HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/195

Bun­des­el­tern­geld nach Ge­halts­nach­zah­lung neu be­rech­nen!

Ge­halts­nach­zah­lun­gen sind ein dop­pel­ter Se­gen: Hes­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 03.03.2010, L 6 EG 16/09
Mann und Frau mit Kinderwagen Jun­ge Mut­ter er­strei­tet hö­he­res El­tern­geld
06.10.2010. El­tern­geld ist als Lohn­er­satz­leis­tung da­für ge­dacht, jun­gen Fa­mi­li­en Zeit für den Nach­wuchs zu ge­ben. Ob das wirt­schaft­lich tat­säch­lich mög­lich bleibt, kann im Ein­zel­fall frag­lich sein, da nur ein ge­wis­ser An­teil des re­gel­mä­ßi­gen Ein­kom­mens ge­zahlt wird.

Ent­spre­chend wich­tig ist ei­ne rich­ti­ge Be­rech­nung der be­an­spruch­ten Leis­tun­gen. Das Hes­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) hat hier im März die­sen Jah­res zu Guns­ten der El­tern ein­ge­grif­fen: Hes­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 03.03.2010, L 6 EG 16/09.

Sind Ge­halts­nach­zah­lun­gen für die Be­rech­nung von El­tern­geld wich­tig?

Gemäß § 2 Abs.1 Satz 1 Bun­des­el­tern­geld- und El­tern­zeit­ge­setz (BEEG) ha­ben Be­rech­tig­te (El­tern) An­spruch auf El­tern­geld in Höhe von 67 % des in den letz­ten 12 Ka­len­der­mo­na­ten vor der Ge­burt des Kin­des durch­schnitt­lich er­ziel­ten Mo­nats­ein­kom­mens. Es beträgt min­des­tens 300 Eu­ro und ma­xi­mal 1800 Eu­ro (§ 2 Abs.1 Satz 1, Abs.5 Satz 1 BEEG). Ge­zahlt wird der je­wei­li­ge Be­trag für vol­le Mo­na­te, in de­nen die be­rech­tig­te Per­son kein ei­ge­nes Ein­kom­men hat.

Bei der Fra­ge, was ge­nau Mo­nats­ein­kom­men ist, ori­en­tiert sich das so­zi­al­recht­li­che BEEG am Steu­er­recht. Dort gilt das so­ge­nann­te Zu­fluss­prin­zip. Für die Be­rech­nung des steu­er­pflich­ti­gen Ein­kom­mens sind da­nach nur Beträge bzw. Wer­te be­deut­sam, die der Steu­er­pflich­ti­ge tatsächlich er­hal­ten hat, d.h. die ihm zu­ge­flos­sen sind. So kann es pas­sie­ren, dass bei­spiels­wei­se ein ei­gent­lich für No­vem­ber 2009 ver­dien­tes Ge­halt, erst im Ja­nu­ar 2010 steu­er­lich berück­sich­tigt wer­den muss, wenn es erst dann aus­ge­zahlt wur­de.

Das El­tern­geld wur­de mit Wir­kung ab dem 01.01.2007 ein­geführt und er­setz­te das Er­zie­hungs­geld. Als Ent­gel­ter­satz soll es Mütter und Väter mo­ti­vie­ren, sich zeit­wei­se nicht dem Be­ruf, son­dern dem Kind zu wid­men.

Ob das aus wirt­schaft­li­chen Gründen über­haupt möglich ist, hängt nicht zu­letzt da­von ab, wie hoch ge­nau das El­tern­geld ausfällt. Ei­ne zen­tra­le Fra­ge ist da­mit, was Grund­la­ge der Be­rech­nung sein muss und wie eng die­se sich tatsächlich an steu­er­recht­li­chen Prin­zi­pi­en an­lehnt: Hes­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 03.03.2010, L 6 EG 16/09.

Der Fall: Ein Ar­beit­ge­ber zahlt jun­ger Mut­ter ver­spätet Lohn – Amt rech­net El­tern­geld klein

Die Kläge­rin ist als Verkäufe­r­in beschäftigt. Nach der Ge­burt ih­res Kin­des nahm sie von März 2003 bis Fe­bru­ar 2006 El­tern­zeit für sich in An­spruch. Of­fen­bar kam es da­bei zu Un­stim­mig­kei­ten mit ih­rem Ar­beit­ge­ber. Je­den­falls war sie ge­zwun­gen, ih­re Gehälter für das Jahr 2006 ein­zu­kla­gen. An­fang 2007 be­kam sie ihr zwei­tes Kind und stell­te En­de Fe­bru­ar 2007 An­trag auf El­tern­geld. In die­sem Zu­sam­men­hang benötig­te sie ei­ne Ver­dienst­be­schei­ni­gung des Ar­beit­ge­bers, in der die­ser aus­drück­lich be­ton­te, die Gehälter erst im Fe­bru­ar nach ei­nen Rechts­streit ge­zahlt zu ha­ben.

Dar­auf­hin be­kam die Kläge­rin zwar El­tern­geld be­wil­ligt, bei der Be­rech­nung wur­den je­doch die vom Ar­beit­ge­ber nach­ge­zahl­ten Beträge nicht berück­sich­tigt. Das in Hes­sen zuständi­ge Amt für Ver­sor­gung und So­zia­les mein­te, wie auch im Steu­er­recht sei nur der tatsächli­che Ein­kom­mens­zu­fluss maßgeb­lich.

Nach er­folg­lo­sem Wi­der­spruch reich­te die Verkäufe­r­in Kla­ge beim So­zi­al­ge­richt Gießen ein, dass der Kla­ge mit Ur­teil vom 19.05.2009 statt gab (S 12 EG 1/08). Es kam zur Be­ru­fung vor dem Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG).

Hes­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt: Bei Be­rech­nung des El­tern­gel­des auch ver­späte­te Lohn­zah­lun­gen berück­sich­ti­gen!

Das LSG bestätig­te sei­ne Vor­in­stanz, lies al­ler­dings die Re­vi­si­on zum Bun­des­so­zi­al­ge­richt zu, da es noch kei­ne ge­fes­tig­te höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung zu der Fra­ge gibt, in wel­cher Be­zie­hung ge­nau die Ein­kom­men­ser­mitt­lung nach BEEG und nach Ein­kom­men­steu­er­recht (EStG) ste­hen.

Aus sei­ner Ent­schei­dungs­be­gründung geht her­vor, dass zwar wie in § 2 Abs.7 Satz 2 BEEG vor­ge­se­hen die mo­nat­li­chen Lohn- und Ge­halts­be­schei­ni­gun­gen als Grund­la­ge der Ein­kom­men­ser­mitt­lung her­an­ge­zo­gen wer­den müssen. Die dort ent­hal­te­nen An­ga­ben sei­en je­doch nicht stets als bin­dend zu Grun­de zu le­gen. Viel­mehr sei­en Ab­wei­chun­gen und Un­rich­tig­kei­ten von der Behörde zu berück­sich­ti­gen oder mach­ten wei­te­re ei­ge­ne Er­mitt­lun­gen er­for­der­lich. Die Be­schei­ni­gun­gen die­nen da­nach nur im Aus­gangs­punkt der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung.

Sinn und Zweck der Re­ge­lun­gen des BEEG er­for­dern, so das Ge­richt wei­ter, das nach­ge­zahl­tes Ar­beits­ent­gelt nachträglich berück­sich­tigt wer­den müsse. Das El­tern­geld die­ne nämlich da­zu, Fa­mi­li­en bei der Si­che­rung ih­rer Le­bens­grund­la­ge zu un­terstützen, wenn sie sich die El­tern vor­ran­gig um die Be­treu­ung ih­rer Kin­dern kümmern. Es han­de­le sich um ei­ne Lohn­er­satz­leis­tung, die nach­hal­tig durch die mo­nat­li­chen Ein­nah­men aus Er­werbstätig­keit ge­prägt sei. Ent­spre­chen­de Nach­zah­lun­gen können da­her nicht mit ein­ma­li­gen Ein­nah­men wie Ur­laubs­geld auf ei­ne Stu­fe ge­stellt wer­den.

Das Amt muss da­her in die­sen Fällen das El­tern­geld neu be­rech­nen.

Fa­zit: Es ist sehr wahr­schein­lich, dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die­se Ent­schei­dung des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­rich­tes bestäti­gen wird. Schon für die Be­rech­nung von Un­ter­halts­geld, Ar­beits­lo­sen­geld und Kran­ken­geld hat es ent­schie­den, dass das rei­ne steu­er­recht­li­che Zu­fluss­prin­zip qua­si aus so­zia­len Gründen mo­di­fi­ziert wer­den muss. Auf El­tern­geld lässt sich die­se Ar­gu­men­ta­ti­on zwang­los über­tra­gen. Nach­zah­lun­gen auf lau­fen­den Lohn sind da­mit für Be­trof­fe­ne ein dop­pel­ter fi­nan­zi­el­ler Se­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 13. Juli 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27, 60325 Frankfurt a. M.
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05
E-Mail: frankfurt@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de