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BAG, Ur­teil vom 17.11.2015, 9 AZR 179/15

   
Schlagworte: Urlaub: Wartezeit, Urlaub: Abgeltung, Urlaubsanspruch
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 9 AZR 179/15
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 17.11.2015
   
Leitsätze: Wird ein Arbeitsverhältnis mit Wirkung zum 1. Juli eines Jahres begründet, kann der Arbeitnehmer in diesem Jahr nach § 4 BUrlG keinen Vollurlaubsanspruch erwerben.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Rheine, Urteil vom 16.07.2014, 3 Ca 453/14
Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.05.2015, 16 Sa 1207/14
   

Bun­des­ar­beits­ge­richt

9 AZR 179/15
6 Sa 709/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Hamm

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
17. No­vem­ber 2015

Ur­teil

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 17. No­vem­ber 2015 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer

 

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und Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Meh­nert und An­t­ho­ni­sen für Recht er­kannt:

1. Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 19. Fe­bru­ar 2015 - 16 Sa 1207/14 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen An­spruch des Klägers auf wei­te­re Ur­laubs­ab­gel­tung.

Der Kläger war vom 1. Ju­li 2013 bis zum 2. Ja­nu­ar 2014 als Dienst­hun­deführer BW-Be­reich bei der Be­klag­ten in ei­ner Sechs­ta­ge­wo­che beschäftigt. Nach dem schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag vom 13. Ju­ni 2013 fand der Man­tel­ta­rif­ver­trag für das Wach- und Si­cher­heits­ge­wer­be in Nord­rhein-West­fa­len vom 8. De­zem­ber 2005 (MTV) auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en An­wen­dung. Der MTV enthält bezüglich des Ur­laubs ua. fol­gen­de Re­ge­lun­gen:

§ 5 Ur­laub 

1. Je­der Ar­beit­neh­mer hat in je­dem Ka­len­der­jahr ei­nen un­ab­ding­ba­ren An­spruch auf be­zahl­ten Er­ho­lungs­ur­laub. 

2. Der Ur­laub beträgt 26 Werk­ta­ge. 

… 

4. Neu ein­tre­ten­de und/oder aus­schei­den­de Ar­beit­neh­mer er­hal­ten so viel Zwölf­tel des ih­nen zu­ste­hen­den Jah­res­ur­laubs, wie sie vol­le Mo­na­te im lau­fen­den Ka­len­der­jahr beschäftigt wa­ren. Die Zwölf­te­lung er­folgt nur in den Gren­zen des § 5 BUrlG. 

… 

6. Ur­laub, der im lau­fen­den Ka­len­der­jahr nicht gewährt wer­den konn­te, ist bis zum 31. März des fol­gen­den Ka­len­der­jah­res nach­zu­gewähren. Ei­ne Ur­laubs­ab-


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gel­tung ist nur zulässig, wenn beim Aus­schei­den aus dem Be­trieb der Ur­laub nicht mehr gewährt wer­den kann.

7. Drei Mo­na­te nach Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res er­lischt der Ur­laubs­an­spruch

…“ 

Während des Ar­beits­verhält­nis­ses hat­te der Kläger kei­nen Ur­laub. Nach der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zahl­te ihm die Be­klag­te Ur­laubs­ab­gel­tung für 13 Ur­laubs­ta­ge iHv. 1.170,39 Eu­ro brut­to. 

Mit sei­ner am 14. März 2014 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat der Kläger die Ab­gel­tung von 13 wei­te­ren Ur­laubs­ta­gen gel­tend ge­macht. Da­zu hat er die Auf­fas­sung ver­tre­ten, im Jahr 2013 sei der vol­le Ur­laubs­an­spruch ent­stan­den. 

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 1.170,39 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit zu zah­len. 

Zu ih­rem Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag hat die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, sie ha­be den Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch des Klägers vollständig erfüllt. Der vol­le Ur­laubs­an­spruch ent­ste­he nach dem BUrlG erst­ma­lig nach sechs­mo­na­ti­gem Be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ha­be im Jahr 2013 aber nicht länger als sechs Mo­na­te be­stan­den. Es stel­le ei­nen un­auflösli­chen Wer­tungs­wi­der­spruch dar, wenn nach § 5 Abs. 1 Buchst. c BUrlG bei ei­nem Ar­beits­verhält­nis, das vom 1. Ja­nu­ar bis zum 30. Ju­ni ei­nes Jah­res be­ste­he, kein Voll­ur­laubs­an­spruch entstände, je­doch ein Voll­ur­laubs­an­spruch er­wor­ben würde, wenn das Ar­beits­verhält­nis vom 1. Ju­li bis zum 31. De­zem­ber ei­nes Jah­res be­ste­he. 

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die ar­beits­ge­richt­li­che Ent­schei­dung ab­geändert und die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit sei­ner Re­vi­si­on be­gehrt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung.

 

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Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on ist nicht be­gründet. Oh­ne Rechts­feh­ler hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, dass die zulässi­ge Kla­ge un­be­gründet ist. Der Kläger hat kei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te aus § 7 Abs. 4 BUrlG iVm. § 5 Ziff. 6 Satz 2 MTV auf Zah­lung wei­te­rer 1.170,39 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen. 

I. Nach § 5 Ziff. 4 Satz 1 MTV er­hal­ten neu ein­tre­ten­de Ar­beit­neh­mer so vie­le Zwölf­tel des ih­nen zu­ste­hen­den Jah­res­ur­laubs, wie sie vol­le Mo­na­te im lau­fen­den Ka­len­der­jahr beschäftigt wa­ren. Da der Kläger vom 1. Ju­li 2013 bis zum 2. Ja­nu­ar 2014 und da­mit nur sechs vol­le Mo­na­te beschäftigt war, stan­den ihm 13 ta­rif­li­che Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2013 zu (26 Ur­laubs­ta­ge pro Jahr di­vi­diert durch zwölf Mo­na­te pro Jahr mal sechs Mo­na­te er­gibt 13 Ur­laubs­ta­ge). 

II. Ent­ge­gen der An­sicht des Klägers hat er im Jahr 2013 kei­nen vol­len Ur­laubs­an­spruch, son­dern nur ei­nen Teil­ur­laubs­an­spruch gemäß § 5 Abs. 1 Buchst. a BUrlG er­wor­ben. 

1. Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt auf § 4 BUrlG als maßge­ben­de Norm ab­ge­stellt. Nach die­ser Vor­schrift wird der vol­le Ur­laubs­an­spruch erst­ma­lig nach sechs­mo­na­ti­gem Be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses er­wor­ben. Die For­mu­lie­rung „nach sechs­mo­na­ti­gem Be­ste­hen“ zeigt, dass der vol­le Ur­laubs­an­spruch nicht be­reits „mit dem sechs­mo­na­ti­gen Be­ste­hen“ er­wor­ben wird und der Ab­lauf der War­te­zeit und das Ent­ste­hen des Voll­ur­laubs­an­spruchs da­mit nicht zu­sam­men­fal­len (so die hM im Schrift­tum, vgl. MüArbR/Düwell 3. Aufl. Bd. 1 § 78 Rn. 21; Frie­se Ur­laubs­recht Rn. 57, 72; ErfK/Gall­ner 16. Aufl. § 5 BUrlG Rn. 9; AR/Gut­zeit 7. Aufl. § 4 BUrlG Rn. 7; HK-ArbR/Holt­haus 3. Aufl. § 4 BUrlG Rn. 4; Lei­ne­mann/Linck Ur­laubs­recht 2. Aufl. § 4 Rn. 19; Schaub/Linck ArbR-HdB 16. Aufl. § 104 Rn. 26; Ar­nold/Till­manns/Till­manns BUrlG 3. Aufl. § 4 Rn. 28; HWK/Schinz 6. Aufl. § 4 BUrlG Rn. 12; aA Bach­mann in GK-BUrlG 5. Aufl. § 5 Rn. 9; Hk-BUrlG/Hoh­meis­ter 3. Aufl. § 5 Rn. 28; Neu­mann/Fen­ski BUrlG 10. Aufl. § 5 Rn. 6). § 5 Abs. 1 Buchst. a BUrlG nimmt auf die War­te­zeit

 

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des § 4 BUrlG Be­zug und re­gelt, dass ein Teil­ur­laubs­an­spruch dann ent­steht, wenn we­gen de­ren Nich­terfüllung kein Voll­ur­laubs­an­spruch er­wor­ben wird. 

2. Nach § 5 Abs. 1 Buchst. c BUrlG ent­steht nur ein Teil­ur­laubs­an­spruch, wenn der Ar­beit­neh­mer nach erfüll­ter War­te­zeit in der ers­ten Hälf­te ei­nes Ka­len­der­jah­res aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­det. Dies um­fasst auch ein Aus­schei­den mit Ab­lauf des 30. Ju­ni ei­nes Ka­len­der­jah­res (BAG 16. Ju­ni 1966 - 5 AZR 521/65 - zu 1 d der Gründe, BA­GE 18, 345; ErfK/Gall­ner § 5 BUrlG Rn. 16; Neu­mann/Fen­ski § 5 Rn. 26; aA Hk-BUrlG/Hoh­meis­ter § 5 Rn. 70 ff.). Dies sieht auch der Kläger so. Vor dem Hin­ter­grund des Ge­bots, glei­che Sach­ver­hal­te gleich zu be­han­deln (Art. 3 Abs. 1 GG), über­zeugt sei­ne An­sicht nicht, dass in ei­nem Ar­beits­verhält­nis, das am 1. Ju­li be­gon­nen hat, be­reits mit Ab­lauf des 31. De­zem­ber ein Voll­ur­laubs­an­spruch ent­ste­hen soll. 

3. § 1 BUrlG ord­net iVm. § 3 Abs. 1 BUrlG an, dass je­der Ar­beit­neh­mer in je­dem Ka­len­der­jahr An­spruch auf 24 Werk­ta­ge be­zahl­ten Er­ho­lungs­ur­laub hat. Die ge­setz­li­che Re­ge­lung geht da­mit nicht da­von aus, dass ein Ar­beit­neh­mer, der bei ei­nem Ar­beit­ge­ber vom 1. Ja­nu­ar bis zum 30. Ju­ni und bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber vom 1. Ju­li bis zum 31. De­zem­ber des­sel­ben Jah­res beschäftigt war, zwei­mal ei­nen vol­len Ur­laubs­an­spruch im Um­fang von je­weils 24 Werk­ta­gen er­wirbt (vgl. BAG 21. Fe­bru­ar 2012 - 9 AZR 487/10 - Rn. 23, BA­GE 141, 27). 

4. So­weit dem Ur­teil des Fünf­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 26. Ja­nu­ar 1967 (- 5 AZR 395/66 -) zu ent­neh­men sein soll­te, dass der vol­le Ur­laubs­an­spruch be­reits mit Ab­lauf der sechs­mo­na­ti­gen War­te­zeit ent­steht, hält der nun­mehr für das Ur­laubs­recht zuständi­ge Neun­te Se­nat dar­an nicht fest. 

III. Der Kläger hat im Jahr 2014 nach § 5 Abs. 1 Buchst. c BUrlG kei­ne Ur­laubs­ansprüche er­wor­ben. In die­sem Jahr hat das Ar­beits­verhält­nis kei­nen vol­len Mo­nat be­stan­den.

 

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III. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.


Brühler

Krasshöfer

Klo­se

H. An­t­ho­ni­sen

Der eh­ren­amt­li­che Rich­ter Meh­nert ist in­fol­ge des En­des sei­ner Amts­zeit mit Ab­lauf des 30. No­vem­ber 2015 an der Un­ter­schrifts­leis­tung ver­hin­dert.

Brühler

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