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Arbeitsrecht aktuell: 10/138 Anfechtung eines Aufhebungsvertrags meist chancenlos




Arbeitnehmer muss Drohung nachweisen

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 08.12.2009, 2 Sa 223/09

19.07.2010. Eine fristlose Kündigung, d.h. eine außerordentliche Kündigung ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist, bringt den betroffenen Arbeitnehmer rechtlich in eine so schlechte Situation, dass er durch einen Prozess keine nennenswerten Risiken mehr eingeht. Arbeitgeber wissen das und fürchten die damit verbundenen langen, teuren Rechtsstreitigkeiten mit ungewissem Ausgang. Gern wird daher als Alternative zur Kündigung ein Aufhebungsvertrag vorgeschlagen und der Arbeitnehmer - nicht selten mit gewissem Druck - zur Unterzeichnung bewegt. Ist ein solcher Vertrag erst einmal unterschrieben, gibt es nur in seltenen Fällen noch Möglichkeiten, von dem teilweise katastrophalen Inhalt weg zu kommen. Eine Chance bietet die "Anfechtung wegen widerrechtlicher Drohung" - doch der Arbeitnehmer muss diese beweisen. Praktisch gelingt der Nachweis äußerst selten: LAG Schleswig-Holstein, Urteil vom 08.12.2009, 2 Sa 223/09

von Rechtsanwältin Eva Hüttl, Fachanwältin für Arbeitsrecht, Hamburg

Aufhebungsverträge - etwas Chance und viel Risiko für Arbeitnehmer

Möchte der Arbeitgeber einen Arbeitnehmer wegen des Verdachts gravierender Pflichtverstöße fristlos kündigen, muss er mit Gegenwehr rechnen. Denn durch die Erhebung einer Kündigungsschutzklage kann der fristlos gekündigte Arbeitnehmer seine Rechtsposition nur verbessern, aber kaum jemals verschlechtern, so dass eine fristlose Kündigung in der Regel ein arbeitsgerichtliches Nachspiel mit sich bringt.

Um dieses Risiko einer Eskalation des Streits und einer letztlich oft unvermeidlichen Abfindungszahlung zu begrenzen, bieten Arbeitgeber als Alternative zu einer von ihnen angedrohten Kündigung oft Aufhebungsverträge an. Ein Aufhebungsvertrag kann für beide Vertragsparteien sinnvoll sein, wenn der betroffene Arbeitnehmer genügend Zeit zum Überlegen hat und vor Vertragsschluss eine rechtliche Beratung in Anspruch nehmen kann. Droht der Arbeitgeber dagegen mit einer außerordentlichen Kündigung und drängt den Arbeitnehmer zu einer raschen, oft überstürzten Unterschrift, sind die Inhalte des Aufhebungsvertrags aus Arbeitnehmersicht oft katastrophal schlecht. Die Nachteile für den Arbeitnehmer reichen von einer Verkürzung der Kündigungsfristen über die zu erwartende Sperrzeit bis hin zum vollständigen Verzicht auf eine Abfindung und der Aussicht auf ein schlechtes Zeugnis.

Ist ein Aufhebungsvertrag einmal abgeschlossen, wird der Arbeitgeber eine Kündigung nicht mehr aussprechen, da er sein Ziel einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses bereits erreicht hat. Eine Kündigungsschutzklage kommt daher für den Arbeitnehmer nicht in Betracht. Somit bleibt als letztes Mittel für den Arbeitnehmer nur die Anfechtung des Aufhebungsvertrages wegen einer vom Arbeitgeber verübten „widerrechtlichen Drohung“ im Sinne von § 123 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB).

Nach der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung darf der Arbeitgeber aber mit einer fristlosen Kündigung drohen, wenn „ein vernünftiger Arbeitgeber“ eine solche Kündigung in der gegebenen Situation ernsthaft in Erwägung ziehen durfte. Im Ergebnis muss daher der Arbeitnehmer, wenn er einen Aufhebungsvertrag mit Blick auf die beim Abschluss gegebenen Drucksituation anficht und der Arbeitgeber an der Wirksamkeit des angefochtenen Aufhebungsvertrags festhält, vor Gericht nachweisen, dass der Arbeitgeber ihm eine Kündigung angedroht hat und dass diese Kündigung unwirksam gewesen wäre.

Wie schwer ein solcher Nachweis in der Praxis ist, zeigt ein aktuelles Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Schleswig-Holstein (Urteil vom 08.12.2009, 2 Sa 223/09).

Der Fall: Pflegehelferin lässt sich nach Vorwürfen zu nachteiligem Aufhebungsvertrag überreden

Die Arbeitnehmerin war seit über neun Jahren als Pflegehelferin beschäftigt und mit der Betreuung von Senioren befasst. Ihr Arbeitgeber hegte auf der Grundlage entsprechender Hinweise anderer Arbeitnehmer den Verdacht, dass die Pflegehelferin Gewalt gegenüber den Senioren ausgeübt hatte. Die Pflegehelferin bestritt die Vorwürfe.

Der Arbeitgeber teilte ihr daraufhin in einem Personalgespräch am 25.02.2008 mit, dass er sich zum Ausspruch einer fristlosen Kündigung gezwungen sehe. Als Alternative dazu bot er einen Aufhebungsvertrag an. Dem stimmte die Pflegehelferin zu. Sie wurde daraufhin gebeten, etwa 20 Minuten vor der Tür des Einrichtungsleiters zu warten. Dann kehrte dieser mit dem Auflösungsvertrag zurück und die Pflegehelferin unterzeichnete ihn.

Im Aufhebungsvertrag war die Beendigung des Arbeitsverhältnisses ohne Abfindung vereinbart. Außerdem enthielt er eine Generalquittung, der zufolge sämtliche beiderseitigen Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis erledigt sein sollten. Der Aufhebungsvertrags hatte eine Sperrzeit beim Arbeitslosengeldbezug gemäß § 144 Drittes Buch Sozialgesetzbuch (SGB III) zur Folge.

Zwei Tage nach Abschluss des Aufhebungsvertrags erklärte die Arbeitnehmerin, die inzwischen einen Rechtsanwalt eingeschaltet hatte, die Anfechtung des Auflösungsvertrags, da der Arbeitgeber ihrer Meinung nach in widerrechtlicher Weise mit einer fristlosen Kündigung gedroht hatte. Da der Arbeitgeber an der Wirksamkeit der Vertragsbeendigung festhielt, erhob die Arbeitnehmerin vor dem Arbeitsgericht Neumünster Klage auf Feststellung der Unwirksamkeit des Aufhebungsvertrags und auf Zahlung von Annahmeverzugslohn. Das Arbeitsgericht wies die Klage ab (Urteil vom 04.03.2009, 1 Ca 252b/08).

LAG Schleswig-Holstein: Pflegehelferin konnte keine Drohung nachweisen - Aufhebungsvertrag bleibt wirksam

Auch vor dem LAG Schleswig-Holstein hatte die Pflegehelferin keinen Erfolg. Der Grund für ihr Unterliegen war die infolge des Aufhebungsvertrags bestehende Darlegungs- und Beweislast.

Da der Aufhebungsvertrag nämlich einmal abgeschlossen war, musste nicht etwa der Arbeitgeber die Berechtigung der von ihm erhobenen Vorwürfe nachweisen. Einen solchen Nachweis müsste er nur führen, wenn er einseitig, d.h. im Wege einer Kündigung, das Arbeitsverhältnis hätte beendet wollen. Da aber keine Kündigung, sondern ein Aufhebungsvertrag im Raum stand, musste die Pflegekraft beweisen, dass sie zu Vertragsabschluss durch widerrechtliche Drohung gedrängt worden war.

Allerdings ist nach der Rechtsprechung nicht jede arbeitgeberseitige Androhung einer fristlosen Kündigung als widerrechtlich anzusehen. Eine Kündigungsandrohung ist nur widerrechtlich, wenn der Kenntnisstand des Arbeitgebers bei Abschluss des Aufhebungsvertrags vernünftigerweise nicht ausgereicht hätte, eine fristlose Kündigung ernsthaft in Betracht zu ziehen. Da im vorliegenden Fall allerdings mehrere Arbeitnehmer der Pflegehelferin erhebliche Pflichtverstöße zur Last gelegt hatten, konnte der Arbeitgeber hier den Ausspruch einer fristlosen Kündigung zurecht in Erwägung ziehen.

Fazit: Nach geltendem Recht besteht die Möglichkeit, sich von einem einmal abgeschlossenen Aufhebungsvertrag durch Anfechtung zu lösen, nur unter sehr engen Voraussetzungen. Arbeitgeber stehen daher immer wieder in der Versuchung, Arbeitnehmer in kurzfristig anberaumten Personalgesprächen zu überrumpeln.

Die Kölner Professoren Henssler und Preis schlagen daher in ihrem Entwurf zu einem Arbeitsvertragsgesetz mit gutem Grund ein frei auszuübendes Widerrufsrecht vor (§ 134 des Gesetzesentwurfs). Bis zu einer solchen, derzeit auf absehbare Zeit wenig wahrscheinlichen Gesetzesänderung gilt: Wer als Arbeitnehmer vorschnell einen Aufhebungsvertrag mit einem für ihn ungünstigem Inhalt abschließt, dem ist später nur selten zu helfen.

Nähere Informationen finden Sie hier:

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Letzte Überarbeitung: 20. September 2011

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Arbeitsrecht aktuell:


Hannover, 08.02.2012
Chefarzt

Privatliquidationsrecht durch Schadensersatzanspruch gesichert

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.09.2011, 8 AZR 846/09

Frankfurt, 07.02.2012
Fristlose Kündigung

Fristlose Kündigung trotz Freistellung

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 29.08.2011, 7 Sa 248/11

Berlin, 03.02.2012
Kündigungsschutz:

Auslandsvertrag zählt bei Wartezeit mit

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10

München, 02.02.2012
Altersdiskriminierung:

Altersgrenze für Sachverständige gekippt

Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11

Berlin, 31.01.2012
Betriebsrat:

Benachteiligung durch Verweigerung der Festanstellung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11

Berlin, 27.01.2012
Befristung:

Europarecht erlaubt Befristung zur Vertretung - auch jahrelang

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)

Berlin, 25.01.2012
Europarecht:

Anspruch auf vier Wochen Urlaub auch ohne jährliche Mindestarbeitszeit

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)

Frankfurt, 23.01.2012
Mobbingklage:

Oberarzt verklagt mobbenden Chefarzt auf 500.000 EUR Schadensersatz

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10

Berlin, 20.01.2012
Geschäftsführer:

Geschäftsführer erhebt Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11

Hannover, 19.01.2012
Weihnachtsgeld

Kein Weihnachtsgeld nach Kündigung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10

Berlin, 17.01.2012
Bewerberdiskriminierung

Auskunftsanspruch des Stellenbewerbers über Auswahlentscheidung oder nicht?

Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister

Berlin, 13.01.2012
Betriebsratswahl:

Abbruch nur bei Nichtigkeit

Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10

Berlin, 11.01.2012
BAT Altersstufen:

Berlin und Hessen müssen für BAT-Altersstufen bluten

Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09

Berlin, 10.01.2012
CGZP-Tarifverträge:

Tarifverträge der CGZP waren auch 2004, 2006 und 2008 unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11

München, 05.01.2012
Aufhebungsvertrag:

Aufhebungsvertrag ohne Abfindung, aber mit Ausgleichsklausel?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10

Berlin, 03.01.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaub und Urlaubsabgeltung bei Krankheit - nur 15 Monate lang?

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11

Berlin, 20.12.2011
Sozialauswahl:

Sozialauswahl und Altersdiskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10

Stuttgart, 05.12.2011
Kündigung:

Entschädigung für diskriminierende Kündigung

Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10

Berlin, 23.11.2011
Urlaub und Krankheit:

Krankheitsbedingt nicht genommener Urlaub kann nach 15 Monaten verfallen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte

Berlin, 05.11.2011
Kündigungsschutzklage:

Arbeitsgericht Berlin großzügig bei Fristversäumung durch Anwalt

Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 12.08.2011, 28 Ca 9265/11

München, 02.11.2011
Fristlose Kündigung:

LAG München: Kündigung nach Betrug mit 20 EUR Schaden

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10

Frankfurt, 26.10.2011
Kündigung:

Kündigung wegen Alkohols am Steuer

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11

Frankfurt, 21.10.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Diensthandy-Missbrauchs?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 25.07.2011, 17 Sa 1739/10

Hamburg, 23.09.2011
Kündigung:

LAG Hamburg -
Kündigung bei Beschäftigungsmöglichkeit im Ausland

Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11

Berlin, 14.09.2011
BAT-TVöD:

Diskriminierung wegen des Alters durch BAT-Lebensaltersstufen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)

Frankfurt, 13.09.2011
Altersgrenzen:

EuGH kippt Altersgrenze 60 für Lufthansa-Piloten

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)

Berlin, 12.09.2011
Chefarzt:

Kündigung eines Chefarztes wegen Wiederverheiratung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10

Hannover, 09.09.2011
Arbeitszeitbetrug:

Fristlose Kündigung wegen Arbeitszeitbetrugs

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10

Berlin, 08.09.2011
Whistleblowing:

Verpfeifen / Whistleblowing ohne Risiko einer Kündigung?

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)

Berlin, 06.09.2011
Bonus - Kündigung:

Anspruch auf Bonus trotz Kündigung und Ausscheiden im Folgejahr

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09

Frankfurt, 05.09.2011
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Zwangsverwaltung eines Hotelgrundstücks

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10

Berlin, 02.09.2011
GlobeGround Berlin:

Betriebsratswahl bei GlobeGround in Berlin unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.08.2011, 25 TaBV 529/11

Frankfurt, 31.08.2011
Kündigung:

Kündigung und Krankmeldung

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2011, 12 Sa 522/10

Hamburg, 25.08.2011
Probezeitkündigung:

Kündigung in der Probezeit wegen Heirat einer Chinesin

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 22.06.2011, 3 Sa 95/11

Frankfurt, 23.08.2011
Kündigung und Vollmacht:

Kündigung mit Vollmacht, aber ohne Vollmachtsurkunde

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09