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BAG, Ur­teil vom 14.02.2017, 9 AZR 207/16

   
Schlagworte: Urlaub, Tarifvertrag
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 9 AZR 207/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 14.02.2017
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Kempten, Urteil vom 24.09.2015, 5 Ca 749/15
Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 02.02.2016, 6 Sa 937/15
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

9 AZR 207/16
6 Sa 937/15
Lan­des­ar­beits­ge­richt
München

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
14. Fe­bru­ar 2017

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 14. Fe­bru­ar 2017 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und

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Zim­mer­mann so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Frank und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Neu­mann-Red­lin für Recht er­kannt:

1. Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts München vom 2. Fe­bru­ar 2016 - 6 Sa 937/15 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen Er­satz­ur­laubs­an­spruch des Klägers. 

Der Kläger ist seit dem 3. No­vem­ber 1975 bei der Be­klag­ten als Be­triebs­schlos­ser beschäftigt. Im Ar­beits­ver­trag vom 31. Ok­to­ber 1975 ver­ein­bar­ten die Par­tei­en die An­wen­dung des Man­tel­ta­rif­ver­trags für die ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer in der Pa­pier, Pap­pe und Kunst­stof­fe ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie in der je­weils gülti­gen Fas­sung (MTV). § 15 MTV lau­tet aus­zugs­wei­se wie folgt:

„§ 15 Ur­laub, Ur­laubs­geld

I. All­ge­mei­ne Ur­laubs­be­stim­mun­gen

1. Der Ar­beit­neh­mer hat in je­dem Ur­laubs­jahr An­spruch auf be­zahl­ten Ur­laub. Das Ur­laubs­jahr ist das Ka­len­der­jahr.

...
...

7. Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ur­laubs­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Ur­laubs­jahr ist nur aus­nahms­wei­se statt­haft. Ur­laubs­ansprüche erlöschen, wenn sie nicht bis zum 31. März des fol­gen­den Jah­res gel­tend ge­macht sind.

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II. Ur­laubs­dau­er

1. Der ta­rif­li­che Jah­res­ur­laub al­ler Ar­beit­neh­mer ein­sch­ließlich der Ju­gend­li­chen beträgt 30 Ur­laubs­ta­ge.

...“

Im Jahr 2014 gewähr­te die Be­klag­te dem Kläger ins­ge­samt 19 Ur­laubs­ta­ge. Der Kläger war ab dem 13. Ok­to­ber 2014 durch­ge­hend bis ein­sch­ließlich 7. April 2015 ar­beits­unfähig krank. Mit sei­ner am 17. April 2015 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen und der Be­klag­ten am 22. April 2015 zu­ge­stell­ten Kla­ge hat er zu­letzt gel­tend ge­macht, dass ihm noch elf Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2014 zu­ste­hen. Mit Teil­ver­gleich vom 24. Sep­tem­ber 2015 ver­ein­bar­ten die Par­tei­en vor dem Ar­beits­ge­richt, dass dem Kläger noch ein Tag ge­setz­li­chen Ur­laubs aus dem Jahr 2014 zu­steht.

Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der noch of­fe­ne ta­rif­li­che Mehr­ur­laubs­an­spruch von zehn Ta­gen aus dem Jahr 2014 sei nicht mit Ab­lauf des 31. März 2015 ver­fal­len. Der MTV ent­hal­te bezüglich des Fris­ten­re­gimes kei­ne von den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen des BUrlG ab­wei­chen­den Be­stim­mun­gen.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt 

fest­zu­stel­len, dass ihm aus dem Jahr 2014 noch ein Rest­ur­laubs­an­spruch von zehn Ar­beits­ta­gen zu­steht.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der MTV ent­hal­te ein ei­ge­nes, vom BUrlG ab­wei­chen­des Fris­ten­re­gime. Die ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs­ta­ge des Klägers sei­en da­her mit Ab­lauf des 31. März 2015 ver­fal­len.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten ab­ge­wie­sen. Mit sei­ner Re­vi­si­on be­gehrt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung.

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Ent­schei­dungs­gründe

A. Die Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf Fest­stel­lung, dass ihm aus dem Jahr 2014 wei­te­re zehn Ur­laubs­ta­ge zu­ste­hen.

I. Die Fest­stel­lungs­kla­ge ist zulässig. Der Kläger hat ein recht­li­ches In­te 9 res­se dar­an, durch das Ge­richt fest­stel­len zu las­sen, dass ihm ge­gen die Be­klag­te ein aus dem Jahr 2014 re­sul­tie­ren­der Er­satz­ur­laubs­an­spruch zu­steht (§ 256 Abs. 1 ZPO). Die Fest­stel­lungs­kla­ge ist nicht we­gen des Vor­rangs der Leis­tungs­kla­ge un­zulässig (grdl. BAG 12. April 2011 - 9 AZR 80/10 - Rn. 11 bis 15, BA­GE 137, 328).

II. Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf Er­satz­ur­laub von zehn Ta­gen gemäß § 275 Abs. 1 und Abs. 4, § 280 Abs. 1 und Abs. 3, § 283 Satz 1, § 286 Abs. 1, § 287 Satz 2, § 249 Abs. 1 BGB. Der noch im Streit ste­hen­de ta­rif­li­che Mehr­ur­laub aus dem Jahr 2014 war ver­fal­len, be­vor Ver­zug hätte ein­tre­ten können.

1. Zu Be­ginn sei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit am 13. Ok­to 11 ber 2014 stan­den dem Kläger nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts ge­genüber der Be­klag­ten noch elf Ur­laubs­ta­ge zu. Nach dem ge­richt­li­chen Teil­ver­gleich vom 24. Sep­tem­ber 2015 wur­de ein Tag ge­setz­li­chen Ur­laubs bis längs­tens 31. März 2016 über­tra­gen. Die Par­tei­en strei­ten da­mit nur noch darüber, ob dem Kläger wei­te­re zehn Ta­ge ta­rif­li­cher Mehr­ur­laub aus dem Jahr 2014 zu­ste­hen.

2. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers ist der ta­rif­li­che Mehr­ur­laub ge 12 mäß § 15 Ab­schn. I Ziff. 7 des kraft ein­zel­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me an­wend­ba­ren MTV mit Ab­lauf des 31. März 2015 ver­fal­len.

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a) Der aus dem Jahr 2014 stam­men­de Ur­laub hätte - so­weit es den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub be­trifft - un­be­scha­det des Um­stands, dass der ge­setz­li­che Über­tra­gungs­zeit­raum grundsätz­lich am 31. März 2015 en­de­te (§ 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG), fort­be­stan­den. Auf­grund der Vor­ga­ben des Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (Ar­beits­zeit­richt­li­nie, ABl. EU L 299 vom 18. No­vem­ber 2003 S. 9) ist § 7 Abs. 3 BUrlG uni­ons-rechts­kon­form da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub nicht vor Ab­lauf von 15 Mo­na­ten nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res er­lischt, wenn der Ar­beit­neh­mer bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res und/oder des Über­tra­gungs­zeit­raums krank und des­halb ar­beits­unfähig ist (grdl. BAG 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - Rn. 23 ff., BA­GE 142, 371). Da die Ar­beits­unfähig­keit des Klägers vom 13. Ok­to­ber 2014 bis zum 7. April 2015 und so­mit über den 31. März 2015 an­dau­er­te, wäre der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub aus dem Jahr 2014 nicht mit Ab­lauf des 31. März 2015 un­ter­ge­gan­gen.

b) Die­se Grundsätze gel­ten nicht für den hier streit­ge­genständ­li­chen ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben ein vom BUrlG ab­wei­chen­des, ei­genständi­ges Fris­ten­re­gime ver­ein­bart.

Dem Un­ter­gang des Rest­ur­laubs aus dem Jahr 2014 am 31. März 2015 steht des­halb die bis zum 7. April 2015 an­dau­ern­de krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit des Klägers nicht ent­ge­gen.

aa) Ta­rif­ver­trags­par­tei­en können Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche, die den von Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­te­ten und von §§ 1, 3 Abs. 1 BUrlG be­gründe­ten An­spruch auf Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen über­stei­gen, frei re­geln (vgl. EuGH 3. Mai 2012 - C-337/10 - [Nei­del] Rn. 34 ff. mwN; BAG 12. April 2011 - 9 AZR 80/10 - Rn. 21, BA­GE 137, 328). Die­se Be­fug­nis schließt die Be­fris­tung des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs ein (BAG 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 760/10 - Rn. 18, BA­GE 143, 1).

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bb) Für ei­nen Re­ge­lungs­wil­len der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub ei­nem ei­ge­nen, von dem des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs ab­wei­chen­den Fris­ten­re­gime zu un­ter­stel­len, müssen deut­li­che An­halts­punk­te vor­lie­gen. Feh­len sol­che, ist von ei­nem Gleich­lauf des ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruchs und des An­spruchs auf ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub aus­zu­ge­hen. Ein Gleich­lauf ist nicht ge­wollt, wenn die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ent­we­der bei der Be­fris­tung und Über­tra­gung bzw. beim Ver­fall des Ur­laubs zwi­schen ge­setz­li­chem Min­des­t­ur­laub und ta­rif­li­chem Mehr­ur­laub un­ter­schie­den oder sich vom ge­setz­li­chen Fris­ten­re­gime gelöst und ei­genständi­ge, vom BUrlG ab­wei­chen­de Re­ge­lun­gen zur Be­fris­tung und Über­tra­gung bzw. zum Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs ge­trof­fen ha­ben (BAG 15. De­zem­ber 2015 - 9 AZR 747/14 - Rn. 14; 22. Mai 2012 - 9 AZR 575/10 - Rn. 12; zum Ver­zicht auf Über­tra­gungs­gründe vgl. BAG 14. Fe­bru­ar 2017 - 9 AZR 386/16 - Rn. 15).

cc) Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des MTV ha­ben den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub ei­nem ei­genständi­gen, vom BUrlG ab­wei­chen­den Fris­ten­re­gime un­ter­stellt.

Nach dem Wort­laut von § 15 Ab­schn. I Ziff. 7 MTV muss der Ur­laub im lau­fen­den Ur­laubs­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den (Satz 1) und er­lischt, wenn er nicht bis zum 31. März des fol­gen­den Jah­res gel­tend ge­macht wor­den ist (Satz 3). Dar­aus wird der Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en deut­lich, der Ar­beit­neh­mer könne sei­nen Ur­laub oh­ne be­son­de­re Gründe vom 1. Ja­nu­ar ei­nes Ka­len­der­jah­res bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res gel­tend ma­chen. Nach § 15 Ab­schn. I Ziff. 7 Satz 2 MTV ist ei­ne Über­tra­gung „auf“ das Fol­ge­jahr zwar nur aus­nahms­wei­se statt­haft. Der MTV enthält aber kei­ne Kri­te­ri­en, wann ein sol­cher Aus­nah­me­fall vor­lie­gen soll. Es han­delt sich da­her le­dig­lich um ei­ne rechts­fol­gen­lo­se Auf­for­de­rung an die Ta­rif­un­ter­wor­fe­nen, den Ur­laub im Re­gel­fall im Be­zugs­zeit­raum zu neh­men und zu gewähren. Da­mit weicht der MTV vom Fris­ten­re­gime des § 7 Abs. 3 Satz 1 bis Satz 3 BUrlG ab. Da­nach geht der nicht ge­nom­me­ne Ur­laub grundsätz­lich am 31. De­zem­ber des Ka­len­der­jah­res un­ter und wird nur bei Vor­lie­gen der ge­setz­li­chen Über­tra­gungs­gründe bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res über­tra­gen. Die ta­rif­li­che Re­ge­lung un­ter­schei­det sich

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vom BUrlG in­so­weit, als der Ur­laubs­an­spruch auch oh­ne das Vor­lie­gen von Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen zu­min­dest bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res be­steht und bis zu die­sem Zeit­punkt gel­tend ge­macht wer­den kann (vgl. zu ei­ner ähn­lich lau­ten­den Ta­rif­vor­schrift BAG 17. No­vem­ber 2015 - 9 AZR 275/14 - Rn. 28).

c) Der Kläger mach­te den streit­ge­genständ­li­chen Rest­ur­laubs­an­spruch aus dem Jahr 2014 erst im April 2015 gel­tend. Zu die­sem Zeit­punkt war der Ur­laub gemäß § 15 Ab­schn. I Ziff. 7 Satz 3 MTV be­reits ver­fal­len. Ein Er­satz­ur­laubs­an­spruch aus Ver­zug konn­te nicht ent­ste­hen.

B. Der Kläger hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

Brühler
Zim­mer­mann
Krasshöfer
Frank
Neu­mann-Red­lin

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