ti­on bei­gefügt war ein an den Ers­ten Bürger­meis­ter Ole von

Beust ge­rich­te­tes Schrei­ben vom 9. Ok­to­ber 2007 der Ham­bur­ger Ge­werk­schafts­vor­sit­zen­den im DGB, das sich ua. kri­tisch mit der Hal­tung des Bürger­meis­ters zum The­ma Volks­ent­scheid aus­ein­an­der­setzt. Der Be­kannt­ma­chung des Be­triebs­rats eben­falls bei­gefügt war ein In­for­ma­ti­ons­blatt des Ver­eins „Mehr De­mo­kra­tie e. V.“ nebst ei­ner Erläute­rung zur Teil­nah­me am Volks­ent­scheid, die emp­fahl, mit „Ja“ zu stim­men. Die­se Schriftstücke wur­den auch am Schwar­zen Brett im Be­trieb aus­gehängt. Dem Volks­ent­scheid lag das Be­stre­ben von Bürgern zu­grun­de, in Ham­burg ver­bind­li­che Volks­ab­stim­mun­gen ein­zuführen, was par­tei­po­li­tisch um­strit­ten war und von der CDU ab­ge­lehnt wur­de.

Mit Schrei­ben vom 22. No­vem­ber 2007 for­der­te die Ar­beit­ge­be­rin den

Be­triebs­rat ver­geb­lich auf, ei­ne Un­ter­las­sungs­erklärung in Be­zug auf künf­ti­ge par­tei­po­li­ti­sche Äußerun­gen zu un­ter­zeich­nen.

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Die Ar­beit­ge­be­rin hat in dem am 6. De­zem­ber 2007 ein­ge­lei­te­ten Be-

schluss­ver­fah­ren die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Be­triebs­rat ha­be durch die Auf­ru­fe zum Irak-Krieg und zum Volks­ent­scheid in Ham­burg ge­gen das Ver­bot par­tei­po­li­ti­scher Betäti­gung im Be­trieb ver­s­toßen. Es be­ste­he Grund zu der An­nah­me, dass er auch in Zu­kunft par­tei­po­li­ti­sche Äußerun­gen im Be­trieb ver­brei­ten wer­de. Der Be­griff der par­tei­po­li­ti­schen Betäti­gung in § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG sei weit aus­zu­le­gen und er­fas­se je­des Ein­tre­ten für oder ge­gen ei­ne po­li­ti­sche Rich­tung. Dar­un­ter fie­len auch Stel­lung­nah­men zu all­ge­mein­po­li­ti­schen The­men.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat be­an­tragt,

1. a) dem An­trags­geg­ner auf­zu­ge­ben, be­triebsöffent­lich Äußerun­gen all­ge­mein­po­li­ti­schen In­halts zu un­ter­las­sen, ins­be­son­de­re sol­che Äußerun­gen zu un­ter­las­sen, die Fra­gen des Irak-Kriegs oder sons­ti­ge krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Mi­litäreinsätze so­wie außen­po­li­ti­sche Vorgänge, Fra­gen der Auf- und Abrüstung, der Frie­dens­si­che­rung und -schaf­fung, der Kom­mu­nal- und Lan­des­po­li­tik so­wie der Bun­des­po­li­tik be­tref­fen,

b) es künf­tig zu un­ter­las­sen, an die Mit­ar­bei­ter des Be­trie­bes ge­rich­te­te po­li­ti­sche Wahl­emp­feh­lun­gen oder Auf­ru­fe zu po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen ab­zu­ge­ben und

c) dem An­trags­geg­ner auf­zu­ge­ben, es zu un­ter­las­sen, In­for­ma­tio­nen, Äußerun­gen und Auf­ru­fe der un­ter a) und b) die­ses An­tra­ges ge­nann­ten In­hal­te und The­men über das In­tra­net der An­trag­stel­le­rin, das be­trieb­li­che Mit­tei­lungs­brett des An­trags­geg­ners, per Rund­schrei­ben, E-Mail, Flug­blatt oder in sons­ti­ger Form den Ar­beit­neh­mern im Be­trieb zur Verfügung zu stel­len oder sonst zur Kennt­nis zu brin­gen,

hilfs­wei­se,

2. a) dem An­trags­geg­ner auf­zu­ge­ben, im Be­trieb der An­trag­stel­le­rin Äußerun­gen zum Irak-Krieg zu un­ter­las­sen und es außer­dem zu un­ter­las­sen, an die Mit­ar­bei­ter ge­rich­te­te po­li­ti­sche Wahl­emp­feh­lun­gen oder Auf­ru­fe zu po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen ab­zu­ge­ben und

b) dem An­trags­geg­ner auf­zu­ge­ben, es zu un­ter-

las­sen, In­for­ma­tio­nen, Äußerun­gen und Auf­ru­fe zu


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den un­ter a) des Hilfs­an­tra­ges ge­nann­ten The­men über das In­tra­net der An­trag­stel­le­rin, über das be­trieb­li­che Mit­tei­lungs­brett des An­trags­geg­ners, per Rund­schrei­ben, E-Mail, Flug­blatt oder in sons­ti­ger Form den Ar­beit­neh­mern des Be­trie­bes zur Verfügung zu stel­len oder sonst zur Kennt­nis zu brin­gen,

höchst hilfs­wei­se,

3. a) fest­zu­stel­len, dass der Be­triebs­rat nicht be­rech­tigt ist, im Be­trieb der An­trag­stel­le­rin Äußerun­gen zum Irak-Krieg aus­zuhängen oder sonst zu veröffent­li­chen und den Mit­ar­bei­tern zugäng­lich zu ma­chen und

b) fest­zu­stel­len, dass der An­trags­geg­ner nicht be-

rech­tigt ist, Mit­ar­bei­ter der An­trag­stel­le­rin auf­zu­for­dern, an be­vor­ste­hen­den po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen teil­zu­neh­men.

Der Be­triebs­rat hat die Ab­wei­sung der Anträge be­an­tragt. Er hat ge

meint, der Haupt­an­trag zu 1.a) sei zu weit ge­fasst und man­gels hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit un­zulässig. Im Übri­gen sei­en die Anträge un­be­gründet. Er ha­be durch die bei­den Auf­ru­fe nicht ge­gen das Ver­bot par­tei­po­li­ti­scher Betäti­gung im Be­trieb ver­s­toßen. Das Ge­setz un­ter­sa­ge nicht je­de po­li­ti­sche Äußerung, son­dern nur die par­tei­po­li­ti­sche Betäti­gung. Die Mei­nun­gen zum Irak-Krieg sei­en nicht par­tei­po­li­tisch ge­bun­den ge­we­sen. Mit dem Auf­ruf zum Volks­ent­scheid ha­be er le­dig­lich um Teil­nah­me an der Ab­stim­mung ge­be­ten und den Ab­druck ei­nes Briefs führen­der Ge­werk­schafts­vor­sit­zen­der bei­gefügt. Der Auf­ruf zum Volks­ent­scheid sei kei­ne par­tei­po­li­ti­sche Ak­ti­vität ge­we­sen.

Das Ar­beits­ge­richt hat den Haupt­anträgen mit der Mo­di­fi­ka­ti­on statt

ge­ge­ben, dass im Te­nor zum An­trag zu 1.a) das Wort „all­ge­mein­po­li­tisch“ durch das Wort „par­tei­po­li­tisch“ er­setzt wur­de. Auf die Be­schwer­de des Be­triebs­rats hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt den erst­in­stanz­li­chen Be­schluss un­ter Zurück­wei­sung der Be­schwer­de im Übri­gen teil­wei­se ab­geändert und den Te­nor zur Klar­stel­lung da­hin­ge­hend ge­fasst, dass dem Be­triebs­rat - un­ter Zurück­wei­sung der Anträge im Übri­gen - auf­ge­ge­ben wur­de, es künf­tig zu un­ter­las­sen, an die Mit­ar­bei­ter des Be­triebs ge­rich­te­te Wahl­emp­feh­lun­gen ab­zu­ge­ben und In­for­ma­tio­nen, Äußerun­gen und Auf­ru­fe hier­zu über das In­tra­net der Ar­beit-

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ge­be­rin, das be­trieb­li­che Mit­tei­lungs­brett des Be­triebs­rats, per Rund­schrei­ben, E-Mail, Flug­blatt oder in sons­ti­ger Form den Ar­beit­neh­mern im Be­trieb zur Verfügung zu stel­len oder sonst zur Kennt­nis zu ge­ben. Mit ih­ren Rechts­be­schwer­den be­geh­ren der Be­triebs­rat die vollständi­ge Ab­wei­sung der Anträge und die Ar­beit­ge­be­rin die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Be­schlus­ses.

B. Die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin ist un­be­gründet, die­je­ni­ge des

Be­triebs­rats ist be­gründet. Der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist auf­zu­he­ben, so­weit er die Be­schwer­de des Be­triebs­rats zurück­ge­wie­sen und die erst­in­stanz­li­che, den Anträgen der Ar­beit­ge­be­rin statt­ge­ben­de Ent­schei­dung bestätigt hat. Die Anträge sind ins­ge­samt ab­zu­wei­sen. Sie sind teils un­zulässig, im Übri­gen un­be­gründet.

I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat den Haupt­an­trag zu 1.a) zu Recht als

un­zulässig ab­ge­wie­sen. Der An­trag ist nicht hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.

1. Ein Un­ter­las­sungs­an­trag muss - be­reits aus rechts­staat­li­chen
Gründen - ein­deu­tig er­ken­nen las­sen, was vom Schuld­ner ver­langt wird (BAG 22. Sep­tem­ber 2009 - 1 AZR 972/08 - Rn. 11, AP GG Art. 9 Ar­beits­kampf Nr. 174 = EzA GG Art. 9 Ar­beits­kampf Nr. 143). Soll der Schuld­ner zur künf­ti­gen Un­ter­las­sung ein­zel­ner Hand­lun­gen ver­pflich­tet wer­den, müssen die­se so ge­nau be­zeich­net sein, dass kein Zwei­fel be­steht, wel­che Hand­lun­gen im Ein­zel­nen be­trof­fen sind (BAG 3. Mai 1994 - 1 ABR 24/93 - zu II A der Gründe, BA­GE 76, 364). Für den Schuld­ner muss auf­grund des Un­ter­las­sungs­ti­tels er­kenn­bar sein, wel­che Hand­lun­gen oder Äußerun­gen er künf­tig zu un­ter­las­sen hat, um sich rechtmäßig ver­hal­ten zu können (BAG 3. Ju­ni 2003 - 1 ABR 19/02 - zu B I 1 der Gründe, BA­GE 106, 188).

2. Die­sen An­for­de­run­gen genügt der Haupt­an­trag zu 1.a) nicht. Die
Ar­beit­ge­be­rin ver­folgt den An­trag nicht mehr mit dem erst­in­stanz­li­chen Wort­laut, son­dern mit der vom Ar­beits­ge­richt mo­di­fi­zier­ten Te­n­o­rie­rung. Da­nach soll dem Be­triebs­rat un­ter­sagt wer­den, be­triebsöffent­lich Äußerun­gen par­tei­po­li­ti­schen In­halts ab­zu­ge­ben. Der Be­griff „par­tei­po­li­tisch“ ist für den be­gehr­ten


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Un­ter­las­sungs­ti­tel nicht hin­rei­chend be­stimmt. Der In­halt die­ses Be­griffs ist zwi­schen den Be­tei­lig­ten ge­ra­de strei­tig. Der Be­triebs­rat meint, hier­un­ter fie­len nur Äußerun­gen für oder ge­gen ei­ne Par­tei iSd. Par­tei­en­geset­zes. Da­ge­gen ver­steht die Ar­beit­ge­be­rin hier­un­ter auch Äußerun­gen all­ge­mein­po­li­ti­scher Art. Die im An­trag zu 1.a) im An­schluss an das Wort „ins­be­son­de­re“ vor­ge­nom­me­nen Kon­kre­ti­sie­run­gen zum mögli­chen In­halt der zu un­ter­las­sen­den Erklärun­gen könn­ten zwar die An­nah­me na­he­le­gen, dass hier­mit al­le Äußerun­gen ge­meint sein sol­len, die ir­gend­ei­nen po­li­ti­schen In­halt ha­ben. Denn der Be­triebs­rat soll da­nach nicht nur Äußerun­gen zu Fra­gen des Irak-Kriegs oder sons­ti­gen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Mi­litäreinsätzen so­wie zu außen­po­li­ti­schen Vorgängen und Fra­gen der Auf- und Abrüstung, der Frie­dens­si­che­rung und -schaf­fung un­ter­las­sen, son­dern - oh­ne je­de Ein­schränkung - auch Äußerun­gen zur Kom­mu­nal-, Lan­des- und Bun­des­po­li­tik. Die­ses Be­geh­ren könn­te im Sin­ne ei­nes dem Be­stimmt­heits­ge­bot genügen­den Glo­balan­trags ver­stan­den wer­den, der dar­auf ge­rich­tet ist, dem Be­triebs­rat po­li­ti­sche Äußerun­gen jeg­li­cher Art im Be­trieb zu un­ter­sa­gen. Da­von wären al­ler­dings auch Äußerun­gen ta­rif­po­li­ti­scher, so­zi­al­po­li­ti­scher und um­welt­po­li­ti­scher Art er­fasst, die nach § 74 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 Be­trVG zulässig sind, wenn sie den Be­trieb oder sei­ne Ar­beit­neh­mer un­mit­tel­bar be­tref­fen. Auf Äußerun­gen die­sen In­halts soll sich das Un­ter­las­sungs­be­geh­ren nach dem aus­drück­li­chen Vor­brin­gen der Ar­beit­ge­be­rin je­doch nicht be­zie­hen. Es ist des­halb un­klar, wel­che kon­kre­ten Äußerun­gen von dem mit dem Haupt­an­trag zu 1.a) ver­folg­ten Un­ter­las­sungs­be­geh­ren er­fasst wer­den sol­len. Für den Be­triebs­rat wäre im Fal­le ei­ner Te­n­o­rie­rung ent­spre­chend dem An­trag zu 1.a) nicht er­kenn­bar, wel­cher Äußerun­gen er sich künf­tig zu ent­hal­ten hat und wel­che Äußerun­gen er ab­ge­ben darf, oh­ne sich rechts­wid­rig zu ver­hal­ten.

II. Die Haupt­anträge zu 1.b) und 1.c) so­wie die Hilfs­anträge zu 2.a) und

2.b) sind teils un­zulässig, im Übri­gen un­be­gründet.

1. Der Haupt­an­trag zu 1.b) ist zulässig. Er be­darf al­ler­dings der Aus

le­gung.


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a) Der An­trag ist dar­auf ge­rich­tet, dem Be­triebs­rat zu un­ter­sa­gen, an die
Mit­ar­bei­ter des Be­triebs ge­rich­te­te po­li­ti­sche Wahl­emp­feh­lun­gen oder Auf­ru­fe zu po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen ab­zu­ge­ben. Die­ses Be­geh­ren ist un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­kannt­ma­chung des Be­triebs­rats zum Volksent­scheid aus­zu­le­gen, die den An­trag ver­an­lasst hat. Mit die­ser Be­kannt­ma­chung hat der Be­triebs­rat die in Ham­burg woh­nen­den Mit­ar­bei­ter auf­ge­for­dert, sich an der Ab­stim­mung zu be­tei­li­gen. Außer­dem hat er der Be­kannt­ma­chung ua. Schriftstücke des „Mehr-De­mo­kra­tie e.V.“ bei­gefügt, die emp­feh­len, bei dem Volks­ent­scheid mit „Ja“ zu stim­men. Der An­trag zu 1.b) ist da­her so zu ver­ste­hen, dass mit sei­nem ers­ten Teil dem Be­triebs­rat un­ter­sagt wer­den soll, den Mit­ar­bei­tern bei po­li­ti­schen Wah­len und an­de­ren po­li­ti­schen Ab­stim­mun­gen Emp­feh­lun­gen zum Ge­brauch ih­res Stimm­rechts zu ma­chen. Der zwei­te Teil des An­trags zielt dar­auf ab, es dem Be­triebs­rat zu un­ter­sa­gen, die Mit­ar­bei­ter des Be­triebs auf­zu­for­dern, sich über­haupt an po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen zu be­tei­li­gen.

b) Mit die­sem In­halt ist der An­trag hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 18
Nr. 2 ZPO. Für den Be­triebs­rat ist er­kenn­bar, was von ihm ver­langt wird. Er soll sich jeg­li­cher Ein­fluss­nah­me auf das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten der Mit­ar­bei­ter des Be­triebs bei po­li­ti­schen Wah­len und Ab­stim­mun­gen und jeg­li­cher Auf­for­de­rung zur Be­tei­li­gung an po­li­ti­schen Wah­len und Ab­stim­mun­gen ent­hal­ten.

2. Der Haupt­an­trag zu 1.c), mit wel­chem dem Be­triebs­rat un­ter­sagt

wer­den soll, In­for­ma­tio­nen und Auf­ru­fe der in den Anträgen zu 1.a) und 1.b) ge­nann­ten In­hal­te und The­men über das In­tra­net der Ar­beit­ge­be­rin, das be­trieb­li­che Mit­tei­lungs­brett, per Rund­schrei­ben, E-Mail, Flug­blatt oder in sons­ti­ger Form den Ar­beit­neh­mern im Be­trieb zur Kennt­nis zu brin­gen, ist - so­weit er die im An­trag zu 1.a) ge­nann­ten In­hal­te und The­men be­trifft - eben­so wie der An­trag zu 1.a) man­gels hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO un­zulässig. So­weit er sich auf die im Haupt­an­trag zu 1.b) ge­nann­ten In­hal­te und The­men be­zieht, ist er - eben­so wie der An­trag zu 1.b) - zulässig.


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3. Der Hilfs­an­trag zu 2.a) ist zulässig, be­darf aber eben­falls der Aus-

le­gung.

a) Der Hilfs­an­trag zu 2.a) enthält nur in­so­weit ei­nen hilfs­wei­se zur Ent
schei­dung ge­stell­ten Sach­an­trag, als die Ar­beit­ge­be­rin ver­langt, dem Be­triebs­rat Äußerun­gen zum Irak-Krieg im Be­trieb zu un­ter­sa­gen. So­weit dem Be­triebs­rat auf­ge­ge­ben wer­den soll, es zu un­ter­las­sen, an die Mit­ar­bei­ter ge­rich­te­te po­li­ti­sche Wahl­emp­feh­lun­gen oder Auf­ru­fe zu po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen ab­zu­ge­ben, enthält der An­trag kein ei­genständi­ges Be­geh­ren, da er in­so­weit mit dem Haupt­an­trag zu 1.b) iden­tisch ist.

b) So­weit dem Be­triebs­rat un­ter­sagt wer­den soll, im Be­trieb Äußerun­gen
zum Irak-Krieg ab­zu­ge­ben, ist der An­trag zu 2.a) zulässig. Er ist ins­be­son­de­re hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Für ihn be­steht auch das er­for­der­li­che Rechts­schutz­in­ter­es­se. Der Irak-Krieg ist zwar seit Mai 2003 be­en­det, so dass nicht oh­ne Wei­te­res an­ge­nom­men wer­den kann, dass der Be­triebs­rat künf­tig Äußerun­gen zu die­sem Er­eig­nis ab­ge­ben wird. Der Un­ter­las­sungs­an­trag be­darf aber als Leis­tungs­an­trag nicht der Dar­le­gung ei­nes be­son­de­ren Rechts­schutz­in­ter­es­ses. Das mögli­che Er­for­der­nis ei­ner Wie­der­ho­lungs­ge­fahr ist kein Ele­ment der Zulässig­keit, son­dern der Be­gründet­heit des An­trags (BAG 15. Mai 2007 - 1 ABR 32/06 - Rn. 26, BA­GE 122, 280).

4. Der Hilfs­an­trag zu 2.b) be­trifft - wie der Hilfs­an­trag zu 2.a) – aus­sch­ließ-

lich die Un­ter­las­sung von Äußerun­gen zum Irak-Krieg. Er ist aus den­sel­ben Gründen zulässig wie der Hilfs­an­trag zu 2.a).

5. Die sämt­lich auf Un­ter­las­sung ge­rich­te­ten Anträge zu 1.b), 1.c), 2.a)

und 2.b) sind, so­weit sie zulässig sind, un­be­gründet. Hin­sicht­lich die­ser Anträge kann da­hin­ste­hen, ob und ggf. durch wel­che Äußerun­gen der Be­triebs­rat ge­gen das in § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG nor­mier­te Ver­bot par­tei­po­li­ti­scher Betäti­gung ver­s­toßen hat. Die Ver­let­zung des par­tei­po­li­ti­schen Neu­tra­litäts­ge­bots durch den Be­triebs­rat be­gründet kei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers ge­genüber dem Be­triebs­rat.


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a) Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat bis­lang an­ge­nom­men, aus dem in § 74

Abs. 2 Satz 2 Be­trVG nor­mier­ten Un­ter­las­sungs­ge­bot er­ge­be sich ein ent­spre­chen­der Un­ter­las­sungs­an­spruch. Der Ar­beit­ge­ber sei bei Verstößen des Be­triebs­rats ge­gen die ihm ob­lie­gen­den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Frie­dens­pflich­ten nicht al­lein auf die Möglich­kei­ten nach § 23 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG ver­wie­sen. § 74 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG ent­hal­te viel­mehr ei­nen ei­genständi­gen Un­ter­las­sungs­an­spruch, der un­abhängig ne­ben § 23 Abs. 1 Be­trVG be­ste­he (BAG 22. Ju­li 1980 - 6 ABR 5/78 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 34, 75). Auch bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot der par­tei­po­li­ti­schen Betäti­gung nach § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt dem Ar­beit­ge­ber ei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch ge­genüber dem Be­triebs­rat zu­er­kannt (12. Ju­ni 1986 - 6 ABR 67/84 - AP Be­trVG 1972 § 74 Nr. 5 = EzA Be­trVG 1972 § 74 Nr. 7). An die­ser Recht­spre­chung hält der Se­nat nicht fest. § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG be­gründet kei­nen ge­richt­lich durch­setz­ba­ren Un­ter­las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers ge­gen den Be­triebs­rat. Das er­gibt die am Wort­laut, dem ge­setz­li­chen Ge­samt­zu­sam­men­hang so­wie am Sinn und Zweck ori­en­tier­te Aus­le­gung der Vor­schrift. Die ma­te­ri­ell­recht­li­chen und ver­fah­rens­recht­li­chen Rech­te des Ar­beit­ge­bers wer­den hier­durch nicht verkürzt.

aa) Be­reits nach dem Wort­laut folgt aus § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG al­lein

kein Un­ter­las­sungs­an­spruch. Nach der Be­stim­mung ha­ben der Be­triebs­rat und der Ar­beit­ge­ber je­de par­tei­po­li­ti­sche Betäti­gung im Be­trieb zu un­ter­las­sen. Die Vor­schrift be­gründet da­mit zwar ei­ne Ver­pflich­tung der Be­triebs­par­tei­en zu par­tei­po­li­ti­scher Neu­tra­lität im Be­trieb. Sie be­stimmt aber we­der, dass bei Verstößen ge­gen die­se Ver­pflich­tung Un­ter­las­sung ver­langt wer­den kann, noch lässt sich der Re­ge­lung ent­neh­men, wer In­ha­ber ei­nes Un­ter­las­sungs­an­spruchs sein könn­te. Da­mit un­ter­schei­det sich die Vor­schrift von an­de­ren Be­stim­mun­gen, die Un­ter­las­sungs­ansprüche nor­mie­ren, wie zB § 862 Abs. 1 BGB oder § 1004 Abs. 1 Satz 2 BGB, und hier­zu den An­spruchs­in­ha­ber aus­drück­lich nen­nen. Je­den­falls sei­nem Wort­laut nach folgt al­lein aus § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG nicht die Ak­tiv­le­gi­ti­ma­ti­on ei­ner Per­son oder Stel­le, die be­rech­tigt wäre, das Ver­bot par­tei­po­li­ti­scher Betäti­gung im Be­trieb ge­richt­lich durch­zu­set­zen.

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bb) Ge­gen ei­nen auf § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG gestütz­ten Un­ter­las­sungs

an­spruch des Ar­beit­ge­bers ge­gen den Be­triebs­rat spre­chen vor al­lem der sys­te­ma­ti­sche Ge­samt­zu­sam­men­hang und die Kon­zep­ti­on, die § 23 Be­trVG für die „Ver­let­zung ge­setz­li­cher Pflich­ten“ durch die Be­triebs­par­tei­en vor­sieht. § 23 Abs. 3 Be­trVG nor­miert bei gro­ben Verstößen des Ar­beit­ge­bers ge­gen be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Pflich­ten ei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch des Be­triebs­rats und der im Be­trieb ver­tre­te­nen Ge­werk­schaf­ten. Da­ge­gen re­gelt die Vor­schrift ei­nen ent­spre­chen­den Un­ter­las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers bei gro­ben Pflicht­ver­let­zun­gen durch den Be­triebs­rat ge­ra­de nicht. Der­ar­ti­ge Pflicht­ver­let­zun­gen be­gründen viel­mehr nach § 23 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG ua. für den Ar­beit­ge­ber das Recht, die Auflösung des Be­triebs­rats zu be­an­tra­gen. Die bei Pflicht­ver­let­zun­gen der bei­den Be­triebs­par­tei­en ver­schie­de­nen Rechts­fol­gen ent­spre­chen den un­ter­schied­li­chen recht­li­chen Ei­gen­schaf­ten von Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat. Die für den Be­triebs­rat in § 23 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG vor­ge­se­he­ne Auflösung - mit an­sch­ließen­der Neu­wahl - kommt für den Ar­beit­ge­ber nicht in Be­tracht. Ihm ge­genüber ist der in § 23 Abs. 3 Satz 1 Be­trVG nor­mier­te Un­ter­las­sungs­an­spruch des Be­triebs­rats ver­bun­den mit der in § 23 Abs. 3 Satz 2 bis 5 Be­trVG ge­re­gel­ten Voll­stre­ckung die sach­ge­rech­te Lösung. Da­ge­gen er­gibt ein ge­gen den Be­triebs­rat ge­rich­te­ter Un­ter­las­sungs­an­spruch voll­stre­ckungs­recht­lich kei­nen Sinn. Da der Be­triebs­rat vermögens­los ist, kommt ihm ge­genüber ei­ne An­dro­hung, Fest­set­zung oder Voll­stre­ckung von Ord­nungs­geld nicht in Be­tracht. Das Ge­set­zes­kon­zept des § 23 Be­trVG sieht des­halb ei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers ge­gen den Be­triebs­rat nicht vor. Der vom Bun­des­ar­beits­ge­richt außer­halb des § 23 Abs. 3 Be­trVG zur Si­che­rung be­stimm­ter Mit­be­stim­mungs­rech­te an­er­kann­te all­ge­mei­ne Un­ter­las­sungs­an­spruch des Be­triebs­rats (vgl. grund­le­gend 3. Mai 1994 - 1 ABR 24/93 - BA­GE 76, 364) ge­bie­tet es nicht, auch dem Ar­beit­ge­ber ei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch ge­gen den Be­triebs­rat zu­zu­bil­li­gen. An­ders als ein Un­ter­las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers ent­spricht der - wei­te­re - Un­ter­las­sungs­an­spruch des Be­triebs­rats dem struk­tu­rel­len Kon­zept des § 23 Be­trVG.

cc) Sinn und Zweck des § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG ge­bie­ten kei­nen Un­ter

las­sungs­an­spruch des Ar­beit­ge­bers ge­gen den Be­triebs­rat. Die Ein­hal­tung des


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par­tei­po­li­ti­schen Neu­tra­litäts­ge­bots durch den Be­triebs­rat würde durch ei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruch nicht gewähr­leis­tet, da ein Un­ter­las­sungs­ti­tel ge­gen den Be­triebs­rat we­gen des­sen Vermögens­lo­sig­keit nicht voll­streck­bar wäre.

dd) Die Rech­te des Ar­beit­ge­bers wer­den hier­durch nicht verkürzt. Bei

gro­ben Verstößen des Be­triebs­rats ge­gen sei­ne Pflicht zur par­tei­po­li­ti­schen Neu­tra­lität kann der Ar­beit­ge­ber gemäß § 23 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG des­sen Auflösung be­an­tra­gen. Im Übri­gen hat er bei Strei­tig­kei­ten über die Rechtmäßig­keit ei­ner be­stimm­ten Betäti­gung des Be­triebs­rats die Möglich­keit, de­ren Zulässig­keit un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 256 Abs. 1 ZPO im We­ge ei­nes Fest­stel­lungs­an­trags klären zu las­sen. Ei­ner ent­spre­chen­den ge­richt­li­chen Fest­stel­lung kommt im Er­geb­nis die glei­che Wir­kung zu wie ei­nem Un­ter­las­sungs­ti­tel, da auch die­ser ge­genüber dem Be­triebs­rat nicht voll­streck­bar wäre. Die ge­richt­li­che Fest­stel­lung der feh­len­den Be­rech­ti­gung des Be­triebs­rats zu ei­nem be­stimm­ten Ver­hal­ten ist bei ei­ner späte­ren gleich­ar­ti­gen Pflicht­ver­let­zung von er­heb­li­cher Be­deu­tung für ei­nen Auflösungs­an­trag des Ar­beit­ge­bers nach § 23 Abs. 1 Be­trVG. Die Miss­ach­tung der ge­richt­li­chen Fest­stel­lung kann da­zu führen, dass ein er­neu­tes gleich­ar­ti­ges Ver­hal­ten als grob pflicht­wid­rig an­zu­se­hen ist.

b) Da­nach sind die Anträge zu 1.b), 1.c), 2.a) und 2.b), so­weit sie zulässig

sind, un­be­gründet. Mit die­sen Anträgen be­gehrt die Ar­beit­ge­be­rin vom Be­triebs­rat die Un­ter­las­sung po­li­ti­scher Äußerun­gen und de­ren Ver­brei­tung im Be­trieb. Hier­auf be­steht nach § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG kein An­spruch.

III. Die auf Fest­stel­lung ge­rich­te­ten Höchst­hilfs­anträge zu 3.a) und 3.b)

sind eben­falls ab­zu­wei­sen.

1. Der An­trag zu 3.a), mit dem die Ar­beit­ge­be­rin die Fest­stel­lung ver­langt

dass der Be­triebs­rat nicht be­rech­tigt ist, in ih­rem Be­trieb Äußerun­gen zum Irak-Krieg ab­zu­ge­ben, ist un­zulässig. Dem An­trag fehlt das nach § 256 Abs. 1 ZPO er­for­der­li­che, von der Ar­beit­ge­be­rin dar­zu­le­gen­de recht­li­che In­ter­es­se an der ent­spre­chen­den als­bal­di­gen ge­richt­li­chen Fest­stel­lung. Die Ar­beit­ge­be­rin hat nicht be­haup­tet, dass künf­tig mit wei­te­ren Äußerun­gen des Be­triebs­rats zu dem


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seit Jah­ren be­en­de­ten Irak-Krieg ge­rech­net wer­den muss. Das ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne In­ter­es­se der Ar­beit­ge­be­rin zu er­fah­ren, ob der Be­triebs­rat im Jahr 2003 be­rech­tigt war, sich im Be­trieb zum Irak-Krieg zu äußern, genügt den An­for­de­run­gen des § 256 Abs. 1 ZPO nicht. Die Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge lie­fe auf die Er­stel­lung ei­nes Rechts­gut­ach­tens hin­aus, zu der die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen nicht be­ru­fen sind (vgl. BAG 28. April 2009 - 1 ABR 7/08 - Rn. 10, 11 mwN, AP Be­trVG 1972 § 77 Nr. 99).

2. Der An­trag zu 3.b), mit dem die Ar­beit­ge­be­rin die Fest­stel­lung be­gehrt,

dass der Be­triebs­rat nicht be­rech­tigt ist, Mit­ar­bei­ter auf­zu­for­dern, an be­vor­ste­hen­den po­li­ti­schen Wah­len oder Ab­stim­mun­gen teil­zu­neh­men, ist zulässig, aber un­be­gründet.

a) Der An­trag zu 3.b) ist zulässig. Er ist hin­rei­chend be­stimmt. An­ders als
der Haupt­an­trag zu 1.b) und der Hilfs­an­trag zu 2.a) er­streckt sich die­ser An­trag nicht auf die feh­len­de Be­rech­ti­gung des Be­triebs­rats zur Ab­ga­be von Wahl­emp­feh­lun­gen an die Mit­ar­bei­ter, son­dern ist auf die Fest­stel­lung der Un­zulässig­keit des an die Mit­ar­bei­ter ge­rich­te­ten Auf­rufs zur Teil­nah­me an po­li­ti­schen Wah­len und Ab­stim­mun­gen be­schränkt. An der be­gehr­ten Fest­stel­lung be­steht ein recht­li­ches In­ter­es­se iSv. § 256 Abs. 1 ZPO, da der Be­triebs­rat Mit­ar­bei­ter des Be­triebs zur Teil­nah­me an der Ab­stim­mung zum Volks­ent­schei­dung in Ham­burg auf­ge­ru­fen hat, er sich hier­zu als be­rech­tigt an­sieht und des­halb nicht aus­zu­sch­ließen ist, dass er sich künf­tig in ver­gleich­ba­rer Wei­se betäti­gen wird.

b) Der An­trag zu 3.b) ist un­be­gründet. Al­lein der an die Mit­ar­bei­ter des
Be­triebs ge­rich­te­te Auf­ruf, sich an be­vor­ste­hen­den po­li­ti­schen Wah­len und Ab­stim­mun­gen zu be­tei­li­gen, ist kei­ne nach § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG un­zulässi­ge par­tei­po­li­ti­sche Betäti­gung.

aa) Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der

Be­griff der par­tei­po­li­ti­schen Betäti­gung in § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG weit aus­zu­le­gen (vgl. et­wa 12. Ju­ni 1986 - 6 ABR 67/84 - zu II 2 b der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 74 Nr. 5 = EzA Be­trVG 1972 § 74 Nr. 7). Da­nach ist dem Be-


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triebs­rat und dem Ar­beit­ge­ber je­de Betäti­gung für oder ge­gen ei­ne po­li­ti­sche Par­tei ver­bo­ten. Hier­bei braucht es sich nicht um ei­ne Par­tei iSv. Art. 21 GG und des Par­tei­en­geset­zes zu han­deln. Es genügt viel­mehr ei­ne po­li­ti­sche Grup­pie­rung, für die ge­wor­ben oder die un­terstützt wird. Nach der bis­he­ri­gen Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts wird von dem Ver­bot auch das Ein­tre­ten für oder ge­gen ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche Rich­tung er­fasst (12. Ju­ni 1986 - 6 ABR 67/84 - zu II 2 b der Gründe, aaO). Dem Be­triebs­rat ist da­nach in ers­ter Li­nie die un­mit­tel­ba­re Betäti­gung für ei­ne Ver­ei­ni­gung durch Ver­brei­tung von po­li­ti­schen Zei­tun­gen, Druck­schrif­ten, An­schlägen oder Flugblättern ver­bo­ten. Außer­dem wer­den hier­nach von dem Ver­bot auch das Ab­hal­ten von po­li­ti­schen Ab­stim­mun­gen oder Um­fra­gen im Be­trieb so­wie po­li­ti­sche Stel­lung­nah­men zu außer­be­trieb­li­chen Maßnah­men und Er­eig­nis­sen er­fasst. Nach der bis­he­ri­gen Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist ei­ne Tren­nung in ei­ne zulässi­ge all­ge­mein­po­li­ti­sche Betäti­gung und in ei­ne ver­bo­te­ne par­tei­po­li­ti­sche Betäti­gung nicht möglich (12. Ju­ni 1986 - 6 ABR 67/84 - zu II 2 c der Gründe, aaO).

bb) Für den Streit­fall kann of­fen­blei­ben, ob dar­an fest­zu­hal­ten ist, dass

schon das Ein­tre­ten für oder ge­gen ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche Rich­tung un­abhängig von ei­nem kon­kre­ten Be­zug zu ei­ner po­li­ti­schen Par­tei un­ter das Ver­bot der par­tei­po­li­ti­schen Betäti­gung fällt. Je­den­falls er­fasst das Ver­bot nicht je­de Äußerung all­ge­mein­po­li­ti­schen In­halts. Äußerun­gen all­ge­mein­po­li­ti­scher Art, die ei­ne po­li­ti­sche Par­tei, Grup­pie­rung oder Rich­tung we­der un­terstützen noch sich ge­gen sie wen­den, fal­len nicht un­ter das Ver­bot des § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG. Dies er­gibt sich aus dem Wort­laut der Vor­schrift un­ter Berück­sich­ti­gung des Wer­te­ge­halts von Art. 5 Abs. 1 GG so­wie aus Sinn und Zweck des Neu­tra­litäts­ge­bots.

(1) Nach dem Ge­set­zes­wort­laut ist dem Be­triebs­rat und dem Ar­beit­ge­ber

nicht je­de „po­li­ti­sche“ Betäti­gung, son­dern je­de „par­tei­po­li­ti­sche“ Betäti­gung un­ter­sagt. Die­se Wort­wahl spricht dafür, dass von dem Ver­bot nur die Betäti­gung für oder ge­gen ei­ne po­li­ti­sche Par­tei er­fasst wird. Dies wird da­durch bestätigt, dass das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz in § 75 Abs. 1 Be­trVG den Be­griff der po­li­ti­schen Betäti­gung und in § 118 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG den Be­griff


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der po­li­ti­schen Be­stim­mung ver­wen­det. Das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz dif­fe­ren­ziert da­her er­kenn­bar zwi­schen den Be­grif­fen „po­li­tisch“ und „par­tei­po­li­tisch“. Wenn der Ge­setz­ge­ber dem Ar­beit­ge­ber und dem Be­triebs­rat je­de po­li­ti­sche Betäti­gung, al­so auch ei­ne sol­che all­ge­mein­po­li­ti­scher Art oh­ne Be­zug zu ei­ner Par­tei, hätte un­ter­sa­gen wol­len, hätte es na­he­ge­le­gen, dies im Wort­laut der Vor­schrift zum Aus­druck zu brin­gen. Der Ge­set­zes­wort­laut spricht da­her für ein en­ge­res Verständ­nis des Ver­bots.

(2) Dies ist auch we­gen des grund­recht­s­ein­schränken­den Cha­rak­ters der
Vor­schrift ge­bo­ten. Die Re­ge­lung in § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG be­grenzt das durch Art. 5 Abs. 1 GG ga­ran­tier­te Grund­recht auf freie Mei­nungsäußerung. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob der Be­triebs­rat als Gre­mi­um Träger des Grund­rechts aus Art. 5 Abs. 1 GG sein kann. Denn das in § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG nor­mier­te Ver­bot rich­tet sich auch an die Mit­glie­der des Be­triebs­rats, die Grund­recht­sträger sind (BVerfG 28. April 1976 - 1 BvR 71/73 - zu B II 1 der Gründe, BVerfGE 42, 133). Das Grund­recht auf freie Mei­nungsäußerung fin­det al­ler­dings sei­ne Schran­ken in den Vor­schrif­ten der all­ge­mei­nen Ge­set­ze. Da­zu gehört § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG. Bei der An­wen­dung der Vor­schrift muss der be­son­de­re Wer­te­ge­halt des Art. 5 Abs. 1 GG ge­wahrt blei­ben. Des­halb muss die Norm un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­deu­tung des Grund­rechts aus­ge­legt und dem­ent­spre­chend in ih­rer das Grund­recht be­gren­zen­den Wir­kung selbst wie­der ein­ge­schränkt wer­den (BVerfG 28. April 1976 - 1 BvR 71/73 - zu B II 2 der Gründe, aaO; 16. Ok­to­ber 1998 - 1 BvR 1685/92 - zu II 2 a bb der Gründe mwN, AP BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 24 = EzA BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 40).

(3) Für die Aus­le­gung, nach der von § 74 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG
Äußerun­gen all­ge­mein­po­li­ti­scher Art oh­ne Be­zug zu ei­ner po­li­ti­schen Par­tei nicht er­fasst wer­den, spre­chen auch Sinn und Zweck des par­tei­po­li­ti­schen Neu­tra­litäts­ge­bots. Die­ses dient der Gewähr­leis­tung des Be­triebs­frie­dens und der Zu­sam­men­ar­beit im Be­trieb (BT-Drucks. VI/2729 S. 10). § 74 Abs. 2 Be­trVG un­ter­schei­det aus­drück­lich zwi­schen par­tei­po­li­ti­schen Betäti­gun­gen und an­de­ren Betäti­gun­gen. Par­tei­po­li­ti­sche Betäti­gun­gen sind dem Ar­beit­ge­ber und dem Be­triebs­rat nach § 74 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 1 Be­trVG ge­ne­rell un­ter­sagt,


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oh­ne dass es dar­auf ankäme, ob auf­grund der Betäti­gung ei­ne kon­kre­te Gefähr­dung des Be­triebs­frie­dens zu befürch­ten ist. An­de­re als par­tei­po­li­ti­sche Betäti­gun­gen un­ter­wirft der Ge­setz­ge­ber aus­drück­lich ge­rin­ge­ren Be­schränkun­gen (vgl. BVerfG 28. April 1976 - 1 BvR 71/73 - zu B II 1 der Gründe, BVerfGE 42, 133). Die­se ha­ben der Ar­beit­ge­ber und der Be­triebs­rat nach § 74 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG nur dann zu un­ter­las­sen, wenn durch sie der Ar­beits­ab­lauf oder der Frie­den des Be­triebs be­ein­träch­tigt wer­den. Bei Betäti­gun­gen par­tei­po­li­ti­scher Art un­ter­stellt das Ge­setz - an­ders als bei sons­ti­gen Betäti­gun­gen - stets ei­ne Gefähr­dung des Be­triebs­frie­dens und der Zu­sam­men­ar­beit im Be­trieb. Dies be­ruht er­sicht­lich auf der Erwägung, dass das Ein­tre­ten für oder ge­gen ei­ne po­li­ti­sche Par­tei in be­son­de­rem Maße ge­eig­net ist, zu Strei­tig­kei­ten in­ner­halb der Be­leg­schaft zu führen und sich nach­tei­lig auf das Be­triebs­kli­ma und die Zu­sam­men­ar­beit aus­zu­wir­ken. Ei­ne Ge­fahr der Po­la­ri­sie­rung der Be­leg­schaft be­steht bei Äußerun­gen all­ge­mein­po­li­ti­scher Art oh­ne Be­zug zu ei­ner be­stimm­ten po­li­ti­schen Par­tei nicht in glei­cher Wei­se.

cc) Hier­nach verstößt al­lein der an die Mit­ar­bei­ter ge­rich­te­te Auf­ruf des

Be­triebs­rats, sich an ei­ner be­vor­ste­hen­den po­li­ti­schen Ab­stim­mung oder Wahl zu be­tei­li­gen, nicht ge­gen das Ver­bot par­tei­po­li­ti­scher Betäti­gung. Mit ei­nem sol­chen Auf­ruf tritt der Be­triebs­rat we­der für noch ge­gen ei­ne po­li­ti­sche Par­tei, Grup­pie­rung oder Rich­tung ein.

Lin­sen­mai­er Gräfl Schmidt

Bea Will­ms

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