HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 11.11.2014, C-333/13 - Da­no

   
Schlagworte: Arbeitslosengeld
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-333/13
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 11.11.2014
   
Leitsätze:

1. Die Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit in der durch die Verordnung (EU) Nr. 1244/2010 der Kommission vom 9. Dezember 2010 geänderten Fassung ist dahin auszulegen, dass ihr Art. 4 für die „besonderen beitragsunabhängigen Geldleistungen“ im Sinne von Art. 3 Abs. 3 und Art. 70 dieser Verordnung gilt.

2. Art. 24 Abs. 1 der Richtlinie 2004/38/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 über das Recht der Unionsbürger und ihrer Familienangehörigen, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten, zur Änderung der Verordnung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Aufhebung der Richtlinien 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 Buchst. b dieser Richtlinie und Art. 4 der Verordnung Nr. 883/2004 in der durch die Verordnung Nr. 1244/2010 geänderten Fassung sind dahin auszulegen, dass sie der Regelung eines Mitgliedstaats nicht entgegenstehen, nach der Staatsangehörige anderer Mitgliedstaaten vom Bezug bestimmter „besonderer beitragsunabhängiger Geldleistungen“ im Sinne des Art. 70 Abs. 2 der Verordnung Nr. 883/2004 ausgeschlossen werden, während Staatsangehörige des Aufnahmemitgliedstaats, die sich in der gleichen Situation befinden, diese Leistungen erhalten, sofern den betreffenden Staatsangehörigen anderer Mitgliedstaaten im Aufnahmemitgliedstaat kein Aufenthaltsrecht nach der Richtlinie 2004/38 zusteht.

3. Der Gerichtshof der Europäischen Union ist für die Beantwortung der vierten Frage nicht zuständig.

Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Große Kam­mer)

11. No­vem­ber 2014(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Freizügig­keit - Uni­onsbürger­schaft - Gleich­be­hand­lung - Nicht er­werbstäti­ge Staats­an­gehöri­ge ei­nes Mit­glied­staats, die sich im Ho­heits­ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats auf­hal­ten - Aus­schluss die­ser Per­so­nen von be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 - Richt­li­nie 2004/38/EG - Recht auf Auf­ent­halt für mehr als drei Mo­na­te - Art. 7 Abs. 1 Buchst. b und Art. 24 - Vor­aus­set­zung aus­rei­chen­der Exis­tenz­mit­tel“

In der Rechts­sa­che C-333/13

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom So­zi­al­ge­richt Leip­zig (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 3. Ju­ni 2013, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 19. Ju­ni 2013, in dem Ver­fah­ren

Eli­sa­be­ta Da­no,

Flo­rin Da­no

ge­gen

Job­cen­ter Leip­zig

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Große Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, des Vi­ze­präsi­den­ten K. Lena­erts, der Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, L. Bay Lar­sen, T. von Dan­witz, C. Va­j­da und S. Ro­din, der Rich­ter E. Juhász, A. Borg Bart­het, J. Ma­le­n­ovský und E. Le­vits, der Rich­te­rin M. Ber­ger (Be­richt­er­stat­te­rin) so­wie des Rich­ters J. L. da Cruz Vi­laça,

Ge­ne­ral­an­walt: M. Wa­the­let,

Kanz­ler: A. Im­pel­liz­ze­ri, Ver­wal­tungsrätin,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. März 2014,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- von Frau Da­no, ver­tre­ten durch Rechts­anwältin E. Stef­fen,

- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

- der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch C. Thorning als Be­vollmäch­tig­ten,

- Ir­lands, ver­tre­ten durch M. Heneghan, T. Joy­ce und E. Cree­don als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von C. To­land, BL,

- der französi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch D. Co­las und C. Can­dat als Be­vollmäch­tig­te, der

- öster­rei­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Hes­se als Be­vollmäch­tig­ten,

- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch S. Beh­za­di-Spen­cer als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von J. Cop­pel QC, Bar­ris­ter,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch F. Schatz, D. Mar­tin, M. Kel­ler­bau­er und C. Tuf­ves­son als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 20. Mai 2014 fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 18 AEUV und 20 Abs. 2 Un­terabs. 1 Buchst. a und Un­terabs. 2 AEUV, der Art. 1, 20 und 51 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta), der Art. 4 und 70 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit (ABl. L 166, S. 1, be­rich­tigt im ABl. 2004, L 200, S. 1) in der durch die Ver­ord­nung (EU) Nr. 1244/2010 der Kom­mis­si­on vom 9. De­zem­ber 2010 (ABl. L 338, S. 35) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Ver­ord­nung Nr. 883/2004) so­wie von Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG (ABl. L 158, S. 77).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Da­no und ih­rem Sohn Flo­rin auf der ei­nen Sei­te und dem Job­cen­ter Leip­zig auf der an­de­ren Sei­te we­gen des­sen Wei­ge­rung, ih­nen in den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­ne Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung zu gewähren, nämlich Frau Da­no die exis­tenz­si­chern­de Re­gel­leis­tung und ih­rem Sohn So­zi­al­geld, so­wie an­tei­li­ge Kos­ten für Un­ter­kunft und Hei­zung.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

Ver­ord­nung Nr. 1247/92

3 In den Erwägungs­gründen 1 bis 8 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1247/92 des Ra­tes vom 30. April 1992 zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 zur An­wen­dung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit auf Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge so­wie de­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge, die in­ner­halb der Ge­mein­schaft zu- und ab­wan­dern (ABl. L 136, S. 1), heißt es:

„Die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 … in ih­rer durch die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 2001/83 … ak­tua­li­sier­ten Fas­sung, zu­letzt geändert durch die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 2195/91 …, be­darf be­stimm­ter Ände­run­gen.

Es ist er­for­der­lich, die De­fi­ni­ti­on für ‚Fa­mi­li­en­an­gehöri­ger‘ in der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 in Übe­rein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu der Aus­le­gung die­ses Be­griffs zu er­wei­tern.

Es ist fer­ner not­wen­dig, der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs Rech­nung zu tra­gen, wo­nach be­stimm­te Leis­tun­gen aus na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten ih­rem persönli­chen Gel­tungs­be­reich, ih­ren Zie­len und den Ein­zel­hei­ten ih­rer An­wen­dung nach gleich­zei­tig so­wohl in die Ka­te­go­rie der so­zia­len Si­cher­heit als auch in die der So­zi­al­hil­fe fal­len können.

Nach Fest­stel­lung des Ge­richts­hofs wei­sen die Rechts­vor­schrif­ten, nach de­nen sol­che Leis­tun­gen gewährt wer­den, ei­ni­ge Merk­ma­le auf, die in­so­fern der So­zi­al­hil­fe ähneln, als Bedürf­tig­keit ein we­sent­li­ches Kri­te­ri­um für ih­re An­wen­dung ist und die Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen nicht auf der Zu­sam­men­rech­nung von Beschäfti­gungs- oder Bei­trags­zei­ten be­ru­hen, wo­hin­ge­gen sie in an­de­ren Merk­ma­len in­so­fern der so­zia­len Si­cher­heit na­he­kom­men, als das freie Er­mes­sen bei der Gewährung der nach ih­nen vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen fehlt und den Begüns­tig­ten ei­ne ge­setz­lich um­schrie­be­ne Stel­lung ein­geräumt wird.

Nach Ar­ti­kel 4 Ab­satz 4 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 sind So­zi­al­hil­fe­sys­te­me aus ih­rem Gel­tungs­be­reich aus­ge­schlos­sen.

Auf­grund der Ei­gen­hei­ten der ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen und ih­rer An­wen­dungs­mo­da­litäten soll­te ei­ne Ko­or­di­nie­rungs­re­ge­lung, die von dem der­zeit in der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 fest­ge­leg­ten Sys­tem ab­weicht und den be­son­de­ren Merk­ma­len der be­trof­fe­nen Leis­tun­gen Rech­nung trägt, in die­se Ver­ord­nung auf­ge­nom­men wer­den, um die In­ter­es­sen der zu- und ab­wan­dern­den Ar­beit­neh­mer in Übe­rein­stim­mung mit Ar­ti­kel 51 des Ver­tra­ges zu schützen.

Die­se Leis­tun­gen sind Per­so­nen, für die die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 gilt, aus­sch­ließlich nach den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­lan­des der be­tref­fen­den Per­son oder ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen zu gewähren, wo­bei die in je­dem an­de­ren Mit­glied­staat zurück­ge­leg­ten Wohn­zei­ten so­weit er­for­der­lich zu berück­sich­ti­gen sind und jed­we­de Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­gehörig­keit entfällt.

Es ist je­doch er­for­der­lich si­cher­zu­stel­len, dass das be­ste­hen­de Ko­or­di­nie­rungs­sys­tem gemäß der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 wei­ter­hin für Leis­tun­gen gilt, die ent­we­der der ge­nann­ten be­son­de­ren Ka­te­go­rie von Leis­tun­gen nicht an­gehören oder in ei­nem An­hang zu die­ser Ver­ord­nung nicht aus­drück­lich auf­geführt sind. Hier­zu ist ein neu­er An­hang er­for­der­lich …“

Ver­ord­nung Nr. 883/2004

4 Die Ver­ord­nung Nr. 883/2004 hat die Ver­ord­nung Nr. 1408/71 ab dem 1. Mai 2010 er­setzt.
5 Die Erwägungs­gründe 1, 16 und 37 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 lau­ten:

„(1) Die Vor­schrif­ten zur Ko­or­di­nie­rung der na­tio­na­len Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit sind Teil des frei­en Per­so­nen­ver­kehrs und soll­ten zur Ver­bes­se­rung des Le­bens­stan­dards und der Ar­beits­be­din­gun­gen bei­tra­gen.

(16) In­ner­halb der Ge­mein­schaft ist es grundsätz­lich nicht ge­recht­fer­tigt, Ansprüche der so­zia­len Si­cher­heit vom Wohn­ort der be­tref­fen­den Per­son abhängig zu ma­chen; in be­son­de­ren Fällen je­doch - vor al­lem bei be­son­de­ren Leis­tun­gen, die an das wirt­schaft­li­che und so­zia­le Um­feld der be­tref­fen­den Per­son ge­bun­den sind - könn­te der Wohn­ort berück­sich­tigt wer­den.

(37) Der Ge­richts­hof hat wie­der­holt fest­ge­stellt, dass Vor­schrif­ten, mit de­nen vom Grund­satz der ‚Ex­por­tier­bar­keit‘ der Leis­tun­gen der so­zia­len Si­cher­heit ab­ge­wi­chen wird, eng aus­ge­legt wer­den müssen. Dies be­deu­tet, dass sie nur auf Leis­tun­gen an­ge­wen­det wer­den können, die den ge­nau fest­ge­leg­ten Be­din­gun­gen ent­spre­chen. Dar­aus folgt, dass Ti­tel III Ka­pi­tel 9 die­ser Ver­ord­nung nur auf Leis­tun­gen an­ge­wen­det wer­den kann, die so­wohl be­son­ders als auch bei­trags­un­abhängig sind und in An­hang X die­ser Ver­ord­nung auf­geführt sind.“

6 Art. 1 („De­fi­ni­tio­nen“) der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 be­stimmt:

„Für die Zwe­cke die­ser Ver­ord­nung be­zeich­net der Aus­druck:

l) ‚Rechts­vor­schrif­ten‘ für je­den Mit­glied­staat die Ge­set­ze, Ver­ord­nun­gen, Sat­zun­gen und al­le an­de­ren Durchführungs­vor­schrif­ten in Be­zug auf die in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit.

…“

7 Art. 2 („Persönli­cher Gel­tungs­be­reich“) der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 sieht in Abs. 1 vor:

„Die­se Ver­ord­nung gilt für Staats­an­gehöri­ge ei­nes Mit­glied­staats, Staa­ten­lo­se und Flücht­lin­ge mit Wohn­ort in ei­nem Mit­glied­staat, für die die Rechts­vor­schrif­ten ei­nes oder meh­re­rer Mit­glied­staa­ten gel­ten oder gal­ten, so­wie für ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen und Hin­ter­blie­be­nen.“

8 In Art. 3 („Sach­li­cher Gel­tungs­be­reich“) der Ver­ord­nung heißt es:

„(1) Die­se Ver­ord­nung gilt für al­le Rechts­vor­schrif­ten, die fol­gen­de Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit be­tref­fen:

b) Leis­tun­gen bei Mut­ter­schaft und gleich­ge­stell­te Leis­tun­gen bei Va­ter­schaft;

h) Leis­tun­gen bei Ar­beits­lo­sig­keit;

(2) So­fern in An­hang XI nichts an­de­res be­stimmt ist, gilt die­se Ver­ord­nung für die all­ge­mei­nen und die be­son­de­ren, die auf Beiträgen be­ru­hen­den und die bei­trags­frei­en Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit so­wie für die Sys­te­me be­tref­fend die Ver­pflich­tun­gen von Ar­beit­ge­bern und Ree­dern.

(3) Die­se Ver­ord­nung gilt auch für die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen gemäß Ar­ti­kel 70.

(5) Die­se Ver­ord­nung gilt nicht für

a) so­zia­le und me­di­zi­ni­sche Fürsor­ge …

…“

9 Art. 4 („Gleich­be­hand­lung“) der Ver­ord­nung lau­tet:

„So­fern in die­ser Ver­ord­nung nichts an­de­res be­stimmt ist, ha­ben Per­so­nen, für die die­se Ver­ord­nung gilt, die glei­chen Rech­te und Pflich­ten auf­grund der Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Staa­tes.“

10 Ka­pi­tel 9 („Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“) des Ti­tels III der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 enthält Art. 70 („All­ge­mei­ne Vor­schrift“), der lau­tet:

„(1) Die­ser Ar­ti­kel gilt für be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen, die nach Rechts­vor­schrif­ten gewährt wer­den, die auf­grund ih­res persönli­chen Gel­tungs­be­reichs, ih­rer Zie­le und/oder ih­rer An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen so­wohl Merk­ma­le der in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Rechts­vor­schrif­ten der so­zia­len Si­cher­heit als auch Merk­ma­le der So­zi­al­hil­fe auf­wei­sen.

(2) Für die Zwe­cke die­ses Ka­pi­tels be­zeich­net der Aus­druck ‚be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen‘ die Leis­tun­gen:

a) die da­zu be­stimmt sind:

i) ei­nen zusätz­li­chen, er­satz­wei­sen oder ergänzen­den Schutz ge­gen die Ri­si­ken zu gewähren, die von den in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Zwei­gen der so­zia­len Si­cher­heit ge­deckt sind, und den be­tref­fen­den Per­so­nen ein Min­dest­ein­kom­men zur Be­strei­tung des Le­bens­un­ter­halts ga­ran­tie­ren, das in Be­zie­hung zu dem wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Um­feld in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat steht,

oder

ii) al­lein dem be­son­de­ren Schutz des Be­hin­der­ten zu die­nen, der eng mit dem so­zia­len Um­feld die­ser Per­son in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat ver­knüpft ist,

und

b) de­ren Fi­nan­zie­rung aus­sch­ließlich durch ob­li­ga­to­ri­sche Steu­ern zur De­ckung der all­ge­mei­nen öffent­li­chen Aus­ga­ben er­folgt und de­ren Gewährung und Be­rech­nung nicht von Beiträgen hin­sicht­lich der Leis­tungs­empfänger abhängen. Je­doch sind Leis­tun­gen, die zusätz­lich zu ei­ner bei­trags­abhängi­gen Leis­tung gewährt wer­den, nicht al­lein aus die­sem Grund als bei­trags­abhängi­ge Leis­tun­gen zu be­trach­ten,

und

c) die in An­hang X auf­geführt sind.

(3) Ar­ti­kel 7 und die an­de­ren Ka­pi­tel die­ses Ti­tels gel­ten nicht für die in Ab­satz 2 des vor­lie­gen­den Ar­ti­kels ge­nann­ten Leis­tun­gen.

(4) Die in Ab­satz 2 ge­nann­ten Leis­tun­gen wer­den aus­sch­ließlich in dem Mit­glied­staat, in dem die be­tref­fen­den Per­so­nen woh­nen, und nach des­sen Rechts­vor­schrif­ten gewährt. Die Leis­tun­gen wer­den vom Träger des Wohn­orts und zu sei­nen Las­ten gewährt.“

11 In An­hang X („Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“) der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 sind für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land fol­gen­de Leis­tun­gen auf­geführt:

„…

b) Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts der Grund­si­che­rung für Ar­beits­su­chen­de, so­weit für die­se Leis­tun­gen nicht dem Grun­de nach die Vor­aus­set­zun­gen für den be­fris­te­ten Zu­schlag nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld (§ 24 Ab­satz 1 des Zwei­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz­buch) erfüllt sind.“

Richt­li­nie 2004/38

12 Die Erwägungs­gründe 10, 16 und 21 der Richt­li­nie 2004/38 lau­ten:

„(10) Al­ler­dings soll­ten Per­so­nen, die ihr Auf­ent­halts­recht ausüben, während ih­res ers­ten Auf­ent­halts die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men. Da­her soll­te das Auf­ent­halts­recht von Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen für ei­ne Dau­er von über drei Mo­na­ten be­stimm­ten Be­din­gun­gen un­ter­lie­gen.

(16) So­lan­ge die Auf­ent­halts­be­rech­tig­ten die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men, soll­te kei­ne Aus­wei­sung er­fol­gen. Die In­an­spruch­nah­me von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen soll­te da­her nicht au­to­ma­tisch zu ei­ner Aus­wei­sung führen. Der Auf­nahm­e­mit­glied­staat soll­te prüfen, ob es sich bei dem be­tref­fen­den Fall um vorüber­ge­hen­de Schwie­rig­kei­ten han­delt, und die Dau­er des Auf­ent­halts, die persönli­chen Umstände und den gewähr­ten So­zi­al­hil­fe­be­trag berück­sich­ti­gen, um zu be­ur­tei­len, ob der Leis­tungs­empfänger die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen un­an­ge­mes­sen in An­spruch ge­nom­men hat, und in die­sem Fall sei­ne Aus­wei­sung zu ver­an­las­sen. In kei­nem Fall soll­te ei­ne Aus­wei­sungs­maßnah­me ge­gen Ar­beit­neh­mer, Selbstständi­ge oder Ar­beits­su­chen­de in dem vom Ge­richts­hof de­fi­nier­ten Sin­ne er­las­sen wer­den, außer aus Gründen der öffent­li­chen Ord­nung oder Si­cher­heit.

(21) Al­ler­dings soll­te es dem Auf­nahm­e­mit­glied­staat über­las­sen blei­ben, zu be­stim­men, ob er an­de­ren Per­so­nen als Ar­beit­neh­mern oder Selbstständi­gen, Per­so­nen, die die­sen Sta­tus bei­be­hal­ten, und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen So­zi­al­hil­fe während der ers­ten drei Mo­na­te des Auf­ent­halts oder im Fal­le von Ar­beits­su­chen­den für ei­nen länge­ren Zeit­raum gewährt oder vor Er­werb des Rechts auf Dau­er­auf­ent­halt Un­ter­halts­bei­hil­fen für die Zwe­cke des Stu­di­ums, ein­sch­ließlich ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung, gewährt.“

13 Art. 6 („Recht auf Auf­ent­halt bis zu drei Mo­na­ten“) der Richt­li­nie be­stimmt in Abs. 1:

„Ein Uni­onsbürger hat das Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats für ei­nen Zeit­raum von bis zu drei Mo­na­ten, wo­bei er le­dig­lich im Be­sitz ei­nes gülti­gen Per­so­nal­aus­wei­ses oder Rei­se­pas­ses sein muss und an­sons­ten kei­ne wei­te­ren Be­din­gun­gen zu erfüllen oder For­ma­litäten zu er­le­di­gen braucht.“

14 Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 sieht vor:

„Je­der Uni­onsbürger hat das Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats für ei­nen Zeit­raum von über drei Mo­na­ten, wenn er

a) Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ger im Auf­nahm­e­mit­glied­staat ist oder

b) für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, so dass sie während ih­res Auf­ent­halts kei­ne So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats in An­spruch neh­men müssen, und er und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz im Auf­nahm­e­mit­glied­staat verfügen …“

15 Art. 8 („Ver­wal­tungs­for­ma­litäten für Uni­onsbürger“) der Richt­li­nie 2004/38 be­stimmt in Abs. 4:

„Die Mit­glied­staa­ten dürfen kei­nen fes­ten Be­trag für die Exis­tenz­mit­tel fest­le­gen, die sie als aus­rei­chend be­trach­ten, son­dern müssen die persönli­che Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen berück­sich­ti­gen. Die­ser Be­trag darf in kei­nem Fall über dem Schwel­len­be­trag lie­gen, un­ter dem der Auf­nahm­e­mit­glied­staat sei­nen Staats­an­gehöri­gen So­zi­al­hil­fe gewährt, oder, wenn die­ses Kri­te­ri­um nicht an­wend­bar ist, über der Min­dest­ren­te der So­zi­al­ver­si­che­rung des Auf­nahm­e­mit­glied­staats.“

16 Art. 14 („Auf­recht­er­hal­tung des Auf­ent­halts­rechts“) der Richt­li­nie 2004/38 lau­tet:

„(1) Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen steht das Auf­ent­halts­recht nach Ar­ti­kel 6 zu, so­lan­ge sie die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men.

(2) Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen steht das Auf­ent­halts­recht nach den Ar­ti­keln 7, 12 und 13 zu, so­lan­ge sie die dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllen.

In be­stimm­ten Fällen, in de­nen be­gründe­te Zwei­fel be­ste­hen, ob der Uni­onsbürger oder sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen die Vor­aus­set­zun­gen der Ar­ti­kel 7, 12 und 13 erfüllen, können die Mit­glied­staa­ten prüfen, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Die­se Prüfung wird nicht sys­te­ma­tisch durch­geführt.

(3) Die In­an­spruch­nah­me von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen durch ei­nen Uni­onsbürger oder ei­nen sei­ner Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen im Auf­nahm­e­mit­glied­staat darf nicht au­to­ma­tisch zu ei­ner Aus­wei­sung führen.

(4) Ab­wei­chend von den Absätzen 1 und 2 und un­be­scha­det der Be­stim­mun­gen des Ka­pi­tels VI darf ge­gen Uni­onsbürger oder ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen auf kei­nen Fall ei­ne Aus­wei­sung verfügt wer­den, wenn

a) die Uni­onsbürger Ar­beit­neh­mer oder Selbstständi­ge sind oder

b) die Uni­onsbürger in das Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats ein­ge­reist sind, um Ar­beit zu su­chen. In die­sem Fall dürfen die Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen nicht aus­ge­wie­sen wer­den, so­lan­ge die Uni­onsbürger nach­wei­sen können, dass sie wei­ter­hin Ar­beit su­chen und dass sie ei­ne be­gründe­te Aus­sicht ha­ben, ein­ge­stellt zu wer­den.“

17 Art. 24 („Gleich­be­hand­lung“) der Richt­li­nie 2004/38 be­stimmt:

„(1) Vor­be­halt­lich spe­zi­fi­scher und aus­drück­lich im Ver­trag und im ab­ge­lei­te­ten Recht vor­ge­se­he­ner Be­stim­mun­gen ge­nießt je­der Uni­onsbürger, der sich auf­grund die­ser Richt­li­nie im Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats aufhält, im An­wen­dungs­be­reich des Ver­trags die glei­che Be­hand­lung wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Mit­glied­staats. Das Recht auf Gleich­be­hand­lung er­streckt sich auch auf Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge, die nicht die Staats­an­gehörig­keit ei­nes Mit­glied­staats be­sit­zen und das Recht auf Auf­ent­halt oder das Recht auf Dau­er­auf­ent­halt ge­nießen.

(2) Ab­wei­chend von Ab­satz 1 ist der Auf­nahm­e­mit­glied­staat je­doch nicht ver­pflich­tet, an­de­ren Per­so­nen als Ar­beit­neh­mern oder Selbstständi­gen, Per­so­nen, de­nen die­ser Sta­tus er­hal­ten bleibt, und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen während der ers­ten drei Mo­na­te des Auf­ent­halts oder ge­ge­be­nen­falls während des länge­ren Zeit­raums nach Ar­ti­kel 14 Ab­satz 4 Buch­sta­be b) ei­nen An­spruch auf So­zi­al­hil­fe oder vor Er­werb des Rechts auf Dau­er­auf­ent­halt Stu­di­en­bei­hil­fen, ein­sch­ließlich Bei­hil­fen zur Be­rufs­aus­bil­dung, in Form ei­nes Sti­pen­di­ums oder Stu­di­en­dar­le­hens, zu gewähren.“

Deut­sches Recht

So­zi­al­ge­setz­buch

18 § 19a Abs.1 des So­zi­al­ge­setz­buchs Ers­tes Buch (im Fol­gen­den: SGB I) sieht zwei Haupt­ar­ten von Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de vor:

„Nach dem Recht der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de können in An­spruch ge­nom­men wer­den

1. Leis­tun­gen zur Ein­glie­de­rung in Ar­beit,

2. Leis­tun­gen zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts.“

19 § 1 („Auf­ga­be und Ziel der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de“) des So­zi­al­ge­setz­buchs Zwei­tes Buch (im Fol­gen­den: SGB II) be­stimmt in den Abs. 1 und 3:

„(1) Die Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de soll es Leis­tungs­be­rech­tig­ten ermögli­chen, ein Le­ben zu führen, das der Würde des Men­schen ent­spricht.

(3) Die Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de um­fasst Leis­tun­gen

1. zur Be­en­di­gung oder Ver­rin­ge­rung der Hil­fe­bedürf­tig­keit ins­be­son­de­re durch Ein­glie­de­rung in Ar­beit und

2. zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts.“

20 § 7 („Leis­tungs­be­rech­tig­te“) SGB II sieht vor:

„(1) Leis­tun­gen nach die­sem Buch er­hal­ten Per­so­nen, die

1. das 15. Le­bens­jahr voll­endet und die Al­ters­gren­ze nach § 7a noch nicht er­reicht ha­ben,

2. er­werbsfähig sind,

3. hil­fe­bedürf­tig sind und

4. ih­ren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ha­ben

(er­werbsfähi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te). Aus­ge­nom­men sind

1. Auslände­rin­nen und Ausländer, die we­der in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Ar­beit­neh­me­rin­nen, Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ge noch auf­grund des § 2 Ab­satz 3 des [Ge­set­zes über die all­ge­mei­ne Freizügig­keit von Uni­onsbürgern (Freizügig­keits­ge­setz/EU – FreizügG/EU)] freizügig­keits­be­rech­tigt sind, und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen für die ers­ten drei Mo­na­te ih­res Auf­ent­halts,

2. Auslände­rin­nen und Ausländer, de­ren Auf­ent­halts­recht sich al­lein aus dem Zweck der Ar­beit­su­che er­gibt, und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen,

Satz 2 Num­mer 1 gilt nicht für Auslände­rin­nen und Ausländer, die sich mit ei­nem Auf­ent­halts­ti­tel nach Ka­pi­tel 2 Ab­schnitt 5 des Auf­ent­halts­ge­set­zes in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­hal­ten. Auf­ent­halts­recht­li­che Be­stim­mun­gen blei­ben un­berührt.

…“

21 § 8 („Er­werbsfähig­keit“) SGB II be­stimmt in Abs. 1:

„Er­werbsfähig ist, wer nicht we­gen Krank­heit oder Be­hin­de­rung auf ab­seh­ba­re Zeit außer­stan­de ist, un­ter den übli­chen Be­din­gun­gen des all­ge­mei­nen Ar­beits­mark­tes min­des­tens drei St­un­den täglich er­werbstätig zu sein.“

22 § 9 SGB II be­stimmt in Abs. 1:

„Hil­fe­bedürf­tig ist, wer sei­nen Le­bens­un­ter­halt nicht oder nicht aus­rei­chend aus dem zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­men oder Vermögen si­chern kann und die er­for­der­li­che Hil­fe nicht von an­de­ren, ins­be­son­de­re von An­gehöri­gen oder von Trägern an­de­rer So­zi­al­leis­tun­gen, erhält.“

23 § 20 SGB II enthält ergänzen­de Be­stim­mun­gen über den Re­gel­be­darf zur Si­che­rung des Le­bens­un­ter­halts. § 21 SGB II re­gelt die Mehr­be­dar­fe und § 22 SGB II die Be­dar­fe für Un­ter­kunft und Hei­zung. Sch­ließlich be­han­deln die §§ 28 bis 30 SGB II die Leis­tun­gen für Bil­dung und Teil­ha­be.
24 § 1 des So­zi­al­ge­setz­buchs Zwölf­tes Buch (im Fol­gen­den: SGB XII), in dem die So­zi­al­hil­fe ge­re­gelt ist, be­stimmt:

„Auf­ga­be der So­zi­al­hil­fe ist es, den Leis­tungs­be­rech­tig­ten die Führung ei­nes Le­bens zu ermögli­chen, das der Würde des Men­schen ent­spricht …“

25 § 21 SGB XII sieht vor:

„Per­so­nen, die nach dem Zwei­ten Buch als Er­werbsfähi­ge oder als An­gehöri­ge dem Grun­de nach leis­tungs­be­rech­tigt sind, er­hal­ten kei­ne Leis­tun­gen für den Le­bens­un­ter­halt …“

26 In § 23 („So­zi­al­hil­fe für Auslände­rin­nen und Ausländer“) SGB XII heißt es:

„(1) Ausländern, die sich im In­land tatsächlich auf­hal­ten, ist Hil­fe zum Le­bens­un­ter­halt, Hil­fe bei Krank­heit, Hil­fe bei Schwan­ger­schaft und Mut­ter­schaft so­wie Hil­fe zur Pfle­ge nach die­sem Buch zu leis­ten. Die Vor­schrif­ten des Vier­ten Ka­pi­tels blei­ben un­berührt. Im Übri­gen kann So­zi­al­hil­fe ge­leis­tet wer­den, so­weit dies im Ein­zel­fall ge­recht­fer­tigt ist. Die Ein­schränkun­gen nach Satz 1 gel­ten nicht für Ausländer, die im Be­sitz ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis oder ei­nes be­fris­te­ten Auf­ent­halts­ti­tels sind und sich vor­aus­sicht­lich dau­er­haft im Bun­des­ge­biet auf­hal­ten. Rechts­vor­schrif­ten, nach de­nen außer den in Satz 1 ge­nann­ten Leis­tun­gen auch sons­ti­ge So­zi­al­hil­fe zu leis­ten ist oder ge­leis­tet wer­den soll, blei­ben un­berührt.

(3) Ausländer, die ein­ge­reist sind, um So­zi­al­hil­fe zu er­lan­gen, oder de­ren Auf­ent­halts­recht sich al­lein aus dem Zweck der Ar­beits­su­che er­gibt, so­wie ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen ha­ben kei­nen An­spruch auf So­zi­al­hil­fe. Sind sie zum Zweck ei­ner Be­hand­lung oder Lin­de­rung ei­ner Krank­heit ein­ge­reist, soll Hil­fe bei Krank­heit in­so­weit nur zur Be­he­bung ei­nes akut le­bens­be­droh­li­chen Zu­stan­des oder für ei­ne un­auf­schieb­ba­re und un­ab­weis­bar ge­bo­te­ne Be­hand­lung ei­ner schwe­ren oder an­ste­cken­den Er­kran­kung ge­leis­tet wer­den.

(4) Ausländer, de­nen So­zi­al­hil­fe ge­leis­tet wird, sind auf für sie zu­tref­fen­de Rückführungs- und Wei­ter­wan­de­rungs­pro­gram­me hin­zu­wei­sen; in ge­eig­ne­ten Fällen ist auf ei­ne In­an­spruch­nah­me sol­cher Pro­gram­me hin­zu­wir­ken.“

Ge­setz über die all­ge­mei­ne Freizügig­keit von Uni­onsbürgern

27 In § 1 FreizügG/EU ist der An­wen­dungs­be­reich die­ses Ge­set­zes fest­ge­legt:

„Die­ses Ge­setz re­gelt die Ein­rei­se und den Auf­ent­halt von Staats­an­gehöri­gen an­de­rer Mit­glied­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on (Uni­onsbürger) und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen.“

28 § 2 („Recht auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt“) FreizügG/EU sieht vor:

„(1) Freizügig­keits­be­rech­tig­te Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen ha­ben das Recht auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt nach Maßga­be die­ses Ge­set­zes.

(2) Uni­ons­recht­lich freizügig­keits­be­rech­tigt sind:

1. Uni­onsbürger, die sich als Ar­beit­neh­mer, zur Ar­beits­su­che oder zur Be­rufs­aus­bil­dung auf­hal­ten wol­len,

5. nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 4,

6. Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge un­ter den Vor­aus­set­zun­gen der §§ 3 und 4,

(4) Uni­onsbürger bedürfen für die Ein­rei­se kei­nes Vi­sums und für den Auf­ent­halt kei­nes Auf­ent­halts­ti­tels …

(5) Für ei­nen Auf­ent­halt von Uni­onsbürgern von bis zu drei Mo­na­ten ist der Be­sitz ei­nes gülti­gen Per­so­nal­aus­wei­ses oder Rei­se­pas­ses aus­rei­chend. Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge, die nicht Uni­onsbürger sind, ha­ben das glei­che Recht, wenn sie im Be­sitz ei­nes an­er­kann­ten oder sonst zu­ge­las­se­nen Pas­ses oder Pas­ser­sat­zes sind und sie den Uni­onsbürger be­glei­ten oder ihm nach­zie­hen.

(7) Das Nicht­be­ste­hen des Rechts nach Ab­satz 1 kann fest­ge­stellt wer­den, wenn fest­steht, dass die be­tref­fen­de Per­son das Vor­lie­gen ei­ner Vor­aus­set­zung für die­ses Recht durch die Ver­wen­dung von gefälsch­ten oder verfälsch­ten Do­ku­men­ten oder durch Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen vor­getäuscht hat. Das Nicht­be­ste­hen des Rechts nach Ab­satz 1 kann bei ei­nem Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, der nicht Uni­onsbürger ist, außer­dem fest­ge­stellt wer­den, wenn fest­steht, dass er dem Uni­onsbürger nicht zur Her­stel­lung oder Wah­rung der fa­mi­liären Le­bens­ge­mein­schaft nach­zieht oder ihn nicht zu die­sem Zweck be­glei­tet. Ei­nem Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, der nicht Uni­onsbürger ist, kann in die­sen Fällen die Er­tei­lung der Auf­ent­halts­kar­te oder des Vi­sums ver­sagt wer­den oder sei­ne Auf­ent­halts­kar­te kann ein­ge­zo­gen wer­den. Ent­schei­dun­gen nach den Sätzen 1 bis 3 bedürfen der Schrift­form.“

29 § 3 („Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge“) FreizügG/EU be­stimmt:

„(1) Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge der in § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 ge­nann­ten Uni­onsbürger ha­ben das Recht nach § 2 Abs. 1, wenn sie den Uni­onsbürger be­glei­ten oder ihm nach­zie­hen. Für Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge der in § 2 Abs. 2 Nr. 5 ge­nann­ten Uni­onsbürger gilt dies nach Maßga­be des § 4.

(2) Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge sind

1. der Ehe­gat­te, der Le­bens­part­ner und die Ver­wand­ten in ab­stei­gen­der Li­nie der in § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 und 7 ge­nann­ten Per­so­nen oder ih­rer Ehe­gat­ten oder Le­bens­part­ner, die noch nicht 21 Jah­re alt sind,

2. die Ver­wand­ten in auf­stei­gen­der und in ab­stei­gen­der Li­nie der in § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 und 7 ge­nann­ten Per­so­nen oder ih­rer Ehe­gat­ten oder Le­bens­part­ner, de­nen die­se Per­so­nen oder ih­re Ehe­gat­ten oder Le­bens­part­ner Un­ter­halt gewähren.

…“

30 § 4 („Nicht er­werbstäti­ge Freizügig­keits­be­rech­tig­te“) FreizügG/EU be­stimmt:

„Nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, die den Uni­onsbürger be­glei­ten oder ihm nach­zie­hen, ha­ben das Recht nach § 2 Abs. 1, wenn sie über aus­rei­chen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz und aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügen. Hält sich der Uni­onsbürger als Stu­dent im Bun­des­ge­biet auf, ha­ben die­ses Recht nur sein Ehe­gat­te, Le­bens­part­ner und sei­ne Kin­der, de­nen Un­ter­halt gewährt wird.“

31 § 5 („Auf­ent­halts­kar­ten, Be­schei­ni­gung über das Dau­er­auf­ent­halts­recht“) FreizügG/EU sieht vor:

„…

(2) Die zuständi­ge Ausländer­behörde kann ver­lan­gen, dass die Vor­aus­set­zun­gen des Rechts nach § 2 Abs. 1 drei Mo­na­te nach der Ein­rei­se glaub­haft ge­macht wer­den. Für die Glaub­haft­ma­chung er­for­der­li­che An­ga­ben und Nach­wei­se können von der zuständi­gen Mel­de­behörde bei der mel­de­behörd­li­chen An­mel­dung ent­ge­gen­ge­nom­men wer­den. Die­se lei­tet die An­ga­ben und Nach­wei­se an die zuständi­ge Ausländer­behörde wei­ter. Ei­ne darüber hin­aus­ge­hen­de Ver­ar­bei­tung oder Nut­zung durch die Mel­de­behörde er­folgt nicht.

(3) Das Vor­lie­gen oder der Fort­be­stand der Vor­aus­set­zun­gen des Rechts nach § 2 Abs. 1 kann aus be­son­de­rem An­lass über­prüft wer­den.

…“

32 In § 5a FreizügG/EU heißt es:

„(1) Die zuständi­ge Behörde darf in den Fällen des § 5 Abs. 2 von ei­nem Uni­onsbürger den gülti­gen Per­so­nal­aus­weis oder Rei­se­pass und im Fall des

3. § 2 Abs. 2 Nr. 5 ei­nen Nach­weis über aus­rei­chen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz und aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel

ver­lan­gen …

33 § 6 („Ver­lust des Rechts auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt“) FreizügG/EU sieht vor:

„(1) Der Ver­lust des Rechts nach § 2 Abs. 1 kann un­be­scha­det des § 2 Abs. 7 und des § 5 Abs. 4 nur aus Gründen der öffent­li­chen Ord­nung, Si­cher­heit oder Ge­sund­heit (Art. 45 Abs. 3, Art. 52 Abs. 1 des Ver­tra­ges über die Ar­beits­wei­se der Eu­ropäischen Uni­on) fest­ge­stellt und die Be­schei­ni­gung über das Dau­er­auf­ent­halts­recht oder die Auf­ent­halts­kar­te oder Dau­er­auf­ent­halts­kar­te ein­ge­zo­gen wer­den. Aus den in Satz 1 ge­nann­ten Gründen kann auch die Ein­rei­se ver­wei­gert wer­den …

(2) Die Tat­sa­che ei­ner straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung genügt für sich al­lein nicht, um die in Abs. 1 ge­nann­ten Ent­schei­dun­gen oder Maßnah­men zu be­gründen. Es dürfen nur im Bun­des­zen­tral­re­gis­ter noch nicht ge­tilg­te straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lun­gen und die­se nur in­so­weit berück­sich­tigt wer­den, als die ih­nen zu Grun­de lie­gen­den Umstände ein persönli­ches Ver­hal­ten er­ken­nen las­sen, das ei­ne ge­genwärti­ge Gefähr­dung der öffent­li­chen Ord­nung dar­stellt. Es muss ei­ne tatsächli­che und hin­rei­chend schwe­re Gefähr­dung vor­lie­gen, die ein Grund­in­ter­es­se der Ge­sell­schaft berührt.

(3) Bei der Ent­schei­dung nach Abs. 1 sind ins­be­son­de­re die Dau­er des Auf­ent­halts des Be­trof­fe­nen in Deutsch­land, sein Al­ter, sein Ge­sund­heits­zu­stand, sei­ne fa­mi­liäre und wirt­schaft­li­che La­ge, sei­ne so­zia­le und kul­tu­rel­le In­te­gra­ti­on in Deutsch­land und das Aus­maß sei­ner Bin­dun­gen zum Her­kunfts­staat zu berück­sich­ti­gen.

(6) Die Ent­schei­dun­gen oder Maßnah­men, die den Ver­lust des Auf­ent­halts­rechts oder des Dau­er­auf­ent­halts­rechts be­tref­fen, dürfen nicht zu wirt­schaft­li­chen Zwe­cken ge­trof­fen wer­den.

…“

34 In § 7 („Aus­rei­se­pflicht“) FreizügG/EU heißt es:

„(1) Uni­onsbürger oder ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen sind aus­rei­se­pflich­tig, wenn die Ausländer­behörde fest­ge­stellt hat, dass das Recht auf Ein­rei­se und Auf­ent­halt nicht be­steht. In dem Be­scheid soll die Ab­schie­bung an­ge­droht und ei­ne Aus­rei­se­frist ge­setzt wer­den. Außer in drin­gen­den Fällen muss die Frist min­des­tens ei­nen Mo­nat be­tra­gen …

(2) Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, die ihr Freizügig­keits­recht nach § 6 Abs. 1 ver­lo­ren ha­ben, dürfen nicht er­neut in das Bun­des­ge­biet ein­rei­sen und sich dar­in auf­hal­ten. Das Ver­bot nach Satz 1 wird auf An­trag be­fris­tet. Die Frist be­ginnt mit der Aus­rei­se. Ein nach an­ge­mes­se­ner Frist oder nach drei Jah­ren ge­stell­ter An­trag auf Auf­he­bung ist in­ner­halb von sechs Mo­na­ten zu be­schei­den.“

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

35 Frau Da­no, die 1989 ge­bo­ren wur­de, und ihr Sohn Flo­rin, der am 2. Ju­li 2009 in Saarbrücken (Deutsch­land) ge­bo­ren wur­de, sind bei­de rumäni­sche Staats­an­gehöri­ge. Nach den Fest­stel­lun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts reis­te Frau Da­no zu­letzt am 10. No­vem­ber 2010 nach Deutsch­land ein.
36 Die Stadt Leip­zig stell­te Frau Da­no am 19. Ju­li 2011 ei­ne un­be­fris­te­te Freizügig­keits­be­schei­ni­gung für EU-Bürger aus und setz­te da­bei als Da­tum der Ein­rei­se in das Bun­des­ge­biet den 27. Ju­ni 2011 fest. Am 28. Ja­nu­ar 2013 wur­de ihr außer­dem ei­ne Zwei­t­aus­fer­ti­gung die­ser Be­schei­ni­gung aus­ge­stellt.
37 Frau Da­no und ihr Sohn le­ben seit ih­rer An­kunft in Leip­zig in der Woh­nung ei­ner Schwes­ter von Frau Da­no, die sie mit Na­tu­ra­li­en ver­sorgt.
38 Frau Da­no be­zieht für ih­ren Sohn Flo­rin Kin­der­geld in Höhe von mo­nat­lich 184 Eu­ro, das von der Fa­mi­li­en­kas­se Leip­zig im Na­men der Bun­des­agen­tur für Ar­beit aus­ge­zahlt wird. Außer­dem zahlt das Ju­gend­amt Leip­zig für das Kind, des­sen Va­ter un­be­kannt ist, ei­nen Un­ter­halts­vor­schuss in Höhe von mo­nat­lich 133 Eu­ro.
39 Frau Da­no be­such­te in Rumänien drei Jah­re lang die Schu­le, be­sitzt aber kei­nen Schul­ab­schluss. Sie ver­steht ge­spro­che­nes Deutsch und kann sich in die­ser Spra­che ein­fach aus­drücken. Sie kann hin­ge­gen in Deutsch nicht schrei­ben und ist zum Le­se­verständ­nis deut­scher Tex­te nur ein­ge­schränkt in der La­ge. Sie hat kei­nen er­lern­ten oder an­ge­lern­ten Be­ruf und war bis­lang we­der in Deutsch­land noch in Rumänien er­werbstätig. Ob­wohl ih­re Ar­beitsfähig­keit nie in Fra­ge ge­stellt wur­de, deu­tet nichts dar­auf hin, dass sie sich um Ar­beit bemüht hätte.
40 Ein ers­ter von Frau Da­no und ih­rem Sohn ge­stell­ter An­trag auf Gewährung von Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung nach dem SGB II wur­de vom Job­cen­ter Leip­zig mit Be­scheid vom 28. Sep­tem­ber 2011 auf der Grund­la­ge von § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II ab­ge­lehnt. Die­ser Be­scheid wur­de nicht an­ge­foch­ten und er­lang­te da­her Be­stands­kraft.
41 Ein er­neu­ter An­trag für die glei­chen Leis­tun­gen vom 25. Ja­nu­ar 2012 wur­de vom Job­cen­ter Leip­zig mit Be­scheid vom 23. Fe­bru­ar 2012 eben­falls ab­ge­lehnt. Frau Da­no und ihr Sohn leg­ten da­ge­gen Wi­der­spruch ein, den sie auf die Art. 18 AEUV und 45 AEUV und auf das Ur­teil Vat­sou­ras und Kou­pa­tant­ze (C-22/08 und C-23/08, EU:C:2009:344) stütz­ten. Ihr Wi­der­spruch wur­de mit Be­scheid vom 1. Ju­ni 2012 zurück­ge­wie­sen.
42 Ge­gen die­sen Be­scheid er­ho­ben Frau Da­no und ihr Sohn am 1. Ju­li 2012 Kla­ge beim So­zi­al­ge­richt Leip­zig, mit der sie er­neut be­an­tra­gen, ih­nen Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de nach dem SGB II für die Zeit ab dem 25. Ja­nu­ar 2012 zu gewähren.
43 Das So­zi­al­ge­richt Leip­zig ist der Auf­fas­sung, dass Frau Da­no und ihr Sohn nach § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II und § 23 Abs. 3 SGB XII kei­nen An­spruch auf Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung hätten. Es hat je­doch Zwei­fel, ob die uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mun­gen, ins­be­son­de­re Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, der all­ge­mei­ne Grund­satz der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung aus Art. 18 AEUV und das all­ge­mei­ne Auf­ent­halts­recht aus Art. 20 AEUV die­sen Be­stim­mun­gen des deut­schen Rechts ent­ge­gen­ste­hen.
44 Nach den Fest­stel­lun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts be­trifft der Aus­gangs­rechts­streit Per­so­nen, de­nen kein Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nah­me­staat nach der Richt­li­nie 2004/38 zu­steht.
45 Das So­zi­al­ge­richt Leip­zig hat da­her be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Ist der persönli­che An­wen­dungs­be­reich von Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 für Per­so­nen eröff­net, die kei­ne Leis­tung so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher oder fa­mi­li­enfördern­der Art im Sin­ne des Art. 3 Abs. 1 der Ver­ord­nung, son­dern ei­ne be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Leis­tung im Sin­ne der Art. 3 Abs. 3 und 70 der Ver­ord­nung in An­spruch neh­men wol­len?

2. Falls die Fra­ge zu 1 be­jaht wird: Ist es den Mit­glied­staa­ten durch Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 ver­wehrt, zur Ver­mei­dung ei­ner un­an­ge­mes­se­nen In­an­spruch­nah­me von exis­tenz­si­chern­den bei­trags­un­abhängi­gen So­zi­al­leis­tun­gen im Sin­ne des Art. 70 der Ver­ord­nung bedürf­ti­ge Uni­onsbürger vom Be­zug der­ar­ti­ger Leis­tun­gen, die ei­ge­nen Staatsbürgern in glei­cher La­ge gewährt wer­den, ganz oder teil­wei­se aus­zu­sch­ließen?

3. Falls die Fra­gen zu 1 oder 2 ver­neint wer­den: Ist es den Mit­glied­staa­ten nach a) Art. 18 AEUV und/oder b) Art. 20 Abs. 2 Un­terabs. 1 Buchst. a AEUV in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 2 Un­terabs. 2 AEUV und Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 ver­wehrt, zur Ver­mei­dung ei­ner un­an­ge­mes­se­nen In­an­spruch­nah­me von exis­tenz­si­chern­den bei­trags­un­abhängi­gen So­zi­al­leis­tun­gen im Sin­ne von Art. 70 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 bedürf­ti­ge Uni­onsbürger vom Be­zug der­ar­ti­ger Leis­tun­gen, die ei­ge­nen Staatsbürgern in glei­cher La­ge gewährt wer­den, ganz oder teil­wei­se aus­zu­sch­ließen?

4. Falls nach Be­ant­wor­tung der vor­ge­nann­ten Fra­gen der teil­wei­se Aus­schluss von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen eu­ro­pa­rechts­kon­form ist: Darf sich die Gewährung bei­trags­un­abhängi­ger exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen für Uni­onsbürger außer­halb aku­ter Notfälle auf die Be­reit­stel­lung der er­for­der­li­chen Mit­tel zur Rück­kehr in den Hei­mat­staat be­schränken, oder ge­bie­ten die Art. 1, 20 und 51 der Char­ta wei­ter ge­hen­de Leis­tun­gen, die ei­nen dau­er­haf­ten Auf­ent­halt ermögli­chen?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

46 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er für die „be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 3 Abs. 3 und Art. 70 die­ser Ver­ord­nung gilt.
47 Zunächst ist fest­zu­stel­len, dass das vor­le­gen­de Ge­richt die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Leis­tun­gen als „be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne des Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 ein­ge­stuft hat.
48 Hier­zu ist ers­tens dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Art. 3 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 de­ren sach­li­chen Gel­tungs­be­reich fest­legt und da­bei in Abs. 3 aus­drück­lich be­stimmt, dass sie „auch für die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen gemäß Ar­ti­kel 70 [der Ver­ord­nung gilt]“.
49 Aus dem Wort­laut des Art. 3 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 geht so­mit klar her­vor, dass sie für be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen gilt.
50

Zwei­tens sieht Art. 70 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 in Abs. 3 vor, dass Art. 7 („Auf­he­bung der Wohn­ort­klau­seln“) und die an­de­ren Ka­pi­tel ih­res Ti­tels III, der ver­schie­de­nen Ar­ten von Leis­tun­gen ge­wid­met ist, nicht für die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen gel­ten.

51 So­mit wer­den zwar durch Art. 70 Abs. 3 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 als Aus­nah­me­vor­schrift ei­ni­ge Be­stim­mun­gen der Ver­ord­nung für nicht auf die­se Leis­tun­gen an­wend­bar erklärt, doch gehört Art. 4 der Ver­ord­nung nicht zu die­sen Be­stim­mun­gen.
52 Sch­ließlich ent­spricht ei­ne Aus­le­gung, nach der Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 auf die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen an­wend­bar ist, dem Wil­len des Uni­ons­ge­setz­ge­bers. Dies er­gibt sich aus dem drit­ten Erwägungs­grund der Ver­ord­nung Nr. 1247/92, mit der die Ver­ord­nung Nr. 1408/71 geändert wur­de, um ihr Be­stim­mun­gen über der­ar­ti­ge Leis­tun­gen hin­zu­zufügen und so der hier­zu er­gan­ge­nen Recht­spre­chung Rech­nung zu tra­gen.
53 Nach dem sieb­ten Erwägungs­grund der Ver­ord­nung Nr. 1247/92 sind die­se Leis­tun­gen aus­sch­ließlich nach den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­sitz­mit­glied­staats der be­tref­fen­den Per­son oder ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen zu gewähren, wo­bei die in je­dem an­de­ren Mit­glied­staat zurück­ge­leg­ten Wohn­zei­ten, so­weit er­for­der­lich, zu berück­sich­ti­gen sind und jed­we­de Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­gehörig­keit entfällt.
54 Die be­son­de­re Re­ge­lung, die der Uni­ons­ge­setz­ge­ber da­mit durch die Ver­ord­nung Nr. 1247/92 in die Ver­ord­nung Nr. 1408/71 ein­gefügt hat, ist mit­hin durch die Nicht­ex­por­tier­bar­keit be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen als Ge­genstück zu ei­ner Gleich­be­hand­lung im Wohn­sitz­staat ge­kenn­zeich­net.
55 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Ver­ord­nung Nr. 883/2004 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ihr Art. 4 für die „be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 3 Abs. 3 und Art. 70 die­ser Ver­ord­nung gilt.

Zur zwei­ten und zur drit­ten Fra­ge

56 Mit sei­ner zwei­ten und sei­ner drit­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 18 AEUV und 20 Abs. 2 AEUV so­wie Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie der Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats ent­ge­gen­ste­hen, nach der nicht er­werbstäti­ge Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten ganz oder teil­wei­se vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 aus­ge­schlos­sen wer­den, während Staats­an­gehöri­ge des be­tref­fen­den Mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten.
57 Zunächst ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Art. 20 Abs. 1 AEUV je­der Per­son, die die Staats­an­gehörig­keit ei­nes Mit­glied­staats be­sitzt, den Sta­tus ei­nes Uni­onsbürgers ver­leiht (Ur­teil N., C‑46/12, EU:C:2013:9725, Rn. 25).
58 Wie der Ge­richts­hof wie­der­holt ent­schie­den hat, ist der Uni­onsbürger­sta­tus da­zu be­stimmt, der grund­le­gen­de Sta­tus der Staats­an­gehöri­gen der Mit­glied­staa­ten zu sein, der es den­je­ni­gen un­ter ih­nen, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, er­laubt, im sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich des AEU-Ver­trags un­abhängig von ih­rer Staats­an­gehörig­keit und un­be­scha­det der in­so­weit aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Aus­nah­men die glei­che recht­li­che Be­hand­lung zu ge­nießen (Ur­tei­le Grzelc­zyk, C‑184/99, EU:C:2001:458, Rn. 31, D’Ho­op, C‑224/98, EU:C:2002:432, Rn. 28, und N., EU:C:2013:9725, Rn. 27).
59 Je­der Uni­onsbürger kann sich da­her in al­len Si­tua­tio­nen, die in den sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fal­len, auf das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen der Staats­an­gehörig­keit in Art. 18 AEUV be­ru­fen. Zu die­sen Si­tua­tio­nen gehören die­je­ni­gen, die die Ausübung der durch Art. 20 Abs. 2 Un­terabs. 1 Buchst. a AEUV und Art. 21 AEUV ver­lie­he­nen Frei­heit be­tref­fen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten (vgl. Ur­teil N., EU:C:2013:97, Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
60 In die­sem Zu­sam­men­hang ist fest­zu­stel­len, dass Art. 18 Abs. 1 AEUV je­de Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen der Staats­an­gehörig­keit „[u]nbe­scha­det be­son­de­rer Be­stim­mun­gen der Verträge … in ih­rem An­wen­dungs­be­reich“ ver­bie­tet. Art. 20 Abs. 2 Un­terabs. 2 AEUV sieht aus­drück­lich vor, dass die Rech­te, die die­ser Ar­ti­kel den Uni­onsbürgern ver­leiht, „un­ter den Be­din­gun­gen und in­ner­halb der Gren­zen aus­geübt [wer­den], die in den Verträgen und durch die in An­wen­dung der Verträge er­las­se­nen Maßnah­men fest­ge­legt sind“. Fer­ner be­steht nach Art. 21 Abs. 1 AEUV das Recht der Uni­onsbürger, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, „vor­be­halt­lich der in den Verträgen und in den Durchführungs­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Be­schränkun­gen und Be­din­gun­gen“ (vgl. Ur­teil Brey, C-140/12, EU:C:2013:565, Rn. 46 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
61 Da­bei wird das in Art. 18 AEUV in all­ge­mei­ner Wei­se nie­der­ge­leg­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot in Art. 24 der Richt­li­nie 2004/38 für Uni­onsbürger kon­kre­ti­siert, die wie die Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens von ih­rer Frei­heit Ge­brauch ma­chen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten. Zu­dem erfährt die­ses Ver­bot in Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung für Uni­onsbürger, die wie die Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens im Auf­nahm­e­mit­glied­staat Leis­tun­gen nach Art. 70 Abs. 2 die­ser Ver­ord­nung be­an­spru­chen.
62 Da­her sind Art. 24 der Richt­li­nie 2004/38 und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 aus­zu­le­gen.
63 Ein­lei­tend ist fest­zu­stel­len, dass die von Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 er­fass­ten „be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen“ un­ter den Be­griff der So­zi­al­hil­fe im Sin­ne des Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 fal­len. Die­ser Be­griff be­zieht sich nämlich auf sämt­li­che von öffent­li­chen Stel­len ein­ge­rich­te­ten Hilfs­sys­te­me, die auf na­tio­na­ler, re­gio­na­ler oder ört­li­cher Ebe­ne be­ste­hen und die ein Ein­zel­ner in An­spruch nimmt, der nicht über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel zur Be­strei­tung sei­ner Grund­bedürf­nis­se und der­je­ni­gen sei­ner Fa­mi­lie verfügt und des­halb während sei­nes Auf­ent­halts mögli­cher­wei­se die öffent­li­chen Fi­nan­zen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats be­las­ten muss, was ge­eig­net ist, sich auf das ge­sam­te Ni­veau der Bei­hil­fe aus­zu­wir­ken, die die­ser Staat gewähren kann (Ur­teil Brey, EU:C:2013:565, Rn. 61).
64 Dies vor­aus­ge­schickt ist fest­zu­stel­len, dass Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­gehörig­keit auf­grei­fen, während Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie ei­ne Aus­nah­me vom Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot enthält.
65 Nach die­ser Be­stim­mung ist der Auf­nahm­e­mit­glied­staat nicht ver­pflich­tet, an­de­ren Per­so­nen als Ar­beit­neh­mern oder Selbständi­gen, Per­so­nen, de­nen die­ser Sta­tus er­hal­ten bleibt, und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen während der ers­ten drei Mo­na­te des Auf­ent­halts oder ge­ge­be­nen­falls während des über die­sen Zeit­raum hin­aus­ge­hen­den länge­ren Zeit­raums der Ar­beit­su­che nach Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ei­nen An­spruch auf So­zi­al­hil­fe oder vor Er­werb des Rechts auf Dau­er­auf­ent­halt Stu­di­en­bei­hil­fen zu gewähren.
66 Den Ak­ten ist hier­zu zu ent­neh­men, dass Frau Da­no ih­ren Wohn­sitz seit mehr als drei Mo­na­ten in Deutsch­land hat, nicht auf Ar­beit­su­che ist und nicht in das Ho­heits­ge­biet die­ses Mit­glied­staats ein­ge­reist ist, um dort zu ar­bei­ten, so dass sie nicht in den persönli­chen Gel­tungs­be­reich des Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 fällt.
67 Un­ter die­sen Umständen ist zu prüfen, ob Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 der Ver­sa­gung von So­zi­al­leis­tun­gen in ei­ner Si­tua­ti­on wie der des Aus­gangs­ver­fah­rens ent­ge­gen­ste­hen.
68 Nach Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 ge­nießt je­der Uni­onsbürger, der sich auf­grund die­ser Richt­li­nie im Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats aufhält, im An­wen­dungs­be­reich des Ver­trags die glei­che Be­hand­lung wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Mit­glied­staats.
69 Dar­aus folgt, dass ein Uni­onsbürger ei­ne Gleich­be­hand­lung mit den Staats­an­gehöri­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats hin­sicht­lich des Zu­gangs zu So­zi­al­leis­tun­gen wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den nur ver­lan­gen kann, wenn sein Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats die Vor­aus­set­zun­gen der Richt­li­nie 2004/38 erfüllt.
70 Da­bei be­schränkt ers­tens Art. 6 der Richt­li­nie 2004/38 für Auf­ent­hal­te bis zu drei Mo­na­ten die für das Auf­ent­halts­recht gel­ten­den Be­din­gun­gen oder For­ma­litäten auf das Er­for­der­nis des Be­sit­zes ei­nes gülti­gen Per­so­nal­aus­wei­ses oder Rei­se­pas­ses, und nach Art. 14 Abs. 1 der Richt­li­nie be­steht die­ses Recht für Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen fort, so­lan­ge sie die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats nicht un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men (Ur­teil Zio­l­kow­ski und Sze­ja, C-424/10 und C-425/10, EU:C:2011:866, Rn. 39). Nach Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38 ist der Auf­nahm­e­mit­glied­staat so­mit nicht ver­pflich­tet, ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats oder sei­nen Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen während des ge­nann­ten Zeit­raums ei­nen An­spruch auf ei­ne So­zi­al­leis­tung ein­zuräum­en.
71 Zwei­tens ist bei ei­nem Auf­ent­halt von mehr als drei Mo­na­ten die Ausübung des Auf­ent­halts­rechts von den in Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen abhängig, und nach Art. 14 Abs. 2 der Richt­li­nie steht Uni­onsbürgern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen die­ses Recht nur zu, so­lan­ge sie die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllen. Wie sich ins­be­son­de­re aus dem zehn­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie er­gibt, soll da­mit u. a. ver­hin­dert wer­den, dass die­se Per­so­nen die So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats un­an­ge­mes­sen in An­spruch neh­men (Ur­teil Zio­l­kow­ski und Sze­ja, EU:C:2011:866, Rn. 40).
72 Drit­tens geht aus Art. 16 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 her­vor, dass je­der Uni­onsbürger, der sich rechtmäßig fünf Jah­re lang un­un­ter­bro­chen im Auf­nahm­e­mit­glied­staat auf­ge­hal­ten hat, das Recht hat, sich dort auf Dau­er auf­zu­hal­ten, und dass die­ses Recht nicht an die in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen ge­knüpft ist. Wie im 18. Erwägungs­grund der Richt­li­nie aus­geführt wird, soll­te das ein­mal er­lang­te Recht auf Dau­er­auf­ent­halt, um ein wirk­sa­mes In­stru­ment für die In­te­gra­ti­on in die Ge­sell­schaft die­ses Staa­tes dar­zu­stel­len, kei­nen Be­din­gun­gen un­ter­wor­fen wer­den (Ur­teil Zio­l­kow­ski und Sze­ja, EU:C:2011:866, Rn. 41).
73 Bei der Be­ur­tei­lung, ob nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger in der Si­tua­ti­on der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, die sich länger als drei Mo­na­te, aber we­ni­ger als fünf Jah­re im Auf­nahm­e­mit­glied­staat auf­ge­hal­ten ha­ben, hin­sicht­lich des An­spruchs auf So­zi­al­leis­tun­gen ei­ne Gleich­be­hand­lung mit den An­gehöri­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats ver­lan­gen können, ist dem­nach zu prüfen, ob der Auf­ent­halt die­ser Uni­onsbürger die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 erfüllt. Zu die­sen Vor­aus­set­zun­gen gehört, dass der nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt.
74 Ließe man zu, dass Per­so­nen, de­nen kein Auf­ent­halts­recht nach der Richt­li­nie 2004/38 zu­steht, un­ter den glei­chen Vor­aus­set­zun­gen wie Inländer So­zi­al­leis­tun­gen be­an­spru­chen könn­ten, lie­fe dies dem in ih­rem zehn­ten Erwägungs­grund ge­nann­ten Ziel zu­wi­der, ei­ne un­an­ge­mes­se­ne In­an­spruch­nah­me der So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats durch Uni­onsbürger, die Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten sind, zu ver­hin­dern.
75 Über­dies un­ter­schei­det die Richt­li­nie 2004/38 hin­sicht­lich der Vor­aus­set­zung, über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel zu verfügen, zwi­schen er­werbstäti­gen und nicht er­werbstäti­gen Per­so­nen. Der erst­ge­nann­ten Grup­pe von Uni­onsbürgern, die sich im Auf­nahm­e­mit­glied­staat be­fin­den, steht nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/38 das Auf­ent­halts­recht zu, oh­ne dass sie wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen erfüllen muss. Da­ge­gen wird in Art. 7 Abs. 1 Buchst. b die­ser Richt­li­nie von nicht er­werbstäti­gen Per­so­nen ver­langt, dass sie über aus­rei­chen­de ei­ge­ne Exis­tenz­mit­tel verfügen.
76 So­mit ist fest­zu­stel­len, dass Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger dar­an hin­dern soll, das Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit des Auf­nahm­e­mit­glied­staats zur Be­strei­tung ih­res Le­bens­un­ter­halts in An­spruch zu neh­men.
77 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 93 und 96 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ist das even­tu­el­le Vor­lie­gen ei­ner Un­gleich­be­hand­lung von Uni­onsbürgern, die von ih­rem Recht auf Freizügig­keit und Auf­ent­halt Ge­brauch ge­macht ha­ben, und Staats­an­gehöri­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats bei der Gewährung von So­zi­al­leis­tun­gen ei­ne un­ver­meid­li­che Fol­ge der Richt­li­nie 2004/38. Ei­ne sol­che po­ten­zi­el­le Un­gleich­be­hand­lung be­ruht nämlich auf dem Verhält­nis, das der Uni­ons­ge­setz­ge­ber in Art. 7 die­ser Richt­li­nie zwi­schen dem Er­for­der­nis aus­rei­chen­der Exis­tenz­mit­tel als Vor­aus­set­zung für den Auf­ent­halt und dem Be­stre­ben, kei­ne Be­las­tung für die So­zi­al­hil­fe­sys­te­me der Mit­glied­staa­ten her­bei­zuführen, ge­schaf­fen hat.
78 Ein Mit­glied­staat muss da­her gemäß Art. 7 der Richt­li­nie 2004/38 die Möglich­keit ha­ben, nicht er­werbstäti­gen Uni­onsbürgern, die von ih­rer Freizügig­keit al­lein mit dem Ziel Ge­brauch ma­chen, in den Ge­nuss der So­zi­al­hil­fe ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats zu kom­men, ob­wohl sie nicht über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel für die Be­an­spru­chung ei­nes Auf­ent­halts­rechts verfügen, So­zi­al­leis­tun­gen zu ver­sa­gen.
79 Würde ei­nem be­trof­fe­nen Mit­glied­staat die­se Möglich­keit ge­nom­men, hätte dies, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 106 sei­ner Schluss­anträge fest­ge­stellt hat, zur Fol­ge, dass Per­so­nen, die bei ih­rer An­kunft im Ho­heits­ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats nicht über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügen, um für ih­ren Le­bens­un­ter­halt auf­zu­kom­men, au­to­ma­tisch in den Ge­nuss sol­cher Mit­tel kämen, und zwar durch die Gewährung ei­ner be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tung, de­ren Ziel dar­in be­steht, den Le­bens­un­ter­halt des Empfängers zu si­chern.
80 Folg­lich ist bei der Be­ur­tei­lung, ob ein Uni­onsbürger über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, um ein Auf­ent­halts­recht nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 in An­spruch neh­men zu können, ei­ne kon­kre­te Prüfung der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on je­des Be­trof­fe­nen vor­zu­neh­men, oh­ne die be­an­trag­ten So­zi­al­leis­tun­gen zu berück­sich­ti­gen.
81 Im Aus­gangs­ver­fah­ren verfügen die Kläger nach den Fest­stel­lun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts nicht über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel und können mit­hin kein Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nahm­e­mit­glied­staat nach der Richt­li­nie 2004/38 gel­tend ma­chen. Wie oben in Rn. 69 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, können sie sich da­her nicht auf das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 24 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie be­ru­fen.
82 Dem­nach steht Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 in Ver­bin­dung mit ih­rem Art. 7 Abs. 1 Buchst. b ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den nicht ent­ge­gen, wenn die­se die Staats­an­gehöri­gen an­de­rer Mit­glied­staa­ten, de­nen im Auf­nahm­e­mit­glied­staat kein Auf­ent­halts­recht nach der Richt­li­nie 2004/38 zu­steht, vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne des Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 aus­sch­ließt.
83 Das Glei­che gilt in Be­zug auf die Aus­le­gung des Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004. Die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Leis­tun­gen, bei de­nen es sich um „be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne des Art. 70 Abs. 2 die­ser Ver­ord­nung han­delt, wer­den nämlich nach Art. 70 Abs. 4 aus­sch­ließlich in dem Mit­glied­staat, in dem die be­tref­fen­den Per­so­nen woh­nen, und nach des­sen Rechts­vor­schrif­ten gewährt. Da­her spricht nichts da­ge­gen, die Gewährung sol­cher Leis­tun­gen an nicht er­werbstäti­ge Uni­onsbürger von dem Er­for­der­nis abhängig zu ma­chen, dass sie die Vor­aus­set­zun­gen der Richt­li­nie 2004/38 für ein Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nahm­e­mit­glied­staat erfüllen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Brey, EU:C:2013:965, Rn. 44).
84 Nach al­le­dem ist auf die zwei­te und die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38 in Ver­bin­dung mit ih­rem Art. 7 Abs. 1 Buchst. b und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie der Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne des Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 aus­ge­schlos­sen wer­den, während Staats­an­gehöri­ge des Auf­nahm­e­mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten, so­fern den be­tref­fen­den Staats­an­gehöri­gen an­de­rer Mit­glied­staa­ten im Auf­nahm­e­mit­glied­staat kein Auf­ent­halts­recht nach der Richt­li­nie 2004/38 zu­steht.

Zur vier­ten Fra­ge

85 Mit sei­ner vier­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 1, 20 und 51 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­ten, Uni­onsbürgern bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen der Grund­si­che­rung zu gewähren, die ge­eig­net sind, ei­nen dau­er­haf­ten Auf­ent­halt zu ermögli­chen, oder ob sich die Mit­glied­staa­ten dar­auf be­schränken dürfen, die zur Rück­kehr in den Hei­mat­staat er­for­der­li­chen Mit­tel be­reit­zu­stel­len.
86 Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof im Rah­men ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 AEUV das Uni­ons­recht nur in den Gren­zen der der Uni­on über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten zu prüfen hat (vgl. u. a. Ur­teil Be­triu Mon­tull, C-5/12, EU:C:2013:571, Rn. 68 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
87 Art. 51 Abs. 1 der Char­ta sieht hier­zu vor, dass die Char­ta „für die Mit­glied­staa­ten aus­sch­ließlich bei der Durchführung des Rechts der Uni­on“ gilt.
88 Nach Art. 6 Abs. 1 EUV wer­den durch die Be­stim­mun­gen der Char­ta die in den Verträgen fest­ge­leg­ten Zuständig­kei­ten der Uni­on in kei­ner Wei­se er­wei­tert. Eben­so dehnt die Char­ta nach ih­rem Art. 51 Abs. 2 den Gel­tungs­be­reich des Uni­ons­rechts nicht über die Zuständig­kei­ten der Uni­on hin­aus aus und be­gründet we­der neue Zuständig­kei­ten noch neue Auf­ga­ben für die Uni­on, noch ändert sie die in den Verträgen fest­ge­leg­ten Zuständig­kei­ten und Auf­ga­ben (vgl. Ur­teil Åker­berg Frans­son, C-617/10, EU:C:2013:105, Rn. 17 und 23, und Be­schluss Na­gy, C-488/12 bis C-491/12 und C-526/12, EU:C:2013:703, Rn. 15).
89 Wie der Ge­richts­hof in Rn. 41 des Ur­teils Brey (EU:C:2013:565) bestätigt hat, soll Art. 70 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, der den Be­griff „be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“ de­fi­niert, nicht die in­halt­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen ei­nes An­spruchs auf die­se Leis­tun­gen fest­le­gen. Da­her ist es Sa­che des Ge­setz­ge­bers je­des Mit­glied­staats, die­se Vor­aus­set­zun­gen fest­zu­le­gen.
90 Da sich die­se Vor­aus­set­zun­gen so­mit we­der aus der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 noch aus der Richt­li­nie 2004/38 oder an­de­ren Se­kundärrechts­ak­ten der Uni­on er­ge­ben und die Mit­glied­staa­ten für die Re­ge­lung der Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen sol­che Leis­tun­gen gewährt wer­den, zuständig sind, sind sie, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 146 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, auch dafür zuständig, den Um­fang der mit der­ar­ti­gen Leis­tun­gen si­cher­ge­stell­ten so­zia­len Ab­si­che­rung zu de­fi­nie­ren.
91 Die Mit­glied­staa­ten führen folg­lich nicht das Recht der Uni­on durch, wenn sie die Vor­aus­set­zun­gen und den Um­fang der Gewährung be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen fest­le­gen.
92 Da­her ist der Ge­richts­hof für die Be­ant­wor­tung der vier­ten Fra­ge nicht zuständig.

Kos­ten

93 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Die Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit in der durch die Ver­ord­nung (EU) Nr. 1244/2010 der Kom­mis­si­on vom 9. De­zem­ber 2010 geänder­ten Fas­sung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass ihr Art. 4 für die „be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne von Art. 3 Abs. 3 und Art. 70 die­ser Ver­ord­nung gilt.

2. Art. 24 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG in Ver­bin­dung mit Art. 7 Abs. 1 Buchst. b die­ser Richt­li­nie und Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 in der durch die Ver­ord­nung Nr. 1244/2010 geänder­ten Fas­sung sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie der Re­ge­lung ei­nes Mit­glied­staats nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten vom Be­zug be­stimm­ter „be­son­de­rer bei­trags­un­abhängi­ger Geld­leis­tun­gen“ im Sin­ne des Art. 70 Abs. 2 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 aus­ge­schlos­sen wer­den, während Staats­an­gehöri­ge des Auf­nahm­e­mit­glied­staats, die sich in der glei­chen Si­tua­ti­on be­fin­den, die­se Leis­tun­gen er­hal­ten, so­fern den be­tref­fen­den Staats­an­gehöri­gen an­de­rer Mit­glied­staa­ten im Auf­nahm­e­mit­glied­staat kein Auf­ent­halts­recht nach der Richt­li­nie 2004/38 zu­steht.

3. Der Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on ist für die Be­ant­wor­tung der vier­ten Fra­ge nicht zuständig.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu


 

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