HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/206

TV-Ärz­te: Zeit als "Arzt im Prak­ti­kum" kei­ne ärzt­li­che Tä­tig­keit

AiP-Zei­ten sind kei­ne Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tä­tig­keit: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.9.2009, 4 AZR 382/08
Geld und Stethoskop Stu­fen­zu­ord­nung von Ärz­ten - "Lehr­jah­re sind kei­ne Her­ren­jah­re"
09.11.2009. Für Ärz­te, die an Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken tä­tig sind, trat am 01.11.2006 der zwi­schen der Ta­rif­ge­mein­schaft deut­scher Län­der und dem Mar­bur­ger Bund am 30.10.2006 ab­ge­schlos­se­ne „TV-Ärz­te“ in Kraft. Die Ge­halts­re­ge­lun­gen des TV-Ärz­te er­hiel­ten rück­wir­kend zum 01.07.2006 Gel­tung.

Da­bei war bis­lang frag­lich, ob die Prak­ti­kums­zeit der Ärz­te, der für die Ein­grup­pie­rung ent­schei­den­den Be­schäf­ti­gungs­zeit hin­zu­ge­rech­net wer­den kann.

Zu die­ser Pro­ble­ma­tik hat sich je­doch jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ge­äu­ßert, BAG, Ur­teil vom 23.09.2009, 4 AZR 382/08.

AiP-Zei­ten als Zeit "mit ein­schlägi­ger Be­rufs­er­fah­rung" - da schei­den sich die Geis­ter

Der „TV-Ärz­te“ sieht in § 12 in Ver­bin­dung mit der Ent­gelt­ta­bel­le im Gel­tungs­be­reich des TV-Ärz­te ei­ne Ein­grup­pie­rung der Ärz­te in vier Ent­gelt­grup­pen (Ent­gelt­grup­pe Ä1 bis Ä4) mit je­weils meh­re­ren (ma­xi­mal fünf) Ent­gelt­stu­fen vor.

Der Stu­fen­auf­stieg in­ner­halb ei­ner Ent­gelt­grup­pe er­folgt gemäß § 16 Abs.1 TV-Ärz­te „nach den Zei­ten ärzt­li­cher (Ä1), fachärzt­li­cher (Ä2), oberärzt­li­cher (Ä3) Tätig­keit be­zie­hungs­wei­se der Tätig­keit als ständi­ger Ver­tre­ter des lei­ten­den Arz­tes (Chef­arz­tes)“ (Ä4).

Fer­ner enthält § 16 Abs.2 TV-Ärz­te fol­gen­de Re­ge­lung über die Vor­zei­ten mit ein­schlägi­ger be­ruf­li­cher Tätig­keit :

„Für die An­rech­nung von Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit gilt Fol­gen­des: Bei der Stu­fen­zu­ord­nung wer­den Zei­ten mit ein­schlägi­ger Be­rufs­er­fah­rung als förder­li­che Zei­ten berück­sich­tigt. Zei­ten von Be­rufs­er­fah­rung aus nichtärzt­li­cher Tätig­keit können berück­sich­tigt wer­den.“

In den Jah­ren 1988 bis 2004 muss­ten an­ge­hen­de Ärz­te, um die Ap­pro­ba­ti­on zu er­lan­gen, auf­grund der Bun­desärz­te­ord­nung ei­nen spe­zi­el­len prak­ti­schen Aus­bil­dungs­ab­schnitt ab­sol­vie­ren, den sog. „Arzt im Prak­ti­kum“ bzw. kurz „AiP“.

Mit In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te stell­te sich nun die Fra­ge, ob die vom Arzt ab­sol­vier­ten AiP-Zei­ten bei der Stu­fen­fin­dung als „Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit“ bzw. als „Zei­ten mit ein­schlägi­ger Be­rufs­er­fah­rung“ berück­sich­tigt wer­den müssen, was zu ei­ner länge­ren Be­rufs­er­fah­rung und so­mit zu ei­ner erhöhten Vergütung führen würde - oder ob AiP-Zei­ten bei der Stu­fen­fin­dung un­berück­sich­tigt blei­ben müssen.

Die­se Fra­ge wur­de in der Recht­spre­chung der letz­ten Jah­re un­ter­schied­lich be­ant­wor­tet. So ent­schied zum Bei­spiel das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen-An­halt (Ur­teil vom 24.04.2008, 9 Sa 475/07) und das LAG Rhein­land-Pfalz (Ur­teil vom 22.08.2008, 9 Sa 114/08) zu­guns­ten der kla­gen­den Ärz­te, d.h. sie wa­ren der Mei­nung, AiP-Zei­ten sei­en berück­sich­ti­gungsfähi­ge Zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/112: AiP-Zei­ten als Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit gemäß dem TV-Ärz­te). Dem­ge­genüber ent­schie­den das LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern (Ur­teil vom 07.05.2008, 2 Sa 296/07) und das LAG Düssel­dorf (Ur­teil vom 16.04.2008, 12 Sa 2237/07) um­ge­kehrt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/065: Tätig­keit als Arzt im Prak­ti­kum ist kei­ne „Vor­zeit ärzt­li­cher Tätig­keit“ im Sin­ne des TV-Ärz­te).

Jetzt hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Ur­teil vom 23.09.2009 (4 AZR 382/08), das der­zeit nur in Form ei­ner Pres­se­mit­tei­lung vor­liegt (Pres­se­mit­tei­lung 96/09), zu die­ser Streit­fra­ge Stel­lung be­zo­gen.

Nicht-Berück­sich­ti­gung der AiP-Zei­ten: Ei­ne Kran­ken­hausärz­tin klagt

Der Aus­gangs­fall, der dem BAG vor­lag, war der be­reits vom LAG Düssel­dorf in dem o.g. Ur­teil vom 16.04.2008 (12 Sa 2237/07) ent­schie­de­ne Fall. Hier hat­te die kla­gen­de Kran­ken­hausärz­tin vom 01.07.2001 bis zum 31.12.2002 als Ärz­tin im Prak­ti­kum in der von der Be­klag­ten un­ter­hal­te­nen Uni­ver­sitätskli­nik ge­ar­bei­tet. Da­nach er­hielt sie die Ap­pro­ba­ti­on und ar­bei­te­te ab dem 01.01.2003 als Ärz­tin in der Wei­ter­bil­dung wei­ter­hin für die Be­klag­te. Mit In­kraft­tre­ten der Vergütungs­re­ge­lun­gen des TV-Ärz­te zum 01.07.2006 wur­de die Kläge­rin nach Ent­gelt­grup­pe Ä1 (Ärz­tin), Stu­fe 4, vergütet.

Die Kläge­rin stand auf dem Stand­punkt, sie sei viel­mehr auf­grund ih­rer AiP-Zei­ten nach Stu­fe 5 zu vergüten und dem­ent­spre­chend mit ei­nem mo­nat­lich um 300,00 EUR brut­to höhe­ren Ge­halt zu vergüten.

Das in der ers­ten In­stanz mit dem Fall be­fass­te Ar­beits­ge­richt Es­sen und das für die Be­ru­fung zuständi­ge LAG Düssel­dorf (Ur­teil vom 16. April 2008, 12 Sa 2237/07) wie­sen die Kla­ge der Ärz­tin als un­be­gründet ab.

BAG: AiP-Zei­ten gel­ten nicht als Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit

Das BAG hat sich der Mei­nung der Vor­in­stan­zen an­ge­schlos­sen und eben­falls ge­gen die Kläge­rin ent­schie­den. Da­mit steht im Er­geb­nis fest, dass AiP-Zei­ten nicht als Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit im Sin­ne des TV-Ärz­te bei der Stu­fen­fin­dung berück­sich­tigt wer­den können.

So­weit der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG ent­nom­men wer­den kann, stützt sich das BAG auf fol­gen­de Über­le­gun­gen:

Die Ta­rif­par­tei­en des TV-Ärz­te ha­ben, so das BAG, in § 16 Abs.1 TV-Ärz­te und in den Über­lei­tungs­re­ge­lun­gen (§§ 36 ff. TV-Ärzt) fest­ge­legt, dass zu den Zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit nur sol­che zählen, die ap­pro­bier­te Ärz­te zurück­ge­legt ha­ben, so dass AiP-Zei­ten un­berück­sich­tigt blei­ben. An­ders als et­wa im Ta­rif­ver­trag für Ärz­tin­nen und Ärz­te an kom­mu­na­len Kran­kenhäusern („TV-Ärz­te/VKA“) ha­ben die Par­tei­en des TV-Ärz­te nach An­sicht des BAG nicht be­stimmt, dass über die­se Be­griffs­be­stim­mung hin­aus auch Zei­ten ei­ner AiP-Tätig­keit als Zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit gel­ten sol­len.
Letzt­lich fol­gert das BAG sei­ne für die kla­gen­de Ärz­tin ne­ga­ti­ve Aus­le­gung des Ta­rif­ver­trags aus dem Feh­len ei­ner aus­drück­li­chen Re­ge­lung, die AiP-Zei­ten als berück­sich­ti­gungsfähi­ge Vor­zei­ten ärzt­li­cher Tätig­keit fest­legt.

Darüber hin­aus sind AiP-Zei­ten laut BAG auch kei­ne Zei­ten mit Be­rufs­er­fah­rung aus nichtärzt­li­cher Tätig­keit. Da­mit schei­det ih­re Berück­sich­ti­gung bei der Stu­fen­fin­dung ins­ge­samt aus.

Als klei­ner Trost bleibt für an­ge­hen­de und jun­ge Ärz­te, dass der AiP zum 01.10.2004 ab­ge­schafft wur­de. Da­mit stellt sich das Pro­blem der Be­wer­tung von AiP-Zei­ten künf­tig nicht mehr.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 21. Juni 2017

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Thomas Becker
Rechtsanwalt

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62, 50674 Köln
Telefon: 0221 - 70 90 718
Telefax: 0221 - 70 90 731
E-Mail: koeln@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2017:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de