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ARBEITSRECHT AKTUELL // 26/015

BAG: Auch Un­ter­neh­mens­zie­le müs­sen mit­ge­teilt wer­den

Nicht nur in­di­vi­du­el­le Ziel­vor­ga­ben, son­dern auch all­ge­mei­ne un­ter­neh­mens­be­zo­ge­ne Um­satz- und Er­trags­zie­le müs­sen den bo­nus­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern recht­zei­tig mit­ge­teilt wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.04.2026, 10 AZR 28/25
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23.06.2026. Wer­den Zie­le, von de­nen die Zah­lung ei­nes jähr­li­chen va­ria­blen Bo­nus ab­hängt, vom Ar­beit­ge­ber nicht recht­zei­tig vor Be­ginn des Ziel­er­rei­chungs­jah­res mit­ge­teilt, kön­nen Ar­beit­neh­mer nach der Recht­spre­chung Scha­dens­er­satz ver­lan­gen.
Dies gilt auch dann, wenn die nicht mit­ge­teil­ten Zie­le abs­trak­te, auf das ge­sam­te Un­ter­neh­men be­zo­ge­ne Um­satz- oder Er­trags­zie­le sind, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung.

Der Ar­beit­ge­ber kann in sol­chen Fäl­len nicht ein­wen­den, dass ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer auch bei Kennt­nis sol­cher Zie­le nichts dar­an hät­ten än­dern kön­nen, dass das Jahr eben lei­der „schlecht ge­lau­fen“ sei: BAG, Ur­teil vom 22.04.2026, 10 AZR 28/25.

Video: Auch Unternehmensziele sind vorab mitzuteilen

Pro­ble­me bei der Um­set­zung von bo­nus­re­le­van­ten Ziel­ver­ein­ba­run­gen und Ziel­vor­ga­ben

Vie­le Ar­beit­neh­mer er­hal­ten ne­ben ih­rem Fest­ge­halt ei­nen va­ria­blen Bo­nus, der von der Er­rei­chung von Zie­len abhängig ist.

Da­zu können Ar­beits­verträge ent­we­der vor­se­hen, dass die Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer die für ein be­stimm­tes Jahr maßgeb­li­chen Zie­le ge­mein­sam fest­le­gen (Ziel­ver­ein­ba­rung) oder dass der Ar­beit­ge­ber das ein­sei­tig macht (Ziel­vor­ga­be). 
Ein­sei­ti­ge Ziel­vor­ga­ben müssen er­reich­ba­re Zie­le fest­le­gen. Sie müssen „bil­li­gem Er­mes­sen“ im Sin­ne von § 315 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ent­spre­chen.

Ob­wohl (ver­trag­li­che) Ziel­ver­ein­ba­run­gen und (ein­sei­ti­ge) Ziel­vor­ga­ben recht­lich nicht das­sel­be sind, führt ein schuld­haf­ter Ver­s­toß des Ar­beit­ge­bers ge­gen sei­ne Pflicht zur Ver­ein­ba­rung oder zur Fest­le­gung von Jah­res­zie­len nach Ab­lauf der Ziel­er­rei­chungs­pe­ri­ode da­zu, dass Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf Scha­dens­er­satz ha­ben.

Für nicht ge­trof­fe­ne Ziel­ver­ein­ba­run­gen hat das BAG dies im Jahr 2020 ent­schie­den (BAG, Ur­teil vom 17.12.2020, 8 AZR 149/20; s. da­zu Up­date Ar­beits­recht 14|2021 - BAG: An­spruch auf Scha­dens­er­satz we­gen un­ter­blie­be­ner jähr­li­cher Ziel­ver­ein­ba­run­gen), für Ziel­vor­ga­ben ei­ni­ge Zeit später (BAG, Ur­teil vom 19.02.2025, 10 AZR 57/24, s. da­zu Up­date Ar­beits­recht 02|2025 - BAG: Pflicht zum Scha­dens­er­satz bei ver­späte­ter Ziel­vor­ga­be).

Rechts­grund­la­ge ist in bei­den Kon­stel­la­tio­nen § 280 Abs.1, Abs.3 in Verb. mit § 283 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Denn Zie­le können nach Ab­lauf der Zeit, in der sie hätten er­reicht wer­den können, Ar­beit­neh­mer nicht mehr zur Leis­tung mo­ti­vie­ren, denn sie können nicht mehr rea­li­siert wer­den. In sol­chen Fällen geht es da­her nicht um ei­nen An­spruch auf Lohn und Ge­halt, son­dern auf Scha­dens­er­satz.

Das gilt auch, so das BAG, bei all­ge­mei­nen Un­ter­neh­mens­zie­len, die vom Ein­satz ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer „weit weg“ sind.

Der Streit­fall: Bo­nus­an­spruch auf der Grund­la­ge von in­di­vi­du­el­len und un­ter­neh­mens­be­zo­ge­nen Ziel­vor­ga­ben

Im Streit­fall hat­te ei­ne Ar­beit­neh­me­rin, die gemäß ih­rem Ar­beits­ver­trag ei­nen va­ria­blen jähr­li­chen Bo­nus ver­lan­gen konn­te, auf rückständi­gen Bo­nus für das Ka­len­der­jahr 2022 ge­klagt.

Un­strei­tig war, dass die Kläge­rin ih­re persönli­chen Zie­le zu 100 Pro­zent er­reicht hat­te.
Al­ler­dings wa­ren die um­satz- und er­trags­be­zo­ge­nen Un­ter­neh­mens­zie­le nur zu ma­xi­mal 49 Pro­zent rea­li­siert wor­den. 

Da laut Ar­beits­ver­tra­ges und ei­ner ergänzen­den Be­triebs­ver­ein­ba­rung bei­de Zah­len, d.h. die Quo­ten der Ziel­rea­li­sie­rung, mit­ein­an­der zu mul­ti­pli­zie­ren wa­ren, zahl­te das Un­ter­neh­men der Ar­beit­neh­me­rin auf ih­ren Bo­nus von ma­xi­mal 16.351,78 EUR nur knapp die Hälf­te.

Den ver­blei­ben­den Be­trag von 8.339,40 EUR brut­to klag­te die Ar­beit­neh­mer da­her ein.
Da­bei be­rief sie sich ei­ne ver­späte­te Mit­tei­lung der un­ter­neh­mens­be­zo­ge­nen Zie­le durch den Ar­beit­ge­ber. Die­ser hat­te tatsächlich die Zah­len für 2022 den Beschäftig­ten erst im Ka­len­der­jahr 2023 mit­ge­teilt.

Den­noch wie­sen das Ar­beits­ge­richt Sieg­burg (Ur­teil vom 24.01.2024, 4 Ca 1104/23) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln die Kla­ge ab (LAG Köln, Ur­teil vom 05.09.2024, 6 SLa 102/24). 

Denn der Ar­beit­ge­ber hat­te sich dar­auf be­ru­fen, dass das Jahr 2022 eben schlecht ge­lau­fen sei. Hätte die Ar­beit­neh­me­rin die Un­ter­neh­mens­zie­le be­reits zu An­fang 2022 ge­kannt, hätte das nichts an der schlech­ten Um­set­zung die­ser Un­ter­neh­mens­zie­le geändert.

BAG: Auch Zie­le, die den Un­ter­neh­mens­um­satz oder -ge­winn be­tref­fen, müssen vor­ab kom­mu­ni­ziert wer­den

Das BAG hob die Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen auf ent­schied den Fall zu­guns­ten der Ar­beit­neh­me­rin.

Denn der Ar­beit­ge­ber hat­te schuld­haft ge­gen die Pflicht zur recht­zei­ti­gen Mit­tei­lung der Un­ter­neh­mens­zie­le ver­s­toßen.

Dass ei­ne recht­zei­ti­ge Mit­tei­lung kei­nen Ein­fluss auf das schlech­te Er­geb­nis ge­habt hätte, ließ das BAG nicht gel­ten. Denn würde be­deu­ten, dass der Ar­beit­ge­ber zu Be­ginn des Jah­res 2022 un­rea­lis­ti­sche Zie­le vor­ge­ge­ben hätte. Wäre es so, könn­te er sich dar­auf nicht be­ru­fen.

Hin­zu kam als Be­son­der­heit im Streit­fall, dass die be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen zur Vor­ga­be von Un­ter­neh­mens­zie­len die Möglich­keit vor­sa­hen, die Zie­le bei geänder­ten Be­din­gun­gen noch im Ziel­er­rei­chungs­jahr nachträglich zu ändern.

Fa­zit: Un­ter­neh­men soll­ten Ter­mi­ne zur Vor­ga­be von in­di­vi­du­el­len und von Un­ter­neh­mens­zie­len strikt ein­hal­ten

Das BAG macht zu­recht klar, dass nicht nur in­di­vi­du­el­le Ziel­vor­ga­ben recht­zei­tig vor Be­ginn der Ziel­er­rei­chungs­pe­ri­ode, je­den­falls aber nicht erst ge­gen En­de die­ser Zeit­span­ne oder gar nach de­ren Ab­lauf mit­zu­tei­len sind.

Die­se An­for­de­rung gilt viel­mehr in glei­cher Wei­se auch für eher abs­trak­te, auf das Un­ter­neh­men be­zo­ge­ne Zie­le, ins­be­son­de­re für Um­satz- und Ge­winn­zie­le.

Wer­den sie den bo­nus­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern nicht recht­zei­tig mit­ge­teilt, ist in der Re­gel der Ma­xi­mal­bo­nus als Scha­dens­er­satz ge­schul­det.

 

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.04.2026, 10 AZR 28/25

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 05.09.2024, 6 SLa 102/24

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.02.2025, 10 AZR 57/24

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 17.12.2020, 8 AZR 149/20

 

Hand­buch Ar­beits­recht: Bo­nus

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Hand­buch Ar­beits­recht: Pro­vi­si­on

Hand­buch Ar­beits­recht: Tan­tie­me

Hand­buch Ar­beits­recht: Ziel­ver­ein­ba­rung

 

Up­date Ar­beits­recht 02|2025: BAG: Pflicht zum Scha­dens­er­satz bei ver­späte­ter Ziel­vor­ga­be

Up­date Ar­beits­recht 14|2021: BAG: An­spruch auf Scha­dens­er­satz we­gen un­ter­blie­be­ner jähr­li­cher Ziel­ver­ein­ba­run­gen

Letzte Überarbeitung: 23. Juni 2026

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