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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/109

Meint "Jung­mak­ler" jun­ge Mak­ler oder Be­rufs­ein­stei­ger?

Die Be­zeich­nung "Jung­mak­ler" in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung meint ei­nen Be­rufs­an­fän­ger und be­zieht sich nicht auf das Le­bens­al­ter mög­li­cher Be­wer­ber: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 09.09.2008, 38 Ca 4878/08
Wie weist man ei­ne al­ters­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung bei der Stel­len­be­set­zung nach?

25.06.2009. Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat in ei­nem knapp ge­fass­ten Ur­teil ent­schie­den, dass die Ab­leh­nung ei­nes äl­te­ren Be­wer­bers mit der Be­grün­dung, es wür­den nur "Jung­mak­ler" ge­sucht, kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt.

Al­ler­dings hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ser Ein­schät­zung, so dass die Par­tei­en sich in der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem LAG im We­ge des Ver­gleichs güt­lich auf ei­ne Ent­schä­di­gungs­zah­lung ei­nig­ten.

Im­mer­hin zeigt die Ent­schei­dung, dass ein­zel­ne ver­fäng­li­che For­mu­lie­run­gen in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung nicht un­be­dingt auf ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters schlie­ßen las­sen: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 09.09.2008, 38 Ca 4878/08.

Wel­che For­mu­lie­run­gen in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung sind ein In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters?

Beschäftig­te sind im Er­werbs­le­ben durch das am 18.08.2006 in Kraft ge­tre­te­ne All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) vor Dis­kri­mi­nie­run­gen geschützt. Zu den nach dem Ge­setz ver­bo­te­nen Fällen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung im Er­werbs­le­ben gehört auch die Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters, al­so z.B. die Ab­leh­nung ei­nes Stel­len­be­wer­bers we­gen sei­nes an­geb­lich zu jun­gen oder zu ho­hen Al­ters. Die­se Form der Be­nach­tei­li­gung war vor In­kraft­tre­ten des AGG nicht ver­bo­ten, son­dern im Rah­men der Ver­trags­frei­heit er­laubt.

Geschützt sind Beschäftig­te so­wohl ge­gen ei­ne un­mit­tel­ba­re als auch ge­gen ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung. Bei ei­ner un­mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters wird di­rekt an das Al­ter an­ge­knüpft, et­wa wenn in ei­ner Stel­len­an­zei­ge Verstärkung für „ein jun­ges dy­na­mi­sches Team“ ge­sucht wird.

Ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters liegt da­ge­gen vor, wenn das Al­ter schein­bar kei­ne Rol­le spielt, statt­des­sen aber ein Kri­te­ri­um, das in der Re­gel nur „Al­te“ oder nur „Jun­ge“ erfüllen. Das könn­te der Fall sein, wenn in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung Aka­de­mi­ker mit "langjähri­ger Führungs­er­fah­rung" ge­sucht wer­den, da die­se An­for­de­rung in der Re­gel nur älte­re Be­wer­ber erfüllen können.

Un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gun­gen we­gen des Al­ters sind aber kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung, wenn es für sie ei­nen le­gi­ti­men Grund gibt (§ 10 AGG).

Das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gilt gemäß § 11 in Ver­bin­dung mit § 7 AGG auch bei Stel­len­aus­schrei­bun­gen. Stel­len müssen da­her nicht nur ge­schlechts­neu­tral, son­dern auch al­ter­s­neu­tral aus­ge­schrie­ben wer­den, d.h. so, dass ein fach­lich ge­eig­ne­ter Be­wer­ber sich un­ge­ach­tet sei­nes Al­ters an­ge­spro­chen fühlen kann.

Be­wirbt sich ei­ne „zu jun­ge“ oder „zu al­te“ Per­son ernst­haft, aber oh­ne Er­folg auf ei­ne Stel­le, die im Hin­blick auf das Al­ter nicht neu­tral for­mu­liert ist, be­steht ei­ne Ver­mu­tung dafür, dass ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters vor­liegt. Der Ar­beit­ge­ber muss dann nach­wei­sen, dass die Ab­leh­nung des Be­wer­bers aus an­de­ren Gründen er­folg­te. Ge­lingt ihm das nicht, hat der Be­wer­ber An­spruch auf Scha­dens­er­satz, wo­bei die­ser in der Höhe auf drei Mo­nats­gehälter be­grenzt ist, wenn der Be­wer­ber auch dann nicht ein­ge­stellt wor­den wäre, wenn er nicht we­gen sei­nes Al­ters be­nach­tei­ligt wor­den wäre (§ 15 Abs. 2 S. 2 AGG).

Um­strit­ten ist seit In­kraft­tre­ten des AGG in vie­len Fällen, ob ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung al­ters­dis­kri­mi­nie­rend ist. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ei­ne Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts (ArbG) Ber­lin vom 09.09.2008 (38 Ca 4878/08).

Der Streit­fall: Im­mo­bi­li­en­fir­ma sucht im In­ter­net ei­nen "Jung­mak­ler"

Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber an­non­cier­te im In­ter­net ei­ne Stel­le als „Im­mo­bi­li­en­mak­ler (m/w) – Ge­wer­be­ver­mie­tung“. Ein zu die­sem Zeit­punkt 51 Jah­re al­ter Be­wer­ber be­warb sich hier­auf. Er war zu­vor lan­ge Jah­re als Geschäftsführer, aber auch als Im­mo­bi­li­en­mak­ler tätig.

Am fol­gen­den Tag er­hielt er ei­ne Ab­sa­ge, in der ihm die Ar­beit­ge­be­rin mit­teil­te:

„Da un­se­rem […] Büro ein Feh­ler un­ter­lau­fen ist und wir ei­ne neue Po­si­ti­on mit ei­nem Jung­mak­ler zu be­set­zen ha­ben, müssen wir Ih­nen lei­der ei­ne Ab­sa­ge er­tei­len.“

Der von un­se­rer Kanz­lei ver­tre­te­ne Be­wer­ber schloss dar­aus, dass er we­gen sei­nes Al­ters ab­ge­lehnt wor­den war und er­hob Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin.

Die Ar­beit­ge­be­rin ver­tei­dig­te sich mit dem Ar­gu­ment, dass „Jung­mak­ler“ in der Im­mo­bi­li­en­bran­che ei­nen Be­rufs­anfänger meint. Außer­dem sei der Kläger oh­ne­hin über­qua­li­fi­ziert ge­we­sen.

Ar­beits­ge­richt Ber­lin: Die Be­zeich­nung "Jung­mak­ler" meint ei­nen Be­rufs­anfänger und be­zieht sich nicht auf das Le­bens­al­ter mögli­cher Be­wer­ber

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin folg­te der An­sicht des Ar­beit­ge­bers, dass hier kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung vor­lag. Es wies da­her die Kla­ge ab.

Zur Be­gründung heißt es in dem knapp ge­hal­te­nen Ur­teil, aus der ho­hen Qua­li­fi­ka­ti­on des Klägers könne man er­se­hen, dass sei­ne Be­wer­bung nicht ernst­haft war. Außer­dem kommt es nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts Ber­lin nicht dar­auf an, ob "Jung­mak­ler" ei­nen jun­gen Mak­ler oder ei­nen Be­rufs­anfänger meint. Denn Grund für die Ab­leh­nung, so das Ar­beits­ge­richt, war nicht das Al­ter des Klägers, son­dern sei­ne Über­qua­li­fi­ka­ti­on.

Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te der Kläger Be­ru­fung bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ein. In der münd­li­chen Ver­hand­lung wur­de deut­lich, dass das LAG den Fall kei­nes­wegs für so klar hielt wie das Ar­beits­ge­richt.

Das LAG hat­te zwar auch Be­den­ken, ob sich der Kläger auch wirk­lich ernst­haft auf die Stel­le be­wor­ben hat­te. Hier wur­de dem Kläger ent­ge­gen­ge­hal­ten, sei­ne Be­rech­nung des ihm im Fall ei­ner Ein­stel­lung zu­ste­hen­den Ge­halts lie­ge so deut­lich über den dies­bezügli­chen An­ga­ben des Ar­beit­ge­bers, dass er mögli­cher­wei­se tatsächlich als über­qua­li­fi­ziert an­zu­se­hen wäre. Die­se Be­den­ken konn­te der Kläger aber un­ter Hin­weis auf sei­ne großen Pro­ble­me bei der Stel­len­su­che, die er lan­ge Zeit ver­geb­lich be­trie­ben hat­te, ent­kräften.

Im übri­gen hielt das LAG - an­ders als das Ar­beits­ge­richt - die For­mu­lie­rung „Jung­mak­ler“ für be­denk­lich, d.h. es sah in die­ser For­mu­lie­rung ein mögli­ches In­diz für ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Auch dann, wenn der be­klag­te Ar­beit­ge­ber mit „Jung­mak­ler“ kei­ne jun­gen Mak­ler, son­dern Be­rufs­ein­stei­ger ge­meint ha­ben soll­te, ist nach An­sicht des LAG ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung nicht völlig aus­zu­sch­ließen. Denn dann liegt zwar kei­ne un­mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung vor, doch kommt ei­ne mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Be­tracht, falls Be­rufs­anfänger im Mak­ler­ge­wer­be über­wie­gend jun­ge Leu­te sein soll­ten.

So­mit hätte der Ar­beit­ge­ber ein kon­kre­tes Per­so­nal­kon­zept vor­tra­gen müssen, dem zu­fol­ge Be­rufs­ein­stei­ger als Mit­ar­bei­ter wich­tig sind, oder er hätte dar­le­gen müssen, dass das Al­ter kei­ne Rol­le ge­spielt hat.

Vor die­sem Hin­ter­grund ei­nig­ten sich die Par­tei­en in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung im We­ge des Ver­gleichs auf Zah­lung ei­ner ein­ma­li­gen Entschädi­gung in Höhe von knapp zwei Mo­nats­gehältern.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber soll­ten sich be­wusst ma­chen, dass die Ab­leh­nung von Be­wer­bern we­gen ih­res an­geb­lich zu ho­hen Al­ters mitt­ler­wei­le recht­lich ver­bo­ten ist. Außer­dem bringt ein sol­cher Ab­leh­nungs­grund, falls er be­weis­bar ist, fi­nan­zi­el­le Nach­tei­le mit sich.

Be­reits ei­ne Stel­len­an­zei­ge, die den Ein­druck der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung er­we­cken kann, ist gefähr­lich. Da­zu gehören so­gar Stel­len­an­ge­bo­te, in de­nen „Be­rufs­anfänger“ ge­sucht wer­den.

Da nämlich älte­re Be­wer­ber in al­ler Re­gel kei­ne Be­rufs­anfänger mehr sind, kann in der ge­ziel­ten Su­che nach Be­rufs­anfängern ei­ne mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ge­se­hen wer­den. Dann muss der Ar­beit­ge­ber nach­wei­sen, dass das Al­ter für ihn bei der Be­wer­be­r­aus­wahl kei­ne Rol­le ge­spielt hat.

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Letzte Überarbeitung: 12. Juni 2016

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