HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 11/199

Dis­kri­mi­nie­rung bei der Be­wer­bung: Kein An­spruch auf Aus­kunft über Mit­be­wer­ber bei Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung

EuGH: Ab­ge­lehn­te Be­wer­ber kön­nen vom Ar­beit­ge­ber oh­ne kon­kre­te In­di­zi­en für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung kei­ne Aus­kunft über Mit­be­wer­ber ver­lan­gen (Kel­ly): Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 21.07.2011, C-104/10 (Kel­ly)
Europafahne Über die Kon­kur­renz er­fährt man meist nichts bei Be­wer­bun­gen
13.10.2011. Ver­schie­de­ne eu­ro­päi­sche An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en die­nen dem Ziel, Dis­kri­mi­nie­run­gen im Er­werbs­le­ben zu ver­hin­dern. Da­her muss z.B. der Zu­gang zur Be­schäf­ti­gung und zu Be­rufs­aus­bil­dun­gen Män­nern und Frau­en glei­cher­ma­ßen mög­lich sein (vgl. Art. 4 der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 09.02.1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Män­nern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Be­schäf­ti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen, und Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2002/73/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23.09.2002 zur Än­de­rung der Richt­li­nie 76/207).

Au­ßer­dem sieht das Eu­ro­pa­recht ei­ne er­leich­te­re Be­weis­füh­rung in - mög­li­chen - Dis­kri­mi­nie­rungs­fäl­len vor, so z.B. in Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80/EG des Ra­tes vom 15.12.1997 über die Be­weis­last bei Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts: Wenn ein be­nach­tei­lig­ter Ar­beit­neh­mer oder ab­ge­lehn­ter Stel­len­be­wer­ber vor Ge­richt Tat­sa­chen be­wei­sen kann, die ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, muss die Ge­gen­sei­te nach­wei­sen, dass die Be­nach­tei­li­gung sach­lich ge­recht­fer­tigt war.

Aber geht das so weit, dass ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber oh­ne kon­kre­te An­halts­punk­te für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung In­for­ma­tio­nen über ih­re Mit­be­wer­ber ver­lan­gen kön­nen, um ei­ne - theo­re­tisch im­mer mög­li­che - Dis­kri­mi­nie­rung nach­zu­wei­sen? Die­se Fra­ge hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) vor kur­zem be­ant­wor­tet (EuGH, Ur­teil vom 21.07.2011, C-104/10).

Können ab­ge­lehn­te Be­wer­ber vom Ar­beit­ge­ber oh­ne kon­kre­te In­di­zi­en für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung Aus­kunft über Mit­be­wer­ber ver­lan­gen?

Wie vom EU-Recht vor­ge­ge­ben, sieht auch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ei­ne Be­wei­ser­leich­te­rung für mögli­che Dis­kri­mi­nie­rungs­op­fer vor. Gemäß § 22 AGG müssen ab­ge­lehn­te Stel­len­be­wer­ber vor Ge­richt nur In­di­zi­en be­wei­sen, die für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung spre­chen. Ge­lingt die­ser Nach­weis, muss der Ar­beit­ge­ber be­wei­sen, dass die Ab­leh­nung des Be­wer­bers nicht auf ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung be­ruh­te.

Ist aber zunächst ein­mal kein Hin­weis auf ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­han­den, d.h. wur­de ein Be­trof­fe­nen "nur" ab­ge­lehnt (und sonst nichts), könn­te ihm ei­ne Aus­kunft über Mit­be­wer­ber hel­fen, um In­di­zi­en für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung zu sam­meln. Das deut­sche Recht hilft hier aber nicht wei­ter. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) frag­te den EuGH da­her, ob sich viel­leicht aus den An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en ein all­ge­mei­ner An­spruch ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber auf Mit­tei­lung der Aus­wahl­kri­te­ri­en her­lei­ten lässt (C-415/10 - Meis­ter, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/115 Aus­kunfts­an­spruch für ab­ge­lehn­te Stel­len­be­wer­ber?)

Da die Be­weis­last­ver­tei­lung zu den Vor­ga­ben der Richt­li­ni­en gehört, stel­len sich in an­de­ren EU-Ländern ähn­li­che Fra­gen. Der irländi­sche High Court hat­te des­halb - noch vor dem BAG - den EuGH ge­fragt, ob ab­ge­lehn­te Be­wer­ber In­for­ma­tio­nen über Mit­be­wer­ber ver­lan­gen können. Das kann er nicht, so der (EuGH, Ur­teil vom 21.07.2011, C-104/10 - Kel­ly).

EuGH: Be­wer­ber ha­ben kein Recht auf Aus­kunft über die Qua­li­fi­ka­tio­nen ih­rer Mit­be­wer­ber

Herr Kel­ly be­warb sich bei ei­ner Hoch­schu­le ver­geb­lich um ei­nen Aus­bil­dungs­platz. Er fühl­te sich we­gen sei­nes Ge­schlechts dis­kri­mi­niert, konn­te das aber nicht mit In­di­zi­en be­le­gen. Des­halb ver­klag­te er die Ein­rich­tung auf die Her­aus­ga­be al­ler In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der Mit­be­wer­ber.

Nach Auf­fas­sung des EuGH kann er sich da­bei nicht auf ei­nen aus den An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en fol­gen­den An­spruch stützen. Ein Be­wer­ber, der sich oh­ne jeg­li­chen kon­kre­ten An­halts­punkt als mögli­ches Dis­kri­mi­nie­rungs­op­fer fühlt, kann auf der Grund­la­ge der eu­ropäischen An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­vor­schrif­ten nicht ver­lan­gen, dass der Ar­beit­ge­ber In­for­ma­tio­nen über Mit­be­wer­ber her­ausrückt, da­mit der ab­ge­lehn­te Be­wer­ber auf die­ser Grund­la­ge prüfen kann, ob es An­halts­punk­te für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung gibt.

Fa­zit: Je­der ab­ge­lehn­te Be­wer­ber ist ein "mögli­ches" Dis­kri­mi­nie­rungs­op­fer, doch genügt die­se rein theo­re­ti­sche und da­her im­mer ge­ge­be­ne Möglich­keit nicht, vom Ar­beit­ge­ber zu ver­lan­gen, In­for­ma­tio­nen über Mit­be­wer­ber her­aus­zu­ge­ben. Die­se Ent­schei­dung ist rich­tig, da Ar­beit­ge­ber an­sons­ten ge­zwun­gen wären, "auf Vor­rat" Be­wer­bungs­ver­fah­ren zu do­ku­men­tie­ren.

Außer­dem sind die In­for­ma­tio­nen über Mit­be­wer­ber ver­trau­lich zu be­han­deln, d.h. hier greift der Da­ten­schutz ein. Wenn ab­ge­lehn­te Be­wer­ber in ih­rem kon­kre­ten Fall kei­ne An­halts­punk­te für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung be­le­gen können, müssen Ar­beit­ge­ber auch nicht den Nach­weis führen, dass das Be­wer­bungs­ver­fah­ren dis­kri­mi­nie­rungs­frei durch­geführt wur­de.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Juni 2014

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de