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ARBEITSRECHT AKTUELL // 02/04

Kün­di­gung we­gen Aus­kunfts­ver­wei­ge­rung zur Sta­si

Kün­di­gung we­gen ver­wei­ger­ter Er­klä­rung zu "Sta­si-Kon­tak­ten" - wer schweigt, der bleibt!: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 13.06.2002, 2 AZR 234/01
Rechte Hand mit roter Karte Auch 13 Jah­re nach der "Wen­de" bleibt die Sta­si ein The­ma
13.09.2002. In der Zeit nach der "Wen­de" in der ehe­ma­li­gen DDR sind in vie­len Fäl­len Ar­beit­neh­mer im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Tä­tig­keit für das ehe­ma­li­ge Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) ge­kün­digt wor­den.

Zur Be­grün­dung die­ser Kün­di­gun­gen, die meist auf ver­hal­tens­be­ding­te Grün­de ge­stützt wur­den, ha­ben sich die Ar­beit­ge­ber oft dar­auf be­ru­fen, daß die nach ih­rer Zu­sam­men­ar­beit mit dem MfS be­frag­ten Ar­beit­neh­mer die Un­wahr­heit ge­sagt ha­ben, al­so zum Bei­spiel ei­ne mehr oder min­der lan­ge zu­rück­lie­gen­de, mehr oder min­der er­heb­li­che Zu­sam­men­ar­beit mit dem MfS der Wahr­heit zu­wi­der ver­schwie­gen ha­ben.

Der Vor­wurf lau­te­te in die­sen Fäl­len al­so nicht, daß der Ar­beit­neh­mer für das MfS ge­ar­bei­tet hat­te, son­dern viel­mehr, daß er auf die Fra­ge nach ei­ner sol­chen Zu­sam­men­ar­beit ge­lo­gen hat­te.

Ob Ar­beit­ge­ber ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung "we­gen Sta­si" auch dar­auf stüt­zen kön­nen, dass der Ar­beit­neh­mer die Aus­kunft über et­wai­ge ehe­ma­li­ge Sta­si-Kon­tak­te ver­wei­gert, d.h. gar kei­ne Aus­kunft gibt, hat­te vor kur­zem das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu ent­schei­den: BAG, Ur­teil vom 13.06.2002, 2 AZR 234/01.

Auf wel­che Kündi­gungs­gründe können sich Ar­beit­ge­ber stützen, wenn sie Kündi­gun­gen we­gen frühe­rer Sta­si­kon­tak­te aus­spre­chen?

Wenn ein Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) in An­spruch neh­men kann, dann ist ei­ne or­dent­li­che bzw. frist­gemäße Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber nur wirk­sam, wenn sie auf ei­nen der drei im KSchG ge­nann­ten Gründe gestützt wer­den kann. Die­se Gründe sind:

  • Gründe in der Per­son des Ar­beit­neh­mers,
  • Gründe in sei­nem Ver­hal­ten oder
  • be­triebs­be­ding­te Gründe

Da­her un­ter­schei­det man schlag­wort­ar­tig zwi­schen ei­ner per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung, ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung und ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung.

Bei ei­ner Kündi­gung we­gen frühe­rer Sta­si­kon­tak­te kann sich der Ar­beit­ge­ber je nach den Umständen des Ein­zel­falls zwi­schen ei­ner per­so­nen­be­ding­ten oder ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung ent­schei­den.

Grob ge­sagt kommt ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung in Be­tracht, wenn der Ar­beit­neh­mer sei­ne frühe­re Sta­si-Tätig­keit of­fen zu­ge­ge­ben hat, denn dann hat er ge­genüber sei­nem jet­zi­gen Ar­beit­ge­ber zwar kei­ne Ver­trags­pflich­ten ver­letzt, ist aber in be­stimm­ten be­ruf­li­chen Po­si­tio­nen "nicht trag­bar", d.h. persönlich un­ge­eig­net.

Da­ge­gen kann der Ar­beit­ge­ber we­gen frühe­rer Sta­si-Tätig­keit aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen kündi­gen, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ne ihm ge­stell­te Fra­ge nach frühe­ren Sta­si-Kon­tak­ten der Wahr­heit zu­wi­der ge­leug­net hat. Der Pflicht­ver­s­toß be­steht auch hier nicht in der frühe­ren Sta­si-Tätig­keit, son­dern in dem Anlügen des jet­zi­gen Ar­beit­ge­bers.

Im dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ging es um die Fra­ge, ob die Kündi­gung ei­nes un­ter das KSchG fal­len­den Ar­beit­neh­mers aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen auch dann zulässig ist, wenn sich der Ar­beit­neh­mer auf Be­fra­gen über­haupt nicht zu ei­ner an­geb­li­chen, vom Ar­beit­ge­ber bloß ver­mu­te­ten Tätig­keit für das MfS äußern will, wenn er al­so nicht lügt, son­dern schweigt.

Der Fall des BAG: Re­dak­teu­rin will sich zu Sta­si-Kon­tak­ten nicht äußern und erhält dar­auf­hin die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung

Die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin gibt die "Märki­sche Oder­zei­tung" her­aus. Die­se ist die Nach­fol­ge­rin der zu DDR-Zei­ten von der SED-Be­zirks­lei­tung her­aus­ge­ge­be­nen Zei­tung "Der Neue Tag".

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin ist seit 1972 bei der Be­klag­ten bzw. bei de­ren Rechts­vorgänge­rin beschäftigt. Seit Ju­li 1978 ist sie als Re­dak­teu­rin ei­ner Lo­kal­re­dak­ti­on tätig. In den Räum­en der Lo­kal­re­dak­ti­on un­ter­hielt das ehe­ma­li­ge Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) ei­ne kon­spi­ra­ti­ve Woh­nung.

In der Zeit nach der Wen­de - Mit­te 1996 - for­der­te die Chef­re­dak­ti­on die Re­dak­teu­re auf, et­wai­ge Kon­tak­te zum ehe­ma­li­gen MfS mit­zu­tei­len. Al­le an­ge­spro­che­nen Mit­ar­bei­ter mit Aus­nah­me der Kläge­rin of­fen­bar­ten sich dar­auf­hin in ver­trau­li­chen Gesprächen.

Nach­dem die Chef­re­dak­ti­on er­fah­ren hat­te, daß auch die Kläge­rin über "Kon­tak­te" zum MfS verfügt ha­ben soll, kam es An­fang No­vem­ber 1999 zu Gesprächen zwi­schen den Par­tei­en. Die Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 15.12.1999 or­dent­lich bzw. frist­gemäß zum 30.09.2000, weil sie das nöti­ge Ver­trau­en in die Kläge­rin ver­lo­ren ha­be. Als Grund für den Ver­trau­ens­ver­lust nann­te die Ar­beit­ge­be­rin die Wei­ge­rung der Ar­beit­neh­me­rin, sich über ih­re an­geb­li­chen, von der Ar­beit­ge­be­rin nicht näher be­zeich­ne­ten "Sta­si-Kon­tak­te" aus­zu­spre­chen.

Als wei­te­ren Grund für die Kündi­gung be­rief sich die Ar­beit­ge­be­rin dar­auf, daß die Kläge­rin die über ein Gespräch vom 05.11.1999 ver­ein­bar­te Ver­trau­lich­keit ver­letzt und durch ei­nen Zei­tungs­ar­ti­kel die pu­bli­zis­ti­schen Grundsätze der Be­klag­ten mißach­tet ha­be.

Die Kläge­rin ist da­ge­gen der Mei­nung, daß die Kündi­gung un­wirk­sam sei und hat da­her Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben. Da bei der Zei­tung mehr als sechs Ar­beit­neh­mer beschäftigt wa­ren, muss­te der Ar­beit­ge­ber das KSchG be­ach­ten.

Im Pro­zeß ar­gu­men­tier­te die Re­dak­teu­rin, daß ihr nie­mals ei­ne kon­kre­te Tätig­keit für das MfS vor­ge­wor­fen wur­de. Sie sei auch nicht ver­pflich­tet, sich von sich aus zu "of­fen­ba­ren". Für das Gespräch vom 05.11.1999 sei kei­ne Ver­trau­lich­keit ver­ein­bart wor­den. Der von der Be­klag­ten be­an­stan­de­te Zei­tungs­ar­ti­kel ge­be le­dig­lich Mei­nungsäußerun­gen Drit­ter wie­der.

BAG: Die bloße Wei­ge­rung, sich zu Sta­si-Kon­tak­ten zu äußern, reicht nicht aus für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich der Mei­nung der Kläge­rin an­ge­schlos­sen und der Kündi­gungs­schutz­kla­ge statt­ge­ge­ben, d.h. es hat fest­ge­stellt, daß die von der Ar­beit­ge­be­rin aus­ge­spro­che­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung un­wirk­sam war. Sie ent­sprach nicht den An­for­de­run­gen des § 1 Abs. 2 KSchG.

Bei der Be­gründung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt auf fol­gen­de Ge­sichts­punk­te hin­ge­wie­sen:

Zwar können be­wußte Tätig­kei­ten für das MfS je nach den Umständen des Ein­zel­fal­les ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen; auch kann die fal­sche Be­ant­wor­tung ei­ner zulässi­gen kon­kre­ten Fra­ge nach Kon­tak­ten zum MfS ei­nen Kündi­gungs­grund bil­den.

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat die Be­klag­te je­doch we­der kon­kre­te MfS-Tätig­kei­ten der Kläge­rin be­haup­tet noch hat die Kläge­rin ei­ne kon­kre­te Fra­ge der Be­klag­ten falsch be­ant­wor­tet. Die bloße Wei­ge­rung der Kläge­rin, sich zu "of­fen­ba­ren", reicht für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung nicht aus.

Die wei­te­ren Vorwürfe der Be­klag­ten be­tref­fen ein­ma­li­ge Vorgänge, die al­len­falls nach er­folg­lo­ser Ab­mah­nung ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen könn­ten, so das BAG.

Sch­ließlich ver­warf das Bun­des­ar­beits­ge­richt auch den Auflösungs­an­trag der Ar­beit­ge­be­rin, den die­se un­ter Be­ru­fung auf § 9 Abs.1 Satz 2 KSchG ge­stellt hat­te. Nach die­ser Vor­schrift hat das Ge­richt im Fal­le der von ihm fest­ge­stell­ten Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung das Ar­beits­verhält­nis auf An­trag des Ar­beit­ge­bers trotz­dem auf­zulösen, "wenn Gründe vor­lie­gen, die ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer nicht er­war­ten las­sen."

Für die­se Umstände hat­te die Ar­beit­ge­be­rin nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts kei­ne aus­rei­chen­den Gründe vor­ge­tra­gen. Sie hat­te der Kläge­rin nämlich in die­sem Zu­sam­men­hang nur die Be­haup­tung vor­ge­wor­fen, sie - die Ar­beit­ge­be­rin - "wühle jetzt bei Gauck rum". Die­se Be­haup­tung al­ler­dings, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt, sei ei­ne "um­gangs­sprach­lich zu­ge­spitz­te, im in­halt­li­chen Kern aber nicht fal­sche Be­schrei­bung" des Ver­hal­tens der Ar­beit­ge­be­rin.

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Letzte Überarbeitung: 5. Januar 2014

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