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BAG, Ur­teil vom 20.04.2011, 5 AZR 191/10

   
Schlagworte: Widerruf, AGB-Kontrolle
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 5 AZR 191/10
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.04.2011
   
Leitsätze:

1. Ein Widerrufsvorbehalt in einer Allgemeinen Geschäftsbedingung muss seit Inkrafttreten der §§ 305 ff. BGB den formellen Anforderungen von § 308 Nr. 4 BGB genügen. Der Verwender muss vorgeben, was ihn zum Widerruf berechtigen soll.

2. Fehlt die Angabe von Widerrufsgründen in einem vor dem 1. Januar 2002 abgeschlossenen Arbeitsvertrag, kommt eine ergänzende Vertragsauslegung in Betracht.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht München, Urteil vom 14.05.2009, 22 Ca 9062/08
Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 8.12.2009, 7 Sa 584/09
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

5 AZR 191/10

7 Sa 584/09

Lan­des­ar­beits­ge­richt München

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 20. April 2011

UR­TEIL

Rad­t­ke, Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­ter, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 20. April 2011 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Dr. Müller-Glöge, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Laux, den Rich­ter


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am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Biebl so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Krem­ser und Il­gen­fritz-Donné für Recht er­kannt:

1. Auf die Re­vi­si­on des Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts München vom 8. De­zem­ber 2009 - 7 Sa 584/09 - auf­ge­ho­ben.

2. Die Sa­che wird zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung - auch über die Kos­ten der Re­vi­si­on - an ei­ne an­de­re Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts zurück­ver­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit des Wi­der­rufs ei­ner Zu­la­ge.

Der Kläger ist langjährig beim Be­klag­ten als Tier­arzt beschäftigt. Der Be­klag­te zahlt ei­ne Vergütung, die der Be­am­ten­be­sol­dungs­grup­pe A14 ent­spricht.

In § 3 des vom Be­klag­ten for­mu­lier­ten Ar­beits­ver­trags ha­ben die Par­tei­en fol­gen­de Ne­ben­ab­re­den ver­ein­bart:

„...

2) Zum Aus­gleich der Ar­beit­neh­mer­an­tei­le an den So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträgen wird ei­ne nicht ge-samt­ver­sor­gungsfähi­ge Zu­la­ge in ent­spre­chen­der Höhe gewährt.

3) Die Ne­ben­ab­re­den un­ter 1) und 2) sind wi­der­ruf­lich.“

Der Be­klag­te pass­te die Zu­la­ge zunächst an die Erhöhun­gen der So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge an. Die­se An­pas­sung wi­der­rief er zum 30. Ju­ni 1992 und be­hielt sich da­bei aus­drück­lich vor, auch den „ein­ge­fro­re­nen“ Be­stand ganz oder teil­wei­se zu wi­der­ru­fen, wenn dies aus wirt­schaft­li­chen Gründen ge­bo­ten sei. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätig­te mit Ur­teil vom 10. Ju­li 1996 (- 5 AZR


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977/94 -) die Wirk­sam­keit die­ses Wi­der­rufs. Mit Schrei­ben vom 10. Sep­tem­ber 2007 wi­der­rief der Be­klag­te die Zu­la­ge aus wirt­schaft­li­chen Gründen ins­ge­samt.

Der Kläger hat gel­tend ge­macht, der Wi­der­ruf sei un­wirk­sam, und be-

an­tragt,

1. den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn 2.503,26 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit Kla­ge­er­he­bung zu zah­len;

2. fest­zu­stel­len, dass der Wi­der­ruf des Aus­gleichs­be­trags für die So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge mit Schrei­ben vom 10. Sep­tem­ber 2007 rechts­un­wirk­sam ist.

Der Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt. Er be­fin­de sich in ei­ner

schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on. Der Wi­der­ruf führe zu ei­ner re­la­tiv ge­rin­gen Min­de­rung des Ge­samt­ein­kom­mens des Klägers und ent­spre­che bil­li­gem Er­mes­sen. Den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ha­be er be­ach­tet.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen, das Lan­des­ar­beits­ge­richt

hat ihr statt­ge­ge­ben. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt der Be­klag­te die Zurück­wei­sung der Be­ru­fung.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des Be­klag­ten ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung des Be­ru­fungs­ur­teils (§ 562 Abs. 1 ZPO) und zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung (§ 563 Abs. 1 ZPO). Die Rechts­wirk­sam­keit des Wi­der­rufs kann noch nicht ab­sch­ließend be­ur­teilt wer­den. Es be­darf hierfür wei­te­rer tatsäch­li­cher Fest­stel­lun­gen durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt.


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I. Die ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lung des Wi­der­rufs in § 3 Abs. 3 ist gemäß § 308 Nr. 4 BGB un­wirk­sam. Das ha­ben die Vor­in­stan­zen zu­tref­fend er­kannt.

1. Der im Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en ge­re­gel­te Wi­der­rufs­vor­be­halt ist ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung iSd. §§ 305 ff. BGB. Zwi­schen den Par­tei­en steht außer Streit, dass der Ar­beits­ver­trags­text beim Be­klag­ten stan­dardmäßig Ver­wen­dung fand. Der Wi­der­rufs­vor­be­halt, der das Recht des Be­klag­ten be­gründe­te, die ver­spro­che­ne Leis­tung ein­sei­tig zu ändern, stellt ei­ne von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen­de Re­ge­lung iSv. § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB dar, weil ein Ver­trag grundsätz­lich bin­dend ist. Nach § 308 Nr. 4 BGB ist die Ver­ein­ba­rung des Wi­der­rufs­rechts zu­mut­bar, wenn der Wi­der­ruf nicht grund­los er­fol­gen soll, son­dern we­gen der un­si­che­ren Ent­wick­lung der Verhält­nis­se als In­stru­ment der An­pas­sung not­wen­dig ist. Das gilt auch im Ar­beits­verhält­nis. Ein Wi­der­rufs­vor­be­halt muss seit In­kraft­tre­ten der §§ 305 ff. BGB den for­mel­len An­for­de­run­gen von § 308 Nr. 4 BGB ge­recht wer­den. Bei den Wi­der­rufs­gründen muss zu­min­dest die Rich­tung an­ge­ge­ben wer­den, aus der der Wi­der­ruf möglich sein soll, zB wirt­schaft­li­che Gründe, Leis­tung oder Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers (BAG 12. Ja­nu­ar 2005 - 5 AZR 364/04 - BA­GE 113, 140; 11. Ok­to­ber 2006 - 5 AZR 721/05 - Rn. 33 f., AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6; 13. April 2010 - 9 AZR 113/09 - EzA BGB 2002 § 308 Nr. 11). Da­bei ist zu be­ach­ten, dass der Ver­wen­der vor­gibt, was ihn zum Wi­der­ruf be­rech­ti­gen soll.

2. Die­sen An­for­de­run­gen ent­spricht § 3 Abs. 3 des Ar­beits­ver­trags nicht, denn dar­in wird kein Wi­der­rufs­grund an­ge­ge­ben. Der Wi­der­rufs­vor­be­halt ist seit dem 1. Ja­nu­ar 2003 (vgl. Art. 229 § 5 EGBGB) gemäß § 308 Nr. 4, § 306 BGB un­wirk­sam.

II. Ei­ne aus for­mel­len Gründen un­wirk­sa­me und vor dem 1. Ja­nu­ar 2002 ver­ein­bar­te Klau­sel entfällt nicht er­satz­los.

1. Da der Ver­wen­der bei Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags die §§ 305 ff. BGB nicht berück­sich­ti­gen konn­te und die Klau­sel nur un­wirk­sam ist, weil sie in for­mel­ler Hin­sicht den neu­en An­for­de­run­gen nicht genügt, be­darf es zur Sch­ließung der ent­stan­de­nen Lücke der ergänzen­den Ver­trags­aus­le­gung (grundsätz-


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lich zur Lücken­sch­ließung in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen durch ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung: BAG 12. Ja­nu­ar 2005 - 5 AZR 364/04 - BA­GE 113, 140; 11. Ok­to­ber 2006 - 5 AZR 721/05 - Rn. 33 f., AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6; BGH 13. No­vem­ber 1997 - IX ZR 289/96 - BGHZ 137, 153; 10. Ju­ni 2008 - XI ZR 211/07 - NJW 2008, 3422; 13. April 2010 - XI ZR 197/09 - BGHZ 185, 166). An­dern­falls lie­fe die An­wen­dung der An­for­de­run­gen an die Ver­trags­for­mu­lie­rung auf ei­nen vor dem 1. Ja­nu­ar 2002 ab­ge­schlos­se­nen Sach­ver­halt auf ei­ne ech­te Rück­wir­kung des Schuld­rechts-mo­der­ni­sie­rungs­ge­set­zes hin­aus. Es ist des­halb zu fra­gen, was die Par­tei­en ver­ein­bart hätten, wenn ih­nen die ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Un­wirk­sam­keit der Wi­der­rufs­klau­sel be­kannt ge­we­sen wäre (BAG 12. Ja­nu­ar 2005 - 5 AZR 364/04 - aaO; 11. Ok­to­ber 2006 - 5 AZR 721/05 - Rn. 33 f., aaO; ErfK/Preis 11. Aufl. §§ 305 - 310 BGB Rn. 20).

2. Ei­ner ergänzen­den Ver­trags­aus­le­gung steht nicht ent­ge­gen, dass der Ar­beit­ge­ber während der gemäß Art. 229 § 5 EGBGB für vor dem 1. Ja­nu­ar 2002 be­gründe­te Dau­er­schuld­verhält­nis­se ein­geräum­ten Über­g­angs­frist von ei­nem Jahr kei­ne Ver­trags­an­pas­sung vor­ge­nom­men und dem Ar­beit­neh­mer kein Ver­tragsände­rungs­an­ge­bot un­ter­brei­tet hat. Ei­ne Ver­hand­lungs­ob­lie­gen­heit, de­ren Nicht­be­ach­tung Rechts­fol­gen nach sich zie­hen soll, lässt sich Art. 229 § 5 EGBGB eben­so we­nig ent­neh­men wie ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­neh­mers, ein ent­spre­chen­des Ver­trags­an­ge­bot des Ar­beit­ge­bers ge­ra­de im Jah­re 2002 red­li­cher­wei­se an­neh­men zu müssen (HWK/Gott­hardt 4. Aufl. § 310 BGB Rn. 14; Gaul/Lud­wig BB 2010, 55, 57 f.; Gaul/Mückl NZA 2009, 1233 ff.; Stof­fels ZfA 2009, 861, 893 f.; Schlewing JbAr­bR Band 47, 47, 66; Sin­ger RdA 2006, 362). Ei­ne Möglich­keit der ein­sei­ti­gen Durch­set­zung ge­set­zes­kon-for­mer Verträge nach In­kraft­tre­ten der §§ 305 ff. BGB gab es nicht. Ände­rungskündi­gun­gen hätten dem Ge­bot der Verhält­nismäßig­keit (vgl. BAG 29. No­vem­ber 2007 - 2 AZR 789/06 - Rn. 12; 15. Ja­nu­ar 2009 - 2 AZR 641/07 - Rn. 15, AP KSchG 1969 § 2 Nr. 141; 8. Ok­to­ber 2009 - 2 AZR 235/08 - Rn. 18, AP KSchG 1969 § 2 Nr. 143 = EzA KSchG § 2 Nr. 75) nicht stand­hal­ten können. Oh­ne kon­kre­ten An­lass un­ter­brei­te­te An­ge­bo­te des Ar­beit­ge­bers zum Zwe­cke der An­pas­sung der Alt­verträge an die neue Rechts­la­ge hätten zur Ver­un­si­che­rung


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gan­zer Be­leg­schaf­ten geführt und die­se um den un­gefähr­de­ten Be­stand ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se fürch­ten las­sen. Zu­dem wäre die For­mu­lie­rung ge­set­zes-kon­for­mer Verträge im Jah­re 2002 auf er­heb­li­che Schwie­rig­kei­ten ges­toßen, weil die Ent­wick­lung der Recht­spre­chung noch nicht ab­zu­se­hen war. Dem steht die Ge­set­zes­be­gründung zu Art. 229 § 5 EGBGB (BT-Drucks. 14/6040 S. 273) nicht ent­ge­gen, denn die­se erläutert nur die Möglich­keit ei­ner An­pas­sung der Verträge während der Über­g­angs­frist, schließt ei­ne ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung nach de­ren Ab­lauf je­doch nicht aus. Dem­ent­spre­chend nimmt der Bun­des­ge­richts­hof bei vor dem 1. Ja­nu­ar 2002 ver­ein­bar­ten und nach dem 1. Ja­nu­ar 2003 gemäß § 308 Nr. 4 BGB un­wirk­sa­men Wi­der­rufs­klau­seln ei­ne ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung vor, oh­ne die Über­g­angs­frist auch nur zu erwähnen (vgl. zB 10. Ju­ni 2008 - XI ZR 211/07 - Rn. 18, NJW 2008, 3422; 13. April 2010 - XI ZR 197/09 - Rn. 18, BGHZ 185, 166). Im Übri­gen wäre es wi­dersprüchlich, ei­ne ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung bei Neu­verträgen zu­zu­las­sen (vgl. zB BAG 14. Ja­nu­ar 2009 - 3 AZR 900/07 - Rn. 30, BA­GE 129, 121), sie aber bei Alt­verträgen als aus­ge­schlos­sen an­zu­se­hen (Rüdi­ger Linck FS Bau­er S. 657, 658).

3. Ei­ner Vor­la­ge an den Großen Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts gemäß § 45 ArbGG be­darf es nicht.

a) Ei­ne Vor­la­ge­pflicht nach § 45 ArbGG be­steht nur, wenn ei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­che Ab­wei­chung zu der iden­ti­schen Rechts­fra­ge vor­liegt. Die­se Vor­aus­set­zung be­trifft die zu tref­fen­de Ent­schei­dung wie die vor­her­ge­hen­de Ent­schei­dung, von der ab­ge­wi­chen wer­den soll (BAG 22. Ju­li 2010 - 6 AZR 847/07 - Rn. 37 ff. mwN, EzA BGB 2002 § 611 Kirch­li­che Ar­beit­neh­mer Nr. 15; 23. Ok­to­ber 1996 - 1 AZR 299/96 - zu II 3 a der Gründe, EzA Be­trVG 1972 § 87 Be­trieb­li­che Lohn­ge­stal­tung Nr. 59; BGH Ver­ei­nig­te Große Se­na­te 5. Mai 1994 - VGS 1-4/93 - BGHZ 126, 63, 71).

b) Der Neun­te und Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts sind nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich von der vom Fünf­ten Se­nat in ständi­ger Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Rechts­auf­fas­sung ab­ge­wi­chen. Der Zehn­te Se­nat hat aus­drück­lich of­fen­ge­las­sen, ob ein im Jahr 2002 un­ter­las­se­ner An­pas­sungs­ver-


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such ei­ner ergänzen­den Ver­trags­aus­le­gung in Altfällen ent­ge­gen­steht (24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - Rn. 33, BA­GE 124, 259; 10. De­zem­ber 2008 - 10 AZR 1/08 - Rn. 19, AP BGB § 307 Nr. 40 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 40; 11. Fe­bru­ar 2009 - 10 AZR 222/08 - Rn. 36, EzA BGB 2002 § 308 Nr. 9). So­weit der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts die­se Auf­fas­sung in den Ur­tei­len vom 19. De­zem­ber 2006 (- 9 AZR 294/06 - AP BGB § 611 Sach­bezüge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17) und 11. April 2006 (- 9 AZR 610/05 - BA­GE 118, 36) ver­tre­ten hat, konn­te er man­gels Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit selbst von ei­ner An­fra­ge beim Fünf­ten Se­nat bzw. ei­ner Vor­la­ge an den Großen Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts ab­se­hen. Sein je­weils ausführ­lich be­gründe­ter Hin­weis auf die einjähri­ge Über­g­angs­frist mit der An­pas­sungs­ob­lie­gen­heit stell­te le­dig­lich ein wei­te­res Be­gründungs­ele­ment in­ner­halb der bei der er­gänzen­den Ver­trags­aus­le­gung an­zu­stel­len­den Ge­samt­in­ter­es­sen­abwägung dar.

4. Aus­ge­hend von den zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts liegt es im Streit­fall zu­min­dest na­he, dass die Par­tei­en bei Kennt­nis der neu­en ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen die Wi­der­rufsmöglich­keit für den Fall wirt­schaft­li­cher Ver­lus­te des Be­klag­ten vor­ge­se­hen hätten. Ei­ne sol­che Be­stim­mung wäre für den Kläger zu­mut­bar ge­we­sen und hätte ihn nicht be­nach­tei­ligt. Bei Kennt­nis der neu­en ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen hätten red­li­che Par­tei­en die Wi­der­rufsmöglich­keit für den Fall wirt­schaft­li­cher Ver­lus­te ver­ein­bart, zu­mal der Be­klag­te schon anläss­lich des Wi­der­rufs der Dy­na­mi­sie­rung der Zu­la­ge im Jahr 1992 auf die Möglich­keit ei­nes wei­te­ren Wi­der­rufs aus wirt­schaft­li­chen Gründen hin­ge­wie­sen hat­te. Da­nach ist der Vor­trag des Be­klag­ten er­heb­lich. Doch hat das Be­ru­fungs­ge­richt von der Fest­stel­lung der not­wen­di­gen Tat­sa­chen ab­ge­se­hen. Dies ist nach­zu­ho­len.

5. Die Rechts­kraft des Ur­teils vom 10. Ju­li 1996 (- 5 AZR 977/94 -) steht ei­ner ergänzen­den Ver­trags­aus­le­gung und da­mit ei­nem Wi­der­ruf der „ein­ge­fro­re­nen“ Zu­la­ge nicht ent­ge­gen.

III. Ne­ben der In­halts­kon­trol­le steht wei­ter­hin die Ausübungs­kon­trol­le im Ein­zel­fall gemäß § 315 BGB. Die Erklärung des Wi­der­rufs stellt ei­ne Be-


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stim­mung der Leis­tung durch den Ar­beit­ge­ber nach § 315 Abs. 1 BGB dar. Der Wi­der­ruf muss im Ein­zel­fall bil­li­gem Er­mes­sen ent­spre­chen. Dar­an hat die ge­ne­rel­le Re­ge­lung der §§ 305 ff. BGB nichts geändert.

IV. Der Se­nat hat von der Möglich­keit des § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO iVm. § 72 Abs. 5 ArbGG Ge­brauch ge­macht.

Müller-Glöge Laux Biebl

Krem­ser Il­gen­fritz-Donné

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