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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/126

Kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­an­sprü­chen in­fol­ge von Krank­heit seit dem 02.08.2006

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt setzt das Schultz-Hoff-Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs um: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07
Ein Licht­blick bei lan­ger Krank­heit: Der Ur­laub bleibt künf­tig er­hal­ten.

20.07.2009. An­fang April be­rich­te­ten wir über ein grund­le­gen­des Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) zum Ur­laubs­recht (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/057 Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ent­spre­chend dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH).

Mit die­sem Ur­teil hat das BAG ent­schie­den, dass dass der in­fol­ge ei­ner län­ge­ren Krank­heit nicht ge­nom­me­ne Ur­laub ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zum Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) nicht mehr zum 31. März des Fol­ge­jah­res ver­fällt, son­dern dem Ar­beit­neh­mer dau­er­haft er­hal­ten bleibt, mög­li­cher­wei­se so­gar meh­re­re Jah­re lang (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07).

Das BAG-Ur­teil da­mals zu­nächst nur in Form ei­ner Pres­se­mel­dung des BAG be­kannt.  

In­zwi­schen hat das BAG die Ent­schei­dungs­grün­de der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich ge­macht. Sie sol­len im Fol­gen­den kurz be­spro­chen wer­den.

Der Fall des BAG: Ar­beit­neh­me­rin ist auf­grund ei­nes Schlag­an­falls von Ju­ni 2006 bis zum Aus­schei­den En­de Ja­nu­ar 2007 ar­beits­unfähig er­krankt und möch­te Ur­laubs­ab­gel­tung für 2006

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war von Au­gust 2005 bis zum 31.01.2007 in ei­ner kirch­li­chen Grund­schu­le als Er­zie­he­rin beschäftigt. Von An­fang Ju­ni 2006 bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31.01.2007 war sie auf­grund ei­nes Schlag­an­falls ar­beits­unfähig er­krankt.

Sie ver­lang­te im Kla­ge­we­ge Ab­gel­tung des von ihr in­fol­ge ih­rer Krank­heit nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs von neun Ta­gen für 2005 so­wie von 26 Ta­gen für 2006, ins­ge­samt et­wa 2.500 EUR. Der Rest­ur­laubs­an­spruch für 2005 war auf­grund ei­nes ein­zel­ver­trag­lich in Fällen von Krank­heit über den 31. März des Fol­ge­jah­res hin­aus verlänger­ten Über­tra­gungs­zeit­raums zu Be­ginn der Er­kran­kung noch nicht ver­fal­len.

Das Ar­beits­ge­richt Bonn und Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln wie­sen die Kla­ge ab, wo­hin­ge­gen das BAG ihr statt­gab und sich da­bei an der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) in Sa­chen Schultz-Hoff ori­en­tier­te (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06, C-520/06).

Recht­lich pro­ble­ma­tisch ist der Wort­laut der für Fälle die­ser Art ein­schlägi­gen Ge­set­zes­vor­schrift des deut­schen Ur­laubs­rechts, d.h. der Wort­laut von § 7 Abs.3 Sätze 1 bis 3 BUrlG. Sie lau­ten:

„Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Ka­len­der­jahr ist nur statt­haft, wenn drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe dies recht­fer­ti­gen. Im Fall der Über­tra­gung muss der Ur­laub in den ers­ten drei Mo­na­ten des fol­gen­den Ka­len­der­jahrs gewährt und ge­nom­men wer­den.“

Nach bis­he­ri­gem Verständ­nis die­ser Vor­schrift gehörte die Krank­heit zu den „in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründen“ für ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das Fol­ge­jahr. Dem­zu­fol­ge ver­fiel der Rest­ur­laub bei länge­rer Krank­heit im Ur­laubs­jahr zwar (noch) nicht zum 31. De­zem­ber des Ur­laubs­jahrs, wohl aber gemäß § 7 Abs.3 Satz 3 BUrlG mit dem Ab­lauf des 31. März des Fol­ge­jah­res.

Frag­lich ist, ob sich die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te über die­se an sich „kla­re“ ge­setz­li­che Vor­schrift hin­weg­set­zen können, um den eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben des EuGH-Ur­teils vom 20.01.2009 (C-350/06) Rech­nung zu tra­gen, oder ob ei­ne sol­che An­pas­sung des deut­schen Ur­laubs­rechts dem deut­schen Ge­setz­ge­ber vor­be­hal­ten ist.

BAG: Bei lan­ger Krank­heit en­det der Über­tra­gungs­zeit­raum nicht mehr am 31. März des Fol­ge­jah­res - das folgt aus ei­ner richt­li­ni­en­kon­for­men Fort­bil­dung des deut­schen Ur­laubs­rechts

Das BAG erörtert zunächst die Möglich­keit, durch ei­ne ein­schränken­de „Aus­le­gung“ der o.g. Vor­schrif­ten den Vor­ga­ben des EuGH Rech­nung zu tra­gen, lässt die­se Fra­ge dann aber of­fen.

Denn je­den­falls, so das BAG, ist ei­ne „richt­li­ni­en­kon­for­me Rechts­fort­bil­dung“ durch ei­ne am Zweck der Ge­set­zes­re­ge­lun­gen ori­en­tier­te Ein­schränkung der star­ren zeit­li­chen Gren­zen des § 7 Abs. 3 Satz 1, 3 und 4 BUrlG in Fällen krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res bzw. des Über­tra­gungs­zeit­raums möglich und auf­grund der eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben auch ge­bo­ten (Ur­teil, Rand­num­mer 64).

Da ei­ne Rechts­fort­bil­dung nach bis­he­ri­gem Verständ­nis auf sehr sel­te­ne Aus­nah­mefälle be­schränkt war, ist die­se Aus­sa­ge ein be­mer­kens­wer­tes Si­gnal dafür, dass das BAG künf­tig die Vor­ga­ben des EuGH noch kom­pro­miss­lo­ser bzw. di­rek­ter um­set­zen wird als dies bis­her be­reits der Fall war.

Darüber hin­aus erörtert das BAG die Fra­ge, ob nicht mögli­cher­wei­se den nun­mehr mit er­heb­li­chen Lohn­zu­satz­kos­ten be­las­te­ten Ar­beit­ge­bern ein Ver­trau­ens­schutz zu gewähren sei. Im­mer­hin weicht das BAG bei sei­ner Um­set­zung des Schultz-Hoff-Ur­teils des EuGH von sei­ner seit An­fang der 80er Jah­re ständi­gen Recht­spre­chung ab.

Hier stellt das BAG ent­schei­dend auf den Zeit­punkt ab, in dem das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Düssel­dorf be­kannt wur­de, nämlich auf den 02.08.2006 in dem Rechts­streit Schultz-Hoff (LAG Düssel­dorf, Be­schluss vom 02.08.2006, 12 Sa 486/06).

Die­ser Be­schluss des LAG Düssel­dorf bzw. sei­ner 12. Kam­mer war, so das BAG, der „vorläufi­ge Schluss­punkt“ ei­ner seit 1989 geübten Kri­tik des die­ser Kam­mer an der Recht­spre­chung des BAG zum Ver­fall von Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen bei krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit und gleich­zei­tig ei­ne ein­schnei­den­de Stei­ge­rung die­ser Kri­tik. Während nämlich das BAG die sei­ner Recht­spre­chung ent­ge­gen­ste­hen­den Ent­schei­dun­gen der 12. Kam­mer des LAG Düssel­dorf zu­vor im­mer auf­ge­ho­ben hat­te, war nun der EuGH zur Ent­schei­dung be­ru­fen.

Dem­zu­fol­ge muss­ten deut­sche Ar­beit­ge­ber spätes­tens ab dem 02.08.2006 da­mit rech­nen, dass der EuGH die vom LAG Düssel­dorf auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen ab­wei­chend von der bis­he­ri­gen ständi­gen Recht­spre­chung des BAG und der herr­schen­den ar­beits­recht­li­chen Mei­nung be­ant­wor­ten könn­te.

Sch­ließlich weist das BAG die Kla­ge in­so­weit ab, als mit ihr auch die Ab­gel­tung des ver­trag­li­chen, d.h. des den ge­setz­li­chen Vier­wo­chen­an­spruch über­stei­gen­den Ur­laubs­an­spruchs ver­langt wur­de. Die­ser Teil des Ur­laubs­an­spruchs der Kläge­rin ist nämlich nicht von der ein­schlägi­gen EU-Richt­li­nie vor­ge­ge­ben, die viel­mehr eben­so wie das deut­sche BUrlG nur ei­nen vierwöchi­gen Min­des­t­ur­laub vor­schreibt.

Fa­zit: Das BAG setzt das Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH vollständig und im We­sent­li­chen oh­ne Ver­trau­ens­schutz für die fi­nan­zi­ell be­las­te­ten Ar­beit­ge­ber im deut­schen Ur­laubs­recht um

Die Ur­teils­gründe ma­chen deut­lich, dass das BAG kei­ne kom­pe­tenz- bzw. ver­fas­sungs­recht­li­chen Pro­ble­me für ei­ne kon­se­quen­te Um­set­zung der EuGH-Ent­schei­dung in Sa­chen Schultz-Hoff sieht.

Auch Ver­trau­ens­schutz wird nicht gewährt bzw. al­len­falls für die Zeit vor dem 02.08.2006 an­ge­deu­tet.

Aus Ar­beit­ge­ber­sicht heißt dies, dass auf „Jahr und Tag“ hin er­krank­te Ar­beit­neh­mer an­ders als bis­her ein er­heb­li­ches fi­nan­zi­el­les Ri­si­ko be­deu­ten, so dass hier in Zu­kunft ver­mut­lich stärker als bis­her über den Aus­spruch krank­heits­be­ding­ter Kündi­gun­gen nach­ge­dacht wer­den dürf­te.

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Letzte Überarbeitung: 26. März 2018

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