HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/138

Der Zweck hei­ligt nicht im­mer die Mit­tel

Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung bei der Be­rech­nung von Be­schäf­ti­gungs­zei­ten: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 18.06.2009, C-88/08 (Hüt­ter)
Al­ters­un­ter­gren­zen kön­nen ge­gen EU-Recht ver­sto­ßen

05.08.2009. Ei­ne al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lung kann trotz le­gi­ti­mer so­zi­al­po­li­ti­scher Zie­le ei­ne ver­bo­te­te Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters sein, wenn die da­für ge­wähl­ten Mit­tel nicht zwecktaug­lich sind oder zu stark dis­kri­mi­nie­ren­de Be­glei­tef­fek­te mit sich zu brin­gen.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) zu ent­schei­den, ob es ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn bei der Er­mitt­lung von ver­gü­tungs­re­le­van­ten Dienst­jah­ren nur die nach dem 18. Le­bens­jahr zu­rück­ge­leg­te Be­schäf­ti­gungs­zeit be­rück­sich­tigt wird.

Da die Dienst­zei­ten für An­sprü­che der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer von Be­deu­tung sind, wer­den hier mög­li­cher­wei­se jün­ge­re Ar­beit­neh­mer ge­gen­über äl­te­ren Kol­le­gen un­zu­läs­sig be­nach­tei­ligt, d.h. dis­kri­mi­niert: EuGH, Ur­teil vom 18.06.2009, C-88/08 (Hüt­ter).

Wor lie­gen die Gren­zen von recht­lich er­laub­ten al­ters­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gun­gen im Er­werbs­le­ben?

Die EG-Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG) dient da­zu, Dis­kri­mi­nie­run­gen im Er­werbs­le­ben zu ver­hin­dern.

Doch nicht je­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern ist schon ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung. So kann z.B. ei­ne "ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne" Un­gleich­be­hand­lung we­gen Al­ters durch "le­gi­ti­me Zie­le" im Sin­ne von Art.6 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt sein. Die­se Zie­le können v.a. aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung stam­men. Wenn auch die Mit­tel zur Er­rei­chung sol­cher le­gi­ti­mer Zie­le "an­ge­mes­sen und er­for­der­lich" sind, ist ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters rech­tens, d.h. kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung.

Nach der Auf­fas­sung des EuGH ha­ben die Mit­glied­staa­ten so­wohl bei der Fest­le­gung der Zie­le, die mit Hil­fe von Al­ter­sun­gleich­be­hand­lun­gen er­reicht wer­den sol­len, als auch bei der Wahl der Mit­tel ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum.

Die­se Recht­spre­chung führt im Er­geb­nis da­zu, dass es an Recht­fer­ti­gungs­gründen für al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lun­gen nicht man­gelt, so dass das Grund­prin­zip (Ver­bot der un­ge­recht­fer­tig­ten Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters) in der Ge­fahr ist, aus­gehöhlt zu wer­den. Vor al­lem mit sei­nem Ur­teil vom 16.10.2007 (Rs. C-411/05 - Pa­la­ci­os de la Vil­la) hat der EuGH ei­nen großen Schritt in die­se Rich­tung un­ter­nom­men.

Auf­grund die­ser EuGH-Recht­spre­chung stellt sich die Fra­ge nach den Gren­zen des Spiel­raums, den die Mit­glieds­staa­ten bei der Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters ha­ben.

Vor kur­zem muss­te sich der EuGH mit die­ser Fra­ge auf der Grund­la­ge ei­nes Fal­les aus Öster­reich be­fas­sen. Er muss­te nämlich klären, ob ei­ne Re­ge­lung mit dem EU-Recht ver­ein­bar ist, die bei der Be­rech­nung der Dienst­al­ters­stu­fe öffent­lich-recht­lich Beschäftig­ter Dienst­zei­ten nicht er­fasst, die vor der Voll­endung des 18.Le­bens­jah­res lie­gen (Ur­teil vom 18.06.2009, Rs. C-88/08).

Der Fall: Un­ter­schied­li­che ta­rif­li­che Ein­stu­fung bei glei­chem Dienst­al­ter, da nur Dienst­zei­ten ab dem 18. Le­bens­jahr zählen

Herr Hütter, der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, ab­sol­vier­te zu­sam­men mit ei­ner Kol­le­gin et­was über vier Jah­re lang ei­ne Leh­re als Che­mie­la­bor­tech­ni­ker an der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Graz (TUG). Da­nach wur­den bei­de wei­te­re drei Mo­na­te an der TUG beschäftigt.

Rechts­grund­la­ge des Ar­beits­verhält­nis­ses ist das öster­rei­chi­sche Ver­trags­be­diens­te­ten­ge­setz (VBG). Da­nach dürfen für Rech­te, die von der Dau­er des Dienst­verhält­nis­ses oder der Be­rufs­er­fah­rung abhängen, vor Voll­endung des 18.Le­bens­jah­res im Dienst­verhält­nis zurück­ge­leg­te Zei­ten nicht berück­sich­tigt wer­den. Dies kann un­ter an­de­rem zu un­ter­schied­li­chen Ein­stu­fun­gen des Beschäftig­ten und da­mit zu ei­ner un­ter­schied­li­chen Vergütung führen.

Ge­nau das ge­schah Herrn Hütter im Ver­gleich zu sei­ner Kol­le­gin: Da sie 22 Mo­na­te älter als er war, hat­te sie ent­spre­chend länge­re gemäß VBG berück­sich­ti­gungsfähi­ge Dienst­zei­ten ab­sol­viert, wur­de des­halb höher ein­ge­stuft und er­hielt so­mit für die­sel­be Ar­beit und auf der Grund­la­ge der­sel­ben ob­jek­ti­ven Be­rufs­er­fah­rung mehr Geld als Herr Hütter.

Herr Hütter fühl­te sich da­her we­gen sei­nes Al­ters be­nach­tei­ligt, er­hob Kla­ge ge­gen die TUG und mach­te ei­ne Entschädi­gung in Höhe der Ge­halts­dif­fe­renz gel­tend.

Er ob­sieg­te in den ers­ten bei­den In­stan­zen. In der drit­ten In­stanz stell­te sich dem hier in Öster­reich zuständi­gen Obers­ten Ge­richts­hof die Fra­ge, ob die be­trof­fe­nen Re­ge­lun­gen des VBG mit der RL 2000/78/EG ver­ein­bar sind und reich­te die­se im Rah­men ei­nes Vor­la­ge­ver­fah­rens an den EuGH wei­ter.

EuGH: Das Aus­blen­den von Dienst­zei­ten vor dem 18. Le­bens­jahr ist ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, wenn hin­ter ei­ner sol­chen Re­ge­lung wi­dersprüchli­che Zie­le ste­hen

Der EuGH ent­schied, dass Re­ge­lun­gen wie die hier strei­ti­ge öster­rei­chi­sche dis­kri­mi­nie­rend sind (EuGH, Ur­teil vom 18.06.2009, C-88/08).

Da­bei nahm er oh­ne Wei­te­res die An­wend­bar­keit der RL 2000/78/EG an, denn schließlich wer­den Er­werbs­per­so­nen un­mit­tel­bar we­gen ih­res Le­bens­al­ters un­ter­schied­lich be­han­delt. Auf der an­de­ren Sei­te hielt der EuGH auch die mit dem VGB ver­folg­ten Zie­le für le­gi­tim, ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen.

Denn zum ei­nen sol­len jun­ge Leu­te durch die Al­ters­gren­ze ei­nen An­reiz er­hal­ten, statt (nur) ei­ner Be­rufschu­le ei­ne all­ge­mein­bil­den­de Se­kun­dar­schu­le zu be­su­chen. Auf die­se Wei­se soll ei­ne Be­nach­tei­li­gung von Se­kun­darschülern ge­genüber Be­rufsschülern ver­mie­den wer­den.

Und zum an­de­ren soll die Al­ters­gren­ze ver­hin­dern, dass die Aus­bil­dung von Be­rufsschülern teu­rer ist als die von Se­kun­darschülern. Ein sol­cher Ef­fekt würde sich bei al­ters­glei­cher Vergütung er­ge­ben, da der frühe­re Be­rufs­ein­tritt von Be­rufsschülern ins Er­werbs­le­ben zu länge­ren Dienst­zei­ten führen würde. Da­durch wie­der­um soll die Ein­glie­de­rung von Be­rufschülern in den Ar­beits­markt begüns­tigt wer­den.

Vor dem Hin­ter­grund die­ser of­fi­zi­el­len Zweck­set­zun­gen der öster­rei­chi­schen Re­ge­lun­gen kri­ti­sier­te der EuGH, dass die­se bei­den Ge­set­zes­zie­le mit­ein­an­der un­ver­ein­bar sind. Denn wenn das Aus­blen­den von Dienst­jah­ren vor dem 18. Le­bens­jahr ei­ner­seits den Be­such all­ge­mein­bil­den­der Schu­len bzw. den Ver­zicht auf ei­ne Be­rufs­schu­le fördern soll (und da­her Be­rufsschüler fi­nan­zi­ell schlech­ter stellt als an­de­re Be­rufs­anfänger), so kann die­sel­be Re­ge­lung schlecht po­li­tisch dafür her­hal­ten, die Ein­glie­de­rung von Be­rufschülern in den Ar­beits­markt zu befördern.

Auch wenn man zu­guns­ten der öster­rei­chi­schen Re­ge­lung an­nimmt, dass ein Ziel­kon­flikt (wie vom EuGH be­haup­tet) nicht be­steht, ist die Ziel­set­zung ins­ge­samt doch reich­lich un­klar. Denn ei­ne fi­nan­zi­el­le Gleich­be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern, die früh die Be­rufs­schu­le durch­lau­fen ha­ben, mit Ar­beit­neh­mern, die erst in höhe­rem Al­ter bzw. nach ei­nem all­ge­mein­bil­den­den Ab­schluss mit der Aus­bil­dung be­gon­nen ha­ben, kann je­den­falls mit der im VBG ent­hal­te­nen Re­ge­lung nicht er­reicht wer­den, da ja ge­ra­de um­ge­kehrt ei­ne fi­nan­zi­el­le Schlech­ter­stel­lung von Be­rufsschülern die ty­pi­sche Norm­fol­ge ist.

Im Er­geb­nis kommt das Ge­richt je­den­falls zu der - viel­leicht nicht zwei­fels­frei­en, aber nach­voll­zieh­ba­ren - Auf­fas­sung, dass VGB wol­le so­wohl Se­kun­darschüler als auch Be­rufsschüler auf Kos­ten der je­weils an­de­ren Per­so­nen­grup­pe fördern. Den Re­ge­lun­gen fehlt da­her nach An­sicht des Ge­richts die „in­ne­re Kohärenz".

Fa­zit: Das Ur­teil des EuGH in Sa­chen Hütter ist wich­tig, weil es die Tür für ei­ne Kon­trol­le un­zulässi­ger Al­ters­be­nach­tei­li­gun­gen wie­der wei­ter geöff­net hat. Schi­en das The­ma Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung nach der Ent­schei­dung in Sa­chen Pa­la­ci­os de la Vil­la prak­tisch „tot“, da die Mit­glieds­staa­ten prak­tisch be­lie­bi­ge so­zi­al- und ar­beits­markt­po­li­ti­sche Zie­le zur Recht­fer­ti­gung al­ters­be­ding­ter Un­gleich­be­hand­lun­gen ins Feld führen konn­ten, so will der EuGH nun an­schei­nend doch wie­der na­tio­na­le recht­li­che Un­ter­schei­dun­gen nach dem Al­ter ge­nau­er über­prüfen. Und nicht nur die Zie­le (oder Zielbündel) wer­den ge­nau­er durch­ge­checkt, auch die an­geb­lich ziel­taug­li­chen Mit­tel wer­den kri­ti­scher als bis­her über­prüft.

Dem­zu­fol­ge kann ei­ne al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lung trotz im Prin­zip le­gi­ti­mer so­zi­al­po­li­ti­scher Zie­le ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung sein, wenn die­se Zie­le völlig un­klar oder wi­dersprüchlich sind.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 25. Januar 2014

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de