HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

LAG Köln, Ur­teil vom 27.10.2008, 5 Sa 827/08

   
Schlagworte: Haftung des Arbeitnehmers
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 5 Sa 827/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 27.10.2008
   
Leitsätze:

1. Versetzt ein vorgesetzter Schichtleiter im Rahmen einer verbalen Auseinandersetzung über Arbeitspflichten einem Mitarbeiter eine Ohrfeige, hat er an den Arbeitnehmer ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen.

2. Führt die Ohrfeige zu keinerlei weiteren Verletzungsfolgen, ist ein Schmerzensgeld von 800,00 € als Mindestbetrag angemessen; muss sich der Geschlagene hingegen in ärztliche Behandlung begeben, ist ein mehrfach höheres Schmerzensgeld angemessen.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Köln, 13. Februar 2008, Az: 3 Ca 2145/07, Urteil
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 5 Sa 827/08

 

Te­nor:

1. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 13.02.2008 – 3 Ca 2145/07 – wird zurück­ge­wie­sen.

2. Hin­sicht­lich der Kos­ten des Rechts­streits ver­bleibt es im Be­zug auf das erst­in­stanz­li­che Ver­fah­ren bei der erst­in­stanz­li­chen Kos­ten­ent­schei­dung. Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens trägt der Be­klag­te.

3. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen Schmer­zens­geld­an­spruch des Klägers und die Kos­ten für die Er­stel­lung ei­nes Arzt­be­rich­tes anläss­lich ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung in der Nacht vom 17.09.2006 auf den 18.09.2006.

Der Kläger war als Si­cher­heits­kraft Ar­beit­neh­mer bei der Fir­ma A GmbH. Durch Mit­ar­bei­ter­brief An­fang Sep­tem­ber 2006 (Bl. 15 d. A.) wur­de der Kläger darüber in­for­miert, dass ein Über­gang auf die Fir­ma W (K GmbH & Co. KG) er­folgt sei. In dem Mit­ar­bei­ter­brief hieß es, dass für das Ob­jekt K /Mes­se, in dem der Kläger ein­ge­setzt war, Herr M B als Ein­satz­lei­ter für den Be­reich Si­cher­heits­diens­te ge­won­nen wor­den sei. Der Be­klag­te war eben­falls bei der Fir­ma W tätig und fun­gier­te nach sei­ner Dar­stel­lung als maßgeb­li­cher Nacht­ein­satz­lei­ter.

In der Nacht vom 17.09.2006 auf den 18.09.2006 kam es zwi­schen den Par­tei­en nach 24:00 Uhr zu ei­nem Streit über die ord­nungs­gemäße Erfüllung der Be­wa­chungs­auf­ga­ben durch den

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Kläger. Im Ver­lauf die­ser ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung ver­trat der Kläger den Stand­punkt, dass der Be­klag­te ihm ge­genüber nicht wei­sungs­be­fugt sei, weil die Ar­beit­ge­be­rin nun­mehr Herrn B als zuständi­gen Ein­satz­lei­ter be­nannt ha­be.

Ei­ni­ge Zeit nach die­ser ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung, et­wa ge­gen 02:50 Uhr kehr­te der Be­klag­te an den Ar­beits­ein­satz­ort des Klägers zurück.

Es kam er­neut zu ei­ner ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung, so­dann zu ei­ner körper­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung.

Et­wa fünf St­un­den später, ge­gen 07:50 Uhr am 20.09.2006, wur­de der Kläger in der Not­fall­am­bu­lanz des S -Kran­ken­hau­ses in H un­ter­sucht. In dem Be­richt des be­han­deln­den Arz­tes (Durch­gangs­arzt­be­richt) von 07:50 Uhr ist Fol­gen­des aus­geführt:

"Pa­ti­ent klagt über Schmer­zen des Schädels so­wie der HWS. Es zeigt sich ein Häma­tom mit Haut­abschürfun­gen und über der rech­ten Wan­ge so­wie ei­ne Lip­pen­schwel­lung (Un­ter­lip­pe) Na­cken­myo­ge­lo­sen, Durch­blu­tung, Sen­si­bi­lität, Mo­to­rik sind er­hal­ten. Kei­ne neu­ro­lo­gi­sche Sym­pto­ma­tik. Kein Er­bre­chen.

Rönt­gen­er­geb­nis: 

Schädel in zwei Ebe­nen: Kei­ne Frak­tu­ren.

HWS: deut­lich de­ge­ne­ra­ti­ve Verände­run­gen mit Steil­stel­lung Dens o. K. 

Erst­dia­gno­se: 

HWS Dis­tor­si­on, Schädel­prel­lung 

Haut­abschürfun­gen rech­te Wan­ge" 

Am 21.09.2006 stell­te sich der Kläger so­dann bei ei­nem wei­te­ren Arzt vor. Im Be­richt des Durch­gangs­arz­tes steht

als Un­fall­tag 18.06.2006. 

Un­fall­ort: P Platz K Mes­se, 

Un­fall­her­gang Pa­ti­ent ist von Kol­le­gen mit Faust aufs rech­te Ohr und mit Schlüssel­ket­te und rech­te Au­gen­braue ge­schla­gen wor­den.

Ver­hal­ten des Ver­si­cher­ten nach dem Un­fall: erst nach Hau­se und am nächs­ten Mor­gen 19
hier­her.

Am 21.09.2006 stell­te sich der Kläger ei­nem wei­te­ren Arzt vor, der ihm ei­ne Ar­beits­unfähig­keit vom 21.09.2006 bis 01.10.2006 be­schei­nigt und als Dia­gno­se

Schädel­prel­lung
V. a. Com­mo­tio ce­re­bri
Platz­wun­de an der rech­ten Ohr­mu­schel, am Kinn und der Un­ter­lip­pe

be­schei­nigt und aufführt, dass die Erst­ver­sor­gung am 18.09.2006 im S -Kran­ken­haus in H statt­fand.

Mit der am 14.03.2007 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat der Kläger ein Schmer­zens­geld in Höhe von min­des­tens 2.500,00 € ver­langt so­wie die Er­stat­tung der Kos­ten für den Arzt­be­richt vom 21.09.2006 in Höhe von 17,43 €.

Zur Be­gründung hat der Kläger vor­ge­tra­gen, der Be­klag­te sei ei­ni­ge Zeit nach der ers­ten ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung zurück­ge­kom­men und ha­be ein weißes Tuch oder ei­nen Ver­band

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um sei­ne Hand ge­hal­ten, dar­un­ter ha­be sich ei­ne sog. Sch­ließer­ket­te be­fun­den. Voll­kom­men un­er­war­tet und über­ra­schend ha­be der Be­klag­te dann so stark ge­gen den Kopf des Klägers und auf sein lin­kes Ohr ge­schla­gen, dass er zu Bo­den ge­gan­gen und sei­ne Bril­le durch den Schlag ver­lo­ren ha­be. Er ha­be ei­nen star­ken Schmerz mit Ohr­geräuschen gespürt. Als er ver­sucht ha­be auf­zu­ste­hen, ha­be der Be­klag­te ihn er­neut mehr­mals auf Wan­ge und die rech­te Au­gen­braue ge­schla­gen. Nach min­des­tens fünf wei­te­ren Schlägen sei es ihm dann end­lich ge­lun­gen, als sich der Be­klag­te über ihn ge­beugt ha­be, des­sen Kra­wat­te zu fas­sen und ihn da­durch her­un­ter­zu­zie­hen und an wei­te­ren Schlägen zu hin­dern. Er ha­be aus Mund, Lip­pe und am Kinn ge­blu­tet. In die­ser Si­tua­ti­on ha­be ihn der Ein­satz­lei­ter, Herr C von S an­ge­trof­fen und den Kläger dann nach Hau­se ge­schickt.

Der Kläger hat be­an­tragt, 

1. den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an den Kläger ei­nen der Höhe nach in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stell­tes Schmer­zens­geld, min­des­tens aber in Höhe von 2.500,00 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit (28.03.2007) zu zah­len.

2. den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 17,43 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit (für den Arzt­be­richt) zu zah­len.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt, 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 

Der Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen, er ha­be den Kläger bei dem ers­ten Zu­sam­men­tref­fen schla­fend an­ge­trof­fen. Er ha­be den Kläger le­dig­lich auf­ge­for­dert, sei­nen Stand­ort der­art zu wech­seln und auf die an­de­re Sei­te des Plat­zes zu ge­hen, um von dort ei­nen vollständi­gen Über­blick über die P zu ha­ben. Der Kläger ha­be die­se An­wei­sung ver­wei­gert und ihm – den Be­klag­ten – be­lei­digt.

Er – der Be­klag­te – ha­be dann sei­ne Rundgänge fort­ge­setzt und an­de­re Hal­len auf der K /Mes­se in­spi­ziert. Ge­gen 02:50 Uhr ha­be er dann den Kläger er­neut an­ge­trof­fen. Er – der Be­klag­te – ha­be den Kläger dann noch­mal auf den Vor­fall, dass der Kläger während der Ver­rich­tung sei­ner Wachtätig­keit ge­schla­fen ha­be, an­spre­chen wol­len. Da­zu sei es aber nicht mehr ge­kom­men, weil der Kläger so­fort in ag­gres­si­ver Wei­se auf ihn zu­ge­tre­ten sei mit den Wor­ten, wer er denn ei­gent­lich sei. Die Re­ak­ti­on des Klägers ha­be schließlich dar­in be­stan­den, ihn, den Be­klag­ten, hef­tig am Re­vers zu pa­cken und zu schütteln. Um den Kläger ab­zu­weh­ren, ha­be er dem Kläger ei­nen Schlag ver­setzt. Die­ser Schlag ha­be le­dig­lich den Sinn ge­habt, den Kläger wie­der auf Ab­stand zu brin­gen. Un­rich­tig sei, dass er in der Hand ei­nen Ge­gen­stand oder gar ei­ne Sch­ließer­ket­te ge­hal­ten ha­be und mit die­ser den Schlag aus­geführt ha­be. Es sei auch nicht rich­tig, dass er vor der Aus­ein­an­der­set­zung ei­nem Herrn Ö ge­genüber mit­ge­teilt ha­be, dass er nun zum Kläger ge­hen wer­de und ihm ei­ne Lek­ti­on er­tei­len wer­de. Un­rich­tig sei fer­ner, dass der Kläger zu Bo­den ge­gan­gen und sei­ne Bril­le durch den Schlag ver­lo­ren ha­be. Viel­mehr ha­be der Kläger auf sei­nen Schlag mit der Hand ver­sucht, ihm, dem Be­klag­ten, ei­nen Kopfs­toß zu ver­set­zen. Da­bei sei sei­ne Bril­le her­un­ter­ge­rutscht. Der Kläger ha­be ihn so­dann be­lei­digt und be­droht.

Durch Ur­teil vom 13.02.2008 hat das Ar­beits­ge­richt der Kla­ge in Höhe ei­nes Schmer­zens­geld­an­spruchs in Höhe von 800,00 € so­wie hin­sicht­lich der Er­stat­tung der Arzt­be­richts­kos­ten in Höhe von 17,43 € statt­ge­ge­ben und die Kla­ge im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, ein Schmer­zens­geld­an­spruch sei ge­recht­fer­tigt, weil der Be­klag­te den Kläger ge­schla­gen ha­be. So­weit der Be­klag­te be­strei­te, dass die ärzt­li­cher­seits fest­ge­stell­ten Ver­let­zun­gen auf sei­nen Hand­lun­gen be­ru­he, spre­che ein An­scheins­be­weis ge­gen ihn. Ei­nen al­ter­na­ti­ven Ge­sche­hens­ab­lauf, auf­grund des­sen der Kläger sich die um 07:50 Uhr fest­ge­stell­ten ob­jek­ti­vier­ba­ren Ver­let­zun­gen hätte zu­zie­hen können, ha­be der Be­klag­te nicht vor­ge­tra­gen.

Ein Schmer­zens­geld­be­trag von 800,00 € sei aus­rei­chend und an­ge­mes­sen an­ge­sichts der am 

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18.09.2006 fest­ge­stell­ten Ver­let­zun­gen. Die wei­te­ren im ärzt­li­chen At­test vom 21.09.2006 auf­geführ­ten Ver­let­zun­gen sei­en hin­ge­gen nicht zu berück­sich­ti­gen.

Ge­gen die­ses Ur­teil hat nur der Be­klag­te Be­ru­fung ein­ge­legt. 

Zur Be­gründung trägt der Be­klag­te vor, dem Kläger ste­he kein Schmer­zens­geld zu. Der Be­klag­te ha­be le­dig­lich dem Kläger ei­nen ein­zi­gen un­ge­ziel­ten Schlag ver­setzt, um den Kläger auf Ab­stand zu hal­ten. Auf die im Arzt­be­richt vom 18.09.2006 auf­geführ­ten Ver­let­zun­gen könne sich der Kläger nicht be­ru­fen. Die­ser erst ca. sechs St­un­den nach dem Vor­fall er­stell­te Be­richt ha­be kei­ne Aus­sa­ge­kraft. Der Be­klag­te wis­se nicht, wo sich der Kläger in der Zeit zwi­schen dem Vor­fall und dem ärzt­li­chen Be­richt auf­ge­hal­ten und in wel­cher Ge­sell­schaft er sich be­fun­den ha­be. Es sei auch nicht Auf­ga­be des Be­klag­ten, ei­nen al­ter­na­ti­ven Ab­lauf vor­zu­tra­gen. Der Kläger ha­be dies­bezüglich sei­ner Dar­le­gungs- und Be­weis­last nicht genügt. Es sei auch in­kon­se­quent, dass das Ar­beits­ge­richt die Ver­let­zungs­fol­gen, die in dem At­test vom 18.09.2006 auf­geführt sei­en, als Fol­ge des Han­delns des Be­klag­ten an­se­he, während dies für die in den At­tes­ten vom 21.09.2006 auf­geführ­ten Ver­let­zun­gen ver­neint wer­de.

Der Be­klag­te be­an­tragt 

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 13.02.2008 – 3 Ca 2145/07 – die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt, 

die Be­ru­fung des Be­klag­ten kos­ten­pflich­tig zurück­zu­wei­sen. 

Der Kläger ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. So­weit der Be­klag­te nun­mehr be­haup­te, er ha­be 40 nur mit der fla­chen Hand ge­schla­gen, wer­de dar­auf ver­wie­sen, dass der Be­klag­te in sei­ner ursprüng­li­chen Kla­ge­er­wi­de­rung selbst mit­ge­teilt ha­be, dass er mit ei­nem "Schlag" ver­sucht ha­be, den Kläger ab­zu­weh­ren. Der Be­klag­te könne auch nicht in Ab­re­de stel­len, dass durch den Schlag das Häma­tom ent­stan­den sei, selbst bei ei­nem Schlag mit der fla­chen Hand sei es üblich, dass bei nicht un­er­heb­li­cher Wucht, mit der der Be­klag­te zu­ge­schla­gen ha­be, ein Häma­tom ent­ste­he. Al­le vor­ge­tra­ge­nen Ver­let­zun­gen be­ruh­ten kau­sal auf dem Ver­hal­ten – mit­hin den Schlägen – des Be­klag­ten.

We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie auf den Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils ver­wie­sen.

 

Ent­scheid u n g s g r ü n d e :

Die zulässi­ge, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te und be­gründe­te Be­ru­fung hat­te in der Sa­che kei­nen Er­folg.

Zu Recht hat das Ar­beits­ge­richt den Be­klag­ten zur Zah­lung ei­nes Schmer­zens­gel­des in Höhe von 800,00 € und zur Zah­lung der Arzt­be­richts­kos­ten in Höhe von 17,43 € ver­ur­teilt.

I. Der Kläger hat ge­gen den Be­klag­ten ei­nen Schmer­zens­geld­an­spruch gemäß § 823 Abs. 1 i. V. m. § 253 Abs. 2 BGB.

1. Der Be­klag­te hat be­reits nach dem un­strei­ti­gen Sach­ver­halt ei­ne Körper­ver­let­zung be­gan­gen. 

Der Be­klag­te hat in­so­weit selbst vor­ge­tra­gen, dass er dem Kläger ei­nen Schlag ver­setzt hat. Be­reits erst­in­stanz­lich hat­te der Be­klag­te in­so­weit zu­ge­stan­den, wie aus dem Schrift­satz der Be­klag­ten­sei­te vom 15.06.2007 S. 4 (Bl. 49 d. A.) her­vor­geht, dem Kläger ei­ne Ohr­fei­ge ver­setzt zu ha­ben. Auch in sei­ner Be­ru­fungs­be­gründung vom 04.08.2008 S. 1 (Bl. 90 d. A.) ge­steht der Be­klag­te zu, dem Kläger ei­nen ein­zi­gen un­ge­ziel­ten Schlag ver­setzt zu ha­ben. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt am 27.10.2008 hat der Be­klag­te die­sen Sach­ver­halt bestätigt und da­hin­ge­hend präzi­siert, dass er mit der lin­ken Hand an die rech­te Kopf­sei­te des Klägers ge­schla­gen hat.

Da­bei kann zu­guns­ten des Be­klag­ten un­ter­stellt wer­den, dass er, oh­ne ei­nen Ge­gen­stand in der

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Hand zu ha­ben, ge­schla­gen hat und dass es nur ein Schlag mit der fla­chen Hand war. Denn auch bei An­nah­me die­ser für den Be­klag­ten güns­ti­gen Umstände ver­bleibt es da­bei, dass der Schlag mit der fla­chen Hand an den Kopf des Kon­tra­hen­ten ei­ne Körper­ver­let­zung dar­stellt. Denn ei­ne Körper­ver­let­zung liegt nicht nur dann vor, wenn ei­ne Ge­sund­heits­be­ein­träch­ti­gung er­folgt, son­dern auch dann, wenn ei­ne körper­li­che Miss­hand­lung vor­ge­nom­men wird. Dies ist aber in der Re­gel be­reits bei der Ver­ab­rei­chung ei­ner Ohr­fei­ge ge­ge­ben (s. BGH Urt. v. 07.03.1990 – 2 StR 615/89, NJW 1990, S. 3156; Schönke/Schröder, StGB, 27. Aufl. 2006 Rz. 4 a).

Aus die­sem Grund kommt es für die Körper­ver­let­zung auch nicht dar­auf an, ob die Ver­let­zungs­fol­gen, die in dem ärzt­li­chen At­test, oder in den At­tes­ten vom 21.09.2006 auf­geführt sind, durch den Schlag des Be­klag­ten aus­gelöst wor­den sind. Denn die Ohr­fei­ge selbst stellt un­abhängig von mögli­chen Ver­let­zungs­fol­gen be­reits die tat­be­stand­li­che Körper­ver­let­zung dar.

2. Die Ver­let­zungs­hand­lung des Be­klag­ten war, selbst wenn man sei­nen Vor­trag bezüglich des vor­he­ri­gen Ge­sche­hens als rich­tig zu­grun­de legt, nicht ge­recht­fer­tigt. Denn nach dem Vor­trag des Be­klag­ten hat­te der Kläger den Be­klag­ten le­dig­lich am Re­vers ge­packt und fest­ge­hal­ten. An­ge­sichts des­sen war es kei­ne adäqua­te Ver­tei­di­gungs­re­ak­ti­on, den Kläger zu schla­gen. Es hätte genügt, die Hände des Klägers zu er­grei­fen und vom Re­vers zu lösen. Die vom Be­klag­ten ge­schil­der­te Si­tua­ti­on mach­te in kei­ner Wei­se die An­wen­dung von körper­li­cher Ge­walt in Ge­stalt ei­nes Schla­ges als Ver­tei­di­gungs­re­ak­ti­on not­wen­dig.

3. Steht da­mit die Körper­ver­let­zung fest, be­stimmt sich die Höhe des Schmer­zens­gel­des nach § 50 253 Abs. 2 BGB. Da­bei ist die Kam­mer der Auf­fas­sung, dass be­reits un­ter Zu­grun­de­le­gung des Vor­trags der Be­klag­ten­sei­te und oh­ne Berück­sich­ti­gung der in den At­tes­ten vom 18. und 21.09.2006 ge­schil­der­ten Ver­let­zun­gen ein Schmer­zens­geld in Höhe von 800,00 € an­ge­mes­sen ist. Wären die in den At­tes­ten auf­geführ­ten Ver­let­zun­gen zu­tref­fend, wäre nach An­sicht der Kam­mer ein um ein Mehr­fa­ches höhe­res Schmer­zens­geld an­ge­mes­sen.

Nach § 253 Abs. 2 BGB ist bei der Ver­let­zung des Körpers ei­ne bil­li­ge Entschädi­gung in Geld fest­zu­set­zen. Bei der Be­mes­sung des nach Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­ten fest­zu­set­zen­den Schmer­zens­geld­an­spruchs ist die Funk­ti­on des Schmer­zens­gel­des zu berück­sich­ti­gen. Es hat ei­ne dop­pel­te Funk­ti­on und soll ei­ner­seits dem Ver­letz­ten ei­nen Aus­gleich für er­lit­te­ne Schmer­zen und Lei­den ver­schaf­fen, an­de­rer­seits der Ge­nug­tu­ung des Ver­letz­ten die­nen (s. Pa­landt, BGB 67. Aufl. 2008 § 253 BGB Rz. 11). Da­bei kommt der Ge­nug­tu­ungs­funk­ti­on ins­be­son­de­re bei Vor­satz­ta­ten be­son­de­res Ge­wicht zu.

Selbst bei Aus­blen­dung der vom Kläger gel­tend ge­mach­ten Ver­let­zungs­fol­gen ist hier fest­zu­hal­ten, dass es sich um ei­ne vorsätz­li­che Körper­ver­let­zung des Be­klag­ten durch das Ver­ab­rei­chen zu­min­dest ei­ner Ohr­fei­ge han­del­te. Zu berück­sich­ti­gen ist des­wei­te­ren, dass die­se Ver­let­zungs­hand­lung zu­min­dest zu er­heb­li­chen Schmer­zen bei dem Kläger geführt hat.

Ent­schei­dend ist für die Kam­mer zu­dem, dass der Be­klag­te die­se vorsätz­li­che Ver­let­zungs­hand­lung in sei­ner Rol­le als Vor­ge­setz­ter be­gan­gen hat. Der Be­klag­te nimmt für sich in An­spruch, Nacht­schicht­lei­ter ge­we­sen zu sein. Als Vor­ge­setz­ter hat­te er da­mit ei­ne Vor­bild­funk­ti­on. Als Vor­ge­setz­ter durf­te er nicht den Ein­druck auf­kom­men las­sen, als würden in­ner­be­trieb­li­che Kon­flik­te et­wa über die Qua­lität der Ar­beit durch körper­li­che Ge­walt gelöst wer­den. Erst recht konn­te er nicht selbst vorsätz­lich zu körper­li­cher Ge­walt grei­fen, um ei­nen Kon­flikt mit ei­nem ihm un­ter­stell­ten Mit­ar­bei­ter zu lösen. Für ei­nen Mit­ar­bei­ter ist es des­wei­te­ren be­son­ders demüti­gend, von ei­nem Vor­ge­setz­ten auf­grund ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung über die Art und Wei­se der Ar­beits­er­brin­gung ge­schla­gen zu wer­den.

Be­reits die­se Umstände recht­fer­ti­gen ein Schmer­zens­geld in Höhe von 800,00 €. Ob die vom Kläger gel­tend ge­mach­ten und at­tes­tier­ten Ver­let­zun­gen auf der Hand­lung des Be­klag­ten be­ru­hen, kann folg­lich da­hin­ste­hen.

Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen ei­ne Ver­ur­tei­lung zur Schmer­zens­geld­zah­lung in Höhe von 800,00 € konn­te da­her kei­nen Er­folg ha­ben.

II. Auch die Be­ru­fung hin­sicht­lich der Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung der Arzt­be­richts­kos­ten in Höhe 

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von 17,43 € hat­te kei­nen Er­folg. Der An­spruch des Klägers folgt aus § 823 Abs. 1 BGB. Adäqua­te Fol­ge der Ver­let­zungs­hand­lung des Klägers war, dass der Kläger sich ärzt­lich un­ter­su­chen las­sen muss­te. Die Un­ter­su­chungs- und Be­richts­kos­ten sind Teil des vom Be­klag­ten zu tra­gen­den Scha­dens.

III. Ins­ge­samt hat­te die Be­ru­fung des Be­klag­ten da­her kei­nen Er­folg und muss­te mit der Kos­ten­fol­ge des § 97 Abs. 1 ZPO zurück­ge­wie­sen wer­den.

Die Re­vi­si­on konn­te nicht zu­ge­las­sen wer­den, da die Rechts­sa­che kei­ne rechts­grundsätz­li­che Be­deu­tung hat­te und auch kein Fall von Di­ver­genz vor­lag.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil ist kein wei­te­res Rechts­mit­tel ge­ge­ben. 

Hin­sicht­lich ei­ner Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf die in § 72 a ArbGG auf­geführ­ten Vor­aus­set­zun­gen ver­wie­sen.

Dr. Grie­se

Dipl.-Ing. Eu­bel

Hölscher

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