HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 06.11.2018, C-684/16

   
Schlagworte: Urlaubsantrag, Urlaub: Antrag, Urlaub: Übertragung, Urlaub: Verfall, Urlaubsgewährung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-684/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 06.11.2018
   
Leitsätze:

1. Art. 7 der Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung und Art. 31 Abs. 2 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sind dahin auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung wie der im Ausgangsverfahren fraglichen entgegenstehen, nach der ein Arbeitnehmer, der im betreffenden Bezugszeitraum keinen Antrag auf Wahrnehmung seines Anspruchs auf bezahlten Jahresurlaub gestellt hat, am Ende des Bezugszeitraums die ihm gemäß diesen Bestimmungen für den Bezugszeitraum zustehenden Urlaubstage und entsprechend seinen Anspruch auf eine finanzielle Vergütung für den bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht genommenen Urlaub verliert, und zwar automatisch und ohne vorherige Prüfung, ob er vom Arbeitgeber z. B. durch angemessene Aufklärung tatsächlich in die Lage versetzt wurde, diesen Anspruch wahrzunehmen. Es ist insoweit Sache des vorlegenden Gerichts, unter Berücksichtigung des gesamten innerstaatlichen Rechts und unter Anwendung der darin anerkannten Auslegungsmethoden zu prüfen, ob es in der Lage ist, zu einer Auslegung dieses Rechts zu gelangen, mit der die volle Wirksamkeit des Unionsrechts gewährleistet werden kann.

2. In dem Fall, dass eine nationale Regelung wie die in den Ausgangsverfahren fragliche nicht im Einklang mit Art. 7 der Richtlinie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Grundrechtecharta ausgelegt werden kann, ergibt sich aus Art. 31 Abs. 2 der Grundrechtecharta, dass das mit einem Rechtsstreit zwischen einem Arbeitnehmer und seinem früheren privaten Arbeitgeber befasste nationale Gericht diese nationale Regelung unangewendet zu lassen und dafür Sorge zu tragen hat, dass der Arbeitnehmer, wenn der Arbeitgeber nicht nachweisen kann, dass er mit aller gebotenen Sorgfalt gehandelt hat, um ihn tatsächlich in die Lage zu versetzen, den ihm nach dem Unionsrecht zustehenden bezahlten Jahresurlaub zu nehmen, weder seine erworbenen Ansprüche auf bezahlten Jahresurlaub noch entsprechend – im Fall der Beendigung des Arbeitsverhältnisses – die finanzielle Vergütung für nicht genommenen Urlaub, deren Zahlung in diesem Fall unmittelbar dem betreffenden Arbeitgeber obliegt, verlieren kann.

Vorinstanzen: BAG, Beschluss vom 13.12.2016, 9 AZR 541/15 (A)
LAG München, Urteil vom 06.05.2015, 8 Sa 982/14
Arbeitsgericht München, Urteil vom 13.11.2014, 13 Ca 7172/14
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Große Kam­mer)

6. No­vem­ber 2018(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Ar­beits­zeit­ge­stal­tung - Richt­li­nie 2003/88/EG - Art. 7 - An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub - Na­tio­na­le Re­ge­lung, die den Ver­lust des nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs und der fi­nan­zi­el­len Vergütung für die­sen Ur­laub vor­sieht, wenn der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub nicht vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­an­tragt - Richt­li­nie 2003/88/EG - Art. 7 - Pflicht zur uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts - Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on - Art. 31 Abs. 2 - Möglich­keit der Gel­tend­ma­chung in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­vat­per­so­nen“

In der Rechts­sa­che C‑684/16

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 13. De­zem­ber 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 27. De­zem­ber 2016, in dem Ver­fah­ren

Max-Planck-Ge­sell­schaft zur Förde­rung der Wis­sen­schaf­ten e. V.

ge­gen

Tet­s­u­ji Shi­mi­zu

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Große Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten K. Lena­erts, des Kam­mer­präsi­den­ten J.‑C. Bo­ni­chot, der Kam­mer­präsi­den­tin A. Prechal (Be­richt­er­stat­te­rin), der Kam­mer­präsi­den­ten M. Vil­a­ras, T. von Dan­witz und F. Bilt­gen, der Kam­mer­präsi­den­tin K. Jürimäe, des Kam­mer­präsi­den­ten C. Ly­cour­gos so­wie der Rich­ter M. Ilešič, J. Ma­le­n­ovský, E. Le­vits, L. Bay Lar­sen und S. Ro­din,

Ge­ne­ral­an­walt: Y. Bot,

Kanz­ler: K. Ma­lacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. Ju­li 2017,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- der Max-Planck-Ge­sell­schaft zur Förde­rung der Wis­sen­schaf­ten e. V., ver­tre­ten durch Rechts­an­walt J. Röckl,

- von Herrn Shi­mi­zu, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt N. Zim­mer­mann,

- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

- der französi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch D. Co­las und R. Coe­s­me als Be­vollmäch­tig­te,

- der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch E. Se­be­s­tyén und M. Z. Fehér als Be­vollmäch­tig­te,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek und T. S. Bohr als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 29. Mai 2018

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 2003, L 299, S. 9) und von Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Max-Planck‑Ge­sell­schaft zur Förde­rung der Wis­sen­schaf­ten e. V. (im Fol­gen­den: Max-Planck-Ge­sell­schaft) und Herrn Tet­s­u­ji Shi­mi­zu, ei­nem ih­rer ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mer, über die Wei­ge­rung der Max‑Planck-Ge­sell­schaft, ihm ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den vor der Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3

Im vier­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 1993, L 307, S. 18) war aus­geführt:

„In der Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer, die von den Staats- und Re­gie­rungs­chefs von elf Mit­glied­staa­ten auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes von Straßburg am 9. De­zem­ber 1989 ver­ab­schie­det wur­de, heißt es un­ter … Punkt 8 … wie folgt:

‚…

8. Je­der Ar­beit­neh­mer der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft hat An­spruch auf die wöchent­li­che Ru­he­zeit und auf ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, de­ren Dau­er gemäß den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten auf dem We­ge des Fort­schritts in den ein­zel­nen Staa­ten ein­an­der an­zunähern ist.

…‘“

4 Nach ih­rem ers­ten Erwägungs­grund er­folg­te durch die Richt­li­nie 2003/88, mit der die Richt­li­nie 93/104 auf­ge­ho­ben wur­de, ei­ne Ko­di­fi­zie­rung der Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 93/104.
5 Die Erwägungs­gründe 4 bis 6 der Richt­li­nie 2003/88 lau­ten:

„(4) Die Ver­bes­se­rung von Si­cher­heit, Ar­beits­hy­gie­ne und Ge­sund­heits­schutz der Ar­beit­neh­mer bei der Ar­beit stel­len Ziel­set­zun­gen dar, die kei­nen rein wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen un­ter­ge­ord­net wer­den dürfen.

(5) Al­le Ar­beit­neh­mer soll­ten an­ge­mes­se­ne Ru­he­zei­ten er­hal­ten. Der Be­griff ,Ru­he­zeit‘ muss in Zeit­ein­hei­ten aus­ge­drückt wer­den, d. h. in Ta­gen, St­un­den und/oder Tei­len da­von. Ar­beit­neh­mern in der [Uni­on] müssen Min­destru­he­zei­ten – je Tag, Wo­che und Jahr – so­wie an­ge­mes­se­ne Ru­he­pau­sen zu­ge­stan­den wer­den. …

(6) Hin­sicht­lich der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist den Grundsätzen der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on Rech­nung zu tra­gen; dies be­trifft auch die für Nacht­ar­beit gel­ten­den Grundsätze.“

6 Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, der mit Art. 7 der Richt­li­nie 93/104 wört­lich übe­rein­stimmt, sieht vor:

„(1) Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen nach Maßga­be der Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung erhält, die in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder nach den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind.

(2) Der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub darf außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den.“

7 Nach Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ser Richt­li­nie ab­wei­chen. Ei­ne Ab­wei­chung von Art. 7 der Richt­li­nie ist je­doch nicht zulässig.

Deut­sches Recht

8 § 7 des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes vom 8. Ja­nu­ar 1963 (BGBl. 1963 S. 2) in der Fas­sung vom 7. Mai 2002 (BGBl. 2002 I S. 1529) (im Fol­gen­den: BUrlG) be­stimmt:

„(1) Bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs sind die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass ih­rer Berück­sich­ti­gung drin­gen­de be­trieb­li­che Be­lan­ge oder Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten den Vor­rang ver­die­nen, ent­ge­gen­ste­hen. Der Ur­laub ist zu gewähren, wenn der Ar­beit­neh­mer dies im An­schluss an ei­ne Maßnah­me der me­di­zi­ni­schen Vor­sor­ge oder Re­ha­bi­li­ta­ti­on ver­langt.

(3) Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Ka­len­der­jahr ist nur statt­haft, wenn drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe dies recht­fer­ti­gen. …

(4) Kann der Ur­laub we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den, so ist er ab­zu­gel­ten.“

 

9

Der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst enthält in § 26 („Er­ho­lungs­ur­laub“) Abs. 1 fol­gen­de Re­ge­lung:

„… Der Er­ho­lungs­ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt … wer­den.

…“

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

10 Herr Shi­mi­zu war vom 1. Au­gust 2001 bis 31. De­zem­ber 2013 auf der Grund­la­ge meh­re­rer be­fris­te­ter Verträge bei der Max‑Planck‑Ge­sell­schaft beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fan­den das BUrlG und der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst An­wen­dung.
11 Mit Schrei­ben vom 23. Ok­to­ber 2013 bat die Max-Planck-Ge­sell­schaft Herrn Shi­mi­zu, sei­nen Ur­laub vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu neh­men, oh­ne ihn je­doch zu ver­pflich­ten, ihn zu ei­nem von ihr fest­ge­leg­ten Ter­min zu neh­men. Herr Shi­mi­zu nahm am 15. No­vem­ber und am 2. De­zem­ber 2013 je­weils ei­nen Tag Ur­laub.
12 Nach­dem Herr Shi­mi­zu mit Schrei­ben vom 23. De­zem­ber 2013 die Max‑Planck‑Ge­sell­schaft er­folg­los zur Zah­lung von 11 979 Eu­ro als fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung von 51 nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­gen aus den Jah­ren 2012 und 2013 auf­ge­for­dert hat­te, er­hob er ei­ne ent­spre­chen­de Zah­lungs­kla­ge.
13 Da die­ser Kla­ge so­wohl in der ers­ten als auch in der Be­ru­fungs­in­stanz statt­ge­ge­ben wur­de, leg­te die Max-Planck-Ge­sell­schaft beim vor­le­gen­den Ge­richt, dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land), Re­vi­si­on ein.
14 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt führt aus, die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub sei­en gemäß § 7 Abs. 3 BUrlG ver­fal­len, da der Ur­laub nicht im Ur­laubs­jahr ge­nom­men wor­den sei. Nach § 7 Abs. 3 BUrlG ver­fal­le nämlich der im Ur­laubs­jahr nicht ge­nom­me­ne Ur­laub des Ar­beit­neh­mers grundsätz­lich am En­de des Ur­laubs­jah­res, es sei denn, die Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen nach die­ser Be­stim­mung lägen vor. Sei der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ge­we­sen, sei­nen Ur­laub im Ur­laubs­jahr zu neh­men, ge­he der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub da­her am En­de des Ur­laubs­jah­res un­ter. Da die­se Ansprüche ver­fal­len sei­en, könn­ten sie nicht mehr in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG um­ge­wan­delt wer­den. An­ders sei es nur, wenn der Ar­beit­ge­ber trotz ei­nes recht­zei­ti­gen Ur­laubs­an­trags des Ar­beit­neh­mers die­sem kei­nen Ur­laub gewährt ha­be. § 7 BUrlG könne aber nicht so aus­ge­legt wer­den, dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wäre, den Ar­beit­neh­mer da­zu zu zwin­gen, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men.
15 Nach An­sicht des vor­le­gen­den Ge­richts lässt sich der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht ent­neh­men, ob ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung mit der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer be­schrie­be­nen Wir­kung mit Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ver­ein­bar sei, während im Schrift­tum die Mei­nun­gen da­zu aus­ein­an­der­gin­gen. Es stel­le sich ins­be­son­de­re die Fra­ge, ob der Ar­beit­ge­ber gemäß Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 ver­pflich­tet sei, den Er­ho­lungs­ur­laub von sich aus ein­sei­tig zeit­lich fest­zu­le­gen, oder ob das Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke (C‑118/13, EU:C:2014:1755), da­hin zu ver­ste­hen sei, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub auch dann nicht mit Ab­lauf des Be­zugs­jah­res oder des Über­tra­gungs­zeit­raums erlöschen dürfe, wenn der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ge­we­sen sei, den Ur­laubs­an­spruch wahr­zu­neh­men.
16 Im Übri­gen sei die Max-Planck-Ge­sell­schaft ei­ne ge­meinnützi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on des Pri­vat­rechts, die zwar größten­teils aus öffent­li­chen Mit­teln fi­nan­ziert wer­de, je­doch nicht mit be­son­de­ren Rech­ten aus­ge­stat­tet sei, die über das hin­aus­gin­gen, was für die Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­te. Sie sei so­mit als Pri­vat­per­son an­zu­se­hen. Da­her ha­be der Ge­richts­hof zusätz­lich zu klären, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 oder Art. 31 Abs. 2 der Char­ta even­tu­ell ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung in den Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen zu­kom­me.
17 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Steht Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 oder Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der in § 7 BUrlG ent­ge­gen, die als Mo­da­lität für die Wahr­neh­mung des An­spruchs auf Er­ho­lungs­ur­laub vor­sieht, dass der Ar­beit­neh­mer un­ter An­ga­be sei­ner Wünsche bezüglich der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die­sen be­an­tra­gen muss, da­mit der Ur­laubs­an­spruch am En­de des Be­zugs­zeit­raums nicht er­satz­los un­ter­geht, und die den Ar­beit­ge­ber da­mit nicht ver­pflich­tet, von sich aus ein­sei­tig und für den Ar­beit­neh­mer ver­bind­lich die zeit­li­che La­ge des Ur­laubs in­ner­halb des Be­zugs­zeit­raums fest­zu­le­gen?

2. Falls die Fra­ge zu 1 be­jaht wird:

Gilt dies auch dann, wenn das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen Pri­vat­per­so­nen be­stand?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

18 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­hen, nach der ein Ar­beit­neh­mer, der im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert.
19 Zunächst ist zu be­ach­ten, dass das Recht je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist, von dem nicht ab­ge­wi­chen wer­den darf und den die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len nur in den Gren­zen um­set­zen dürfen, die in der Richt­li­nie 2003/88 selbst aus­drück­lich ge­zo­gen wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 15 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
20 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on hat zu­dem nicht nur be­son­de­re Be­deu­tung, son­dern ist auch in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta, der nach Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­kommt, aus­drück­lich verbürgt (Ur­teil vom 30. Ju­ni 2016, Sobc­zy­szyn, C‑178/15, EU:C:2016:502, Rn. 20 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
21 Was als Ers­tes Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 be­trifft, ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Rechts­sa­che des Aus­gangs­ver­fah­rens die Wei­ge­rung be­trifft, ei­ne Vergütung für be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len, der zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht ge­nom­men wor­den war.
22 Ist das Ar­beits­verhält­nis be­en­det, ist die tatsächli­che In­an­spruch­nah­me des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs, der dem Ar­beit­neh­mer zu­steht, nicht mehr möglich. Um zu ver­hin­dern, dass dem Ar­beit­neh­mer we­gen die­ser Unmöglich­keit je­der Ge­nuss die­ses An­spruchs, selbst in fi­nan­zi­el­ler Form, vor­ent­hal­ten wird, sieht Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 vor, dass der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für die nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­ge hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
23

Wie der Ge­richts­hof ent­schie­den hat, stellt Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung für das Ent­ste­hen des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung auf als die, dass das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

 

24 In­so­weit geht aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs her­vor, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen dem Ar­beit­neh­mer am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­zahlt wird, wenn es ihm nicht möglich war, den ge­sam­ten be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, der ihm vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­stand, weil er sich z. B. während des ge­sam­ten Be­zugs- und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von im Krank­heits­ur­laub be­fand (Ur­tei­le vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 62, vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 31, so­wie vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 65).
25 Der Ge­richts­hof hat fer­ner ent­schie­den, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht da­hin aus­ge­legt wer­den kann, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und da­mit auch der An­spruch auf die in Art. 7 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung durch den Tod des Ar­beit­neh­mers un­ter­ge­hen können. Da­bei hat der Ge­richts­hof ins­be­son­de­re be­tont, dass, wenn die Pflicht zur Aus­zah­lung ei­ner sol­chen Vergütung we­gen der durch den Tod des Ar­beit­neh­mers be­ding­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses erlöschen würde, die­ser Um­stand zur Fol­ge hätte, dass ein unwägba­res Vor­komm­nis rück­wir­kend zum vollständi­gen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub selbst führen würde (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 25, 26 und 30).
26 Das Erlöschen des von ei­nem Ar­beit­neh­mer er­wor­be­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub oder des im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kor­re­lie­ren­den An­spruchs auf Zah­lung ei­ner Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, oh­ne dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich die Möglich­keit ge­habt hätte, den An­spruch aus­zuüben, würde nämlich das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in sei­nem We­sens­ge­halt an­tas­ten (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 32).
27 In Be­zug auf das Aus­gangs­ver­fah­ren ist fest­zu­stel­len, dass nach den Ausführun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts die Wei­ge­rung des frühe­ren Ar­beit­ge­bers von Herrn Shi­mi­zu, ihm ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len, auf ei­ne Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts gestützt ist, nach der die­ser Ur­laubs­an­spruch grundsätz­lich nicht we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses als sol­cher un­ter­geht, son­dern auf­grund der Tat­sa­che, dass der Ar­beit­neh­mer während des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs im Be­zugs­zeit­raum ge­stellt hat.

 

28 Im vor­lie­gen­den Fall stellt sich so­mit im We­sent­li­chen die Fra­ge, ob Herr Shi­mi­zu vor dem Hin­ter­grund der in Rn. 23 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ar­beits­verhält­nis­ses noch An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat­te, der sich we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung um­wan­deln konn­te.
29 Die­se Fra­ge be­trifft dem­nach in ers­ter Li­nie die Aus­le­gung von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und geht da­hin, ob die­ser es aus­sch­ließt, dass die Auf­recht­er­hal­tung des An­spruchs auf am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub da­von abhängig ge­macht wer­den kann, dass der Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum ei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung die­ses An­spruchs ge­stellt hat, und ob er es aus­sch­ließt, dass bei Feh­len ei­nes sol­chen An­trags der Ver­lust des An­spruchs vor­ge­schrie­ben ist, oh­ne dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wäre, von sich aus ein­sei­tig und für den Ar­beit­neh­mer ver­bind­lich die zeit­li­che La­ge des Ur­laubs in­ner­halb des Be­zugs­zeit­raums fest­zu­le­gen.
30 In­so­weit ist ers­tens fest­zu­stel­len, dass aus der in den Rn. 22 bis 25 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht ab­ge­lei­tet wer­den kann, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen wäre, dass der An­spruch nach Abs. 1 und – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – der An­spruch auf die Vergütung, die gemäß Abs. 2 an sei­ne Stel­le tre­ten kann, dem Ar­beit­neh­mer völlig un­abhängig von den Umständen er­hal­ten blei­ben müss­ten, die da­zu geführt ha­ben, dass er den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ge­nom­men hat.
31 Zwei­tens darf zwar nach ständi­ger Recht­spre­chung Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, um si­cher­zu­stel­len, dass das im Uni­ons­recht ver­an­ker­te Grund­recht des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­ach­tet wird, nicht auf Kos­ten der Rech­te, die dem Ar­beit­neh­mer nach die­ser Richt­li­nie zu­ste­hen, re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 22 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Es ist je­doch eben­falls zu be­ach­ten, dass das in Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­ne Ur­laubs­ent­gelt es dem Ar­beit­neh­mer ermögli­chen soll, den Ur­laub, auf den er An­spruch hat, tatsächlich zu neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 49).
32 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs wird mit dem in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­ker­ten An­spruch auf Jah­res­ur­laub nämlich der Zweck ver­folgt, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Ausübung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum der Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
33 In­dem Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 vor­sieht, dass der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den darf, soll im Übri­gen auch gewähr­leis­tet wer­den, dass der Ar­beit­neh­mer über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügen kann, da­mit ein wirk­sa­mer Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit gewähr­leis­tet ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 60 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
34 Drit­tens ist es, wie sich schon aus dem Wort­laut von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs er­gibt, Sa­che der Mit­glied­staa­ten, in ih­ren in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten die Vor­aus­set­zun­gen für die Wahr­neh­mung und die Um­set­zung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub fest­zu­le­gen und da­bei die kon­kre­ten Umstände zu be­zeich­nen, un­ter de­nen die Ar­beit­neh­mer die­sen An­spruch gel­tend ma­chen können (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
35 Dies hat der Ge­richts­hof u. a. da­hin präzi­siert, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 grundsätz­lich ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung, die für die Wahr­neh­mung des mit die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Mo­da­litäten vor­sieht, die so­gar den Ver­lust die­ses An­spruchs am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums um­fas­sen, nicht ent­ge­gen­steht, al­ler­dings un­ter der Vor­aus­set­zung, dass der Ar­beit­neh­mer, des­sen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lo­schen ist, tatsächlich die Möglich­keit hat­te, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch wahr­zu­neh­men (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 43).
36 Ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 7 Abs. 1 und 3 BUrlG, die vor­sieht, dass bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen sind, es sei denn, dass drin­gen­de be­trieb­li­che Be­lan­ge oder Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer vor­lie­gen, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten den Vor­rang ver­die­nen, oder dass der Ur­laub grundsätz­lich im Be­zugs­jahr zu neh­men ist, fällt in den Be­reich der Mo­da­litäten für die Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs.
37 Ei­ne Re­ge­lung sol­cher Art gehört zu den auf die Fest­le­gung des Ur­laubs der Ar­beit­neh­mer an­wend­ba­ren Be­stim­mun­gen und Ver­fah­ren des na­tio­na­len Rechts, die zum Ziel ha­ben, den ver­schie­de­nen wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen Rech­nung zu tra­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 10. Sep­tem­ber 2009, Vicen­te Pe­re­da, C‑277/08, EU:C:2009:542, Rn. 22).

 

38 Wie aus Rn. 35 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, ist je­doch dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die An­wen­dung sol­cher na­tio­na­len Be­stim­mun­gen nicht zum Erlöschen der vom Ar­beit­neh­mer er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub führen kann, wenn es ihm tatsächlich nicht möglich war, die­se Ansprüche wahr­zu­neh­men.
39 Im vor­lie­gen­den Fall ist der Vor­la­ge­ent­schei­dung zu ent­neh­men, dass die in Rn. 36 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten na­tio­na­len Vor­schrif­ten da­hin aus­ge­legt wer­den, dass, wenn ein Ar­beit­neh­mer im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs ge­stellt hat, dies grundsätz­lich da­zu führt, dass der Ar­beit­neh­mer sei­nen Ur­laubs­an­spruch am En­de des Be­zugs­zeit­raums und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert.
40 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 32 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, wer­den mit ei­nem sol­chen au­to­ma­ti­schen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, der kei­ne vor­he­ri­ge Prüfung vor­aus­setzt, ob der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men, die in Rn. 35 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Gren­zen ver­kannt, die von den Mit­glied­staa­ten zwin­gend ein­zu­hal­ten sind, wenn sie die Mo­da­litäten für die Ausübung die­ses An­spruchs im Ein­zel­nen fest­le­gen.
41 Der Ar­beit­neh­mer ist nämlich als die schwäche­re Par­tei des Ar­beits­ver­trags an­zu­se­hen, so dass ver­hin­dert wer­den muss, dass der Ar­beit­ge­ber ihm ei­ne Be­schränkung sei­ner Rech­te auf­er­le­gen kann. Auf­grund die­ser schwäche­ren Po­si­ti­on kann der Ar­beit­neh­mer da­von ab­ge­schreckt wer­den, sei­ne Rech­te ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber aus­drück­lich gel­tend zu ma­chen, da ins­be­son­de­re die Ein­for­de­rung die­ser Rech­te ihn Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers aus­set­zen könn­te, die sich zu sei­nem Nach­teil auf das Ar­beits­verhält­nis aus­wir­ken können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 25. No­vem­ber 2010, Fuß, C‑429/09, EU:C:2010:717, Rn. 80 und 81 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
42 Zu­dem ist die Schaf­fung ei­nes An­rei­zes, auf den Er­ho­lungs­ur­laub zu ver­zich­ten oder die Ar­beit­neh­mer da­zu an­zu­hal­ten, dar­auf zu ver­zich­ten, mit den in den Rn. 32 und 33 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Zie­len un­ver­ein­bar, die mit dem An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­folgt wer­den und u. a. dar­in be­ste­hen, zu gewähr­leis­ten, dass der Ar­beit­neh­mer zum wirk­sa­men Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 6. April 2006, Fe­de­ra­tie Neder­land­se Vak­be­we­ging, C‑124/05, EU:C:2006:244, Rn. 32). Dem­nach verstößt auch je­de Pra­xis oder Un­ter­las­sung ei­nes Ar­beit­ge­bers, die den Ar­beit­neh­mer da­von ab­hal­ten kann, den Jah­res­ur­laub zu neh­men, ge­gen das mit dem Recht auf Jah­res­ur­laub ver­folg­te Ziel (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 39 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

 

43 Un­ter die­sen Umständen ist ei­ne Si­tua­ti­on zu ver­mei­den, in der die Auf­ga­be, für die tatsächli­che Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu sor­gen, vollständig auf den Ar­beit­neh­mer ver­la­gert würde, während der Ar­beit­ge­ber da­mit die Möglich­keit er­hiel­te, sich un­ter Be­ru­fung auf den feh­len­den Ur­laubs­an­trag des Ar­beit­neh­mers sei­ner ei­ge­nen Pflich­ten zu ent­zie­hen.
44 Für die Ant­wort auf die ers­te Fra­ge ist zwar dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Be­ach­tung der Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers aus Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht so weit ge­hen kann, von die­sem zu ver­lan­gen, dass er sei­ne Ar­beit­neh­mer zwingt, ih­ren An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub tatsächlich wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 7. Sep­tem­ber 2006, Kom­mis­si­on/Ver­ei­nig­tes König­reich, C‑484/04, EU:C:2006:526, Rn. 43). Er muss den Ar­beit­neh­mer je­doch in die La­ge ver­set­zen, ei­nen sol­chen An­spruch wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 63).
45 Wie auch der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 41 bis 43 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ist der Ar­beit­ge­ber in An­be­tracht des zwin­gen­den Cha­rak­ters des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und an­ge­sichts des Er­for­der­nis­ses, die prak­ti­sche Wirk­sam­keit von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 zu gewähr­leis­ten, u. a. ver­pflich­tet, kon­kret und in völli­ger Trans­pa­renz dafür zu sor­gen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in der La­ge ist, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, in­dem er ihn – er­for­der­li­chen­falls förm­lich – auf­for­dert, dies zu tun, und ihm, da­mit si­cher­ge­stellt ist, dass der Ur­laub ihm noch die Er­ho­lung und Ent­span­nung bie­ten kann, zu de­nen er bei­tra­gen soll, klar und recht­zei­tig mit­teilt, dass der Ur­laub, wenn er ihn nicht nimmt, am En­de des Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes zulässi­gen Über­tra­gungs­zeit­raums ver­fal­len wird.
46 Die Be­weis­last trägt in­so­weit der Ar­beit­ge­ber (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 68). Kann er nicht nach­wei­sen, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um den Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, ver­stießen das Erlöschen des Ur­laubs­an­spruchs am En­de des Be­zugs- oder zulässi­gen Über­tra­gungs­zeit­raums und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – das ent­spre­chen­de Aus­blei­ben der Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub ge­gen Art. 7 Abs. 1 und ge­gen Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88.
47 Ist der Ar­beit­ge­ber hin­ge­gen in der La­ge, den ihm in­so­weit ob­lie­gen­den Be­weis zu er­brin­gen, und zeigt sich da­her, dass der Ar­beit­neh­mer aus frei­en Stücken und in vol­ler Kennt­nis der sich dar­aus er­ge­ben­den Kon­se­quen­zen dar­auf ver­zich­tet hat, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, nach­dem er in die La­ge ver­setzt wor­den war, sei­nen Ur­laubs­an­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men, steht Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 dem Ver­lust die­ses An­spruchs und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – dem ent­spre­chen­den Weg­fall der fi­nan­zi­el­len Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ent­ge­gen.
48 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 50 und 51 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat und aus Rn. 42 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, wäre je­de Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, die den Ar­beit­neh­mer da­zu ver­an­las­sen könn­te, aus frei­en Stücken in den be­tref­fen­den Be­zugs- oder zulässi­gen Über­tra­gungs­zeiträum­en kei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, um sei­ne Vergütung bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu erhöhen, mit den durch die Schaf­fung des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­folg­ten Zie­len un­ver­ein­bar.
49 Was als Zwei­tes Art. 31 Abs. 2 der Char­ta an­be­langt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs die in der Uni­ons­rechts­ord­nung ga­ran­tier­ten Grund­rech­te in al­len uni­ons­recht­lich ge­re­gel­ten Fall­ge­stal­tun­gen An­wen­dung fin­den (vgl. u. a. Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le, C‑176/12, EU:C:2014:2, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
50 Da mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung die Richt­li­nie 2003/88 um­ge­setzt wird, fin­det Art. 31 Abs. 2 der Char­ta im Aus­gangs­ver­fah­ren An­wen­dung (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le, C‑176/12, EU:C:2014:2, Rn. 43).
51 Schon dem Wort­laut von Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ist zu ent­neh­men, dass in die­ser Be­stim­mung das „Recht“ je­der Ar­beit­neh­me­rin und je­des Ar­beit­neh­mers auf „be­zahl­ten Jah­res­ur­laub“ ver­an­kert ist.
52 Nach den Erläute­run­gen zu Art. 31 der Char­ta, die gemäß Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 3 EUV und Art. 52 Abs. 7 der Char­ta bei de­ren Aus­le­gung zu berück­sich­ti­gen sind, ori­en­tiert sich Art. 31 Abs. 2 der Char­ta an der Richt­li­nie 93/104, an Art. 2 der am 18. Ok­to­ber 1961 in Tu­rin un­ter­zeich­ne­ten und am 3. Mai 1996 in Straßburg re­vi­dier­ten Eu­ropäischen So­zi­al­char­ta so­wie an Nr. 8 der auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes in Straßburg am 9. De­zem­ber 1989 ver­ab­schie­de­ten Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer (Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 27).
53 Wie sich aus dem ers­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 er­gibt, wur­de mit ihr die Richt­li­nie 93/104 ko­di­fi­ziert. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, der den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­trifft, hat den­sel­ben Wort­laut wie Art. 7 der Richt­li­nie 93/104 (Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 28).
54 In die­sem Zu­sam­men­hang ist außer­dem zu be­ach­ten, dass das in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ver­an­ker­te Grund­recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nur un­ter Ein­hal­tung der in Art. 52 Abs. 1 der Char­ta vor­ge­se­he­nen stren­gen Be­din­gun­gen und ins­be­son­de­re nur un­ter Ach­tung sei­nes We­sens­ge­halts be­schränkt wer­den kann. Folg­lich können die Mit­glied­staa­ten nicht von dem sich aus Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 in Ver­bin­dung mit Art. 31 Abs. 2 der Char­ta er­ge­ben­den Grund­satz ab­wei­chen, wo­nach ein er­wor­be­ner An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums nicht er­lischt, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 56).
55 In­fol­ge­des­sen sind so­wohl Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 als auch – für die in den An­wen­dungs­be­reich der Char­ta fal­len­den Sach­ver­hal­te – Art. 31 Abs. 2 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach der Um­stand, dass ein Ar­beit­neh­mer im Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes gemäß die­sen Be­stim­mun­gen er­wor­be­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, au­to­ma­tisch, oh­ne dass dem­nach zu­vor ge­prüft würde, ob der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men, da­zu führt, dass er die­sen An­spruch und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf die fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­liert.
56 Hat der Ar­beit­neh­mer sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hin­ge­gen aus frei­en Stücken und in vol­ler Kennt­nis der sich dar­aus er­ge­ben­den Kon­se­quen­zen nicht ge­nom­men, nach­dem er in die La­ge ver­setzt wor­den war, sei­nen Ur­laubs­an­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men, ste­hen Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta dem Ver­lust die­ses An­spruchs und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – auch dem ent­spre­chen­den Weg­fall der fi­nan­zi­el­len Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ent­ge­gen, oh­ne dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wäre, den Ar­beit­neh­mer da­zu zu zwin­gen, die­sen An­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men.
57 Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung im Ein­klang mit Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­ge­legt wer­den kann.
58 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ha­ben nämlich die na­tio­na­len Ge­rich­te bei der An­wen­dung des in­ner­staat­li­chen Rechts die­ses so weit wie möglich an­hand des Wort­lauts und des Zwecks der frag­li­chen Richt­li­nie aus­zu­le­gen, um das in der Richt­li­nie fest­ge­leg­te Ziel zu er­rei­chen und da­mit Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 24 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
59 Der Grund­satz der uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung ver­langt, dass die na­tio­na­len Ge­rich­te un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der dort an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den al­les tun, was in ih­rer Zuständig­keit liegt, um die vol­le Wirk­sam­keit der frag­li­chen Richt­li­nie zu gewähr­leis­ten und zu ei­nem Er­geb­nis zu ge­lan­gen, das mit dem von der Richt­li­nie ver­folg­ten Ziel im Ein­klang steht (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

 

60 Wie der Ge­richts­hof eben­falls ent­schie­den hat, um­fasst das Er­for­der­nis ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung u. a. die Ver­pflich­tung der na­tio­na­len Ge­rich­te, ei­ne ge­fes­tig­te Recht­spre­chung ge­ge­be­nen­falls ab­zuändern, wenn sie auf ei­ner Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­ruht, die mit den Zie­len ei­ner Richt­li­nie un­ver­ein­bar ist. Folg­lich darf ein na­tio­na­les Ge­richt nicht da­von aus­ge­hen, dass es ei­ne na­tio­na­le Vor­schrift nicht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht aus­le­gen könne, nur weil sie in ständi­ger Recht­spre­chung in ei­nem nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­ba­ren Sin­ne aus­ge­legt wor­den ist (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 72 und 73 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
61 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­hen, nach der ein Ar­beit­neh­mer, der im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert, und zwar au­to­ma­tisch und oh­ne vor­he­ri­ge Prüfung, ob er vom Ar­beit­ge­ber z. B. durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men. Es ist in­so­weit Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der dar­in an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu prüfen, ob es in der La­ge ist, zu ei­ner Aus­le­gung die­ses Rechts zu ge­lan­gen, mit der die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts gewähr­leis­tet wer­den kann.

Zur zwei­ten Fra­ge

62 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta in dem Fall, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che nicht im Ein­klang mit ih­nen aus­ge­legt wer­den kann, da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie zur Fol­ge ha­ben, dass das na­tio­na­le Ge­richt die­se na­tio­na­le Re­ge­lung in ei­nem Rechts­streit zwi­schen dem Ar­beit­neh­mer und sei­nem frühe­ren pri­va­ten Ar­beit­ge­ber un­an­ge­wen­det zu las­sen hat und der Ar­beit­neh­mer von die­sem Ar­beit­ge­ber ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den von ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen er­wor­be­nen und bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­hal­ten muss.
63 Was nun als Ers­tes die Fra­ge ei­ner et­wai­gen un­mit­tel­ba­ren Wir­kung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 an­be­langt, er­gibt sich aus der ständi­gen Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass sich der Ein­zel­ne in all den Fällen, in de­nen die Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie in­halt­lich un­be­dingt und hin­rei­chend ge­nau sind, vor na­tio­na­len Ge­rich­ten ge­genüber dem Staat auf die­se Be­stim­mun­gen be­ru­fen kann, wenn die­ser die Richt­li­nie nicht frist­gemäß oder nur un­zuläng­lich in das na­tio­na­le Recht um­ge­setzt hat (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 33 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Zu­dem kann der Ein­zel­ne, wenn er sich dem Staat ge­genüber auf ei­ne Richt­li­nie be­ru­fen kann, dies un­abhängig da­von tun, ob der Staat in sei­ner Ei­gen­schaft als Ar­beit­ge­ber oder als Ho­heits­träger han­delt. In dem ei­nen wie dem an­de­ren Fall muss nämlich ver­hin­dert wer­den, dass der Staat aus der Nicht­be­ach­tung des Uni­ons­rechts Nut­zen zie­hen kann (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 38 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
64 Auf­grund die­ser Erwägun­gen hat der Ge­richts­hof an­er­kannt, dass sich der Ein­zel­ne auf nicht von Be­din­gun­gen abhängi­ge und hin­rei­chend ge­naue Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie nicht nur ge­genüber ei­nem Mit­glied­staat und al­len Trägern sei­ner Ver­wal­tung ein­sch­ließlich de­zen­tra­li­sier­ter Behörden be­ru­fen kann, son­dern auch ge­genüber Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen, die dem Staat oder des­sen Auf­sicht un­ter­ste­hen oder die von ei­nem Mit­glied­staat mit der Erfüllung ei­ner im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­den Auf­ga­be be­traut wur­den und hier­zu mit be­son­de­ren Rech­ten aus­ge­stat­tet sind, die über die für die Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­ten­den Vor­schrif­ten hin­aus­ge­hen (Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 45 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
65 Im vor­lie­gen­den Fall ist die in­so­weit er­for­der­li­che Prüfung Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, das im Übri­gen al­lein über die dafür sach­dien­li­chen In­for­ma­tio­nen verfügt. Das vor­le­gen­de Ge­richt ist, wie sich aus Rn. 16 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, da­von aus­ge­gan­gen, dass die Max-Planck-Ge­sell­schaft als Pri­vat­per­son an­zu­se­hen ist.
66 Vor die­sem Hin­ter­grund ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ei­ne Richt­li­nie nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für ei­nen Bürger be­gründen kann, so dass ihm ge­genüber ei­ne Be­ru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht möglich ist. Ei­ne Aus­deh­nung der Möglich­keit, sich auf ei­ne Be­stim­mung ei­ner nicht oder un­rich­tig um­ge­setz­ten Richt­li­nie zu be­ru­fen, auf den Be­reich der Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­va­ten, lie­fe nämlich dar­auf hin­aus, der Uni­on die Be­fug­nis zu­zu­er­ken­nen, mit un­mit­tel­ba­rer Wir­kung zu­las­ten der Ein­zel­nen Ver­pflich­tun­gen an­zu­ord­nen, ob­wohl sie dies nur dort darf, wo ihr die Be­fug­nis zum Er­lass von Ver­ord­nun­gen zu­ge­wie­sen ist (Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
67 Folg­lich kann selbst ei­ne kla­re, ge­naue und nicht von Be­din­gun­gen abhängi­ge Be­stim­mung ei­ner Richt­li­nie, mit der dem Ein­zel­nen Rech­te gewährt oder Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt wer­den sol­len, als sol­che im Rah­men ei­nes Rechts­streits, in dem sich aus­sch­ließlich Pri­va­te ge­genüber­ste­hen, kei­ne An­wen­dung fin­den (Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 43 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

 

68 Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 kann da­her, ob­wohl er die Kri­te­ri­en der Un­be­dingt­heit und hin­rei­chen­den Ge­nau­ig­keit erfüllt, die für ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung er­for­der­lich sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom heu­ti­gen Tag, Bau­er und Will­meroth, C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:XXXX:XXX, Rn. 71 bis 73), nicht in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten gel­tend ge­macht wer­den, um die vol­le Wirk­sam­keit des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu gewähr­leis­ten und zu er­rei­chen, dass je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­nal­recht­li­che Be­stim­mung un­an­ge­wen­det bleibt (Ur­teil vom 26. März 2015, Fe­noll, C‑316/13, EU:C:2015:200, Rn. 48).
69 Als Zwei­tes ist zu Art. 31 Abs. 2 der Char­ta, für den in den Rn. 49 bis 55 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt wur­de, dass er auf ei­nen Sach­ver­halt wie den des Aus­gangs­ver­fah­rens An­wen­dung fin­det und da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, vor­ab dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­nen we­sent­li­chen Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on dar­stellt.
70 Die­ser Grund­satz hat sei­nen Ur­sprung so­wohl in Rechts­ak­ten, die wie die in Art. 151 AEUV erwähn­te Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer von den Mit­glied­staa­ten auf Uni­ons­ebe­ne ge­schaf­fen wur­den, als auch in den völker­recht­li­chen Verträgen, bei de­nen die Mit­glied­staa­ten mit­ge­wirkt ha­ben oder de­nen sie bei­ge­tre­ten sind. Zu die­sen gehört die eben­falls in Art. 151 AEUV erwähn­te Eu­ropäische So­zi­al­char­ta, der al­le Mit­glied­staa­ten an­gehören, da sie ihr ent­we­der in ih­rer ursprüng­li­chen Fas­sung, in ih­rer re­vi­dier­ten Fas­sung oder ih­ren bei­den Fas­sun­gen bei­ge­tre­ten sind. Zu erwähnen ist auch das Übe­r­ein­kom­men Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on vom 24. Ju­ni 1970 über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub (Neu­fas­sung), das, wie der Ge­richts­hof in den Rn. 37 und 38 des Ur­teils vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a. (C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18), fest­ge­stellt hat, Grundsätze der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on enthält, de­nen nach dem sechs­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 Rech­nung zu tra­gen ist.
71 Im vier­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 93/104 wird ins­be­son­de­re dar­auf ver­wie­sen, dass es in der Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer un­ter Punkt 8 heißt, dass je­der Ar­beit­neh­mer der Uni­on An­spruch u. a. auf ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat, des­sen Dau­er gemäß den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten im We­ge des Fort­schritts an­zunähern ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 26. Ju­ni 2001, BEC­TU, C‑173/99, EU:C:2001:356, Rn. 39).  
72 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub wur­de al­so nicht mit Art. 7 der Richt­li­nie 93/104 und Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 selbst ein­geführt. Es hat sei­nen Ur­sprung u. a. in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 75), und hat als we­sent­li­cher Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on zwin­gen­den Cha­rak­ter (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 48 und 68). Die­ser we­sent­li­che Grund­satz um­fasst den An­spruch auf „be­zahl­ten“ Jah­res­ur­laub als sol­chen und den mit die­sem eng ver­bun­de­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub (vgl. Ur­teil vom heu­ti­gen Tag, Bau­er und Will­meroth, C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:XXXX:XXX, Rn. 83).
73 Mit der zwin­gen­den For­mu­lie­rung, dass „je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­der Ar­beit­neh­mer“ das „Recht“ „auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub“ hat – und zwar oh­ne dass in­so­weit, wie z. B. in Art. 27 der Char­ta, zu dem das Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le (C‑176/12, EU:C:2014:2), er­gan­gen ist, auf „Fälle und Vor­aus­set­zun­gen, die nach dem Uni­ons­recht und den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind“, ver­wie­sen würde –, spie­gelt Art. 31 Abs. 2 der Char­ta den we­sent­li­chen Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on wi­der, von dem nur un­ter den in Art. 52 Abs. 1 der Char­ta vor­ge­se­he­nen stren­gen Be­din­gun­gen und ins­be­son­de­re nur un­ter Ach­tung des We­sens­ge­halts des Grund­rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ab­ge­wi­chen wer­den kann. 
74 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, das in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta für je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­den Ar­beit­neh­mer ver­an­kert ist, ist in­fol­ge­des­sen, was sein Be­ste­hen selbst an­be­langt, zu­gleich zwin­gend und nicht von Be­din­gun­gen abhängig, da die Char­ta nicht durch uni­ons­recht­li­che oder na­tio­nal­recht­li­che Be­stim­mun­gen kon­kre­ti­siert wer­den muss. In die­sen sind nur die ge­naue Dau­er des Jah­res­ur­laubs und ge­ge­be­nen­falls be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen für die Wahr­neh­mung des Rechts fest­zu­le­gen. Folg­lich ver­leiht Art. 31 Abs. 2 der Char­ta schon für sich al­lein den Ar­beit­neh­mern ein Recht, das sie in ei­nem Rechts­streit ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber in ei­nem vom Uni­ons­recht er­fass­ten und da­her in den An­wen­dungs­be­reich der Char­ta fal­len­den Sach­ver­halt als sol­ches gel­tend ma­chen können (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 76).
75

Art. 31 Abs. 2 der Char­ta hat da­her für die in den An­wen­dungs­be­reich der Char­ta fal­len­den Sach­ver­hal­te ins­be­son­de­re zur Fol­ge, dass das na­tio­na­le Ge­richt ei­ne Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen hat, die den in Rn. 54 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Grund­satz ver­letzt, dass ei­nem Ar­beit­neh­mer, wenn er nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men, ein er­wor­be­ner An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums oder die fi­nan­zi­el­le Vergütung, die als eng mit die­sem An­spruch auf „be­zahl­ten“ Jah­res­ur­laub ver­bun­de­ner An­spruch am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses an des­sen Stel­le tritt, nicht ge­nom­men wer­den kann. Nach die­ser Be­stim­mung können sich die Ar­beit­ge­ber auch nicht auf ei­ne sol­che na­tio­na­le Re­ge­lung be­ru­fen, um sich der Zah­lung die­ser Vergütung zu ent­zie­hen, zu der sie die Ach­tung des in die­ser Be­stim­mung gewähr­leis­te­ten Grund­rechts ver­pflich­tet.

 

76 Bezüglich der Wir­kung, die Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ge­genüber pri­va­ten Ar­beit­ge­bern ent­fal­tet, ist fest­zu­stel­len, dass die Char­ta nach ih­rem Art. 51 Abs. 1 zwar für die Or­ga­ne, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Uni­on un­ter Wah­rung des Sub­si­dia­ritätsprin­zips und für die Mit­glied­staa­ten aus­sch­ließlich bei der Durchführung des Uni­ons­rechts gilt. Hin­ge­gen trifft Art. 51 Abs. 1 der Char­ta kei­ne Re­ge­lung darüber, ob Pri­vat­per­so­nen ge­ge­be­nen­falls un­mit­tel­bar zur Ein­hal­tung ein­zel­ner Be­stim­mun­gen der Char­ta ver­pflich­tet sein können, und kann dem­nach nicht da­hin aus­ge­legt wer­den, dass dies ka­te­go­risch aus­ge­schlos­sen wäre.
77 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 78 sei­ner Schluss­anträge in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen Bau­er und Will­meroth (C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:2018:337) aus­geführt hat, kann der Um­stand, dass man­che Be­stim­mun­gen des Primärrechts in ers­ter Li­nie an die Mit­glied­staa­ten ge­rich­tet sind, es nicht aus­sch­ließen, dass die­se auch für Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­ten können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 77).
78 Der Ge­richts­hof hat ins­be­son­de­re be­reits an­er­kannt, dass das in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta nie­der­ge­leg­te Ver­bot schon für sich al­lein dem Ein­zel­nen ein Recht ver­leiht, das er in ei­nem Rechts­streit ge­gen ei­ne an­de­re Pri­vat­per­son als sol­ches gel­tend ma­chen kann (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 76), oh­ne dass des­halb Art. 51 Abs. 1 der Char­ta dem ent­ge­genstünde.
79 Spe­zi­ell in Be­zug auf Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ist her­vor­zu­he­ben, dass das Recht je­der Ar­beit­neh­me­rin und je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub schon sei­nem We­sen nach mit ei­ner ent­spre­chen­den Pflicht des Ar­beit­ge­bers ein­her­geht, nämlich der Pflicht zur Gewährung be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs oder ei­ner Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub.
80 Soll­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung nicht im Ein­klang mit Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­ge­legt wer­den können, wird es da­her in ei­ner Si­tua­ti­on wie der des Aus­gangs­ver­fah­rens dem vor­le­gen­den Ge­richt ob­lie­gen, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den aus die­ser Be­stim­mung er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit der Be­stim­mung zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls die na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det lässt (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 79).
81

Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass sich in dem Fall, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die in den Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che nicht im Ein­klang mit Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­ge­legt wer­den kann, aus Art. 31 Abs. 2 der Char­ta er­gibt, dass das mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen ei­nem Ar­beit­neh­mer und sei­nem frühe­ren pri­va­ten Ar­beit­ge­ber be­fass­te na­tio­na­le Ge­richt die­se na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen und dafür Sor­ge zu tra­gen hat, dass der Ar­beit­neh­mer, wenn der Ar­beit­ge­ber nicht nach­wei­sen kann, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um ihn tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm nach dem Uni­ons­recht zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, we­der sei­ne er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub noch ent­spre­chend – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – die fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, de­ren Zah­lung in die­sem Fall un­mit­tel­bar dem be­tref­fen­den Ar­beit­ge­ber ob­liegt, ver­lie­ren kann.

Kos­ten

82 

Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­hen, nach der ein Ar­beit­neh­mer, der im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert, und zwar au­to­ma­tisch und oh­ne vor­he­ri­ge Prüfung, ob er vom Ar­beit­ge­ber z. B. durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men. Es ist in­so­weit Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der dar­in an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu prüfen, ob es in der La­ge ist, zu ei­ner Aus­le­gung die­ses Rechts zu ge­lan­gen, mit der die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts gewähr­leis­tet wer­den kann.

2. In dem Fall, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die in den Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che nicht im Ein­klang mit Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Grund­rech­te­char­ta aus­ge­legt wer­den kann, er­gibt sich aus Art. 31 Abs. 2 der Grund­rech­te­char­ta, dass das mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen ei­nem Ar­beit­neh­mer und sei­nem frühe­ren pri­va­ten Ar­beit­ge­ber be­fass­te na­tio­na­le Ge­richt die­se na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen und dafür Sor­ge zu tra­gen hat, dass der Ar­beit­neh­mer, wenn der Ar­beit­ge­ber nicht nach­wei­sen kann, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um ihn tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm nach dem Uni­ons­recht zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, we­der sei­ne er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub noch ent­spre­chend – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – die fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, de­ren Zah­lung in die­sem Fall un­mit­tel­bar dem be­tref­fen­den Ar­beit­ge­ber ob­liegt, ver­lie­ren kann.

Lena­erts
Bo­ni­chot
Prechal

Vil­a­ras
von Dan­witz
Bilt­gen

Jürimäe
Ly­cour­gos
Ilešič

Ma­le­n­ovský
Le­vits

Bay Lar­sen
Ro­din
 

Verkündet in öffent­li­cher Sit­zung in Lu­xem­burg am 6. No­vem­ber 2018.

Der Kanz­ler
A. Ca­lot Es­co­bar


Der Präsi­dent
K. Lena­erts

 

(*) Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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