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Arbeitsrecht aktuell: 05/07 BAG beschränkt Wirksamkeit vertraglicher Ausschlussklauseln.




Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 28.09.2005 - 5 AZR 52/05

von Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Berlin

Über welche Rechtsfrage hat das BAG entschieden?

Das Schuldrechtsmodernisierungsgesetz hat die Vorschriften des früheren "Gesetzes zur Regelung des Rechts der Allgemeinen Geschäftsbedingungen" (AGB-Gesetz) ab dem 01.01.2002 in das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) eingefügt. Die bis dahin geltenden Vorschriften des AGB-Gesetzes finden sich jetzt in den §§ 305 bis 310 BGB. Sie bezwecken den Schutz des Verbrauchers vor unangemessenen Vertragsbedingungen im "Kleingedruckten".

Mit der Übernahme dieser Schutzvorschriften in das BGB gelten sie auch zugunsten von Arbeitnehmern. Hierbei sind allerdings "die im Arbeitsrecht geltenden Besonderheiten angemessen zu berücksichtigen" (§ 310 Abs.4 Satz 2 BGB).

Insgesamt wurde der Schutz von Arbeitnehmern gegen unangemessene Arbeitsvertragsklauseln durch das Schuldrechtsmodernisierungsgesetz verstärkt.

Vor diesem Hintergrund fragt sich, unter welchen Voraussetzungen der Arbeitgeber die Möglichkeit hat, in den von ihm vorgegebenen Formular-Arbeitsverträgen sog. Ausschlussklauseln aufzunehmen, d.h. Vertragsbestimmungen, die zu einem endgültigen Untergang vertraglicher Ansprüche (des Arbeitnehmers) führen, wenn diese Ansprüche nicht innerhalb einer (meist sehr kurzen) Frist schriftlich und/oder gerichtlich geltend gemacht werden.

Diese Gestaltungsmöglichkeiten hat das Bundesarbeitsgericht (BGB) nunmehr mit einem Urteil vom 28.09.2005 gegenüber der bisherigen Vertragspraxis deutlich eingeschränkt.

Welcher Sachverhalt lag der Entscheidung des BAG zugrunde?

In dem vom BAG entschiedenen Fall klagte der Arbeitnehmer, ein Fleischermeister, Bezahlung für 62,5 Überstunden, die er im Juli und August 2003 über die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden wöchentlich hinaus erbracht hatte, ein. Die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit des Klägers betrug 40 Stunden.

Nach dem einseitig vom beklagten Arbeitgeber vorgegebenen Formulararbeitsvertrag galt folgendes:

Erstens sollten sämtliche Überstunden durch das Festgehalt von 2.100,00 EUR abgegolten sein.

Zweitens sah der Vertrag vor, dass alle Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis mit Ablauf von zwei Monaten ab Fälligkeit verfallen, sofern sie nicht innerhalb dieser Frist schriftlich geltend gemacht worden sind. Diese Frist hielt der Kläger nicht ein, d.h. er machte die Bezahlung der von ihm im Juli und August 2003 geleisteten Überstunden nicht innerhalb von zwei Monaten nach Fälligkeit geltend.

Anders als das Arbeitsgericht, das die Klage mangels rechtzeitiger schriftlicher Geltendmachung der Ansprüche abgewiesen hatte, gab das LAG (Landesarbeitsgericht) der Klage statt und verurteilte den Arbeitgeber zur Bezahlung der Überstunden im Umfang von 754,31 EUR.

Wie hat das BAG entschieden?

Das BAG entschied wie das LAG zugunsten des Arbeitnehmers. Weder die vertragliche Abgeltungsvereinbarung noch die Ausschlussklausel halfen dem beklagten Arbeitgeber.

Nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts betrifft die Vereinbarung, wonach Überstunden durch das Festgehalt von 2.100,00 EUR abgegolten sind, nur gesetzlich zulässige Überstunden. Darüber hinausgehende, d.h. die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden übersteigende Überstunden sind somit von dieser Klausel nicht erfasst. Da die Überschreitung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit weiterhin nicht besagt, dass verbotswidrig geleistete Arbeitsstunden gratis wären, kann der Kläger trotz der Abgeltungsvereinbarung und des Überschreitens der gesetzlichen Höchstarbeitszeit Bezahlung der Überstunden verlangen.

Der Anspruch auf Bezahlung der Überstunden ist nach Meinung des BAG auch nicht verfallen. Zur Begründung beruft sich das Gericht auf die gesetzliche Kontrolle von allgemeinen Geschäftsbedingungen (§§ 305 ff. BGB).

Eine einzelvertragliche Ausschlussfrist von lediglich zwei Monaten benachteiligt den Arbeitnehmer nach Meinung des BAG unangemessen und verstößt daher gegen das Prinzip von Treu und Glauben (§ 307 BGB).

Nach Auffassung des entscheidenden (fünften) Senats des Bundesarbeitsgerichts ist eine Frist von weniger als drei Monaten für die erstmalige Geltendmachung arbeitsvertraglicher Ansprüche unangemessen kurz. Sie ist deshalb unwirksam, d.h. sie fällt ersatzlos weg, während der Arbeitsvertrag im übrigen bestehen bleibt.

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung des BAG?

Das Urteil des BAG hat erhebliche praktische Bedeutung, da kurze Ausschlussfristen von zwei Monaten oder von sechs oder acht Wochen in Arbeitsverträgen häufig anzutreffen sind. Außerdem machen Arbeitnehmer rückständigen Arbeitslohn häufig erst nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses geltend, d.h. zu einem Zeitpunkt, zu dem die Ausschlussfrist zumeist bereits alle Ansprüche "weggehauen" hat.

Auf der Grundlage des hier besprochenen Bundesarbeitsgerichts-Urteils können Arbeitnehmer im Zusammenhang mit Kündigungsschutzklagen öfter als bisher mit guten Erfolgsaussichten rückständige Vergütungsbestandteile einklagen.

Einschränkend muss allerdings angemerkt werden, dass das Bundesarbeitsgerichts-Urteil keine Aussagen zu tariflichen Ausschlussfristen macht. Auch diese oft rabiat kurz, so etwa die zweimonatige Ausschlussfrist des BRTV Bau. Diese Wirksamkeit dieser - tariflichen - Klauseln hat das Bundesarbeitsgericht nicht angetastet, wohl vor allem deshalb, weil Tarifverträge in sich stimmige bzw. "gerechte" Gesamtregelungen enthalten, die dem Arbeitnehmer teils vorteilhaft, teils nachteilig sind. Hier gilt: Wer die Vorteile einer solchen Regelung haben möchte, muss auch ihre Nachteile in Kauf nehmen.

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Letzte Überarbeitung: 6. Dezember 2011

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Arbeitsrecht aktuell:


Berlin, 03.02.2012
Kündigungsschutz:

Auslandsvertrag zählt bei Wartezeit mit

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10

München, 02.02.2012
Altersdiskriminierung:

Altersgrenze für Sachverständige gekippt

Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11

Berlin, 31.01.2012
Betriebsrat:

Benachteiligung durch Verweigerung der Festanstellung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11

Berlin, 27.01.2012
Befristung:

Europarecht erlaubt Befristung zur Vertretung - auch jahrelang

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)

Berlin, 25.01.2012
Europarecht:

Anspruch auf vier Wochen Urlaub auch ohne jährliche Mindestarbeitszeit

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)

Köln, 24.01.2012
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen eigenmächtiger Auftragsvergabe

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 22.08.2011, 5 Sa 107/11

Frankfurt, 23.01.2012
Mobbingklage:

Oberarzt verklagt mobbenden Chefarzt auf 500.000 EUR Schadensersatz

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10

Berlin, 20.01.2012
Geschäftsführer:

Geschäftsführer erhebt Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11

Hannover, 19.01.2012
Weihnachtsgeld

Kein Weihnachtsgeld nach Kündigung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10

Berlin, 17.01.2012
Bewerberdiskriminierung

Auskunftsanspruch des Stellenbewerbers über Auswahlentscheidung oder nicht?

Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister

Berlin, 13.01.2012
HIV-Infektion:

Kündigung in der Probezeit wegen HIV-Infektion wirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 13.01.2012, 6 Sa 2159/11

Berlin, 13.01.2012
Betriebsratswahl:

Abbruch nur bei Nichtigkeit

Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10

Berlin, 11.01.2012
BAT Altersstufen:

Berlin und Hessen müssen für BAT-Altersstufen bluten

Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09

Berlin, 10.01.2012
CGZP-Tarifverträge:

Tarifverträge der CGZP waren auch 2004, 2006 und 2008 unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11

München, 05.01.2012
Aufhebungsvertrag:

Aufhebungsvertrag ohne Abfindung, aber mit Ausgleichsklausel?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10

Berlin, 03.01.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaub und Urlaubsabgeltung bei Krankheit - nur 15 Monate lang?

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11

Berlin, 20.12.2011
Sozialauswahl:

Sozialauswahl und Altersdiskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10

Stuttgart, 05.12.2011
Kündigung:

Entschädigung für diskriminierende Kündigung

Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10

Berlin, 23.11.2011
Urlaub und Krankheit:

Krankheitsbedingt nicht genommener Urlaub kann nach 15 Monaten verfallen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte

Berlin, 05.11.2011
Kündigungsschutzklage:

Arbeitsgericht Berlin großzügig bei Fristversäumung durch Anwalt

Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 12.08.2011, 28 Ca 9265/11

München, 02.11.2011
Fristlose Kündigung:

LAG München: Kündigung nach Betrug mit 20 EUR Schaden

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10

Frankfurt, 26.10.2011
Kündigung:

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Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11

Frankfurt, 21.10.2011
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Fristlose Kündigung wegen Diensthandy-Missbrauchs?

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Hamburg, 23.09.2011
Kündigung:

LAG Hamburg -
Kündigung bei Beschäftigungsmöglichkeit im Ausland

Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11

Berlin, 14.09.2011
BAT-TVöD:

Diskriminierung wegen des Alters durch BAT-Lebensaltersstufen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)

Frankfurt, 13.09.2011
Altersgrenzen:

EuGH kippt Altersgrenze 60 für Lufthansa-Piloten

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)

Berlin, 12.09.2011
Chefarzt:

Kündigung eines Chefarztes wegen Wiederverheiratung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10

Hannover, 09.09.2011
Arbeitszeitbetrug:

Fristlose Kündigung wegen Arbeitszeitbetrugs

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10

Berlin, 08.09.2011
Whistleblowing:

Verpfeifen / Whistleblowing ohne Risiko einer Kündigung?

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)

Berlin, 06.09.2011
Bonus - Kündigung:

Anspruch auf Bonus trotz Kündigung und Ausscheiden im Folgejahr

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09

Frankfurt, 05.09.2011
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Zwangsverwaltung eines Hotelgrundstücks

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10

Berlin, 02.09.2011
GlobeGround Berlin:

Betriebsratswahl bei GlobeGround in Berlin unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.08.2011, 25 TaBV 529/11

Frankfurt, 31.08.2011
Kündigung:

Kündigung und Krankmeldung

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2011, 12 Sa 522/10

Hamburg, 25.08.2011
Probezeitkündigung:

Kündigung in der Probezeit wegen Heirat einer Chinesin

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 22.06.2011, 3 Sa 95/11

Frankfurt, 23.08.2011
Kündigung und Vollmacht:

Kündigung mit Vollmacht, aber ohne Vollmachtsurkunde

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09

Berlin, 17.08.2011
Beleidigung

Fristlose Kündigung wegen Beleidigung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 06.05.2011, 6 Sa 2558/10

Köln, 29.07.2011
Kündigungsverzicht:

Kein Verzicht auf Kündigung durch freundliche Worte

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 28.09.2010, 5 Sa 814/10

Frankfurt, 20.07.2011
Abmahnung:

Erst Abmahnung, dann Kündigung?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 15.02.2011, 13 Sa 1460/10

Hannover, 12.07.2011
Betriebsratsanhörung:

Anhörung des Betriebsrats bei Kündigung mit Auslauffrist

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 05.08.2010, 15 Sa 302/10

Berlin, 01.07.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Drohung mit Strafanzeige

Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 21.01.2011, 3 Sa 181/10