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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/066

Stel­len­aus­schrei­bung nur für Frau­en

Dis­kri­mi­nie­rung im Fall ei­ner Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten ver­neint: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.03.2010, 8 AZR 77/09
Symbol Herren-WC Damen-WC Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te: kei­ne ge­schlechts­be­zo­ge­ne Be­nach­tei­li­gung

07.04.2010. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet un­ter an­de­rem Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund des Ge­schlechts. Grund­sätz­lich stellt es des­halb ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, wenn für ei­ne Stel­le aus­schließ­lich Frau­en oder Män­ner ge­sucht wer­den.

Aus­nahms­wei­se kön­nen die be­son­de­ren An­for­de­run­gen an die zu be­set­zen­de Stel­le je­doch ein be­stimm­tes Ge­schlecht er­for­dern.

Dies nimmt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im vor­lie­gen­den Fall an, in dem ei­ne nie­der­säch­si­sche Stadt ei­ne aus­schließ­lich weib­li­che Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te ge­sucht hat: BAG, Ur­teil vom 18.03.2010, 8 AZR 77/09.

Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot auf­grund des Ge­schlechts und er­laub­te Schlech­ter­stel­lung

Nach dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) sind Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben, u.a. auf­grund des Ge­schlechts, ver­bo­ten (§§ 1, 2 AGG). Ar­beit­ge­ber müssen des­halb Stel­len­aus­schrei­bun­gen ge­schlechts­neu­tral for­mu­lie­ren (§ 11 AGG ) und dürfen Be­wer­ber grundsätz­lich nicht we­gen ih­res Ge­schlechts auswählen oder ab­leh­nen.

Das AGG lässt hier­bei je­doch ge­nau­so wie bei an­de­ren persönli­chen Merk­ma­len, die ei­ne Schlech­ter­stel­lung im Ar­beits­le­ben ver­hin­dern sol­len, Aus­nah­men zu. Ar­beit­ge­ber dürfen aus­sch­ließlich Männer oder Frau­en für ei­ne be­stimm­te Stel­le su­chen, wenn das Ge­schlecht auf­grund der Art der Tätig­keit ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ dar­stellt (§ 8 Abs. 1 AGG). Pa­ra­de­bei­spiel ist die Be­set­zung ei­ner männ­li­chen oder weib­li­chen Rol­le et­wa bei ei­ner Thea­ter­aufführung.

Strit­tig sind al­ler­dings die Fälle, in de­nen der Ar­beit­ge­ber aus­sch­ließlich Männer oder Frau­en sucht und dies mit (tatsächli­chen oder an­geb­li­chen) „Präfe­ren­zen“ von Kun­den be­gründet. Könn­ten sich Ar­beit­ge­ber oh­ne wei­te­res auf „cust­o­m­er pre­fe­ren­ces“ als Recht­fer­ti­gung der Ab­leh­nung ei­nes Man­nes oder ei­ner Frau als Stel­len­be­wer­ber be­ru­fen, könn­te auf­grund von Kun­denwünschen die ge­schlechts­be­zo­ge­ne Rol­len­ver­tei­lung ge­ra­de ver­fes­tigt wer­den.

Sich­tet man die bis­he­ri­ge (ma­ge­re) Recht­spre­chung zu die­sem The­ma, ist er­sicht­lich, dass Stel­len­be­wer­ber auf­grund ih­res Ge­schlechts ab­ge­lehnt wer­den dürfen, wenn die von ih­nen zu be­treu­en­den Kun­den sonst in ih­rem Persönlich­keits­recht ins­be­son­de­re in ih­rem Scham­gefühl be­ein­träch­tigt wer­den würden.

Be­rech­tig­ter­wei­se durf­te der In­ha­ber ei­nes Mädchen­pen­sio­nats nach Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 536/08) des­halb aus­sch­ließlich Er­zie­he­rin­nen su­chen und männ­li­che Be­wer­ber ab­leh­nen - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/091: "Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mädchen­in­ter­nat".

Mit ei­nem ähn­li­chen Fall be­fasst sich die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des BAG, Ur­teil vom 18.03.2010, 8 AZR 77/09.

Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Stadt sucht aus­sch­ließlich weib­li­che Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te

In der Nie­dersäch­si­schen Ge­mein­de­ord­nung (NGO) ist ge­re­gelt, dass nie­dersäch­si­sche Ge­mein­den „ei­ne Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te“ be­stel­len müssen, die „zur Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­rech­ti­gung von Männern und Frau­en bei­tra­gen“ soll (§ 5a Abs. 4 Satz 1 NGO).

Die be­klag­te nie­dersäch­si­sche Stadt such­te des­halb per Stel­len­an­zei­ge aus­sch­ließlich ei­ne Frau als Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te. Sie soll­te sich hauptsächlich der In­te­gra­ti­ons­ar­beit und Be­ra­tung von Mi­gran­tin­nen wid­men. Zu ih­rer Tätig­keit soll­te es zu­dem gehören, Op­fern von Frau­en­dis­kri­mi­nie­run­gen zu hel­fen, Maßnah­men zu frau­en- und mädchen­spe­zi­fi­schen The­men ins Le­ben zu ru­fen und mit an­de­ren in die­sem Be­reich täti­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.

Auf die Stel­le der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten be­warb sich ein Di­plom­volks­wirt mit Er­fah­rung als stell­ver­tre­ten­der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ter im Rah­men sei­ner ehe­ma­li­gen Be­triebs­ratstätig­keit, der ab­ge­lehnt wur­de, weil er männ­lich war. We­gen der, sei­ner An­sicht nach dis­kri­mi­nie­ren­den, Ab­leh­nung ver­klag­te er die Stadt auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 AGG.

So­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt als auch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen (Ur­teil vom 05.12.2008, 16 Sa 236/08) un­ter­lag er.

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Für Tätig­keit der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten Ge­schlecht we­sent­li­che und ent­schei­den­de An­for­de­rung, weil Haupttätig­keit in Be­ra­tung von Frau­en mit "spe­zi­el­len Pro­blem­la­gen" be­steht

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt gab eben­falls der be­klag­ten Stadt recht.

Denn das BAG hielt die Be­set­zung der Stel­le aus­sch­ließlich mit ei­ner Frau für aus­nahms­wei­se be­gründet, weil das weib­li­che Ge­schlecht für die Stel­le ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ dar­stell­te. Zu die­ser Auf­fas­sung ge­lang­te das BAG auf­grund der kon­kre­ten Auf­ga­ben­stel­lung der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten.

Würde die Stel­le mit ei­nem Mann be­setzt, wäre nämlich der Er­folg der Tätig­keit gefähr­det, meint das BAG. Denn die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te soll Frau­en in Pro­blem­la­gen be­ra­ten und be­treu­en. Ge­ra­de Frau­en in Pro­blem­la­gen können je­doch ty­pi­scher­wei­se zu ei­ner weib­li­chen Ver­trau­ens­per­son leich­ter Kon­takt auf­neh­men und sich ihr bes­ser of­fen­ba­ren als dies bei ei­nem männ­li­chen Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten der Fall wäre, so das BAG wei­ter.

Fa­zit: So­weit aus der bis­her al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung er­sicht­lich, hat das BAG ei­ne sehr ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen. Aus die­ser Ent­schei­dung folgt al­so nicht, dass es grundsätz­lich be­rech­tigt ist, als Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te nur Frau­en zu su­chen. Denn die Recht­fer­ti­gung nur ei­ne Frau zu su­chen stützt das BAG ex­pli­zit auf die im vor­lie­gen­den Fall von der be­klag­ten Stadt vor­ge­ge­be­nen spe­zi­el­len An­for­de­run­gen der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten. Of­fen­bar soll auch bei „auf Frau­en zu­ge­schnit­te­nen“ Tätig­kei­ten die Be­set­zung der Stel­le mit ei­nem Mann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den.

Ein Mann kommt für ei­ne der­ar­ti­ge Stel­le al­ler­dings nach die­ser Ent­schei­dung nur dann in Fra­ge, wenn er ge­ra­de kei­ne Be­ra­tungstätig­keit in sen­si­blen Fällen leis­ten muss, wie im vor­lie­gen­den Fall. Für ei­ne Be­ra­tungs­stel­le für weib­li­che Ge­walt­op­fer mag ein Mann des­halb fehl am Platz sein, mit an­de­ren Auf­ga­ben im Be­reich ei­nes Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten kann er je­doch durch­aus be­traut wer­den. Denk­bar ist dies et­wa, wenn die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten im Team ar­bei­ten oder es eher um or­ga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben als die Be­ra­tung von Frau­en in Pro­blem­la­gen ge­hen soll.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 16. September 2016

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Nina Wesemann
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