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ARBEITSRECHT AKTUELL // 03/07

Kein Wi­der­rufs­recht bei Auf­he­bungs­ver­trä­gen

Ein Auf­he­bungs­ver­trag ist kein Haus­tür­ge­schäft - es be­steht kein Wi­der­rufs­recht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.11.2003, 2 AZR 177/03
Stempelabdruck auf Papier WIDERRUFEN, Holzstempel Wi­der­ru­fen kann man al­les, die Fra­ge ist nur, ob es hilft.

29.11.2003. In den letz­ten Mo­na­ten wird in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur und Recht­spre­chung leb­haft dar­über ge­strit­ten, ob der Ar­beit­neh­mer in­fol­ge der zum 01.01.2002 in Kraft ge­tre­te­nen Än­de­run­gen des Bür­ger­li­chen Ge­setz­buchs (BGB), d.h. auf der Grund­la­ge der ge­än­der­ten Ge­set­zes­fas­sung ein Recht zum Wi­der­ruf von Auf­he­bungs­ver­trä­gen hat. Wenn es so wä­re, hät­te die "Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rung" zu ei­ner sub­stan­ti­el­len Än­de­rung des Ar­beits­rechts ge­führt.

Ein Recht zum Wi­der­ruf von Auf­he­bungs­ver­trä­gen wird vor al­lem für die­je­ni­gen Fäl­le dis­ku­tiert, in de­nen der Ar­beit­neh­mer vom Ar­beit­ge­ber "über­rum­pelt" und zum "über­eil­ten" Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags "ge­drängt" wird.

Denn im­mer­hin ist ein Wi­der­rufs­recht seit lan­gem im Ge­setz für ähn­li­che Fäl­le vor­ge­se­hen, wenn näm­lich ein Ver­brau­cher an der Haus­tür über­rum­pelt und ihm ein Ver­trag "auf­ge­schwatzt" wird. Seit der Schuld­rechts­re­form ist die­ses zu­guns­ten von Ver­brau­chern be­ste­hen­de Wi­der­rufs­recht in § 312 BGB ent­hal­ten.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ein sol­ches Recht zum Wi­der­ruf von Auf­he­bungs­ver­trä­gen in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung ver­neint: BAG, Ur­teil vom 27.11.2003, 2 AZR 177/03.

Können Ar­beit­neh­mer Auf­he­bungs­verträge, zu de­nen sie im Be­trieb ge­drängt wur­den, frei wi­der­ru­fen?

Im­mer wie­der kommt es da­zu, dass Ar­beit­neh­mer den vor­schnel­len Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags be­reu­en. Auf die Fra­ge, war­um sie über­haupt un­ter­schrie­ben ha­ben, wird dann oft ge­ant­wor­tet, der Chef ha­be sie un­ter Druck ge­setzt und mit ei­ner Kündi­gung ge­droht. 

Vor die­sem Hin­ter­grund kann man mit gu­ten Gründen ar­gu­men­tie­ren, dass Ar­beit­neh­mer als Ver­brau­cher im Sin­ne von § 13 BGB ei­nen vor­ei­lig ab­ge­schlos­se­nen Auf­he­bungs­ver­trag frei, d.h. oh­ne An­ga­be von Gründen wi­der­ru­fen können, und zwar auf der Grund­la­ge von § 312 Abs.1 Nr.1 BGB. Die­se Vor­schrift lau­tet: 

"Wi­der­rufs­recht bei Haustürgeschäften

(1) Bei ei­nem Ver­trag zwi­schen ei­nem Un­ter­neh­mer und ei­nem Ver­brau­cher, der ei­ne ent­gelt­li­che Leis­tung zum Ge­gen­stand hat und zu des­sen Ab­schluss der Ver­brau­cher 1. durch münd­li­che Ver­hand­lun­gen an sei­nem Ar­beits­platz oder im Be­reich ei­ner Pri­vat­woh­nung (....) be­stimmt wor­den ist (Haustürgeschäft), steht dem Ver­brau­cher ein Wi­der­rufs­recht gemäß § 355 zu."

We­sent­li­che Fol­ge ei­nes sol­chen Wi­der­rufs­rechts wäre, daß der Ar­beit­neh­mer weit häufi­ger, als dies nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung der Fall ist, die recht­li­che Möglich­keit hätten, von ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag, zu dem sie vom Ar­beit­ge­ber durch Gespräche an ih­rem Ar­beits­platz ge­drängt wur­den, los­kom­men könn­ten.

Der Streit­fall: Über 13 Jah­re lang beschäftig­te Ho­tel­an­ge­stell­te un­ter­schreibt ei­nen ungüns­ti­gen Auf­he­bungs­ver­trag und wi­der­ruft

Die Kläge­rin in dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall war seit 1988 im Ho­tel­be­trieb der Be­klag­ten als Spüle­rin beschäftigt. Sie un­ter­zeich­ne­te am 28.01.2002 im Büro des Geschäftsführers ei­nen von der Be­klag­ten vor­be­rei­te­ten Auf­he­bungs­ver­trag, nach dem ihr Ar­beits­verhält­nis zum 28.02.2002 en­den soll­te.

Am 07.03.2002 wi­der­rief sie ih­re Erklärung. Da­bei ver­trat sie die Auf­fas­sung, sie ha­be sich bei der Un­ter­zeich­nung der Ver­ein­ba­rung in ei­ner "Über­rum­pe­lungs­si­tua­ti­on" be­fun­den. Mit ih­rer Kla­ge hat sie Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit des Auf­he­bungs­ver­tra­ges be­gehrt und da­bei die Mei­nung ver­tre­ten, der von ihr erklärte Wi­der­ruf sei nach § 312 BGB wirk­sam.

Das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bran­den­burg (Ur­teil vom 30.10.2002, 7 Sa 386/02) hiel­ten den Wi­der­ruf für un­wirk­sam und wie­sen die Kla­ge da­her ab.

Wie hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den?

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich der Mei­nung der Vor­in­stan­zen an­ge­schlos­sen und ei­nen wirk­sa­men Wi­der­ruf des Auf­he­bungs­ver­trags ver­neint.

Zur Be­gründung be­ruft sich das BAG dar­auf, daß der durch das Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz in das BGB ein­gefügte § 312 kei­ne ar­beits­recht­li­chen Be­en­di­gungs­ver­ein­ba­run­gen er­fasst, die im Per­so­nalbüro ge­schlos­se­nen wer­den. Nach der Ent­ste­hungs­ge­schich­te, der ge­setz­li­chen Sys­te­ma­tik so­wie nach Sinn und Zweck des § 312 BGB un­ter­fal­len der­ar­ti­ge Be­en­di­gungs­ver­ein­ba­run­gen, so das BAG, im all­ge­mei­nen nicht dem An­wen­dungs­be­reich die­ses Pa­ra­gra­phen.

Auf­he­bungs­verträge wer­den nämlich nach An­sicht des BAG nicht in ei­ner für sol­che Verträge "un­ty­pi­schen" Um­ge­bung ab­ge­schlos­sen. Das Per­so­nalbüro des Ar­beit­ge­bers ist viel­mehr ge­ra­de der Ort, an dem ar­beits­recht­li­che Fra­gen ty­pi­scher­wei­se ver­trag­lich ge­re­gelt wer­den. Von ei­ner über­ra­schen­den Si­tua­ti­on auf Grund des Ver­hand­lungs­or­tes, wie sie dem Wi­der­rufs­recht bei Haustürgeschäften als "be­son­de­rer Ver­triebs­form" zu­grun­de liegt, kann des­halb nach Auf­fas­sung des BAG kei­ne Re­de sein.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt konn­te da­her die wei­te­ren Streit­fra­gen of­fen­las­sen, ob der Ar­beit­neh­mer über­haupt als "Ver­brau­cher" im Sin­ne des § 13 BGB an­zu­se­hen ist und ob ein oh­ne Ab­fin­dung ge­schlos­se­ner ar­beits­recht­li­cher Auf­he­bungs­ver­trag über­haupt ei­ne "ent­gelt­li­che Leis­tung" zum Ver­trags­ge­gen­stand hat.

Fa­zit: Un­ter­schreibt der Ar­beit­neh­mer ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag, hat er kein Recht zum Wi­der­ruf gemäß § 312 Abs.1 Nr.1 BGB. Für Ar­beit­neh­mer folgt dar­aus die drin­gen­de Emp­feh­lung, Auf­he­bungs­ver­trags­an­ge­bo­te nie so­fort, son­dern im­mer nur nach ei­ner Be­denk­zeit von min­des­tens ein oder zwei Ta­gen ab­zu­sch­ließen.

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Letzte Überarbeitung: 6. April 2015

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