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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/077

Kei­ne Al­ters­teil­zeit für Ar­beit­neh­mer der ver.di

Ar­beit­neh­mer der Ge­werk­schaft ver.di kön­nen seit An­fang 2011 kei­ne Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge mehr ver­lan­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 15.02.2012, 17 TaBV 2210/11
Al­ter­teil­zeit­ver­trä­ge für Ver­di-Be­schäf­tig­te gibt es nicht mehr

20.02.2012. Ver­ein­ba­run­gen über ei­ne Al­ters­teil­zeit sind für die äl­te­re Ar­beit­neh­mer fi­nan­zi­ell at­trak­tiv, denn es gibt un­term Strich deut­lich mehr Geld für die zu leis­ten­de Ar­beit. Wird die Al­ters­teil­zeit (wie prak­tisch im­mer) im Block­mo­dell durch­ge­führt, ar­bei­tet der Ar­beit­neh­mer zu­nächst wäh­rend der Ar­beits­pha­se wei­ter wie bis­her, z.B. zwei oder drei Jah­re lang, um da­nach für ei­nen eben­so lan­gen Zeit­raum be­zahlt frei­ge­stellt zu wer­den (Frei­stel­lungs­pha­se). So­wohl wäh­rend der Ar­beits- als auch wäh­rend der Frei­stel­lungs­pha­se gibt es gleich viel Geld, aber nicht et­wa nur die Hälf­te des vor Be­ginn der Al­ters­teil­zeit be­zo­ge­nen Ge­halts, son­dern min­des­tens 70 Pro­zent. Die­se Auf­sto­ckung des Al­ters­teil­zeit­ge­hal­tes um 20 Pro­zent wur­de dem Ar­beit­ge­ber bis En­de 2009 von der Bun­des­agen­tur für Ar­beit er­stat­tet, d.h. es gab ei­ne mas­si­ve fi­nan­zi­el­le För­de­rung der Al­ters­teil­zeit.

Seit An­fang 2010 för­dert die Bun­des­agen­tur für Ar­beit nur noch Alt­fäl­le, d.h. Al­ters­teil­zeit­ver­ein­ba­run­gen, die noch auf der Grund­la­ge des Al­ters­teil­zeit­ge­set­zes AltTZG 1996 vor dem 01.01.2010 be­gon­nen wur­den (§ 16 AltTZG 1996). Dem­ent­spre­chend sind neue Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge sel­ten ge­wor­den. Denn ei­ne Al­ters­teil­zeit oh­ne Auf­sto­ckung ist für Ar­beit­neh­mer reiz­los, und ei­ne Ge­halts­auf­sto­ckung oh­ne Kos­ten­be­tei­li­gung durch die Bun­des­agen­tur für Ar­beit kön­nen die meis­ten Ar­beit­ge­ber nicht be­zah­len.

Ein Jahr nach die­ser ge­setz­li­chen Än­de­rung lief bei der Ver­ei­nig­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di ei­ne haus­in­ter­ne, d.h. für den ver.di-Mit­ar­bei­tern zu­gu­te kom­men­de Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung zur Al­ters­teil­zeit aus, da die ver.di die­se Ver­ein­ba­rung ge­kün­digt hat­te. Der Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­fol­ge konn­ten ver.di-Mit­ar­bei­ter den Ab­schluss von Al­ters­teil­zeit­ver­trä­gen ver­lan­gen.

Der bei der ver.di be­ste­hen­de Ge­samt­be­triebs­rat ließ sich von der Kün­di­gung nicht be­ein­dru­cken: Sei­ner Mei­nung nach hat die ge­kün­dig­te Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung ei­ne sog. "Nach­wir­kung", d.h. sie gilt wei­ter fort, bis sie durch ei­ne Neu­re­ge­lung er­setzt wird. Ei­ne sol­che Nach­wir­kung von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ist in § 77 Abs.6 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) vor­ge­se­hen, al­ler­dings nur dann, wenn die Be­triebs­ver­ein­ba­rung ei­nen Re­ge­lungs­ge­gen­stand be­trifft, der der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­liegt, so dass der Be­triebs­rat not­falls ei­nen Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le her­bei­füh­ren könn­te.

Die­ser Mei­nung hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg vor ei­ni­gen Ta­gen nicht an­ge­schlos­sen (Be­schluss vom 15.02.2012, 17 TaBV 2210/11). Denn der Ab­schluss von Al­ters­teil­zeit­ver­ein­ba­run­gen ge­hört, so das LAG, nicht zu den The­men, bei de­nen der Be­triebs­rat ein er­zwing­ba­res Mit­be­stim­mungs­recht hat. Zwar hat der ver.di-Be­triebs­rat mehr Rech­te als nor­ma­le Be­triebs­rä­te in an­de­ren Be­trie­ben, da er auf­grund ei­ner bei der ver.di gel­ten­den Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung grund­sätz­lich ein Mit­be­stim­mungs­recht in al­len per­so­nel­len Din­gen und in al­len so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten. Aber: Ent­schei­dun­gen über frei­wil­li­ge so­zia­le Leis­tun­gen sind von die­sem Mit­be­stim­mungs­recht aus­ge­nom­men.

Und da die Auf­stock­lung der Al­ters­teil­zeit­ge­häl­ter ei­ne frei­wil­li­ge so­zia­le Leis­tung der ver.di ist, mein­te das LAG, dass die strit­ti­ge ver.di-Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung zur Al­ters­teil­zeit kei­ne Nach­wir­kung hat.

Fa­zit: Die ver.di ist über den 31.12.2010 hin­aus nicht mehr da­zu ver­pflich­tet, ih­ren Ar­beit­neh­mern Al­ters­teil­zeit­ver­trä­ge an­zu­bie­ten. Klei­nes Trost­pflas­ter für den ver.di-Ge­samt­be­triebs­rat: Das LAG hat die Rechts­be­schwer­de zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu­ge­las­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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