HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 13.04.2007, 9 Sa 143/07

   
Schlagworte: Betriebliche Übung, Schriftform, Betriebsübung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Düsseldorf
Aktenzeichen: 9 Sa 143/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 13.04.2007
   
Leitsätze:

1. Schriftformklauseln benachteiligen den Vertragspartner des Verwenders von AGB entgegen den Geboten von Treu und Glauben gem. § 307 Abs 1 S 1 BGB unangemessen, wenn nach ihnen auch nach dem Vertragsschluss getroffene mündliche Abmachungen mit umfassend zur Vertretung des Verwenders der AGB berechtigten Personen ohne schriftliche Bestätigung keine Gültigkeit haben (im Anschluss an BGH vom 26.03.1986, VIII ZR 85/85 = NJW 1986, S 1809 und BGH vom 28.04.1983, VII ZR 246/82 = NJW 1983, S 1853 zu § 9 AGBG).

2. Ist eine Schriftformklausel nach § 307 Abs 1 S 1 BGB unwirksam, kann sie wegen des Verbots der geltungserhaltenden Reduktion (§ 306 Abs 2 BGB) nicht mit dem Inhalt aufrechterhalten werden, dass sie Ansprüche, die aufgrund einer betrieblichen Übung entstanden sind, ausschließt, sofern die betriebliche Übung nicht schriftlich festgelegt wurde (im Anschluss an BAG vom 04.03.2004, 8 AZR 196/03 = AP Nr 3 zu § 309 BGB). (Rn.38)

Vorinstanzen: Arbeitsgerichts Mönchengladbach, Urteil vom 24.11.2006, 7Ca 3670/05
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.05.2008, 9 AZR 382/07
   

9 Sa 143/07

7 Ca 3670/05
Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach 

Verkündet

am 13. April 2007

Lam­bertz,
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT DÜSSEL­DORF

IM NA­MEN DES VOL­KES

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

des Herrn J. L.-N., I. tal 3, O.,

- Kläger und Be­ru­fungskläger -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte T. & L.,
N. Straße 229, N.,

g e g e n

die D. 4 Tex­til­ver­triebs GmbH, ver­tre­ten durch die Geschäftsführe­rin H. T., I. Land­s­traße 91, O.,

- Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte F. & L.,
X. 39, X.,

hat die 9. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 13.04.2007
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt Hein­lein als Vor­sit­zen­de so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Hei­dorn und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Zei­se

für R e c h t er­kannt:

Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Mönchen­glad­bach vom 24.11.2006 – 7 Ca 3670/05 – wird teil­wei­se ab­geändert. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger wei­te­re 20.717,19 € net­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils 2.301,91 € seit dem 01.08.,

 

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01.09., 01.10., 01.11., 01.12.2005, 01.01., 01.02., 01.03. und 01.04.2006 zu zah­len.

Die Kos­ten des Rechts­streits trägt die Be­klag­te.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

T a t b e s t a n d

Die Par­tei­en strei­ten im Be­ru­fungs­ver­fah­ren nur noch darüber, ob die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, dem Kläger die Mie­te für ei­ne von ihm in Chi­na an­ge­mie­te­te Woh­nung für die Mo­na­te Ju­li 2005 bis März 2006 zu er­stat­ten.

Der Kläger (ge­bo­ren 22.07.1967) wur­de gemäß An­stel­lungs­ver­trag vom 02.05.2002 von der Be­klag­ten zum 06.05.2002 als Büro­lei­ter/Kan­ton, Chi­na ein­ge­stellt. Sein Le­bens­part­ner wur­de gemäß An­stel­lungs­ver­trag vom 02.05.2002 von der Be­klag­ten zum 06.05.2002 als Pro­duk­ti­ons­lei­ter/Kan­ton, Chi­na ein­ge­stellt.

Der Kläger und sein Le­bens­part­ner be­wohn­ten ei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung in Chi­na. Mie­ter die­ser Woh­nung war der Kläger. Die mo­nat­li­che Mie­te be­trug 22.250,00 RMB (= 2.301,91 €).

Der Kläger über­sand­te der Be­klag­ten mo­nat­lich ei­ne Ex­cel-Ta­bel­le mit ei­ner Auf­stel­lung des mo­nat­li­chen Bud­gets. Dar­in wa­ren auch die Kos­ten für die Mie­te für die vom Kläger und sei­nem Le­bens­part­ner ge­nutz­te Woh­nung so­wie die Kos­ten für Mie­ten an­de­rer Mit­ar­bei­ter ent­hal­ten. Die Be­klag­te er­stat­te­te die­se Auf­wen­dun­gen mo­nat­lich.

Mit Schrei­ben vom 26.07.2005 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis mit dem Le­bens­gefähr­ten des Klägers frist­los. Durch Ur­teil vom 12.01.2007 hat das

 

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LAG Düssel­dorf ent­schie­den, dass die­se Kündi­gung wirk­sam ist (AZ: 9 Sa 1637/05). Die vom LAG Düssel­dorf zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on hat der Le­bens­gefähr­te des Klägers ein­ge­legt.

Das Ar­beits­verhält­nis des Klägers hat die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 12.08.2005 frist­los und vor­sorg­lich frist­ge­recht gekündigt. Durch Ur­teil vom 11.08.2006 hat das LAG Düssel­dorf ent­schie­den, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht be­en­det wor­den ist. So­weit sich die Kla­ge ge­gen die vor­sorg­li­che frist­ge­rech­te Kündi­gung ge­rich­tet hat, hat das LAG Düssel­dorf die Kla­ge ab­ge­wie­sen (AZ: 9 (10) Sa 1638/05).

Im Ver­lauf des vor­lie­gen­den Rechts­streits ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig ge­wor­den, dass das Ar­beits­verhält­nis auf­grund der vor­sorg­li­chen frist­ge­rech­ten Kündi­gung vom 12.08.2005 am 31.03.2006 ge­en­det hat. Vor dem Ar­beits­ge­richt strit­ten sie auch darüber, ob das Ar­beits­verhält­nis durch vor­sorg­li­che frist­lo­se Kündi­gun­gen der Be­klag­ten vom 14.10.2005 und 04.11.2005 be­en­det wor­den ist.

Die Be­klag­te ver­wei­gert die Er­stat­tung der Kos­ten für die Mie­te un­ter Be­ru­fung auf § 13 Ziff. 1 des An­stel­lungs­ver­tra­ges der Par­tei­en vom 02.05.2002. Dar­in heißt es:

„Ände­run­gen und Ergänzun­gen die­ses Ver­tra­ges sind, auch wenn sie be­reits münd­lich ge­trof­fen wur­den, nur wirk­sam, wenn sie schrift­lich fest­ge­legt und von bei­den Par­tei­en un­ter­zeich­net wor­den sind. Dies gilt auch für den Ver­zicht auf das Schrift­for­mer­for­der­nis.“

Der Kläger hat gel­tend ge­macht, nach § 305 b BGB ha­be die Ver­ein­ba­rung zwi­schen den Par­tei­en, dass die Kos­ten für die Mie­te er­stat­tet wer­den, Vor­rang vor der Schrift­form­klau­sel in § 13 Ziff. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges.

 

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Er hat be­an­tragt,

1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gun­gen der Be­klag­ten vom 14.10.2005 und 04.11.2005 nicht frist­los be­en­det wor­den ist, son­dern erst mit dem 31.03.2006 sein En­de ge­fun­den hat;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 41.692,86 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 8 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils 6.948,48 € seit dem 01.11.2005, 01.12.2005, 01.01.2006, 01.02.2006, 01.03.2006 und 01.04.2006 abzüglich am 01.06.2006 von der Be­klag­ten ge­zahl­ter 12.452,84 € net­to zu zah­len;

3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 20.717,19 € net­to zu zah­len nebst Zin­sen in Höhe von 8 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils 2.301,91 € seit dem 01.08., 01.09., 01.10., 01.11., 01.12.2005, 01.01., 01.02., 01.03. und 01.04.2006.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Das Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach hat durch Ur­teil vom 24.11.2006, auf des­sen In­halt Be­zug ge­nom­men wird, fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gun­gen der Be­klag­ten vom 14.10.2005 und 04.11.2005 nicht frist­los be­en­det wor­den ist, son­dern erst mit dem 31.03.2006 sein En­de ge­fun­den hat und die Be­klag­te zur Zah­lung von 41.692,86 € brut­to abzüglich ge­zahl­ter 12.452,84 € net­to ver­ur­teilt. Im Übri­gen hat es die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Be­klag­te hat Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil ein­ge­legt, die­se aber wie­der zurück­ge­nom­men.

Mit ei­nem am 17.01.2007 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz hat der Kläger ge­gen das ihm am 28.12.2006 zu­ge­stell­te Ur­teil Be-

 

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ru­fung ein­ge­legt. Die Be­ru­fungs­be­gründung ist am 28.02.2007 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen.

Der Kläger macht ergänzend gel­tend, die Schrift­form­klau­sel sei auch nach § 307 Abs. 1 BGB un­wirk­sam.

Er be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Mönchen­glad­bach vom 24.11.2006 – 7 Ca 3670/05 – teil­wei­se ab­zuändern und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger wei­te­re 20.717,19 € net­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils 2.301,91 € seit dem 01.08., 01.09., 01.10., 01.11., 01.12.2005, 01.01., 01.02., 01.03. und 01.04.2006 zu zah­len.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die Schriftsätze und den sons­ti­gen Ak­ten­in­halt Be­zug ge­nom­men.

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e

Die Be­ru­fung ist zulässig (§§ 64 Abs. 1, Abs. 2 b, 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG, 519, 520 Abs. 3 ZPO) und be­gründet.

Die Be­klag­te ist ver­pflich­tet, dem Kläger die die­sem für die Mo­na­te Ju­li 2005 bis März 2006 für die Mie­te der Woh­nung in Chi­na ent­stan­de­nen Auf­wen­dun­gen in Höhe von 20.717,19 € zu er­set­zen. Die in § 13 Ziff. 1 des An­stel­lungs­ver­tra­ges der Par­tei­en vom 02.05.2002 ver­ein­bar­te Schrift­form­klau­sel steht dem Zah­lungs­an­spruch nicht ent­ge­gen, da sie un­wirk­sam ist.

 

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1. Der Kläger hat auf­grund ei­ner be­trieb­li­chen Übung An­spruch auf Er­satz
der Auf­wen­dun­gen für die Mie­te. Ge­gen­stand ei­ner be­trieb­li­chen Übung kann je­de Leis­tung oder Vergüns­ti­gung sein, die ar­beits­ver­trag­lich in ei­ner all­ge­mei­nen Form ge­re­gelt wer­den kann.

Un­ter ei­ner be­trieb­li­chen Übung ist die re­gelmäßige Wie­der­ho­lung be­stimm­ter Ver­hal­tens­wei­sen des Ar­beit­ge­bers zu ver­ste­hen, aus de­nen die Ar­beit­neh­mer schließen können, ih­nen sol­le ei­ne Leis­tung oder ei­ne Vergüns­ti­gung auf Dau­er ein­geräumt wer­den. Aus die­sem als Ver­trags­an­ge­bot zu wer­ten­den Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers, das von dem Ar­beit­neh­mer in der Re­gel still­schwei­gend an­ge­nom­men wird (§ 151 BGB), er­wach­sen ver­trag­li­che Ansprüche auf die üblich ge­wor­de­nen Leis­tun­gen. Ent­schei­dend für die Ent­ste­hung ei­nes An­spruchs ist nicht der Ver­pflich­tungs­wil­le, son­dern wie der Erklärungs­empfänger die Erklärung oder das Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers nach Treu und Glau­ben un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Be­gleit­umstände (§§ 133, 157 BGB) ver­ste­hen muss­te und durf­te. Im We­ge der Aus­le­gung des Ver­hal­tens des Ar­beit­ge­bers ist zu er­mit­teln, ob der Ar­beit­neh­mer da­von aus­ge­hen muss­te, die Leis­tung wer­de nur un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen oder nur für ei­ne be­stimm­te Zeit gewährt (st. Recht­spre­chung des BAG, z. B. Ur­teil vom 16.01.2002, AP Nr. 56 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung m. w. N.).

Der Kläger hat seit Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses die Mie­te für die von ihm in Chi­na ge­mie­te­te Woh­nung in das mo­nat­li­che Bud­get auf­ge­nom­men. Die Be­klag­te hat die­se Auf­wen­dun­gen je­den Mo­nat er­setzt. Der Kläger durf­te dar­aus nach Treu und Glau­ben schließen, dass die Be­klag­te ihm die Mie­te auch wei­ter­hin er­stat­tet, so­lan­ge das Ar­beits­verhält­nis be­steht. Es ist zwi­schen den Par­tei­en nicht strei­tig, dass die Be­klag­te auch an­de­ren Mit­ar­bei­tern, die für sie in Chi­na tätig wa­ren, die Mie­ten er­setzt hat. Des­halb muss­te bei dem Kläger der Ein­druck ent­ste­hen, es han­de­le sich um ei­ne be­trieb­li­che Leis­tung, mit der erhöhter Auf­wand der im Aus­land ar­bei­ten­den Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten aus­ge­gli­chen wer­den soll­te.

 

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2. Die Schrift­form­klau­sel in § 13 Ziff. 1 des An­stel­lungs­ver­tra­ges ist un­wirk­sam. Da der Ar­beits­ver­trag zwi­schen den Par­tei­en im Jahr 2002 ge­schlos­sen wur­de, gel­ten für ihn die Re­ge­lun­gen des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches in der Fas­sung des Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 21.11.2001. Bei den ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen der Par­tei­en han­delt es sich um all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen im Sin­ne von §§ 305 ff. BGB. Das hat die Be­klag­te nicht be­strit­ten. Lie­gen kei­ne All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen vor, han­delt es sich bei dem An­stel­lungs­ver­trag je­den­falls um ei­nen Ver­brau­cher­ver­trag im Sin­ne von § 310 Abs. 3 BGB, der von der Be­klag­ten vor­for­mu­liert wur­de, so dass in die­sem Fall gemäß § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB eben­falls u. a. §§ 306, 307 BGB An­wen­dung fin­den (BAG, Ur­teil vom 25.05.2005, AP Nr. 1 zu § 310 BGB).

a) Zwar hat der Kläger nicht nach § 305 b BGB un­ge­ach­tet der Schrift­form­klau­sel in § 13 Ziff. 1 des An­stel­lungs­ver­tra­ges An­spruch auf Er­satz der Mie­te für die Woh­nung in Chi­na. Nach die­ser Be­stim­mung ha­ben in­di­vi­du­el­le Ver­trags­ab­re­den Vor­rang vor All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen. Aus den Dar­le­gun­gen des Klägers er­gibt sich nicht, dass die Par­tei­en ver­ein­bart ha­ben, die Be­klag­te sei ver­pflich­tet, ihm während des Be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses die Mie­te für die in Chi­na an­ge­mie­te­te Woh­nung zu er­stat­ten. Auch zu ei­ner Ver­ein­ba­rung auf­grund schlüssi­gen Ver­hal­tens der Par­tei­en (§ 151 BGB) ist es nicht ge­kom­men. Denn die Be­klag­te hat die Mie­ten für die Mit­ar­bei­ter le­dig­lich je­den Mo­nat auf­grund der mo­nat­li­chen Bud­getan­for­de­rung durch den Kläger ge­zahlt. Da­ge­gen ist nicht er­sicht­lich, dass sie in ir­gend­ei­ner Form zum Aus­druck ge­bracht hat, sie wol­le auch wei­ter­hin die Miet­kos­ten tra­gen. Tat­sa­chen für ent­spre­chen­de Erklärun­gen oder in die­sem Sinn aus­zu­le­gen­de Ver­hal­tens­wei­sen der Be­klag­ten hat der Kläger nicht vor­ge­tra­gen.

Für den Fall ei­ner be­trieb­li­chen Übung, die hier vor­liegt, fin­det nach der Ent­schei­dung des BAG vom 24.06.2003 (AP Nr. 63 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung) § 305 b BGB kei­ne An­wen­dung.

 

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b) Die Schrift­form­klau­sel ist je­doch nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, weil sie den Kläger ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt. Nach der Recht­spre­chung des BGH zu § 9 AGBG wa­ren Schrift­form­klau­seln zwar nicht schlecht­hin gemäß § 9 AGBG un­zulässig. Für un­wirk­sam hat der BGH je­doch Schrift­form­klau­seln je­den­falls dann ge­hal­ten, wenn nach ih­nen auch nach dem Ver­trags­schluss ge­trof­fe­ne münd­li­che Ab­ma­chun­gen zwi­schen dem Kun­den und um­fas­send zur Ver­tre­tung des Ver­wen­ders der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen be­rech­tig­ten Per­so­nen oh­ne schrift­li­che Bestäti­gung kei­ne Gültig­keit ha­ben (BGH, Ur­teil vom 26.03.1986, NJW 1986, S. 1809; BGH, Ur­teil vom 28.04.1983, NJW 1983, S. 1853).

Da es kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ver­wen­ders All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen dafür gibt, dass sich die­ser vor der Wirk­sam­keit von nach dem Ver­trags­ab­schluss ab­ge­ge­be­nen münd­li­chen Zu­sa­gen sei­nes um­fas­send ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Per­so­nals schützt, liegt auch nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben vor, wenn ei­ne Schrift­form­klau­sel in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen sol­chen münd­li­chen Ab­ma­chun­gen die Gültig­keit ver­sagt (eben­so Ul­mer in Ul­mer/Brand­ner/Hen­sen, AGB-Recht, 10. Aufl. 2006, § 305 b BGB Rd­nr. 32 f.; Lak­ies, AGB im Ar­beits­recht, Rd­nr. 110 ff., Ull­ri­ci, BB 2005, S. 1902; Ro­loff, NZA 1004, S. 1191; a. A. wohl BAG, Ur­teil vom 24.06.2003, a.a.O.). Das trifft für die von den Par­tei­en ver­ein­bar­te Schrift­form­klau­sel zu. Denn da­nach sind jeg­li­che Ände­run­gen oder Ergänzun­gen des An­stel­lungs­ver­tra­ges nur wirk­sam, wenn sie schrift­lich ge­trof­fen wur­den. Für nachträgli­che münd­li­che Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Par­tei­en ist nichts an­de­res ge­re­gelt. Die Klau­sel er­streckt sich da­her auf Ver­ein­ba­run­gen, für die ein schutz­wer­tes In­ter­es­se der Be­klag­ten an der Ein­hal­tung der Schrift­form nicht be­steht.

Im Ar­beits­recht gel­ten­de Be­son­der­hei­ten (§ 310 Abs. 4 BGB), die da­zu führen, dass ei­ne Schrift­form­klau­sel, nach der nach Ab­schluss des Ar­beits­ver­tra­ges

 

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ge­schlos­se­ne münd­li­che Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen ei­nem um­fas­send ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Ver­tre­ter des Ar­beit­ge­bers und dem Ar­beit­neh­mer un­wirk­sam sind, wenn sie nicht schrift­lich nie­der­ge­legt wur­den, kei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers dar­stel­len, sind nicht vor­han­den. Auch im Ar­beits­recht sind vernünf­ti­ge Gründe dafür nicht er­kenn­bar, dass der Ar­beit­ge­ber selbst oder sei­ne um­fas­send ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Ver­tre­ter an nachträgli­che münd­li­che Zu­sa­gen oder Ab­spra­chen nicht ge­bun­den sind, wenn es nicht zu ei­ner schrift­li­chen Nie­der­le­gung kommt.

Ist da­mit die Ver­ein­ba­rung in § 13 Ziff. 1 Satz 1 des Ar­beits­ver­tra­ges, die die un­ein­ge­schränk­te schrift­li­che Fest­le­gung münd­li­cher Ände­run­gen und Ergänzun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges ver­langt, un­wirk­sam, führt der Um­stand, dass nach § 13 Ziff. 1 Satz 2 i. V. m. Satz 1 auch der Ver­zicht auf das Schrift­for­mer­for­der­nis nur wirk­sam ist, wenn er schrift­lich fest­ge­legt und von bei­den Par­tei­en un­ter­zeich­net ist, nicht zu ei­nem an­de­ren Er­geb­nis. Denn die Ver­wen­dung ei­ner sog. dop­pel­ten Schrift­form­klau­sel er­schwert dem Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen im Verhält­nis zu ei­ner ein­fa­chen Schrift­form­klau­sel die Be­ru­fung auf münd­li­che Ver­ein­ba­run­gen, so dass in die­sen Fällen erst recht ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung vor­liegt.

c) Die Un­an­ge­mes­sen­heit der Klau­sel führt nach § 307 Abs. 1 BGB zu de­ren Un­wirk­sam­keit. Ei­ne gel­tungs­er­hal­ten­de Re­duk­ti­on ist nach § 306 Abs. 2 BGB nicht vor­ge­se­hen, weil es nicht Ziel des Ge­set­zes ist, auf ei­nen an­ge­mes­se­nen In­halt der in der Pra­xis ver­wen­de­ten All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen hin­zu­wir­ken. Wer die Möglich­keit nut­zen kann, die ihm der Grund­satz der Ver­trags­frei­heit für die Auf­stel­lung von All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eröff­net, muss auch das vollständi­ge Ri­si­ko ei­ner Klau­sel­un­wirk­sam­keit tra­gen (BAG, Ur­teil vom 04.03.2004, AP Nr. 3 zu § 309 BGB; BGH, Ur­teil vom 17.05.1982, BGHZ 84, S. 109). Des­halb kann die Schrift­form­klau­sel nicht mit dem In­halt auf­recht­er­hal­ten wer­den, dass sie Ansprüche, die auf­grund ei­ner be­trieb­li­che Übung ent­stan­den sind, aus­sch­ließt, so­fern die be­trieb­li­che Übung nicht schrift­lich fest­ge­legt wur­de.

 

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3. Der An­spruch des Klägers be­steht auch in vol­ler Höhe. Die Be­klag­te hat ihm die Miet­kos­ten er­stat­tet. Er war der Mie­ter der in Chi­na an­ge­mie­te­ten Woh­nung, ihm sind die Auf­wen­dun­gen für die Mie­te in den Mo­na­ten Ju­li 2005 bis März 2006 ent­stan­den. Aus dem Ver­hal­ten der Be­klag­ten oder sons­ti­gen Umständen lässt sich nicht ent­neh­men, dass ihm nach ei­nem vor­zei­ti­gen En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen sei­nem Le­bens­part­ner und der Be­klag­ten nur die Hälf­te der Mie­te für die Woh­nung zu er­stat­ten ist.

Die gel­tend ge­mach­ten Zin­sen kann der Kläger nach §§ 286 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1, 288 Abs. 1 BGB ver­lan­gen.

4. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf §§ 64 Abs. 6 ArbGG, 525, 516 Abs. 3, 91 Abs. 1 ZPO.

Die Re­vi­si­on wur­de we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Rechts­fra­gen nach § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG, aber auch we­gen ei­ner mögli­chen Di­ver­genz zu der Ent­schei­dung des BAG vom 24.06.2003 gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG zu­ge­las­sen.

R e c h t s m i t t e l b e l e h r u n g

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der Be­klag­ten

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den.

Für den Kläger ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

 

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Die Re­vi­si­on muss

in­ner­halb ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat

nach der Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt,

Hu­go-Preuß-Platz 1,

99084 Er­furt,

Fax: (0361) 2636 - 2000

ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on ist gleich­zei­tig oder

in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils

schrift­lich zu be­gründen.

Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

 

Hein­lein 

Dr. Hei­dorn 

Zei­se

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