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LAG Köln, Be­schluss vom 05.03.2009, 13 TaBV 97/08

   
Schlagworte: Betriebsrat, Betriebsvereinbarung, Einigungsstelle
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 13 TaBV 97/08
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 05.03.2009
   
Leitsätze:

1. Wirksamkeit eines Einigungsstellenspruchs zur Arbeitszeiterfassung für ÜT-Mitarbeiter.

2. Eine Betriebsvereinbarung sperrt solange sie ungekündigt fortbesteht aufgrund ihrer schuldrechtlich wirkenden Bindung der Betriebsparteien die durch sie geregelte Materie mit der Folge, dass eine Einigungsstelle für Neuregelung derselben Materie unzuständig ist (im Anschluss etwa an LAG Hamm 21.12.2005 - 10 TaBV 173/05; Niedersachsen 29.7.2008 - 1 TaBV 47/08 jeweils m.w.N.; anders 9. Kammer des LAG Köln 23.1.2007 - 9 TaBV 66/06).

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Köln, 9. April 2008, Az: 3 BV 119/07, Beschluss
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 13 TaBV 97/08

 

Te­nor:

1) Auf die Be­schwer­de des Be­tei­lig­ten zu 5) wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Köln vom 09.04.2008 – 3 BV 119/07 – ab­geändert:

Die Anträge der Be­tei­lig­ten zu 1) – 4) wer­den zurück­ge­wie­sen.

2) Die Rechts­be­schwer­de wird zu­ge­las­sen.

 

G r ü n d e

I. Die Be­tei­lig­ten strei­ten um die Wirk­sam­keit des Spruchs ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le vom 22.05.2007 zur Ar­beits­zeit­er­fas­sung für ÜT-Mit­ar­bei­ter im

Ge­mein­schafts­be­trieb der Ar­beit­ge­be­rin­nen.

Die An­trag­stel­le­rin­nen und Be­tei­lig­ten zu 1. – 4. (Ar­beit­ge­be­rin­nen) führen ih­re Haupt­ver­wal­tun­gen in Köln als Ge­mein­schafts­be­trieb. Von den ins­ge­samt beschäftig­ten 5000 Ar­beit­neh­mern sind et­wa 200 – 300 Beschäftig­te mit her­aus­ge­ho­be­nen Auf­ga­ben, die ei­ne Vergütung über der obers­ten Ta­rif­grup­pe er­hal­ten (ÜT-Mit­ar­bei­ter).

Am 13. Ju­li schlos­sen die Ar­beit­ge­be­rin­nen mit dem Be­triebs­rat des Ge­mein­schafts­be­trie­bes ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung zur Ar­beits­fle­xi­bi­li­sie­rung (im Fol­gen­den: Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung). § 1 re­gelt de­ren Gel­tungs­be­reich für die in der Haupt­ver­wal­tung Köln täti­gen Ar­beit­neh­mer der Un­ter­neh­men ein­sch­ließlich der Aus­zu­bil­den­den im Sin­ne des § 5 Be­trVG, so­weit sie nicht ständig über­wie­gend im Außen­dienst tätig sind oder im Ein­zel­fall nach

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Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes ein­zel­ver­trag­lich kei­ne an­der­wei­ti­ge Ar­beits­zeit­re­ge­lung ver­ein­bart ist. § 12 (Schluss­be­stim­mun­gen) lau­tet:

"Die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung tritt zum 01.10.1999 in Kraft und er­setzt von die­sem Zeit­punkt an in­ner­halb ih­res Gel­tungs­be­reichs al­le frühe­ren Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen.

Die Par­tei­en schließen die Ver­ein­ba­rung auf un­be­stimm­te Zeit. Sie kann mit ei­ner Frist von 2 Mo­na­ten je­weils zum 31.12. ei­nes je­den Jah­res schrift­lich gekündigt wer­den, frühes­tens je­doch zum 31.12.2000.

Un­ter­neh­mens­lei­tung und Be­triebs­rat sind sich darüber ei­nig, dass die Be­triebs­ver­ein­ba­rung Mo­dell­cha­rak­ter hat. Zukünf­ti­ge Er­fah­rung, wie z. B. Markt­ent­wick­lun­gen können Ände­run­gen er­for­der­lich ma­chen.

Bei Un­wirk­sam­keit ein­zel­ner Ver­trags­tei­le wird der recht­li­che Be­stand der Be­triebs­ver­ein­ba­rung als Gan­zes hier­durch nicht berührt."

Un­ter dem 03.09.1999 schlos­sen die Be­triebs­part­ner ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung zur Zu­tritts­kon­trol­le, Zeit­er­fas­sung und Geld­kar­te für die Haupt­ver­wal­tung K 1999 (im Fol­gen­den: Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le). § 1 re­gelt den Gel­tungs­be­reich für die in der Haupt­ver­wal­tung K täti­gen Ar­beit­neh­mer der Un­ter­neh­men. § 6 (Schluss­be­stim­mun­gen) lau­tet:

"Die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung tritt zum 01.10.1999 in Kraft und er­setzt von die­sem Zeit­punkt an in­ner­halb ih­res Gel­tungs­be­reichs al­le frühe­ren Re­ge­lun­gen. Die Par­tei­en schließen die­se Ver­ein­ba­rung auf un­be­stimm­te Zeit. Sie kann mit ei­ner Frist von 2 Mo­na­ten je­weils zum 31.12. ei­nes je­den Jah­res schrift­lich gekündigt wer­den, frühes­tens je­doch zum 31.12.2000.

Bei Un­wirk­sam­keit ein­zel­ner Ver­trags­tei­le wird der recht­li­che Be­stand der Be­triebs­ver­ein­ba­rung als Gan­zes hier­durch nicht berührt."

Die Ar­beit­ge­be­rin­nen zu 1., 3. und 4. ha­ben je­weils mit ih­ren Ge­samt­be­triebsräten am 27.10.2005 und 14.01.2006 Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ab­ge­schlos­sen, die im We­sent­li­chen die Gewährung über­ta­rif­li­cher Ent­gelt­be­stand­tei­le im Rah­men ei­nes neu­en Vergütungs­sys­tems für Beschäftig­te mit ei­ner Vergütung ober­halb der obers­ten Ta­rif­grup­pe (ÜT-Mit­ar­bei­ter) re­geln.

Die Ar­beit­ge­be­rin­nen be­ab­sich­ti­gen, die ar­beits­recht­li­chen und per­so­nal­wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen im Hin­blick auf die Ma­nage­ment­funk­tio­nen der ÜT-Mit­ar­bei­ter in Annäherung an Re­ge­lun­gen für die lei­ten­den An­ge­stell­ten. Da­zu stre­ben sie Ände­run­gen bei der Ar­beits­zeit­er­fas­sung für die ÜT-Mit­ar­bei­ter an, de­ren Kern die Einführung ei­ner Selbst­auf­schrei­bung so­wie die Do­ku­men­ta­ti­on und Er­fas­sung der Ar­beits­zeit ist. Der Be­triebs­rat lehn­te den im Au­gust 2006 da­zu von den Ar­beit­ge­be­rin­nen vor­ge­leg­ten Ent­wurf mit der Be­gründung ab, die ÜT-Mit­ar­bei­ter fie­len un­ter den Gel­tungs­be­reich der nicht­gekündig­ten Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und Zu­tritts­kon­trol­le.

Mit Be­schluss vom 23.01.2007 – 9 TaBV 66/06 – stell­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln fest, wie zu­vor auch das Ar­beits­ge­richt Köln, dass die Ei­ni­gungs­stel­le, die über die Ar­beits­zeit­er­fas­sung für ÜT-Mit­ar­bei­ter im Ge­mein­schafts­be­trieb der Ar­beit­ge­be­rin­nen in K und ei­ne Son­der­re­ge­lung für ÜT-Mit­ar­bei­ter ge­genüber der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le ent­schei­den soll, nicht of­fen­sicht­lich un­zuständig ist.

Die Ei­ni­gungs­stel­le hat mit Spruch vom 22.05.2007 ih­re Zuständig­keit ver­neint. Auf die Gründe (Bl. 37 – 44 d. A.) wird ver­wie­sen.

Ge­gen die­sen Spruch wen­den sich die Ar­beit­ge­be­rin­nen mit den Anträgen, 

fest­zu­stel­len, dass der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le vom 22.05.2007 un­wirk­sam ist und dass die Ei­ni­gungs­stel­le zuständig zur Ent­schei­dung über die Ar­beits­zeit­er­fas­sung für

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ÜT-Mit­ar­bei­ter im Ge­mein­schafts­be­trieb der Be­tei­lig­ten zu 1. – 4. in K und ei­ne Son­der­re­ge für ÜT-Mit­ar­bei­ter ge­genüber der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung in der Haupt­ver­wal­tung Köln 1999 und der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le, Zeit­er­fas­sung u Geld­kar­te für die Haupt­ver­wal­tung K 1 999 ist.

Das Ar­beits­ge­richt hat den Anträgen statt­ge­ge­ben. Auf den Be­schluss (Bl. 74 – 80 d. A.) wird ver­wie­sen. Ge­gen die­se Ent­schei­dung rich­tet sich die Be­schwer­de des Be­triebs­rats des Ge­mein­schafts­be­triebs, der wei­ter die Auf­fas­sung ver­tritt, die Ei­ni­gungs­stel­le ha­be zu Recht ih­re Zuständig­keit ver­neint, da die Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und Zu­tritts­kon­trol­le für die Ma­te­ri­en, die die Ar­beit­ge­be­rin­nen für die ÜT-Mit­ar­bei­ter se­pa­rat re­geln wol­len, ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung ent­hal­ten würden. Dies ha­be das Ar­beits­ge­richt ver­kannt, ins­be­son­de­re ent­hal­te die Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung kei­nen Ände­rungs­oder Neu­re­ge­lungs­vor­be­halt.

Der Be­triebs­rat be­an­tragt, 

den Be­schluss ab­zuändern und die Anträge der Ar­beit­ge­be­rin­nen zurück­zu­wei­sen. 

Die Ar­beit­ge­be­rin­nen be­an­tra­gen

die Zurück­wei­sung der Be­schwer­de. 

Sie ver­tre­ten wei­ter die Auf­fas­sung, dass die Ei­ni­gungs­stel­le ver­pflich­tet ge­we­sen wäre, ei­ne Ent­schei­dung in der Sa­che zu tref­fen. Es gel­te das Ablösungs­prin­zip. Ei­ne al­te Be­triebs­ver­ein­ba­rung wer­de durch ei­ne neue Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­setzt. Ein Mit­be­stim­mungs­tat­be­stand feh­le nicht des­halb, weil be­reits (all­ge­mei­ne) Be­triebs­ver­ein­ba­rungs­re­ge­lun­gen exis­tier­ten. Die Ar­beit­ge­be­rin­nen be­ru­fen sich dafür vor al­lem auf die Ent­schei­dung des LAG Köln vom 23.01.2007 (9 TaBV 66/06). Je­den­falls sei die Ei­ni­gungs­stel­le, wie das Ar­beits­ge­richt zu Recht fest­ge­stellt ha­be, des­halb zuständig, weil die Auf­stel­lung ei­ner Son­der­re­ge­lung für ÜT-Mit­ar­bei­ter durch die be­ste­hen­den Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen aus­drück­lich zu­ge­las­sen wor­den sei­en. Dies er­ge­be sich aus ei­nem Ände­rungs­vor­be­halt nach § 12 Abs. 3 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die Gründe des an­ge­foch­te­nen Be­schlus­ses, die im Be­schwer­de­ver­fah­ren ge­wech­sel­ten Schriftsätze, die ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen und die Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.

II. Die zulässi­ge, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­reich­te Be­schwer­de (§§ 87 Abs. 2, 66 Abs. 1, 89 Abs. 2 ArbGG) hat auch in der Sa­che Er­folg. Der von den Ar­beit­ge­be­rin­nen an­ge­foch­te­ne Ei­ni­gungs­stel­len­spruch vom 22.05.2007 ist wirk­sam. Die Ei­ni­gungs­stel­le hat das Ver­fah­ren zu Recht we­gen Un­zuständig­keit der Ei­ni­gungs­stel­le zur Ent­schei­dung über die Ar­beits­zeit­er­fas­sung für ÜT-Mit­ar­bei­ter im Ge­mein­schafts­be­trieb der Be­tei­lig­ten zu 1. – 4. in K und über ei­ne Son­der­re­ge­lung für ÜT-Mit­ar­bei­ter ge­genüber der Be­triebs­ver­ein­ba­rung in "Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung" in der Haupt­ver­wal­tung K 1999 und der Be­triebs­ver­ein­ba­rung "Zu­tritts­kon­trol­le, Zeit­er­fas­sung und Geld­kar­te" für die Haupt­ver­wal­tung K 1999 ein­ge­stellt. Die Ei­ni­gungs­stel­le ist un­zuständig, da der Be­triebs­rat von sei­nem Mit­be­stim­mungs­recht be­reits durch Ab­schluss der Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und Zu­tritts­kon­trol­le ab­sch­ließend Ge­brauch ge­macht hat.

1. Die Ei­ni­gungs­stel­le hat vor ei­ner Sach­ent­schei­dung über die Fra­ge ih­rer Zuständig­keit selbst zu be­fin­den. Ver­neint sie ih­re Zuständig­keit, hat sie das Ver­fah­ren durch Be­schluss ein­zu­stel­len. Da es sich bei der Zuständig­keits­fra­ge um ei­ne Rechts­fra­ge han­delt, un­ter­liegt die­ser Be­schluss in vol­lem Um­fang der nicht frist­ge­bun­de­nen ar­beits­ge­richt­li­chen Rechts­kon­trol­le (vgl. et­wa BAG 22.01.2002 – 3 ABR 28/01; Fit­ting, Be­trVG 24. Aufl., § 76, Rn. 83 m w.N.).

2. Zu Recht ist die Ei­ni­gungs­stel­le da­von aus­ge­gan­gen, dass es sich bei der 28 Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le um ab­sch­ließen­de Re­ge­lun­gen auch für ÜT-Mit­ar­bei­ter han­delt, so dass die Ei­ni­gungs­stel­le

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bezüglich der von den Ar­beit­ge­be­rin­nen be­gehr­ten Be­triebs­ver­ein­ba­rung nicht zuständig ist und das Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren ein­zu­stel­len war.

a. Die ÜT-Mit­ar­bei­ter un­ter­fal­len – was zwi­schen den Be­triebs­par­tei­en außer Streit ist – dem Gel­tungs­be­reich der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le. Denn die­se gel­ten gemäß § 1 der Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen je­weils für die in der Haupt­ver­wal­tung K täti­gen Ar­beit­neh­mer der Un­ter­neh­men ein­sch­ließlich der Aus­zu­bil­den­den im Sin­ne des § 5 Be­trVG, so­weit sie nicht ständig über­wie­gend im Außen­dienst tätig sind oder im Ein­zel­fall nach Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes ein­zel­ver­trag­lich kei­ne an­der­wei­ti­ge Ar­beits­zeit­re­ge­lung ver­ein­bart ist.

b. Bei­de Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen re­geln für ih­ren Gel­tungs­be­reich ab­sch­ließend die Ge­genstände der Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und Zu­tritts­kon­trol­le. Sie ent­hal­ten kei­ne Öff­nungs­klau­sel, die ei­ne Neu­ver­hand­lung – ganz oder teil­wei­se - oh­ne Kündi­gung ermöglicht. Das Be­schwer­de­ge­richt schließt sich zur Be­gründung in vol­lem Um­fang dem Ei­ni­gungs­stel­len­spruch vom 22.05.2007 an.

aa. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts und der Ar­beit­ge­be­rin enthält § 12 Abs. 3 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung kei­nen Ände­rungs­vor­be­halt. Dar­in heißt es: "Un­ter­neh­mens­lei­tung und Be­triebs­rat sind ei­nig darüber, dass die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung Mo­dell­cha­rak­ter hat. Zukünf­ti­ge Er­fah­run­gen wie z. B. Markt­ent­wick­lun­gen, können Ände­run­gen er­for­der­lich ma­chen." Be­reits aus die­sem Wort­laut er­gibt sich, dass die Be­triebs­part­ner mit die­ser Re­ge­lung le­dig­lich fest­hal­ten woll­ten, dass die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung Mo­dell­cha­rak­ter hat und ihr ei­ne Art "Vor­rei­ter­rol­le" zu­kom­men soll. So­weit darüber hin­aus ver­ein­bart wur­de, dass zukünf­ti­ge Er­fah­run­gen, wie z. B. Markt­ent­wick­lun­gen, Ände­run­gen er­for­der­lich ma­chen könn­ten, be­inhal­tet dies nur ei­ne Ab­sichts­erklärung. Hätten die Be­triebs­par­tei­en ei­ne Öff­nungs­klau­sel ge­wollt, die im­mer­hin zur Teilkündi­gung be­rech­tigt, hätten sie kon­kre­ter ge­re­gelt, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen die Ände­rung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung neu ver­han­del­bar sein soll. Dies um so mehr als es sich bei ei­ner Öff­nungs­klau­sel um ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung han­delt.

bb. Ge­gen ei­ne Aus­le­gung des § 12 Abs.3 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung spricht außer­dem die Kündi­gungs­re­ge­lung un­ter § 12 Abs.2. Dar­in ha­ben die Be­triebs­part­ner ei­ne be­son­ders lan­ge Kündi­gungs­frist von zwei Mo­na­ten je­weils zum 31.12. ei­nes je­den Jah­res statt der ge­setz­li­chen Frist von drei Mo­na­ten ver­ein­bart und da­mit zum Aus­druck ge­bracht, dass ei­ne lang­fris­ti­ge Re­ge­lung be­ab­sich­tigt war. Die­ser In­ten­ti­on würde ei­ne zeit­lich un­ein­ge­schränk­te Öff­nungs­klau­sel wi­der­spre­chen. Vor al­lem wären die Kündi­gungs­be­stim­mun­gen völlig ent­behr­lich.

cc. Die An­nah­me, dass § 12 Abs. 3 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung kei­ne Öff­nungs­klau­sel enthält, wird auch durch die For­mu­lie­rung in § 1 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung gestützt. Dort ha­ben die Be­triebs­part­ner nämlich die Möglich­keit vor­ge­se­hen, im Ein­zel­fall nach Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes ein­zel­ver­trag­lich mit den Mit­ar­bei­tern ei­ne an­der­wei­ti­ge Ar­beits­zeit­re­ge­lung zu ver­ein­ba­ren.

dd. Sch­ließlich spricht ge­gen ei­ne Öff­nungs­klau­sel bei­der Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, dass die Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le kei­ne der § 12 Abs. 3 Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung ent­spre­chen­de Klau­sel enthält, son­dern un­ter § 6 Abs.1 (Schluss­be­stim­mun­gen) nur die Kündi­gung re­gelt. Die Re­ge­lung des § 12 Abs. 3 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung lässt sich auch nicht auf die Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le über­tra­gen. Hätten die Be­triebs­part­ner auch für die Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung auf­neh­men wol­len, so hätten sie das ge­tan. Dies zeigt sich dar­in, dass die Re­ge­lun­gen der Absätze 1, 2 und 4 des § 12 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung in § 6 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Zu­tritts­kon­trol­le wie­der­holt wer­den, die Klau­sel des § 12 Abs. 3 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung je­doch ge­ra­de nicht.

c. Da die Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und Zu­tritts­kon­trol­le bis­lang we­der

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gekündigt wur­den, noch die Be­triebs­part­ner ein­ver­nehm­lich ei­ne ab­wei­chen­de Son­der­re­ge­lung für die ÜT-Mit­ar­bei­ter ge­trof­fen ha­ben, gel­ten die­se Re­ge­lun­gen - auch für die ÜT-Mit­ar­bei­ter -un­verändert wei­ter.

3. Die Ei­ni­gungs­stel­le ist für die von der den Ar­beit­ge­be­rin­nen be­gehr­te Son­der­re­ge­lung für ÜT-Mit­ar­bei­ter auch nicht trotz ab­sch­ließen­der Re­ge­lung durch die Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung und Zu­tritts­kon­trol­le ver­pflich­tet, in der Sa­che ei­ne Ent­schei­dung zu tref­fen. Dem steht ent­ge­gen, dass der Be­triebs­rat von sei­nem Mit­be­stim­mungs­recht be­reits durch Ab­schluss die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ab­sch­ließend Ge­brauch ge­macht hat.

a. Das Be­schwer­de­ge­richt folgt nicht der Auf­fas­sung der 9. Kam­mer des LAG Köln (Be­schluss vom 23.01.2007 (9 TaBV 66/06), wo­nach es zulässig sei, dass je­der Be­triebs­part­ner während der Lauf­zeit ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung im Hin­blick auf nachträgli­che Ent­wick­lun­gen nur die Abände­rung ei­nes Teils der Re­ge­lun­gen un­ter Bei­be­hal­tung der sons­ti­gen, wei­ter­hin für sinn­voll ge­hal­te­nen Be­stim­mun­gen an­stre­ben und bei Nicht­zu­stim­mung des an­de­ren Be­triebs­part­ners die Ei­ni­gungs­stel­le an­ru­fen kann.

b. Viel­mehr schließt sich dass Be­schwer­de­ge­richt – wie auch die Ei­ni­gungs­stel­le - der ganz über­wie­gen­den Auf­fas­sung von Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur an. Da­nach sperrt ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung so­lan­ge sie un­gekündigt fort­be­steht auf­grund ih­rer schuld­recht­lich wir­ken­den Bin­dung der Be­triebs­par­tei­en die durch sie ge­re­gel­te Ma­te­rie mit der Fol­ge, dass ei­ne Ei­ni­gungs­stel­le für ei­ne Neu­re­ge­lung der­sel­ben Ma­te­rie un­zuständig ist (LAG Düssel­dorf 09.09.1977 – 8 TaBV 27/77; Hess. LAG 14.06.2005 – 4 TaBV 54/05; Hess. LAG 20.05.2008 – 4 TaBV 97/08; LAG Hamm 21.12.2005 – 10 TaBV 173/05; LAG Nie­der­sach­sen 29.07.2008 – 1 TaBV 47/08 – je­weils m.w.N.; ErfK-Ka­nia 9. Auf­la­ge, § 77 Rn. 11). Et­was an­de­res gilt le­dig­lich für im Fall des Weg­falls der Geschäfts­grund­la­ge ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung. (BAG 10.08.1994
– 10 ABR 61/63; 23.09.1997 – 3 ABR 85/96; Hess. LAG 20.05.2008 – 4 TaBV 97/08).

c. Denn hier gilt nicht wie bei der ein­ver­nehm­li­chen Abände­rung der Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen der Grund­satz der Ver­trags­frei­heit bzw. das im Verhält­nis von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen grundsätz­lich gel­ten­de Ablösungs­prin­zip (st. Rspr., vgl. et­wa BAG 14.08.2001 – 1 AZR 619/00 – m.w.N.). Viel­mehr geht es dar­um, ob ei­ne be­ste­hen­de Be­triebs­ver­ein­ba­rung im Fall der Nicht­ei­ni­gung der Be­triebs­par­tei­en durch An­trag ei­ner Sei­te im We­ge der Zwangs­sch­lich­tung von der Ei­ni­gungs­stel­le ab­geändert wer­den kann. Ge­gen ei­ne je­der­zei­ti­ge An­ru­fung der Ei­ni­gungs­stel­le bei ei­ner ab­sch­ließen­den Re­ge­lung ei­ner un­gekündig­ten Be­triebs­ver­ein­ba­rung spricht vor al­lem, dass ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung als In­sti­tut in­ner­be­trieb­li­cher Recht­set­zung da­zu vor­ge­se­hen ist, Rechts­si­cher­heit und Rechts­frie­den für die Zu­kunft zu schaf­fen (§ 77 Abs. 4 S. 1 Abs. 5 Be­trVG). Da­mit verträgt es sich nicht, ih­re frie­dens­stif­ten­de Wir­kung durch je­der­zeit durch­setz­ba­re Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren zum in­halts­glei­chen Re­ge­lungs­ge­gen­stand
zu gefähr­den (so auch LAG Nie­der­sach­sen 29.07.2008 – 1 TaBV 47/08). Dies berück­sich­tigt die 9. Kam­mer des LAG auch nicht aus­rei­chend da­durch, dass sie da­nach dif­fe­ren­ziert, ob es um Ände­run­gen auf­grund nachträgli­cher Ent­wick­lun­gen oder er­neu­tes Vor­brin­gen frühe­rer
Re­ge­lungs­vor­schläge geht. Im Un­ter­schied zur 9. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln be­ruft sich die 4. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln (Be­schluss vom 06.09.2005 - 4 TaBV 41/05) nur auf Ent­schei­dun­gen des BAG, bei de­nen der Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge im
Streit war (BAG 10.08.1994 – 10 ABR 61/93; 23.09.1997 – 3 ABR 85/96). Im Übri­gen la­gen die­ser Ent­schei­dung ge­ra­de kei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen mit ab­sch­ließen­der Re­ge­lung zu­grun­de.

III. Die Rechts­be­schwer­de war gemäß § 92 Abs. 1 S. 2 i. V. m. § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG zu­zu­las­sen.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­sen Be­schluss kann von den An­trag­stel­le­rin­nen

RECH­TSBESCHWER­DE

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ein­ge­legt wer­den.

Für die wei­te­ren Be­tei­lig­ten ist ge­gen die Ent­schei­dung kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

Die Rechts­be­schwer­de muss in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat

nach der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Be­schlus­ses schrift­lich beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

Fax: 0361 2636 2000

ein­ge­legt wer­den.

Die Rechts­be­schwer­de­schrift muss von ei­nem Be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

1. Rechts­anwälte,
2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
3. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der in Nr. 2 be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung der Mit­glie­der die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on oder ei­nes an­de­ren Ver­ban­des oder Zu­sam­men­schlus­ses mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.
In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Rechts­be­schwer­de­schrift 5unterzeichnen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

Ei­ne Par­tei die als Be­vollmäch­tig­ter zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

Dr. von Ascher­a­den

Dohm

Holz­ber­ger

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