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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/292

Frau­en­för­de­rung durch Köl­ner Au­to­haus

Die ge­ziel­te Su­che nach Frau­en als Au­to­ver­käu­fe­rin­nen durch ei­nen män­ner­ge­präg­ten Au­to­sa­lon kann rech­tens sein: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 18.05.2017, 7 Sa 913/16
Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, Frauenquote, Gender Pay Gap

21.11.2017. Bei Stel­len­an­zei­gen müs­sen Ar­beit­ge­ber auf­pas­sen, dass sie kei­ne For­mu­lie­run­gen ver­wen­den, die be­stimm­te Be­wer­ber­grup­pen ent­mu­ti­gen könn­ten, sich zu be­wer­ben. Denn das wä­re in den meis­ten Fäl­len ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung, z.B. we­gen des Al­ters, we­gen ei­ner Be­hin­de­rung oder we­gen des Ge­schlechts.

Ein klas­si­sches Fett­näpf­chen ist die Su­che nach ei­nem "In­ge­nieur", denn die al­lei­ni­ge Ver­wen­dung der männ­li­chen Be­rufs­be­zeich­nung grenzt po­ten­ti­el­le weib­li­che Be­wer­ber aus.

Es ge­hört da­her schon et­was Selbst­be­wusst­sein da­zu, als Ar­beit­ge­ber in ei­ner öf­fent­li­chen Stel­len­an­zei­ge aus­drück­lich nur nach Frau­en zu su­chen, noch da­zu un­ter dem rei­ße­ri­schen Slo­gan "Frau­en an die Macht!". Trotz­dem kann ei­ne sol­che An­zei­ge rech­tens sein, wie ein ak­tu­el­les Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Köln zeigt: LAG Köln, Ur­teil vom 18.05.2017, 7 Sa 913/16.

Ist die ge­ziel­te Su­che nach weib­li­chen Verkäufern für weib­li­che Kund­schaft rech­tens oder ei­ne un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung männ­li­cher Be­wer­ber?

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben, ins­be­son­de­re Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund des Ge­schlechts, vgl. §§ 1 und 2 AGG. Des­halb sind Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­tet, Stel­len­aus­schrei­bun­gen ge­schlechts­neu­tral zu for­mu­lie­ren (§ 11 AGG). Und selbst­verständ­lich dürfen sie Be­wer­ber und Be­wer­be­rin­nen im All­ge­mei­nen nicht we­gen ih­res Ge­schlechts auswählen oder ab­leh­nen (§ 3 Abs.1 in Verb. mit § 2 Abs.1 Nr.1 AGG).

Es gibt al­ler­dings Aus­nah­men von dem Ver­bot der ge­schlechts­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gung beim Zu­gang zur Beschäfti­gung. Es ist nämlich er­laubt, ge­zielt nach Männern oder nach Frau­en für be­stimm­te Stel­len zu su­chen, wenn das Ge­schlecht für die Stel­le ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ ist (§ 8 Abs.1 AGG). Pa­ra­de­bei­spiel ist die Be­set­zung ei­ner männ­li­chen bzw. weib­li­chen Thea­ter- oder Film­rol­le. § 8 Abs.1 AGG lau­tet:

"Ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des ist zulässig, wenn die­ser Grund we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern der Zweck rechtmäßig und die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist."

Frag­lich ist, in wel­chen Fällen sich Ar­beit­ge­ber auf die­se Vor­schrift be­ru­fen können, wenn sie den Wünschen ih­rer Kun­den oder Geschäfts­part­ner nach­kom­men wol­len und da­her z.B. männ­li­che Kun­den durch männ­li­che Be­ra­ter und/oder weib­li­che Kun­den durch weib­li­che Verkäufer be­die­nen las­sen wol­len. Ei­ne sol­che Be­ru­fung auf Kun­denwünsche („cust­o­m­er pre­fe­ren­ces“) ist mit der Ge­fahr ver­bun­den, dass sich ge­schlechts­be­zo­ge­ne Rol­len­ver­tei­lun­gen ver­fes­ti­gen. § 8 Abs.1 AGG ist da­her eng aus­zu­le­gen, d.h. so, dass der An­wen­dungs­be­reich die­ser Aus­nah­me­vor­schrift auf we­ni­ge Fälle be­grenzt ist.

Die Ar­beits­ge­rich­te ha­ben Ar­beit­ge­bern in sol­chen Fällen die Be­ru­fung auf § 8 Abs.1 AGG bis­her nur zu­ge­stan­den, wenn die Tätig­keit auf ei­nem be­son­de­ren Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen Ar­beit­neh­mer(in) und Kun­de/in be­ruht und/oder das Scham­gefühl der Kun­den bzw. Kun­din­nen geschützt wer­den muss.

Da­her durf­te ein Mädchen­in­ter­nat ge­zielt nach Er­zie­he­rin­nen su­chen, da die Er­zie­he­rin­nen auch nachts in den Schlaf- und Waschräum­en für die Be­auf­sich­ti­gung sor­gen muss­ten (BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 536/08, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/091: Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mädchen­in­ter­nat). Aus ähn­li­chen Gründen konn­te ei­ne Ge­mein­de ei­ne Stel­le als Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te nur für Frau­en aus­schrei­ben, da die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te u.a. Op­fern von Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung hel­fen soll­te und Maßnah­men zu frau­en- und mädchen­spe­zi­fi­schen The­men ins Le­ben ru­fen soll­te (BAG, Ur­teil vom 18.03.2010, 8 AZR 77/09, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/066 Stel­len­aus­schrei­bung nur für Frau­en).

Aber gilt § 8 Abs.1 AGG auch in Fällen, in de­nen der Ar­beit­ge­ber be­sch­ließt, den Frau­en­an­teil in be­stimm­ten Be­leg­schafts­grup­pen zu erhöhen, um auf die­se Wei­se sei­ne teil­wei­se weib­li­che Kund­schaft bes­ser be­die­nen zu können? Mögli­cher­wei­se ist die ge­ziel­te Su­che nach weib­li­chen Be­wer­bern dann nur auf der Grund­la­ge von § 5 AGG möglich, doch setzt ei­ne Frau­enförde­rung auf der Grund­la­ge die­ser Vor­schrift nach der Recht­spre­chung vor­aus, dass männ­li­che Be­wer­ber nicht ge­ne­rell bzw. von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wer­den.

Im Streit: Kölner Au­to­haus sucht ei­ne "selbst­be­wuss­te, en­ga­gier­te und er­folgs­hung­ri­ge Verkäufe­r­in"

In dem Kölner Streit­fall ging es um ei­nen ab­ge­lehn­ten männ­li­chen Stel­len­be­wer­ber, der ein Au­to­haus auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG ver­klagt hat­te. Auslöser des Streits war ei­ne Stel­len­an­zei­ge, die das Au­to­haus An­fang 2015 un­ter der Über­schrift „Frau­en an die Macht!“ ge­schal­tet hat­te. Im Text des An­zei­ge hieß es:

„Zur wei­te­ren Verstärkung un­se­res Ver­kaufsteams su­chen wir ei­ne selbst­be­wuss­te, en­ga­gier­te und er­folgs­hung­ri­ge Verkäufe­r­in. Wenn Sie Spaß dar­an ha­ben Au­to­mo­bi­le zu ver­kau­fen und Men­schen über­zeu­gen zu können, dass wir und Sie die rich­ti­gen Part­ner für un­se­re Kun­den sind, dann be­wer­ben Sie sich bei uns. Au­to­mo­bil­er­fah­rung ist Vor­aus­set­zung für die­se Po­si­ti­on.“

Der Be­wer­ber verfügte zwar als ge­lern­ter Au­to­mo­bil­kauf­mann im Prin­zip über die ge­for­der­ten fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, hat­te aber nicht das pas­sen­de Ge­schlecht und er­hielt ei­ne Ab­sa­ge.

Vor Ge­richt ver­tei­dig­te der Ar­beit­ge­ber sei­ne nicht ge­schlechts­neu­tra­le Stel­len­an­zei­ge da­mit, dass er sie als Frau­enförder­maßnah­me mit dem Be­triebs­rat ab­ge­stimmt ha­be. Außer­dem sei­en 25 bis 30 Pro­zent der au­to­kau­fen­den Kund­schaft Frau­en, die al­ler­dings bis­her nur durch männ­li­che Verkäufer be­dient würden, denn bis­her sei­en al­le Ver­kaufs­kräfte Männer. Da sich Kun­den schon mehr­fach nach ei­ner Verkäufe­r­in er­kun­digt hätten, ha­be man be­schlos­sen, künf­tig auch Verkäufe­r­in­nen ein­zu­set­zen.

Das Ar­beits­ge­richt Köln hielt dem Au­to­haus § 8 Abs.1 AGG zu­gu­te und wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 10.02.2016, 9 Ca 4843/15).

LAG Köln: Die ge­ziel­te Su­che nach Frau­en als Au­to­verkäufe­r­in­nen durch ein männer­ge­prägtes Au­to­haus kann durch § 8 AGG ge­recht­fer­tigt sein

Auch das LAG Köln gab dem Ar­beit­ge­ber recht. Zur Be­gründung heißt es:

Der Ar­beit­ge­ber ver­folg­te mit der An­non­ce den Zweck, so das LAG, sei­nen Kun­den künf­tig auch weib­li­ches Ver­kaufs­be­ra­tungs­per­so­nal zur Verfügung stel­len zu können. Da­her

"be­dingt das An­for­de­rungs­pro­fil der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le, dass das weib­li­che Ge­schlecht ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung für die zu er­war­ten­de Tätig­keit dar­stellt; denn im Zeit­punkt der Stel­len­an­zei­ge und auch in der Zeit zu­vor beschäftig­te die Be­klag­te aus­sch­ließlich männ­li­ches Ver­kaufs- und Ser­vice­per­so­nal und kei­ne ein­zi­ge Frau in die­sem Tätig­keits­be­reich."

Außer­dem sei­en Au­tokäufe Ver­trau­ens­sa­che, und weib­li­che Kun­den würden Verkäufe­r­in­nen eher ver­trau­en als männ­li­chen Verkäufern. Auf den An­teil weib­li­cher Kun­den kam es da­bei nach An­sicht des LAG nicht ent­schei­dend an.

Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass das LAG Köln dem Ar­beit­ge­ber mit die­ser Ent­schei­dung zu­ge­steht, durch sei­ne ei­ge­nen un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen Vor­ga­ben für die Ge­schlech­ter­verhält­nis­se in der Be­leg­schaft bzw. in be­stimm­ten Be­leg­schafts­grup­pen fest­zu­le­gen, wo­bei die­se sub­jek­ti­ven Ar­beit­ge­ber­vor­ga­ben dann wie­der­um ei­ne "ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung" im Sin­ne von § 8 Abs.1 AGG sein sol­len. Da­mit wird § 8 Abs.1 AGG von ei­ner eng be­grenz­ten Aus­nah­me­vor­schrift zu ei­nem Gum­mi­pa­ra­gra­phen. Denn nach dem Ge­set­zes­wort­laut kommt es nicht auf die Ziel­vor­ga­ben des Ar­beit­ge­bers bezüglich der von ihm an­ge­streb­ten Ge­schlech­ter­verhält­nis­se im Be­trieb an, son­dern auf die ob­jek­ti­ve "Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung".

Fa­zit: Das hier vom Au­to­haus ver­folg­te Ziel ist le­gi­tim und auch recht­lich in Ord­nung, doch müssen sich Ar­beit­ge­ber bei sol­chen ge­ziel­ten Frau­enförder­maßnah­men auf § 5 AGG stützen. Das wie­der­um setzt nach der Recht­spre­chung den Hin­weis vor­aus, dass sich auch männ­li­che Be­wer­ber be­wer­ben können, dass al­ler­dings Frau­en bei glei­cher Qua­li­fi­ka­ti­on be­vor­zugt berück­sich­tigt wer­den.

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Letzte Überarbeitung: 23. November 2017

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